Corona: Statt zu informieren führen Behörden eine PR-Kampagne

Urs P. Gasche (infosperber)

Das Ziel ist klar: Über Ostern sollen möglichst viele zu Hause bleiben. Eine offene und verständliche Information wäre hinderlich.

Für Emmanuel Macron und Donald Trump ist die Sache mit dem Coronavirus sowieso klar: «Es herrscht Krieg». Ein Krieg ist immer auch ein Propaganda- und Desinformationskrieg. Alle Mittel sind heilig, um das Kriegsziel zu erreichen. Die Regierungen anderer Staaten dramatisieren die Covid-19-Epidemie zwar nicht zu einem Krieg. Aber auch sie setzen eine PR-Maschinerie in Gang, der eine sachliche, ausgewogene Information zum Opfer fällt. Der Zweck heiligt die Mittel.

Auftritte von Regierungsmitgliedern und behördlichen Gesundheitsexperten sind inszeniert. Zahlen und Statistiken werden irreführend so zusammengestellt, dass der falsche Eindruck entsteht, die drastischen Kontaktverbote hätten bisher noch wenig bewirkt. Auf Ostern hin soll der Bevölkerung etwas Angst gemacht werden, damit trotz herrlichen Frühlingswetters möglichst viele Menschen in ihren vier Wänden bleiben.

Für ihre PR-Kampagne hat die Schweizer Regierung bereits rund fünf Millionen Franken Steuergelder aufgewendet und die Zürcher «Rod Kommunikation AG» dafür engagiert. Auf der Seite des Bundesamts für Gesundheit BAG leiten zwölf Personen während sieben Tagen in der Woche die Kampagne. Das berichtete der Tages-Anzeiger.

Wohlverstanden: Gegen flächendeckende Plakate und elektronische Anleitungen für Hygieneregeln und physische Abstände gibt es nichts einzuwenden. Doch wenn es um Informationen über die Pandemie geht, setzen die Behörden ihre Glaubwürdigkeit aufs Spiel, wenn sie übertreiben, gezielt falsche Assoziationen wecken und relevante Daten unter dem Deckel halten.

Viele Medien lassen sich einspannen

Fast alle privaten Radios und TV-Stationen in der Schweiz folgen weitgehend den vorgegebenen Informationen und dem Wording der Behörden. Teilweise tun es jedoch auch Tamedia-Zeitungen sowie Radio und Fernsehen SRF. Die Absicht der Regierung, nicht zu früh Entwarnung zu geben mit dem Ziel, eine frühzeitige Lockerung der heutigen Regeln – auf dem Papier oder in der Praxis – zu verhindern, ist sehr gut nachvollziehbar. Aber Aufgabe der Medien ist es, auch dann korrekt zu informieren, wenn die Informationen allenfalls einer behördlichen Strategie zuwiderlaufen.

Beginnen wir bei den inszenierten PR-Auftritten von Regierungsmitgliedern mit der Absicht, deren Glaubwürdigkeit im Krisen-Management zu erhöhen. Chinas Präsident Xi Jinping hat es vorgemacht. Medienwirksam reiste er in die Millionenstadt Wuhan, winkte Menschen in Quarantäne zu, die ihm aus den Fenstern zuklatschten, und dankte dem medizinischen Personal. Begangene Fehler bei Ausbruch der Epidemie thematisierte er nicht.

Fragen über zu späte Massnahmen sind auch in der Schweiz und in Deutschland unerwünscht. Man müsse sich jetzt auf die Zukunft konzentrieren, meinten Regierungsvertreter und würgten Fragen von Medien ab. Dafür waren Medien eingeladen, gleich mehrere Bundesräte zu begleiten, die medienwirksam an die «Front» reisten, ohne bei diesen Gelegenheiten relevante Informationen über die Epidemie zu liefern:

31. März 2020: Aussenminister Ignazio Cassis lässt sich im Tessin filmen, wo er im Kofferraum seines Dienstwagens zwei Beatmungsgeräte aus den Beständen des Bundes mitbringt. Anschliessend hält er eine Medienkonferenz ab. (Bild: Elizabeth La Rosa)

1. April 2020: Bundesrat Alain Berset besucht in Luzern ein Drive-in-Testcenter und zeigt sich von der Luzerner Lösung «beeindruckt». Es brauche weniger Material und entlaste die Spitäler.

1. April 2020: Bundesrat Guy Parmelin lässt sich beim Sichten von Anträgen auf Kurzarbeit bei der Arbeitslosenkasse in Bern fotografieren. Der Wirtschaftsminister zeigt sich interessiert.

6. April 2020: Bundesrätin Simonetta Sommaruga besucht in Basel die Regierung, die Pharmaindustrie und ein Testzentrum. «Alle lobten sich gegenseitig und dankten einander», berichtete die SRF-Tagesschau. Die Zusammenarbeit mit den Kantonen sei «in dieser Zeit ausgesprochen wichtig», erklärte Sommaruga. Und nochmals: Es sei wichtig zuzuhören und zu danken. Obwohl es offensichtlich keine relevanten Informationen gab, berichtete die Tagesschau während zwei langen Minuten.

Geheimnistuerei um Expertenberichte und um Experten

Angesichts ihrer überfüllten Tagesprogramme können Mitglieder der Regierungen nicht in kurzer Zeit Expertinnen und Experten in den Fachgebieten der Epidemiologie, der Infektiologie und Virologie werden. Laut SRF-Bericht erklärte Bundespräsidentin Simonetta Sommaruga während ihres Besuches in Basel, eine Lockerung der geltenden Einschränkungen sei «keine politische Frage». Der Bundesrat stütze sich bei seinen Entscheiden «auf den Rat der Experten».

Die Experten gibt es allerdings nicht. Denn die Meinungen von Experten, wann welche Lockerungen angezeigt sind, gehen weit auseinander. Darum ist es wichtig, bei den Risiken von Covid-19 abzuwägen – zum Beispiel zwischen dem Risiko coronabedingter schwerer Lungenerkrankungen und eines – zum Teil ebenfalls mit gesundheitlichen Risiken verbundenen – Einbruchs der Wirtschaft und der Finanzindustrie oder dem Nutzen einer Rezession für die Umwelt. Die Gewichtung der einzelnen Faktoren ist – entgegen den Worten Sommarugas – eine hochgradig politische Entscheidung.

Von der Gewichtung der Risiken und den möglichen Szenarien ist die ganze Schweiz direkt und folgenschwer betroffen. Trotzdem will der Bundesrat eine öffentliche Diskussion und Mitsprache darüber erschweren. Denn die substanziellen Stellungnahmen eines (erst am 31. März!) ernannten wissenschaftlichen Beratungsgremiums mit Experten aus der Wissenschaft, darunter Epidemiologen, Virologen, Infektiologen sowie einer Ökonomin sollen unter Verschluss gehalten werden und der Öffentlichkeit nicht zugänglich sein. Für diese autoritär verordnete Geheimhaltungspolitk können die Behörden weder Geschäfts- oder Amtsgeheimnisse noch Persönlichkeitsrechte geltendmachen. Offensichtlich soll die PR-Kampagne des Bundes möglichst wenig von einer öffentlichen Diskussion gestört werden. Und die Behörden wollen sich einen Informationsvorsprung bewahren.
Sobald sich Medien auf das Öffentlichkeitsgesetz berufen, müssten die Behörden die Stellungnahmen des Beratungsgremiums veröffentlichen. Doch bis dann kann viel Zeit verstreichen.

Persönlicher Zugang zum Bundesrat

Es stellt sich die Frage, von welchen Wissenschaftlern sich die Behörden bis Ende März beraten liessen, als es noch kein wissenschaftliches Beratungsgremium gab. Es wäre wichtig zu wissen, welche Experten einen direkten Zugang zum Bundesrat und zum Bundesamt für Gesundheit hatten und welche nicht. Doch auch diese Information soll die Öffentlichkeit nicht erfahren: Das BAG wollte nicht darüber informieren, welche Epidemiologen und Virologen die BAG-Direktion sowie der Corona-Delegierte Daniel Koch seit dem 1. März persönlich anhörten. «Über persönliche Kontakte von Direktor Strupler und Daniel Koch können wir keine Auskunft geben», antwortete das BAG auf eine Frage von Infosperber.

Der Bundesrat lud in der Osterwoche während einer Klausur einige Experten ein, ohne deren Namen auf Anfrage bekanntzugeben.





Untaugliche Zahlen

Viele Medien übernehmen unkritisch Aussagen und Zahlen über «Fälle» und «Todesfälle», welche die Behörden vorgeben. Im Folgenden einige Beispiele:

Rechtzeitig vor den Ostertagen titelte die NZZ am 8. April auf der Frontseite «Spitäler erwarten Ansturm erst im Mai». Die Botschaft ist klar: Das Schlimmste kommt erst noch. Die NZZ stützte sich auf die Aussage eines Intensivmediziners des Universitätsspitals Zürich, der an einer Medienkonferenz erklärt hatte, es gebe «Berechnungen, die davon ausgehen, dass wir den Peak der Bettenbelegung auf der Intensivstation erst Mitte Mai erreichen». Die Prognose überrascht aus zwei Gründen: Erstens stecken sich seit den Quarantäne-Massnahmen deutlich weniger Menschen an, die dann im Mai Intensivpflege benötigen. Und zweitens hatte der Zürcher Regierungsrat noch am 25. März den grossen Ansturm auf die Spitäler «in anderthalb Wochen», also auf den 4. April datiert. Jetzt vor Ostern wird verbreitet, Spitäler würden den Ansturm «erst im Mai» erwarten. Doch über die Art der «Berechnungen», auf die sich der zitierte Intensivmediziner stützte, erfuhr man nichts.
Dabei ging fast unter, dass nach Angaben des BAG landesweit zurzeit nicht einmal die Hälfte der zur Verfügung stehenden rund tausend Intensivbetten mit Beatmungsgeräten überhaupt besetzt sind.

Mehr ins Auge geht die tägliche Präsentation von aktualisierten Zahlen über «Fälle» und «Todesfälle». Im schlechten Fall wird darüber berichtet, es gebe «bis heute 22‘789 Fälle, was einer Zunahme von 547 Fällen zum Vortag entspricht». Die Absicht scheint zu sein, dass die Lesenden und Zuschauenden unter «Fällen» Menschen verstehen, die an Covid-19 erkrankt sind. Tatsächlich aber sind längst nicht alle auf Sars-CoV-2 positiv Getesteten an Covid-19 erkrankt, weil sie an keinen Krankheitssymptomen leiden. Statt von Fällen reden und schreiben einige Medien genauer von «Infizierten». Aber dieser Ausdruck ist pejorativ behaftet, so dass viele Leute unter «Infizierten» Erkrankte verstehen. Sachlich korrekt wäre es, von positiv Getesteten zu reden.

Besonders daneben ist es, positiv Getestete mit «Erkrankten» gleichzusetzen, wie es Tamedia auf folgender Grafik tut. Medien überbieten sich zurzeit in schönen grafischen Aufbereitungen. Die Zahlen und Begriffe aber stellen sie selten in Frage.


Der Tages-Anzeiger zeigt die Entwicklung der «Erkrankten». Verschwiegen wird, dass sich in diesem gelben Feld eine unbekannte Zahl Gesunder befindet. Denn beispielsweise viele Kontaktpersonen, welche positiv getestet wurden, waren gar nie krank. Einen Virus in sich tragen, heisst nämlich nicht, dass man zwangsläufig davon krank wird.


Die SRF-Tagesschau hört nicht auf, diese irreführende Darstellung der Zahlen zu zeigen. Infosperber hat schon mehrmals auf diese Irreführung hingewiesen: «Diese Kurve ist irreführend» und «Covid-19 überfordert die Medien». Der tatsächliche Trend sieht ganz anders aus, als es die von SRF und anderen Medien verbreitete Kurve darstellt: Seit Ende März werden täglich tendenziell immer weniger Menschen positiv getestet, und dies sogar, obwohl die Zahl der Tests weiter zunimmt (siehe BAG «Zeitliche Entwicklung der laborbestätigten Fälle» (Regler oben rechts ganz nach rechts aufs neueste Datum schieben. An Wochenenden wird weniger getestet. Deshalb weist die Statistik an diesen Tagen deutlich weniger positiv Getestete aus, also weniger «Fälle»!)

Anders diese Grafik des deutschen Robert Koch-Instituts: Sie spricht nicht von «Erkrankten», sondern korrekterweise von «positiv Getesteten». Und sie setzt deren Zahl in Bezug zur Zahl der durchgeführten Tests.
Die Menge der Tests hat sich in Deutschland und in der Schweiz seit Anfang März enorm erhöht. Entsprechend findet man heute auch viel mehr «aktuelle Fälle». Es ist darum völlig unseriös, die Zahl der Anfang März positiv getesteten «Fälle» mit derjenigen der letzten Tage zu vergleichen.

Mangelhafte Vorgaben für die Erhebung der Daten

Die Corona-Statistiken erfüllen aber auch sonst in keiner Weise die Kriterien einer epidemiologischen Datenbasis, die es erlauben würde, die richtigen politischen und gesellschaftlichen Schlüsse zu ziehen. In der Schweiz hat der Bundesrat die Ausnahmegesetzgebung für vieles benutzt, aus unerfindlichen Gründen aber nicht dafür, um bei Spitälern und Ärzten beispielsweise von Anfang an folgende Informationen für eine seriöse Statistik zu verlangen:

  1. Bei der täglichen Statistik der positiv Getesteten jeweils auch die Zahl der vorgenommenen Tests angeben.
  2. Bei den täglichen Tests angeben, wie viele davon a) an Schwerkranken, b) an Menschen mit deutlichen Symptomen und c) an Menschen ohne Krankheitssymptomen durchgeführt wurden.
  3. Angabe der gewählten Testmethode (es gibt unterschiedliche mit unterschiedlichen Trefferquoten).
  4. Wie viele Menschen werden täglich wegen Covid-19 in ein Spital eingewiesen und wie viele wieder entlassen.
  5. Wie viele Menschen müssen täglich neu wegen Covid-19 in eine Intensivstation.
  6. Wie viele Menschen brauchen täglich neu eine künstliche Beatmung. Wie viele von ihnen überleben und wie viele können aus dem Spital entlassen werden.
  7. Welches sind die Grunderkrankungen der Verstorbenen gewesen.
  8. Eine einheitliche, vergleichbare Erfassung aller dieser Daten.

Nur eine solche Datenerhebung erlaubt eine seriöse, zuverlässige und rasche Beurteilung der Lage. Das müsste auch BAG-Experte Daniel Koch und anderen Spezialisten beim Bund klar sein. Doch der Bundesrat hat diese Vorgaben für die Datenerfassung nicht von Anfang an vorgeschrieben und tut es zum Teil noch heute nicht. Die meisten Medien gaben sich bisher mit wenig brauchbaren und sogar irreführenden Daten zufrieden, Hauptsache sie können fast täglich neue Rekorde von «Fällen» und «Toten» vermelden.

Eine Reihe deutscher Gesundheitsexperten bestätigt in einem «Thesenpapier», dass die bisherige Datenerfassung äusserst ungenügend ist: «Die zur Verfügung stehenden epidemiologischen Daten (gemeldete Infektionen, Letalität) sind nicht hinreichend, die Ausbreitung und das Ausbreitungsmuster der SARS-CoV-2/Covid-19-Pandemie zu beschreiben, und können daher nur eingeschränkt zur Absicherung weitreichender Entscheidungen dienen.»

Todesfälle einfach addiert, statt die täglichen nebeneinander darzustellen


Auch grafische Aufbereitungen wie die obige geistern in Medien herum. Jeder Balken addiert die Todesfälle seit Januar. Daraus entsteht eine steile Zunahme, selbst ab dem Zeitpunkt, wenn die Zahl der neuen Todesfälle pro Tag sinkt und damit eigentlich Entspannung signalisieren würde. Es käme niemandem in den Sinn, etwa über die weltweiten Todesfälle im Strassenverkehr auf diese Art zu informieren. Aber Corona heiligt die grafischen Mittel.

Zum Schluss noch eine Einordnung, welche die NZZ bereits am 24. Februar 2020 gemacht hatte:

Es war der Winter 2014/2015, als wegen einer schweren Grippewelle nach Angaben vom Bundesamt für Statistik etwa 2500 Menschen in der Schweiz gestorben sind. Es stellen sich zwei Fragen:

  • Warum wurde damals nicht täglich über die neusten Fall- und Todeszahlen informiert?
    Sichere Antwort: Weil die Schwerkranken in den Spitälern nicht auf Influenzaviren getestet wurden. Die Zahl der Influenza-Todesopfer wurde erst nachträglich aufgrund der festgestellten Übersterblichkeit geschätzt.
  • Warum hat man damals keine Kampagne für ein «physical distancing», Quarantänen und Geschäfts- und Produktionsschliessungen beschlossen?
    Mögliche Antwort: Weil es in Spitälern zu keinen Engpässen kam. Die Einlieferung von Schwerkranken in die Spitäler verteilte sich über den ganzen Winter hin und erfolgte nicht wie heute in kürzester Zeit.

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Infosperber-DOSSIER:
Coronavirus: Information statt Panik

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