Wie die Macht den Journalismus diszipliniert

Bild: K. Demeter/Midjourney; Euros: 41064388 © Fesus Robert | Dreamstime.com

Die Leitmedien werden ihrem öffentlichen Auftrag nicht mehr gerecht. Warum das so ist, das hat der Kommunikationswissenschaftler Michael Meyen am Freitag in einem Vortrag in Berlin beschrieben. Ein Bericht von Tilo Gräser


Quelle: (transition-news)

Es gibt die Idee von den Medien als «Vierter Gewalt», als Gegenspieler, Kritiker und Kontrolleur der Macht. Sie wird auch ganz offiziell propagiert. Doch dabei handelt es sich um eine Illusion, erklärte der Kommunikationswissenschaftler Michael Meyen am Freitag in Berlin. «Man sieht auf den ersten Blick, dass das nicht sein kann», sagte er und fügte hinzu: «Man muss nur auf die Besitzverhältnisse schauen.»

Meyen verwies auf die aktuellen Vermögenszahlen der Medienbesitzer in Deutschland. Familienunternehmen dominieren den deutschen Medienmarkt, wie Studien seit Jahren zeigen. An der Spitze steht derzeit laut dem Kommunikationswissenschaftler die Familie Bauer mit etwa sieben Milliarden Euro Vermögen, dann folgen die Familie Springer mit etwas über vier Milliarden und die Burda mit 3,5 Milliarden.


Prof. Michael Meyen am 1. Dezember in Berlin (Foto: scottiberlin)

Allein das zeigt aus seiner Sicht bereits, dass die Medien nicht die «Vierte Gewalt» sein können, sondern immer «Teil der Macht und niemals ihr Gegenspieler» sind. Meyen erklärte das bei einem Vortrag zum Thema «Journalismus und Macht», zu dem der Kulturkreis Pankow in den «Sprechsaal» in Berlin eingeladen hatte. Etwa 90 Menschen hörten ihm zu und bedachten seine Aussagen oft nickend und mit Beifall.

«Menschliche Gesellschaften haben immer das Problem der Machtkontrolle», stellte er mit Verweis auf den Psychologen Rainer Mausfeld fest. «Es gibt immer ein paar, die mehr haben wollen, und die vielen anderen müssen versuchen, die Macht, die diese wenigen an sich reissen, zu kontrollieren, einzudämmen.»

Wie vor 100 Jahren

Den Zusammenhang mit den Medien beschrieb er anhand des Buches «The Brass Check» (Deutsch: «Sündenlohn, eine Studie des Journalismus») des US-Schriftstellers Upton Sinclair (1878 – 1968). Der hatte 1919 gezeigt, wie westliche Gesellschaften funktionieren, so Meyen. Dabei würden die bestimmenden Industriezweige mit ihren Profiten diese auch dafür einsetzen, die öffentliche Meinung zu beherrschen. Das geschehe, indem Parteien und Medien korrumpiert würden.

Um die Demokratie unter Kontrolle zu halten, würden Millionen und Abermillionen an Dollar in zwei «politische Maschinen» gesteckt. Die stehen sich dann bei den Wahlen gegenüber. Das Volk, durch die Presse bei Laune und in einem «Zustand der Duldung» gehalten, entscheide an der Urne, für welchen Kandidaten seiner Ausbeuter es stimmen möchte.

Sinclair habe das mit Prostitution verglichen – und laut Meyen festgestellt:

«Der Journalismus ist eine Waffe in der Hand der Industriebosse. Und dieser Journalismus hat in der Zeit zwischen den Wahlen dafür zu sorgen, dass wir ruhig bleiben.»

Ruhe zwischen den Wahlen sei die Aufgabe der Leitmedien, gab der Kommunikationswissenschaftler Sinclair wieder. Das klang nicht nur aktuell, sondern ist es auch. Der US-Schriftsteller habe ausserdem darauf aufmerksam gemacht, dass Kritik aus dem Mediensystem an den Verhältnissen nicht zu erwarten ist. Denn die Eigentümer seien selbst so in ihrem sozialen Umfeld verankert, dass sie aus diesem nicht ausgeschlossen werden möchten.

«Ein schöner Mechanismus, der bis heute wirkt und erklärt, wie diese Leitmedien funktionieren», kommentierte Meyen das. Er berichtete, dass Sinclair vor etwa 100 Jahren versucht habe, ein Projekt zu starten, dass die Probleme lösen sollte: «Wenn eine Zeitung zehn Tage lang die Wahrheit über die Machtverhältnisse im Land berichtet, dann ist das System am Ende.»

Doch das Projekt «Natural News» als Zeitung für alle sei gescheitert. Mit dem Buch sei es ihm dann ergangen wie den heutigen alternativen Medien – Meyen nennt sie «Milieu-Medien» – und kritischen Autoren. «Er hat kein Papier bekommen, um zu drucken, hat keine Rezensionen bekommen, keinen Vertrieb gefunden. Er musste alles im Eigenvertrieb machen, musste Eigenwerbung machen.»

Täuschende Berufsideologie

Dem Schriftsteller habe auch nicht geholfen, dass er damals in den USA relativ berühmt war. Dennoch habe er Mühe gehabt, das Buch bekannt zu machen – für Meyen ein frühes Beispiel für das, was wir als «Cancel Culture» erleben.

Der Kommunikationswissenschaftler, Professor an der Ludwig-Maximilians-Universität München, hat das in den letzten drei Jahren selbst erlebt. Selbst Studenten beteiligten sich an Kampagnen gegen ihn. Er geriet in Folge seiner kritischen Haltung auch zur Corona-Politik am Ende gar ins Visier des Bayerischen Verfassungsschutzes und wartet auf das Ende eines Disziplinarverfahrens an der Universität. Von den Vorwürfen gegen ihn sei nur der der «Kontaktschuld» übriggeblieben, weil er angeblich mit den falschen Leuten geredet habe.

Er widersprach der «Berufsideologie des Journalismus», er sei «angeblich autonom, er ist neutral, er arbeitet objektiv, folgt wissenschaftlichen Regeln bei der Nachrichtenauswahl und -aufbereitung». Das gipfele in der Idee von der «Vierten Gewalt». Diese Ideologie halte davon ab, fragen zur Qualität des Journalismus zu stellen.

Meyen schilderte, wie die «an sich schöne Idee» vom Ursprungsmodell des «Vierten Standes, geboren im 19. Jahrhundert in England, zur «Vierten Gewalt» umgedeutet wurde, zunächst in den USA und später in der Bundesrepublik Deutschland. Diese Erzählung über den Journalismus und seine Rolle, dieses Narrativ, verschleiere aber nur die Machtinteressen.

Diese würden den Journalismus brauchen, «um Duldung zwischen den Wahlen zu erzielen und Werbung für die Kandidaten der Ausbeuter, wie Sinclair das nennt, zu machen». Der Journalismus sei «Komplize» der Macht statt ihr Kritiker. Meyen belegte das mit aktuellen Beispielen aus dem Personalkarussell zwischen Medien und Regierung in Deutschland.

Hochbezahlte Kommunikationsapparate

Er bezeichnete ausserdem Propaganda und Zensur als «zwei Seiten einer Medaille». Um die Öffentlichkeit in eine gewünschte Richtung zu bewegen, werde Propaganda betrieben. Dafür müssten Gegenstimmen unterdrückt werden, was die Zensur bewirke.

Der Kommunikationswissenschaftler hatte für den Vorgang der Propaganda den Begriff der «Medialisierung» gefunden. Damit beschreibt er alles, was Menschen und Organisationen tun, um in der Öffentlichkeit gut dazustehen. Bei seinem Vortrag verwies er auf den in den letzten Jahrzehnten massiv ausgebauten Bereich für strategische Kommunikation und Öffentlichkeitsarbeit in Politik und Wirtschaft.

So hat nach seinen Angaben allein das Bundespresseamt der Bundesregierung 500 Planstellen, «die nichts weiter zu tun haben, als die Politik der jeweiligen Bundesregierung in ein günstiges Licht zu rücken». Für Journalisten gehe es oft darum, anstatt bei den Regierungspressekonferenzen auf Bundes- und Landesebene Kritik zu üben einen Platz im Regierungsapparat zu bekommen.

«Das diszipliniert natürlich, wenn ich weiss, da lockt ein Nine-to-Five-Job mit Beamtengehalt und einer Pension. Das diszipliniert den Journalismus.»

Meyen machte ebenso darauf aufmerksam, dass inzwischen auch staatliche Gelder an die Medien fliessen. «Staat und Medien sollten getrennt sein», erinnerte er, doch die Einflussnahme des Staates erfolge schon lange. Das geschieht danach bereits verdeckt über die Filmförderung in Deutschland. Die Fördergelder prägen die Ausrichtung der Filminhalte, stellte er fest: «Sie können mal einfach spasseshalber bei einem Kinobesuch einen deutschen Film gucken und sehen, welches Bild dieser Gesellschaft da entworfen wird. Sicherlich keines, was uns zum Handeln bringen soll.»

Staatliches Geld und soziale Auswahl

Aber mittlerweile fliesse Geld vom Staat auch in die tagesaktuellen Medien. So wollten die Zeitungsverleger Zuschüsse für die Zustellungskosten, und zwar auf Kosten der Steuerzahler, die als Abonnenten bereits die Zeitungsinhalte bezahlen. Eine weitere Quelle sei staatlich finanzierte Werbung wie bei der Corona-Impfkampgane. «Dann können wir also auch direkt von Staatsmedien sprechen.»

Meyen ging ausserdem auf die Rolle der Auswahl derjenigen ein, die in den Journalismus gehen: «Man muss sich heute in Deutschland leisten können, Tochter oder Sohn in den Journalismus zu schicken.» Das Ergebnis seien «sehr homogene Leitmedien und Redaktionen, die von der aufstiegsorientierten Mittelschicht bevölkert werden».

Der Blick auf die Wirklichkeit werde auch von der sozialen Erfahrung bestimmt. Diese sei bei Bäckerstöchtern oder den Söhnen von Tankwarten und LKW-Fahrern eine andere als die des Nachwuchses der Mittelschicht. Zu den Folgen zähle eine «Verantwortungsverschwörung», wie es der Leipziger Kommunikationswissenschaftler Uwe Krüger genannt habe.

Diese funktioniere in drei Schritten: Der Journalist weiss erstens, «was gut und richtig ist», bedingt durch seine Herkunft. Zweitens weiss er, dass er Einfluss auf die Menschen und damit das «Gedächtnis der Gesellschaft» hat. Schritt drei ist danach, dass der Journalist die Leitmedien-Wirklichkeit so konstruiert, «dass das wahrscheinlicher wird, was er für gut und richtig hält».

Medienkrise fördert Haltungsjournalismus

Dafür seien gar keine Anrufe aus Staatskanzleien und Ministerien, die es dennoch gebe, nötig. Meyen verwies zudem auf die These seines Leipziger Kollegen Christian Hoffmann, wonach die Medienkrise Aktivismus statt Journalismus fördere. Haltungsjournalismus, wie er sich seit geraumer Zeit zeigt, werde gefördert durch die zunehmend prekären Arbeitsbedingungen in den Medien.

Die seien «für Liberale und Konservative, die auf Karriere, Familie, Eigenheim, kleinen Wohlstand aus sind, nicht mehr attraktiv». Das führe dazu, dass Menschen in die Redaktionen kommen, denen Familie, Karriere, Einkommen, Wohlstand nicht mehr ganz so wichtig sind. Diesen sei dagegen eine Botschaft wichtiger. Um diese zu verbreiten, seien sie bereit, über Wohlstandseinbussen hinwegzusehen.

Diese Entwicklung sei seit Längerem in den USA zu beobachten und greife auch in Deutschland um sich, so Meyen. Er setzt darauf, dass die Gebührenzahler sich den von ihnen finanzierten öffentlich-rechtlichen Rundfunk wieder aneignen. Es geht aus seiner Sicht darum, den Auftrag der Leitmedien einzufordern, Öffentlichkeit herzustellen sowie alle Themen und Perspektiven zu zeigen.

Die Menschen sollen sich als Leser und Nutzer zu Wort melden und so auch jene Journalisten unterstützen, die den öffentlichen Auftrag des Journalismus noch ernst nehmen. Meyen selbst versucht mit der «Freien Akademie für Medien und Journalismus» die Ausbildung für Journalismus auch Menschen zu ermöglichen, die aus den Milieu-Medien kommen und dafür das notwendige Handwerkszeug lernen wollen.



Quelle:

Medienrealität – Blog von Prof. Michael Meyen

Michael Meyen: Zehn Tage Wahrheit – 16. Januar 2023

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Passend dazu folgendes Zitat:

„Bis zum heutigen Tag gibt es so etwas wie eine unabhängige Presse in der Weltgeschichte nicht. Ich werde jede Woche dafür bezahlt, meine ehrliche Meinung aus der Zeitung bei der ich angestellt bin, herauszuhalten. Wenn ich meine ehrliche Meinung in einer Ausgabe meiner Zeitung veröffentlichen würde, wäre ich meine Beschäftigung innerhalb von 24 Stunden los. Es ist das Geschäft der Journalisten, die Wahrheit zu zerstören, unumwunden zu lügen, zu pervertieren, zu verleumden, die Füße des Mammons zu lecken und das Land zu verkaufen für ihr täglich Brot. Wir sind die Werkzeuge und Vasallen der reichen Männer hinter der Szene. Wir sind die Hampelmänner, sie ziehen die Fäden, und wir tanzen. Unsere Talente, unsere Möglichkeiten und unsere Leben sind das Eigentum anderer Männer. Wir sind intellektuelle Prostituierte.“ (John Swinton, 1829-1901, Chefredakteur der „New York Times“, im Jahre 1880 bei seiner Verabschiedung)

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