Kein Scherz: Russland gibt Europa eine Sicherheitsgarantie zum Schutz vor einem atomaren Konflikt

von Thomas Röper (anti-spiegel)

Russland will Europa vor einem drohenden Atomkrieg nach der Kündigung des INF-Vertrages schützen. Was für manchen erst einmal absurd klingen mag, ist tatsächlich wahr: Putin hat, wenn auch indirekt, erklärt, dass – und vor allem wie – er Europa vor einem drohenden Atomkrieg schützen wird. Russland wird damit zur tatsächlichen Schutzmacht ausgerechnet der europäischen Nato-Staaten und schützt sie vor möglichen US-Alleingängen.

Wir erinnern uns: In den 1980er Jahren lag die Gefahr eines Atomkrieges in der Luft, nachdem die Sowjetunion und die USA Kurz- und Mittelstreckenraketen in Europa stationiert hatten. Diese waren in der Lage innerhalb von 10-15 Minuten jedes Ziel in Europa zu treffen, also praktisch ohne Vorwarnzeit. Das erhöhte die Gefahr eines Atomkrieges „aus Versehen“, wenn jemand unter Zeitdruck ein verdächtiges Signal irrtümlich als Angriff eingestuft und seine Atomraketen daher abgefeuert hätte. Erst der 1987 unterschriebene INF-Vertrag beendete diesen Alptraum.

Die USA haben diesen Vertrag nun einseitig gekündigt und die Geschichte droht, sich zu wiederholen, wenn die USA wieder derartige Raketen in Europa aufstellen. Russland hat angekündigt, dies nicht als erstes zu tun, aber auf eine Stationierung solcher Waffen durch die USA ebenfalls mit der Stationierung von Raketen zu antworten.

Die USA sind eigentlich fein raus, schon in den 1980ern war die Idee der USA, dass es nur zu einem auf Europa begrenzten Atomkrieg kommen könnte. Europa wäre zwar verwüstet und verstrahlt, aber da Kurz- und Mittelstreckenraketen die USA nicht erreichen können, könnten die USA verschont bleiben, wenn sich ein Krieg nur auf diese Waffen beschränkt und keine Interkontintalraketen zum Einsatz kommen.

Putin kündigte nun an, im Falle einer Stationierung solcher Raketen durch die USA, nicht nur die Standorte der Raketen ins Visier zu nehmen, sondern auch die „Entscheidungszentren“. Und die Entscheidungszentren liegen in den USA, zum Beispiel im Pentagon. Damit hat Putin klar gemacht, dass ein solcher Konflikt sich nicht auf Europa beschränken würde und die USA sich nicht der Hoffnung hingeben sollten, dass sie davon unberührt bleiben. Diese Hoffnung hat Putin nun vor wenigen Tagen in seiner Rede an die Nation endgültig zerstört.

Auf diese Weise hat sich Russland – ob gewollt oder nicht – zur tatsächlichen Schutzmacht Europas aufgeschwungen. Sollten die USA einen Atomkrieg in Europa riskieren, trifft er in jedem Fall auch die USA.

In der wöchentlichen Sendung „Nachrichten der Woche“ des russischen Fernsehens wurde dies im Detail erklärt. Ich habe den Beitrag übersetzt.

Beginn der Übersetzung:

Im letzten Teil der Rede vor der Bundesversammlung, der der Sicherheit gewidmet war, sprach Wladimir Putin das Thema Gerechtigkeit an. Es ging um internationale Gerechtigtkeit in dem Sinne, dass es nur beiderseitige Sicherheit geben kann. Und da die Vereinigten Staaten beschlossen haben, sich einseitig aus dem INF-Vertrag zurückzuziehen und beabsichtigen, wieder Kurz- und Mittelstreckenraketen in Europa zu stationieren, erklärte Putin ausdrücklich die Gefahren, die ein solcher Schritt für Russland darstellt. Schließlich beträgt die Flugzeit solcher Raketen nach Moskau nur 10-12 Minuten.

„Das ist eine sehr ernste Bedrohung für uns. In diesem Fall werden wir gezwungen sein, ich möchte das unterstreichen, wir werden gezwungen sein, gleichartige und asymmetrische Reaktionen zu planen. Was bedeutet das? Russland wird gezwungen sein, Waffen zu stationieren, die nicht nur gegen Gebiete eingesetzt werden können, von denen eine direkte Bedrohung durch Raketen ausgehen wird, sondern auch gegen jene Gebiete, in denen die Entscheidungen über den Einsatz dieser Raketen getroffen wird.“ betonte der Staatschef.





Entscheidungszentren. Das ist eine grundlegend neue Wende in Richtung Gerechtigkeit. Bisher saß Amerika sicher jenseits des Ozeans und hat nur seine Verbündeten der Gefahr durch Vergeltungsschläge ausgesetzt. Jene Verbündeten, die sich leichtsinnig bereit erklären, beispielsweise Startvorrichtungen für Mittelstreckenraketen zu stationieren. Wer ist das? Zum Beispiel Rumänien. Dort sind Startvorrichtungen des Typs MK-41 bereits stationiert. Auch Polen stimmte einer solchen Stationierung zu. Aber was interessiert uns Polen? Im Falle eines Raketenangriffes von seinem Gebiet bekommt es sein Fett weg. Für uns ist es aber prinzipiell wichtig, dass unsere Vergeltungsmaßnahmen in einem solchen Fall direkt die Vereinigten Staaten treffen, wie Putin sagte, die „Entscheidungszentren“. Es werden in einem solchen Fall ja nicht die Polen oder die Rumänen sein, die auf den Knopf drücken. Sie sind nicht einmal in der Nähe des Knopfes.

Folgen wir Putins Gedanken weiter. Das ist wichtig. Wir haben eine technologische Antwort.

„Ich möchte heute eine weitere vielversprechende Neuheit vorstellen: Die Entwicklung verläuft erfolgreich und nach Zeitplan und wird sicherlich bald abgeschlossen sein. Es geht um die neue Hyperschallrakete „Zircon“ mit einer Fluggeschwindigkeit von etwa Mach 9 und einem Einsatzradius von mehr als tausend Kilometern, die sowohl See- als auch Landziele treffen kann. Sie ist für den Einsatz von See konzipiert, also von Schiffen und U-Booten aus, und kann von bereits im Einsatz befindlichen Schiffen und auch von noch im Bau Schiffen, die für den Einsatz unserer Marschflugkörper vom Typ „Kalibr“ ausgerüstet sind, eingesetzt werden. Das heißt, es entstehen keine hohen Kosten für uns“ sagte der Präsident.

Nun sehen wir uns dieses Versprechen auf der Karte an. Was sind die Entscheidungszentren in den USA, wenn sie amerikanische Kurz- und Mittelstreckenraketen in Europa stationieren? Und was ist die Funktion der auf der Welt einzigartigen, seegestützten Hyperschllrakete „Zircon“ mit ihrer Reichweite von mehr als tausend Kilometern? Hier sind einige Entscheidungszentren an der Ostküste der USA. Stellen wir es uns vor.

Das Pentagon. Es ist das oberste Führungsgremium der US-Streitkräfte und Sitz der Stabschefs.

Camp David ist ein Regierungsbüro, das dem Präsidenten der Vereinigten Staaten zur Verfügung steht.

Fort Ritchie (Maryland) ist ein Büro des US-Präsidenten und Kommandozentrale für die Stabschefs.

Und nun schauen wir uns die Westküste an. McClellan in Kalifornien, das Kommandozentrum der offensiven Streitkräfte. Jim Creek im Bundesstaat Washington ist das Kontrollzentrum der Atomaren Streitkräfte.

Wenn wir, ohne gegen Verträge zu verstoßen oder ohne jemanden zu stören, unsere U-Boote mit Raketenwerfern für die „Zircon“, vierzig Stück auf jedem U-Boot, im Ozean vor den Küsten stationen, dann können die russischen Hyperschallwaffen genau diese Entscheidungszentren treffen und ausschalten. Davon sprach Putin.

„Lassen Sie uns die Reichweite und Geschwindigkeit unserer zukünftigen Waffensysteme betrachten. Wir fordern nur Folgendes: Rechnen Sie zuerst nach, bevor Sie Entscheidungen treffen, die eine zusätzliche ernste Bedrohungen für unser Land darstellen können und natürlich zu Vergeltungsmaßnahmen Russlands führen werden. Russlands Sicherheit wäre zuverlässig und bedingungslos gesichert“ sagte Wladimir Putin.

Rechnen wir nach. Unsere U-Boote befinden sich außerhalb der Wirtschaftszone der USA von 200 Meilen, also 370 Kilometern. Setzen wir sie großzügig in eine Entfernung von 400 Kilometern von der Küste. All diese Entscheidungszentren sind nicht weit von der Küste entfernt. Sprich, auch 400 Kilometer. Macht insgesamt 800 Kilometer. Die „Zircon“ fliegt mit einer Geschwindigkeit von 11.000 Kilometern pro Stunde. Wenn das so ist, dann braucht die „Zircon“ für die 800 Kilometer etwas weniger als fünf Minuten. Eine Matheaufgabe für Schüler der dritten Klasse. Hier ist das Ergebnis: die Flugzeit.

Deshalb sagte Putin: „Rechnen Sie!“ Ist es wirklich eine gute Idee, Ihre Raketen gegen uns in Europa aufzustellen? Wir drohen bislang niemandem. Aber wenn eine solche Stationierung stattfindet, wird unsere Antwort augenblicklich folgen.

Ende der Übersetzung

Eine Zusammenfassung der neuentwickelten russischen Waffensysteme finden Sie hier.

Wenn Sie die direkte und ungefilterte Sicht Russlands auf die Themen der Weltpolitik interessiert, dann sollten Sie sich die Beschreibung meines Buches einmal ansehen. Ich lasse dort Putin in ausführlichen Zitaten zu Wort kommen und Sie können einen ungefilterten Einblick in seine Sicht der Dinge bekommen. Sie finden die Buchbeschreibung direkt im Link unter dem Artikel.

Krim, Syrien, Migration, Sanktionen – Was sagt Putin selbst zu den Fragen der Geopolitik?

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3 Kommentare

  1. Ob das in Nordamerika verstanden wird? Ich denke schon!

    Gewisse Doktrinen, die einen begrenzten Atomkrieg in Europa als durchführ- und gewinnbar betrachtet hatten, können somit ad acta gelegt werden.

    Was ist da nur schiefgelaufen? Es gibt ein wiedererstarktes Rußland, daß die westliche Welt zumindest militärisch überflügelt, mit einem Minimum an Aufwand.

    Könnte es sein, daß kosmopolitische Interessen (internationale Eliten) sich doch gegen nationalzionistische durchsetzen? Schließlich hängt auch ihr Überleben, auf einer einigermaßen lebenswerten Erde, davon ab!

  2. Als "ziemlich sicher"  ist nach wie vor anzusehen, daß es vollkommen gleichgültig ist, ob  "Entscheidungsträger" weltweit! versuchen auf die US-Politik Einfluss zu nehmen, diese gehen aber nur davon aus,  daß die USA auch in Zukunft  die Welt  dominieren werden. 

    Siehe auch letzten Monitor-Bericht.

    Außerdem gibt es genügend einflußreiche Thinktanks die in ihren Planspielen bestätigen, daß die USA jede  Konfrontation, egal mit wem, für sich entscheiden werden.

    Natürlich  muss u. will man die EU so klein wie möglich halten u. keine Annäherung an Russland zulassen  und bei der derzeitigen "Geschlossenheit" ist das ziemlich wahrscheinlich.

    Ob es überhaupt einen US-Militär gibt, der es öffentlich wagt zuzugeben, daß es ein hohes Risiko ist, sich atomar mit Russland zu bekriegen?…….  Da es um dominierende Rüstungskonzerne mit  dicken Gewinnen und sehr vielen Arbeitsplätzen geh, wohl nicht!

    Auch Militärs glauben erst dann, wenn sie es sehen! Also wird es außerhalb der USA + Russ

    land dazu kommen, daß man es, wie in Japan, "Vor Augen hat". Wo bietet es sich dann an?

     

      

  3. F5 drücken, dann funktioniert wenigstens "Kommi hinterlassen"!?

    Na denn , liebe lo,

    es gab ja bisher auch schon Interkontinentalraketen?

    Will heißen, es bestand schon immer die Möglichkeit JEDES Ziel auf Erden zu erreichen und zu zerstören.

    Nur, bisher waren die so langsam, daß sie abgefangen weden konnten. Was man von der neuen russischen Raketengeneration nicht mehr behaupten kann; wenn es denn stimmt (was WIR natürlich auch nicht mit Sicherheit wissen können).

    Und wenn dem so ist, ist das eine ganz neue Qualität, die es zu berücksichtigen gilt, auch für irgendwelche hochbezahlte think-tanks!

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