Russlands gewaltige „Schattenflotte“ – Wie der Einfluss des Westens auf den Ölhandel sinkt

Ungeachtet der westlichen Sanktionen findet russisches Erdöl immer noch seinen Weg zu Abnehmern in aller Welt. Damit der Ölfluss weitergeht und die Wirtschaftsbeschränkungen umgangen werden können, hat Russland eine beträchtliche Flotte von Öltankern aufgebaut. Allerdings gibt es noch andere Ziele, die Moskau mit dieser Strategie verfolgt.

Russlands gewaltige "Schattenflotte" - Wie der Einfluss des Westens auf den Ölhandel sinkt
Quelle: Gettyimages.ru © Capt Hyudi / EyeEm Symbolbild

Von Alexander Männer (rtdeutsch)

Die gegen Russland gerichtete Sanktionspolitik des kollektiven Westens wird anscheinend in keinem Bereich so erbittert geführt wie im Erdölsektor. Dort realisierten die USA, Großbritannien, die EU-Mitglieder und andere Länder gegen die Russen bereits sowohl ein Embargo auf russisches Öl als auch eine aus marktwirtschaftlicher Sicht fragwürdige „Preisobergrenze“ für Rohöllieferungen aus Russland im vergangenen Dezember.

Nach den Sanktionen gegen das Rohöl folgten im Februar Beschränkungen auf den Export von Erdölprodukten wie Benzin oder Diesel. All diese Maßnahmen sollen es den Russen sichtlich erschweren, ihr Öl auf den Weltmarkt zu bringen und Einnahmen daraus zu generieren.

Russland seinerseits versucht mit allen Mitteln, sich dagegen zu wehren, und setzt alles daran, den Ölexport aufrechtzuerhalten. Die Schaffung der sogenannten „Schattenflotte“ aus Öltankern ist so eine Maßnahme, die auf der internationalen Bühne zudem für Aufsehen gesorgt hat. Beobachter bezeichnen dieses Vorgehen, bei dem Russland offenbar Hunderte von Tankern auf dem Weltmarkt angeschafft hat, als einen gewieften Trick, um seinen Bedarf an europäischen Schiffen zu minimieren und dadurch die Sanktionen zu umgehen. Vor den Wirtschaftsbeschränkungen wurde nämlich fast die Hälfte der russischen Lieferungen nach Europa mit Tankern europäischer Unternehmen realisiert, und dieser Anteil hat sich inzwischen fast halbiert.

Kostenfaktor und Verfügbarkeit von Tankern

 

Die Lösung dieses Problems gilt allgemein als das primäre Ziel Russlands bei dem Aufbau der Schattenflotte. Wie diverse russische Experten jedoch behaupten, soll die russische Führung mit ihrem rigorosen Aufkauf von Tankern deshalb eine beträchtliche Flotte aufgestellt haben, um so noch zwei weitere Ziele zu verfolgen.

Erstens will Moskau dadurch das Angebot für den auf dem Seeweg erfolgten Erdöltransport reduzieren und damit die Preise für die Fracht respektive die Gesamtkosten für die Lieferungen hochtreiben. Die Frachtkosten spielen beim Ölexport schon deshalb eine zentrale Rolle, weil jährlich insgesamt knapp zwei Milliarden Tonnen Rohöl beziehungsweise 60 Prozent der weltweiten Fördermenge per Schiff transportiert werden.

Was den aktuellen Kostenfaktor angeht, so haben die westlichen Sanktionen ohnehin schon für einen negativen Effekt auf den Tankermarkt gesorgt, in Folge dessen sich der Transport von Benzin und anderen Kraftstoffen extrem verteuerte. Wie das Branchenportal Transport Topics diesbezüglich vor wenigen Wochen berichtete, seien die Frachtkosten selbst für relative kleine Tanker etwa in der zweiten Februarwoche nicht zuletzt wegen der russischen Gegenmaßnahmen in diesem Bereich um 280 Prozent angestiegen und betrugen zwischenzeitlich fast 42.000 US-Dollar pro Tag.

Zweitens geht es den Russen wohl darum, mit diesem weitreichenden Eingriff in das Logistik-System des globalen Öltransports die Nachfrage nach Schiffen zu erhöhen und zugleich die Verfügbarkeit von Tankern für die westlichen Länder zu senken. Dadurch könnte der Einfluss des Westens auf den Ölhandel deutlich geschwächt werden.

Laut Transport Topics soll in Europa bereits ein akuter Mangel an Tankern verzeichnet worden sein, da aufgrund der entstandenen Schattenflotte zumindest in der ersten Februarhälfte eher wenige Schiffe übrig geblieben seien, die die anderen Exporteure bedienen würden. „Die russischen Volumina fließen weiterhin mehr oder weniger gleich schnell und das nimmt viele Schiffe in Anspruch“, meinte dazu Lars Bastian Østereng, Analyst bei der norwegischen Investmentbank Arctic Securities.

Diese Ansicht vertritt auch Eirik Haavaldsen, der als Analyst bei der Investmentbank Pareto Securities in Norwegen tätig ist: „Was wir hören, ist, dass viele Schiffe plötzlich von den Tonnagelisten gestrichen und nach Russland gezogen wurden. […] Also war gestern plötzlich die Schiffsversorgung fast weg.“

Umfang der russischen Tankerflotte

 

Um eine solche Entwicklung auf dem Tankermarkt herbeiführen zu können, muss Russland ganz klar über eine beträchtliche Anzahl von Tankern verfügen. Wie viele Schiffe sind es aber genau?

Anfang Dezember hatten zahlreiche Medien gemeldet, dass Russland mehr als 100 alte Öltanker aus aller Welt aufgekauft hätte. Danach war die Rede von etwa 200 Tankern der Typen „Aframax“ und „Suezmax“ – was etwa zehn Prozent aller weltweit vorhandenen Tankerschiffe mit einer Kapazität von 500.000 bis 1.000.000 Barrel entspricht –, die 2022 den Besitzer gewechselt haben sollen. Diese Angaben decken sich auch mit der gängigen Expertenmeinung, wonach Russland etwa 240 Schiffe benötigt, um die Ölströme nach Asien aufrechtzuerhalten.

Inzwischen geht man davon aus, dass die russische Schattenflotte deutlich vergrößert worden ist. Das bereits angeführte Portal Transport Topics berichtete von insgesamt 600 Tankern, die im russischen Interesse fahren. Bei dem niederländischen Ölhandelsgiganten Trafigura spricht man ebenfalls von 600 Schiffen, von denen 400 für den Transport von Rohöl genutzt werden sollen.

Wenn man also den Angaben von Trafigura und anderen Akteuren aus der Branche Glauben schenkt, dann werden 20 Prozent der globalen Tankerflotte beziehungsweise jedes fünfte Schiff derzeit von Moskau genutzt. Es könnten aber auch mehr als ein Viertel aller weltweit vorhandenen Tanker sein, über die Russland offenbar verfügt und von denen es gegenwärtig jedoch nur einen Teil einsetzt. Was mit den anderen Schiffen geschehen soll, ist nicht bekannt. Zumindest können sie als eine optimale Grundlage dafür herhalten, um auch künftig auf den internationalen Ölhandel Einfluss zu nehmen.

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