Spanien: Beginn eines großen Umzugs

von Nikita Sorokin

Die Zahl der spanischen Immigranten in Deutschland ist allein in den ersten sechs Monaten von 2012 um 53 Prozent gewachsen, so die Berechnung der Experten des deutschen Statistischen Bundesamtes. Wegen rekordhoher Arbeitslosigkeit in Spanien übersiedelt ein Großteil der Mittelklasse und Jugend in andere EU-Mitgliedsstaaten.

Die restlichen reihen sich unter die Arbeitskräfte der Schattenwirtschaft ein und stoßen zu den protestierenden Bevölkerungsschichten.

Unter Experten überwiegt die Meinung, dass die jetzige Krise gerade die Mittelklasse am schwersten getroffen hat. Vor diesem Hintergrund ist das Beispiel von Spanien durchaus typisch. Laut statistischen Studien ist diese wohlsituierte Bevölkerungsschicht seit zwei Jahren rasch „abgenommen“. Rund 60 Prozent der spanischen Familien aus diesem Milieu leiden unter Arbeitslosigkeit und Geldmangel. Dabei hat sich vor 2008 gut die Hälfte der Spanier zur Mittelschicht gezählt. In der Zeit des wirtschaftlichen Aufschwungs wurden diejenigen dieser sozialen Kategorie zugeordnet, deren monatliches Einkommen 1.500 Euro erreichte. Jedoch verdrängt die Erhöhung der Steuern und der Kreditrückzahlungen bei gleichzeitiger Minderung der Einkommen immer mehr Menschen aus der Mittelklasse. Und sicher wird die Situation durch den allgemeinen Abbau von Arbeitsplätzen im staatlichen wie im privaten Sektor noch schwieriger.

Laut dem spanischen nationalen statistischen Dienst INE hat die Arbeitslosenzahl 2012 den absoluten Rekordwert seit dem Bestehen des Landes von knapp sechs Millionen Staatsbürger erreicht. Im Dezember des vergangenen Jahres zählte Spanien ca. 1,8 Mio. vollarbeitslose Familien. Natürlich bildet diese Arbeitslosenrate, vor allem unter der Jugend, die Grundlage für potentiellen Protest, von dem die einen oder anderen politischen Kräfte profitieren können, sagte im Gespräch mit der STIMME RUSSLANDS Wladislaw Below, Leiter des Zentrums der Deutschlandforschung des Europainstituts der Russischen Akademie der Wissenschaften:

„Vorläufig sehe ich in Spanien keine solchen politischen Kräfte, und das eigentliche Protestpotenzial bleibt verborgen. Deshalb würde ich jetzt die Alarmstimmung nicht anheizen, in dem Sinne, dass die Jugend auf die Straße gehen wird. Vor allem, weil ein Teil der jungen Leute in anderen Ländern Beschäftigung findet, in erster Linie in Deutschland. Nach Schätzung der Volkswagen AG anhand der Ergebnisse des vergangenen Jahres 2012 hat der Anteil der Anträge von jungen Menschen aus Spanien und Portugal ein Rekordhoch erreicht. Insgesamt ist die Nachfrage nach Arbeitskräften in Deutschland unglaublich stark, der Markt ist dort liberalisiert, er ist offen für Arbeitskräfte aus anderen EU-Mitgliedsstaaten. Darum findet gerade der aktivste, zum Protest fähige Teil der Jugend in der Regel eine Beschäftigung innerhalb der Europäischen Union.“

Der Anstieg der Arbeitslosigkeit in Spanien schlägt Rekorde, das bedeutet aber nicht, das Land befinde sich kurz vor einer sozialen Explosion, meint seinerseits Juri Worowez, Vorstandsvorsitzender des Unternehmens Head Hunter. Im Interview für die STIMME RUSSLANDS bemerkte er:

„Es ist durchaus möglich, dass sich der Protest auf einfache Kundgebungen beschränkt, d. h. er muss nicht zu revolutionären Veränderungen führen. Dabei bekommen die Arbeitslosen in Spanien erstens Entgeltersatzleistungen, sind also nicht gezwungen, um ein Stück Brot zu betteln. Zweitens steht ihnen der riesengroße Arbeitsmarkt der Europäischen Union zur Verfügung, sie können in andere Länder wechseln, wo es Arbeit gibt, viele tun das auch. So glaube ich nicht, es wäre eine geradezu brisante Situation entstanden.“

Die relative soziale Ruhe im Lande haben die Experten als eines der wirtschaftlichen Paradoxe der spanischen Gesellschaft bezeichnet. Eine Erklärung dafür findet man in den überall eindringenden Aktivitäten der Schattenwirtschaft. Nach Schätzung des spanischen Steueramtes verschwinden von 23 bis 26 Prozent des nationalen BIP im Schatten. Dienstleistungen der Ärzte, Nachhilfelehrer, Vermittlungsagenten, Designer, Automechaniker und Angehörigen von Dutzenden anderer Berufe in unterschiedlichsten Teilen des privaten Sektors werden bar bezahlt und vor Besteuerung versteckt. Fingierte Rechnungen u. a. Griffe und Kniffe der doppelten Buchführung finden bei den Besitzern kleiner und mittlerer Unternehmen breite Anwendung.

Unter den zahlreichen offiziellen Arbeitslosen in Spanien ist die Praktik verbreitet, staatliche Beihilfen zu beantragen, wobei man ein regelmäßiges, aber verschleiertes Arbeitseinkommen hat. Auch ihre Arbeitgeber führen keine Sozialversicherungsbeiträge ab. Wie Friedrich Schneider, Ökonomieprofessor an der österreichischen Johannes Kepler Universität in seiner Studie behauptet, bilden die Grundlage der spanischen Schattenwirtschaft einfache Bürger, die massenweise Steuern hinterziehen. Ohne die Schattenwirtschaft wäre Spanien längst untergegangen, meint Prof. Schneider. Man kann sich denken, was jetzt im Lande passieren würde, wenn ein Viertel seiner erwerbsfähigen Bevölkerung tatsächlich keine Arbeit und kein Geld hätte. Die Schattengeschäfte sind nichts als ein Teil der Nationalwirtschaft, die den Leuten hilft, sich über Wasser zu halten, stellt Friedrich Schneider fest. Ganz seiner Meinung ist Riorita Kolossowa, Professorin an der Moskauer Lomonossow-Universität und Doktor der Wirtschaftswissenschaften habil. Sie gab dem Reporter unseres Radiosenders zu bedenken, dass etwa in Russland in der schwersten Zeit nach der Perestrojka die Schattenwirtschaft die Rolle eines gewissen Puffers gespielt hat. Für Spanien haben die Schattengeschäfte die gleiche Bedeutung, da sie den Leuten ein Überleben sichern und sie vor dem Fall in den sozialen Abgrund bewahren.

Quelle: Stimme Russlands

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