«Der ganze Nahe und Mittlere Osten könnte explodieren»

Redaktion infosperber

Die USA und auch die arabischen Staaten möchten das Mullahregime im Iran stürzen, warnt Islamwissenschaftler Michael Lüders.

upg. Als einordnende Stimme nach dem Terror der Hamas in Israel übernehmen wir heute einen Beitrag des deutschen Politik- und Islamwissenschaftler Michel Lüders. Lüders war viele Jahre Nahostkorrespondent der «ZEIT» und von 2015 bis 2022 Präsident der Deutsch-Arabischen Gesellschaft. Wer sich einen Überblick über die Vorgeschichte und die Kräfteverhältnis im Nahen Osten anhören möchte, kann es mit dem gut einstündigen Video unten tun.

upg. Es gebe bisher keine Beweise, sagt Lüders, dass der Iran die Hamas zum Terrorakt auf israelischem Gebiet ermutigt habe. Doch allein die Behauptung, der Iran sei Drahtzieher des terroristischen Angriffs beziehungsweise der kriegerischen Attacke, könne genügen, um einen Angriffskrieg gegen den Iran zu rechtfertigen. Ähnlich wie die Behauptung, der Irak verfüge über Massenvernichtungswaffen, als Rechtfertigung diente, um den Krieg gegen den Irak loszutreten. Im Fall eines Angriffs auf den Iran würden China und Russland kaum passiv bleiben.

Die drastische Sanktionspolitik der USA hat diese ungleichen Länder voneinander abhängig gemacht.

Das erklärt der Politik- und Islamwissenschaftler Michel Lüders zum Krieg im Nahen Osten. Lüders warnt: «Niemand kann voraussehen, was passiert, wenn der ganze Nahe und Mittlere Osten explodiert. Niemand kann sich ausmalen, was in westlichen Ländern nach einem weiteren Ölpreisschock passiert.» Das Problem sei nicht militärisch zu lösen, sondern nur politisch mit einer Regelung der Palästinafrage.

Die Hamas habe in Israel ein «abscheuliches Verbrechen» begangen und Israel dürfe sich selbstverständlich verteidigen. Doch wenn «eine Bodenoffensive zu einem furchtbaren Massaker führt und Tausende meist Unschuldige sterben», habe dies enorme Folgen für Wahrnehmung Israels in der arabischen Welt. Bereits jetzt sei die Stimmung im globalen Süden aufgeheizt.

Die Führer arabischer Staaten hätten die Palästinenser zwar schon längst abgeschrieben und seien daran gewesen, sich mit Israel zu arrangieren. Doch wenn sich Bilder eines israelischen Massakers verbreiten, werde kein arabischer Staat die Wut seiner Einwohner ignorieren können.

Der Nahost- und Islamexperte schliesst daraus, dass eine grosse unkalkulierbare Eskalationsgefahr bestehe. Die Hisbollah im Libanon verfüge über 50’000 Raketen, die ungleich zielgenauer seien als diejenigen der Hamas. Selbst eine Atommacht wie Israel könne einen Feind nur schwer besiegen, der von der Bevölkerung weitgehend unterstützt werde. Auch die Taliban hätten nach zwanzig Jahren gegen die Atommacht USA gewonnen. Lüders befürchtet, dass auch ein ausgeweiteter Krieg im Nahen Osten sehr lange dauern könne.

Für Israel sei der abscheuliche terroristische Angriff der Hamas mit 9/11 in den USA vergleichbar. Aus Sicht der Palästinenser im Gazastreifen könne man von einem «Gefängnisaufstand» oder von einem «versuchten Befreiungsschlag» reden. Der Gazastreifen sei schon längst nicht mehr bewohnbar, sondern komplett von Israel abhängig.

In seiner langen Regierungszeit habe Netanjahu die Hamas in Gaza gerne toleriert. Denn diese Terrororganisation sei für ihn eine Garantie gewesen, dass es nie einen unabhängigen palästinensischen Staat geben werde.

Letzteres bestätigt der Journalist Gershom Gorenberg, der sich in Jerusalem in der progressiven orthodox-jüdischen Gemeinde «Kehillat Yedidya» engagiert: Netanjahu habe das Hamas-Regime an der Macht erhalten und tolerierte deren Finanzierung durch Katar. Denn mit Terroristen müsse er nicht verhandeln und die auf das Westjordanland beschränkte Fatah bleibe schwach. Diese Konstellation habe Israel erlaubt, im Westjordanland die Siedlungspolitik voranzutreiben und eine Zweitstaatenlösung zu verhindern.

Dies entspricht der Sicht der Ultrareligiösen in Israel. Bezalel Smotrich, Vorsitzender der rechts-religiösen Partei HaTzionut HaDatit hatte im Jahr 2015 in einem Interview argumentiert, dass die eigentliche Gefahr für Israel nicht von der Hamas komme, sondern von der Diplomatie mit Fatah-Präsident Mahmud Abbas: «Die Fatah ist uns lästig, aber die Hamas ist unser Trumpf […] Die Hamas ist eine terroristische Organisation, niemand wird sie anerkennen, niemand wird sie eine Resolution im UN-Sicherheitsrat einbringen lassen.» (Quelle hier)

In der aufgewühlten Stimmung werden in Israel Forderungen laut, man müsse jetzt «von Beirut bis Gaza aufräumen».

Im folgenden Beitrag erklärt Politik- und Islamwissenschaftler Michel Lüders, wie gefährlich es sei, aus dieser verständlicherweise aufgewühlten Stimmung heraus falsch zu handeln.

«New York Times»: «Es ist ein Fehler, jetzt in Gaza einzumarschieren»

Entgegen der Stimmung in Israel und in den USA schrieb Farah Stockman, Mitglied des Editorial Boards der «New York Times», unter dem Titel «Invading Gaza now is a mistake», Rache sei jetzt die falsche Strategie. Sie erinnert an die Aussage des israelischen Verteidigungsministers Yoav Gallant, man müsse «die Hamas von der Erdoberfläche wegputzen». Gallant sagte auch «Wir kämpfen gegen menschliche Tiere, und wir handeln entsprechend […] Wir werden Gaza vollständig besetzen.» Präsident Netanjahu kündigte «mächtige Rache an».

Die «New York Times»-Redaktorin befürchtet, dass Israels Regierung im Bestreben, die aufgewühlte Volksstimmung zu befriedigen, «fürchterliche Fehler begeht zum Schaden des israelischen Volkes, ihrer arabischen Nachbarn, ihrer amerikanischen Verbündeten und der Welt». Stockman erinnert an die Fehler der USA, nach 9/11 «aus Trauer, Rache und Hybris zwei kostspielige Kriege vom Zaun gerissen zu haben mit hohen Opfern in Irak und in Afghanistan». Diese Kriege hätten den USA fast nichts gebracht, sondern vielmehr «den Feind Iran gestärkt und mit der IS einen neuen Feind geschaffen».

Stockman erinnert auch daran, dass fast die Hälfte der Einwohner im Gazastreifen jünger als 18 Jahre sei: «Warum sollten diese den Preis für die Angriffe der Hamas bezahlen?» Eine kollektive Bestrafung verstosse gegen das Völkerrecht.

Schliesslich fragt die «New York Times»-Redaktorin, welches die politischen Ziele sind: «Falls die Hamas-Führung gestürzt wird: Wer wird Gaza dann regieren und wie lange? Will Israel den Gazastreifen wieder besetzen und wie lange? Was ist dann vorgesehen, um den Palästinensern eine Hoffnung zu geben, endlich in Würde und Freiheit zu leben, so dass sie nicht mehr der Hamas-Ideologie und dem Widerstand anhängen müssen?»

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«Der ganze Nahe und Mittlere Osten könnte explodieren»
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3 Kommentare

  1. Explodieren wird, wenn es so weiter geht, mehr. Die Probleme, die seit langem bestehen sollen, nicht gelöst werden. Gibt es dafür Gründe. Z.B. Kriege bringen Money. Feindschaften auch. Viele Menschen wollen Feindbilder und werde leicht fündig.

  2. Wenn ich schon lese „Experte“, gehen bei mir sämtliche Klappen runter. Das was da gerade passiert, ist wahrscheinlich schon Jahrzehnte geplant. So wie viele andere Geschehnisse auch. Und immer müssen es die Zivilisten ausbaden, ganz egal um welchen Brennpunkt es gerade geht. Vielleicht hatte Irlmaier ja doch recht mit seinen Vorhersagen.

  3. „Das Problem sei nicht militärisch zu lösen, sondern nur politisch mit einer Regelung der Palästinenserfrage.“

    Lüders war viele Jahre Nahost-Korrespondent der „ZEIT“, … viel mehr muss man über diesen Herrn wohl auch gar nicht wissen.

    Herr Lüders, für wie blöd halten Sie uns einendlich, es gab wahrlich genügend Zeit und Gelegenheiten für eine politische Lösung, allein die tonangebenden Hardliner unter den Zionisten haben wahrscheinlich nie einen Gedanken daran verschwendet.

    Die Zeit für jedwede Diplomatie ist längst abgelaufen, selbst Demagogen wie Sie würden auch nicht von Diplomatie geredet haben, als es um die Ausrottung der Indianer ging, denn wir wissen ja mittlerweile alle, nur ein toter Indianer, war ein guter Indianer, die Mehrheit der Zionisten dürfte in Bezug zu den Palästinensern zum gleichen Ergebnis kommen, deshalb hören Sie bitte auf, uns mit Ihren überholten Weisheiten zu belästigen, die wirklich niemanden etwas bringen – auf den Rest ihres journalistischen Ergusses, will ich erst gar nicht eingehen.

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