Warum haben wir keine Verfassung?

Heute in Ochtrup, verkaufsoffen und geiles Wetter.
Petra und ich saßen vor einer Kneipe und beobachteten die Neueröffnung eines „SPD-Bürgerbüros“. Ein älterer Herr stand an einem Schild und beobachtete einen jungen Vertreter seines Geschlechts, der immer wieder rote Luftballons zu einem Fahrrad brachte. Ich grinste und Petra bemerkte meinen Blick.

„Jörg? Du willst doch wohl nicht?“
„Wie kommst du denn darauf?“ Okay, meinen Sarkasmus mochte ich nicht verstecken.
„Ich kenn‘ dich doch! Was hast du vor?“ Frauen und ihre angeborene Neugierde.
„Nichts, noch nicht“, log ich, während der eine Typ immer noch Luftballons brachte, die niemand haben wollte.

Wir tranken aus und gingen. Gleichzeitig kam eine Frau um die 50 aus dem „SPD-Bürgerbüro“ und verteilte Einkaufschips unter den Passanten. Ich spitzte die Lippen und ging verdächtig langsam, so dass meine Frau stutzig wurde und ihren Platz hinter mir suchte.

Dann geschah das Unausweichliche. Die Kommunalpolitikerin des „SPD-Bürgerbüros“ sprach mich an! Hinter mir hörte ich ein leises „oh, oh…“, welches ich höflich ignorierte.
„Möchten Sie auch einen Einkaufschip?“ Häh? Ich und noch mehr Plastikmüll? Okay, einige von euch kennen mich und erahnen vielleicht, was dann kam.

Ich nahm den Chip und lächelte, während das Adrenalin in mir zu wirken begann. „Ich nehme den nur an, wenn Sie mir eine Frage beantworten.“ Jemand hinter mir kniff mir in den Hintern und ich brauche nicht zu erwähnen, wer das wohl war.
„Aber gern, fragen Sie ruhig…“ Hinter mir „oh nein…“ Ich weiß nicht, was sie hatte.

„Warum haben wir keine Verfassung?“
Sie sah mich konsterniert an, hatte wohl nicht mit dieser Frage gerechnet.
„Wir haben das Grundgesetz, daher brauchen wir keine Verfassung. Das wurde 1948 von weisen Menschen beschlossen und weil nach der Wiedervereinigung alle damit zufrieden waren, blieb es bestehen!“ BUMMS!!! Petra ging ein paar Schritte zurück, mein Herz schlug schneller und meine Freundlichkeit schlug irgendwie um.

„Moment, wollen Sie mich verarschen? Weil alle damit zufrieden sind? Wer sind denn alle? Wieso wird das Volk nicht befragt? Was ist denn mit dem Paragrafen im Grundgesetz, der ganz klar besagt, das bei einer Wiedervereinigung die Politik eine Verfassung auszuarbeiten hat und die vom Volk beschlossen werden soll?“ (Mir fiel der Paragraph nicht ein, gebe ich zu) Sie sah mich entsetzt an und ich hatte das Gefühl, gleich als Nazi betitelt zu werden.

„Die Regierung brauchte das Volk nicht befragen, denn sie machten das ja im Auftrag des Volkes.“ Petra zupfte an meiner Jacke und ich schnaufte tief durch.
„Sie lügen!“
„Bitte?“
„Sie lügen! Aber das kennt man ja und glauben Sie bloß nicht, ich kenne das Grundgesetz nicht.“

Bevor das ausartete gab ich ihr den Einkaufswagenchip zurück und wandte mich noch einmal kurz an die sich Abwendende. „Dauert nicht mehr lange und dann wird das Volk euch durch die Straßen jagen.“ Entsetzen in ihren Augen und ein Riss an meinem Ärmel. War auch gut so, denn wenn es losgeht, dann nicht in einer solch beschaulichen Stadt in der Provinz, wo sich alle trefflich verarschen lassen können.

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