«Es gibt Hinweise, dass auch Omikron im Labor erzeugt wurde»

Martina Frei (infosperber)

Roland Wiesendanger trägt seit Anfang 2020 Indizien zusammen – gegen den Widerstand von Virologen, die gut vernetzt sind. (1)

Wissenschaftler diskutieren intensiv, ob das Pandemievirus natürlich entstanden ist oder aus einem Labor stammt. Die Stimmen werden lauter, die einen Stopp der Forschung mit gentechnisch erzeugten, hochgefährlichen Erregern fordern. Denn diese könnten weltweite Pandemien auslösen.

Auch Professor Roland Wiesendanger von der Universität Hamburg sieht Gefahren dieser Forschung. Im deutschsprachigen Raum ist Wiesendanger der wohl bekannteste Wissenschaftler, der die These vertritt, dass Sars-CoV-2 nicht natürlichen Ursprungs ist, sondern aus einem Labor stammt. Wiesendanger und die Universität Hamburg legten der breiten Öffentlichkeit bereits im Februar 2021 eine Reihe von Indizien vor, welche diese These stützen. Etwa ein Jahr später erschien in der «NZZ» ein zweiseitiges Interview mit dem Physiker. Er sei «einzig und allein der Wahrheit verpflichtet», sagte der Wissenschaftler damals.

Herr Professor Wiesendanger, Sie fordern dringend ein Forschungsmoratorium für gefährliche Forschung mit gentechnisch erzeugten Krankheitserregern. Diese Forschung findet in hochgesicherten, spezialisierten Laboren statt. Sind Ihre Befürchtungen nicht übertrieben?

Sicher nicht. Sars-CoV-2 stammt mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit aus einem Labor in Wuhan – und zwar keinem der höchsten Sicherheitsstufe. Es gibt zudem Hinweise, dass auch die Omikron-Variante in einem Labor erzeugt wurde. Und beim Ebola-Ausbruch in Westafrika im Jahr 2014 war vermutlich ein von den USA finanziertes Labor der Ursprungsort.

Die These, dass der Ebola-Ausbruch in Westafrika im Jahr 2014 auf ein Laborvirus zurückgeht, hat der bekannte Mikrobiologe Bob Garry kürzlich klar zurückgewiesen. Im besagten Labor in Sierra Leone, das da verdächtigt wird, sei gar nicht mit Ebola-Viren hantiert worden, schrieb er in einem Fachartikel. Auch für die Laborhypothese bei Sars-CoV-2 gebe es keine wissenschaftlichen Daten.  

Der Autor dieses Fachartikels ist ausgerechnet einer jener Virologen, die bereits im Januar 2020 Alarm geschlagen haben, dass Sars-CoV-2 mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit synthetisch erzeugt worden sei. Daraufhin kam am 1.2.2020 eine ominöse Telekonferenz zustande, die von Jeremy Farrar, dem Direktor des «Wellcome Trust» sowie von Anthony Fauci und Francis Collins von den «National Institutes of Health» einberufen wurde. An dieser Telekonferenz nahmen auch zahlreiche internationale Virologen teil. Drei Tage später hiess es dann, dass die Labortheorie eine «Verschwörungstheorie» sei. Es wurde jedoch nicht wissenschaftlich fundiert erklärt, warum die Labortheorie zu diesem frühen Zeitpunkt auszuschliessen sei. Seitdem haben Virologen, die an der Telekonferenz teilnahmen, immer wieder versucht, die Labortheorie zu diskreditieren. Publikationen und Aussagen dieser Virologen sind seit dieser Zeit mit Vorsicht zu geniessen, da hier offensichtlich das Narrativ einer Zoonose, also eines natürlichen Ursprungs von Erregern, propagiert werden soll. Ein ähnliches Vorgehen ist nachweislich bereits bei einigen früheren Ausbrüchen der Fall gewesen, obwohl später ein nicht-natürlicher Ursprung nachgewiesen werden konnte.

In einem noch nicht von Fachleuten begutachteten pre-print-Artikel von Valentin Bruttel und Kollegen wurde kürzlich behauptet, dass das Corona-Pandemievirus ungewöhnliche Abschnitte im Erbgut enthalte, die sehr wahrscheinlich in einem Labor entstanden seien. Etliche Fachleute haben diesen Artikel quasi in der Luft zerrissen. Der bekannte Virologe Kristian Andersen zum Beispiel twitterte, dieser Artikel hätte nicht mal das Niveau von «Kindergarten-Mikrobiologie».

Andersen gehört zum Kreis derjenigen Virologen, die vehement gegen die Laborthese angehen. Dabei hat er ebenfalls bereits im Januar 2020 auf eine Merkwürdigkeit in der Gensequenz von Sars-CoV-2 hingewiesen und den Verdacht geäussert, dass dieses Virus aus einem Labor stammen könnte. Auch er hat an der ominösen Telekonferenz vom 1.2.2020 teilgenommen. Drei Tage später hat er dann behauptet, dass Sars-CoV-2 nur aus dem Tierreich auf den Menschen habe überspringen können. Welche neuen Fakten haben innerhalb von drei Tagen zu diesem plötzlichen Meinungswechsel geführt? Darauf haben die beteiligten Virologen bis heute keine Antwort gegeben.

Omikron-Pandemie und Ebola-Epidemie von Laborviren verursacht?

Bei «Omikron» gibt es verschiedene Ungereimtheiten, auf die der Wissenschaftler Valentin Bruttel von der Universität Würzburg hinweist. Omikron hat – verglichen mit den früheren Sars-CoV-2-Virusvarianten – auffallend viele Veränderungen an entscheidender Stelle im Erbgut. Nie zuvor seien in natürlich entstandenen Coronaviren dieser Unterart derart viele Mutationen gefunden worden, in synthetisch hergestellten Viren dieser Art dagegen schon. Obwohl «Omikron» viel ansteckender ist als die früheren Virusvarianten, gab es bis zu seinem plötzlichen Auftauchen im letzten Herbst verwunderlicherweise scheinbar keine erkennbaren Infektionsfälle. Bruttel führt noch weitere Auffälligkeiten ins Feld. Er kommt zum Schluss, dass ein Laborursprung bei Omikron sehr viel wahrscheinlicher sei als eine natürliche Herkunft. Zum gleichen Schluss kommen auch zwei japanische Wissenschaftler. Bei Sars-CoV-2 halten Bruttel und zwei Kollegen die Laborhypothese ebenfalls für sehr wahrscheinlich. Ihre Analysen sind jedoch noch nicht von Dritten begutachtet worden.

In einer Recherche auf der Website «Independent Science News» weisen ein Virologe und ein Journalist auf verschiedene Punkte hin, die beim Ebola-Ausbruch von 2014 bis 2016 in Westafrika zu denken geben. Damals starben mehr als 11’000 Menschen. Offiziell nahm diese Epidemie in Guinea ihren Anfang. Allerdings sei anfangs im Nachbarland Sierra Leone anscheinend extra nicht nach Erkrankungsfällen gesucht worden, wohl aber in Guinea. In Sierra Leone unterhielt das in den USA ansässige «Viral Hemorrhagic Fever Consortium» (VHFC) ein Forschungslabor, in dem an gefährlichen Krankheiten geforscht wurde. Als «Medecins Sans Frontières» schliesslich die Bewilligung erhielt, in Sierra Leone Patienten behandeln zu dürfen, fand die Hilfsorganisation dort viel mehr Kranke als erwartet.

Die beiden Autoren haben aufgrund verschiedener Ungereimtheiten den starken Verdacht, dass der Ebola-Ausbruch in Wahrheit von dem Forschungslabor in Sierra Leone ausging – was der Mikrobiologe Bob Garry kürzlich im Wissenschaftsmagazin «PNAS» heftig dementierte – ohne dort allerdings anzugeben, dass er unter anderem der Gründer und Präsident des VHFC ist. Vize-Präsident des VHFC ist Kristian Andersen.

Infosperber bat sechs Wissenschaftler um eine Einschätzung der Arbeit von Bruttel sowie der Recherche zum Ebola-Virus. Drei davon antworteten. Demnach würden die Daten in beiden Fällen eher auf eine unnatürliche Mutation hindeuten, lautete die Einschätzung eines Experten. Ein anderer stufte die Argumentation der Ebola-Recherche als überzeugend ein. Bruttel sei «absolut integer und fachkundig», was das Klonen von Genen und neuen Eigenschaften betreffe, gab eine Fachkollegin über ihn Auskunft, die anonym bleiben wollte (mfr).

«Immer wieder dieselben Virologen»

Im Juli veröffentlichte das Wissenschaftsmagazin «Science» einen Fachartikel, in dem 18 Autorinnen und Autoren zum Schluss kommen, dass das Pandemievirus vom Wildtiermarkt in Wuhan stammt. Im Oktober bekräftigte eine weitere Gruppe in der Wissenschaftszeitschrift «PNAS» diese These, und vor wenigen Tagen erschien in den «PNAS» ein Artikel mit dem Titel «Die Beweislage bleibt klar: Sars-CoV-2 tauchte beim Handel mit Wildtieren auf.» Trotzdem halten Sie weiterhin daran fest, das Pandemievirus stamme aus einem Labor. Warum? 

Schauen Sie sich wieder zunächst die Liste der Autoren dieser Artikel an. Es sind immer wieder dieselben Virologen. Einer davon ist wieder Kristian Andersen, dessen Verhalten seit Anfang 2020 ich bereits kommentiert hatte. Ferner erstaunt mich, dass die Studien vom Juli in «Science» überhaupt erscheinen konnten. Den Autoren wurde mittlerweile nachgewiesen, dass sie als Ausgangsdaten lediglich solche Krankheitsfälle herangezogen haben, die ihre These stützen, dass das Virus vom Wildtiermarkt stammt. Darüber hinaus sind den Autoren bei ihren statistischen Analysen unverzeihliche Fehler unterlaufen.

Die drei erwähnten Artikel wurden alle in renommierten Wissenschaftszeitschriften veröffentlicht und vorher von Gutachtern geprüft. Das wischen Sie einfach vom Tisch?

Seit Beginn der Pandemie werden in einst angesehenen Fachzeitschriften wie «The Lancet», «Nature Medicine» und anderen Fachjournalen immer wieder Artikel mit fragwürdigem Inhalt veröffentlicht – man mag dies kaum glauben. Auch wie sich Wissenschaftler in dieser Pandemie hergegeben haben, um den politischen Willen zu erfüllen, ist für das Wissenschaftssystem eine Katastrophe. Wissenschaft beruht auf Wahrhaftigkeit, Ehrlichkeit und Offenheit.

«Wie sich Wissenschaftler in dieser Pandemie hergegeben haben, um den politischen Willen zu erfüllen, ist für das Wissenschaftssystem eine Katastrophe.»

Professor Roland Wiesendanger

Welche Rolle spielte der bekannte deutsche Virologe Christian Drosten?

Er war und ist eng vernetzt in den virologischen Kreisen, deren Namen immer wieder auftauchen. Sie haben sich alle immer wieder ausgetauscht. Drosten ist in den «editorial boards» mehrerer wichtiger Fachzeitschriften, er weiss also, welche Forschung wo läuft. Es gab auch Fachkonferenzen, da stand er auf dem Foto direkt neben der chinesischen Coronavirusforscherin Shi Zhengli des Wuhan Instituts für Virologie. Nicht umsonst wurde Drosten zu der Telekonferenz am 1.2.2020 mit Anthony Fauci eingeladen, bei der erörtert wurde, woher das Virus stammt. Drosten hat sich danach – genau wie die anderen Teilnehmer – gegen die Laborhypothese gestellt und behauptet, das sei eine Verschwörungstheorie. Seine Art, Fachkollegen öffentlich als weniger kompetent darzustellen, erachte ich als unwissenschaftlich.

Das Argument, dass sich nur eine kleine Gruppe von Virologen für die «natürliche Hypothese» stark macht, gilt doch auch umgekehrt: Die meisten der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die sich nun laut für eine stärkere Kontrolle der «gain of function»-Forschung einsetzen, machen das schon seit Jahren. Wird die Frage nach dem Ursprung der Pandemie dazu benützt, nun endlich die eigene Agenda durchzusetzen?

Ich weiss nicht, ob man es als «Agenda» bezeichnen kann, wenn Wissenschaftler vor den immensen Gefahren virologischer Forschung warnen, die durch Labormanipulationen gefährliche Krankheitserreger pandemiefähig macht. Letztlich ist es eine Entscheidung aller Menschen auf unserem Planeten, ob sie zukünftig mit diesen Gefahren leben wollen oder nicht. Diese Entscheidung darf auf jeden Fall nicht ausschliesslich Virologen mit offensichtlichen Interessenkonflikten vorbehalten bleiben.

Ihnen wirft man vor, dass Sie Verschwörungstheorien verbreiten. Die «Süddeutsche Zeitung» schrieb kürzlich über Sie, Sie seien «durch fragwürdige Thesen» zum Ursprung des Sars-CoV-2 aufgefallen. 

Die «Süddeutsche Zeitung» fällt dadurch auf, dass sie sich in Fragen der Coronapandemie weit entfernt hat von einem hochwertigen Investigativjournalismus. Im besagten Artikel wird mit folgender Begründung argumentiert, dass Sars-CoV-2 nicht aus einem Labor stamme: Wenn man ein Virus im Labor hätte erschaffen wollen, dann hätte man verräterische Spuren am Erbgut des Erregers verwischt und eines hergestellt, das keine verräterischen Spuren trägt wie Sars-CoV-2. Diese Argumentation ist jedoch nicht schlüssig. In Wuhan wurde nachweislich mit synthetisch erzeugten Coronaviren experimentiert. Bei einem Laborunfall hätte niemand von Anfang an die Absicht gehabt, Spuren der synthetischen Erzeugung der Viren zu verwischen. In einem Artikel auf der Website der Nonprofitorganisation «U.S. Right To Know» wurden verschiedene Experten gebeten, eine Arbeit zu bewerten, die ebenfalls nahe legt, dass Sars-CoV-2 aus einem Labor stammt1. Die Autorinnen dort kamen zu einer anderen Einschätzung als die «Süddeutsche Zeitung».

Zur Person

Roland Wiesendanger
R. Wiesendanger © RWiesend, via Wikimedia Commons CC-BY-SA 4.0

Professor Dr. Dr. h.c. Roland Wiesendanger ist ein dutzendfach ausgezeichneter Wissenschaftler. Der gebürtige Basler schloss sowohl die Matura als auch das Physikstudium und seine Doktorarbeit mit Bestnoten ab. Seit Anfang 1993 ist Wiesendanger Professor für Experimentelle Festkörperphysik an der Universität Hamburg. Er ist unter anderem Mitglied der deutschen Nationalen Akademie der Wissenschaften «Leopoldina», Mitglied der Europäischen Akademie der Wissenschaften, Ehrendoktor der Technischen Universität Posen und Ehrenprofessor des chinesischen «Harbin Instituts für Technologie». Über 600 Fachartikel hat der Physiker bisher (mit-)verfasst und circa 600 Vorträge in aller Welt gehalten. Durch seine berufliche Tätigkeit verfügt der 61-Jährige über viele Kontakte in aller Welt.

Spätestens am 12.September 2019 wurde es den Forschenden bewusst

Wie sollen Journalisten denn beurteilen, welchen Fachleuten sie auf diesem Gebiet mehr Platz einräumen?

Zum Beispiel sollten sie prüfen, ob zentrale Aussagen in einem Artikel belegt werden. Auf welcher Basis beruht zum Beispiel die Aussage, dass «die Mehrheit der Wissenschaftler» der Ansicht sei, bei Sars-CoV-2 handle es sich um ein natürlich entstandenes Virus? Dies wird nie belegt, aber immer wieder geschrieben. Viele Molekularbiologen und Virologen können sich dazu jedoch gar nicht äussern, weil sie in Institutionen arbeiten, die intensiv mit chinesischen Instituten kooperieren. Man möchte die Zusammenarbeit mit China nicht aufs Spiel setzen, indem man diskutiert, ob das Pandemievirus aus einem Labor in Wuhan entkam.

In einem Artikel haben «Pro Publica» und «Vanity Fair» jüngst nachgezeichnet, was sich am Institut für Virologie in Wuhan im Jahr 2019 zutrug (Infosperber berichtete). Demnach deute alles auf einen gravierenden Laborunfall im Herbst 2019 hin. Sie selbst sind schon vor über einem Jahr zu diesem Schluss gekommen.

Es gibt mittlerweile viele virologische und nicht-virologische Hinweise, dass spätestens Ende August, Anfang September in einem Labor in Wuhan etwas passiert sein muss. Den Forschern am Institut für Virologie in Wuhan wurde spätestens am 12. September 2019 bewusst, dass sich Mitarbeiter infiziert hatten. Am selben Tag wurde unter anderem die weltweit grösste Coronaviren-Datenbank dieses Instituts offline genommen und ein Antrag auf Verbesserung der Laborsicherheitstechnik gestellt.

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1 Dabei handelt es sich um die weiter oben erwähnten Analysen von Valentin Bruttel und Kollegen (Anm. d. Red.)

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Lesen Sie demnächst Teil 2 dieses Interviews. 


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Keine
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Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.

Weiterführende Informationen

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