Ausgereizt?

Mathias Reding (Pexels); https://www.pexels.com/de-de/foto/menschen-strasse-blau-gelb-11421405/; Lizenz: Creative Commons CC0
Mathias Reding (Pexels); https://www.pexels.com/de-de/foto/menschen-strasse-blau-gelb-11421405/; Lizenz: Creative Commons CC0

Ein, auch zeitlicher, Abgleich von Wunsch und Wirklichkeit.


Foreign Affairs ist eines der wichtigsten Sprachrohre der wirklich Mächtigen in „Gottes eigenem Land“. Über dieses Magazin betreibt das Netzwerk des enorm einflussreichen Council on Foreign Relations (CoFR) strategische Kommunikation in verschiedene Richtungen. Foreign Affairs gibt dabei viel vom Selbstverständnis, vor allem der US-amerikanischen und britischen Eliten preis, welche sich nach wie vor als auserwählt begreifen, die Welt nach ihrem Gutdünken „zu verbessern“.


von Peter Frey (peds-ansichten)

Wenn dann ein Direktor des Council (Kurzsynonym für den CoFR) einen Leitartikel auf Foreign Affairs veröffentlicht, ist das ein besonderes Signal. Richard Haass war bis zum Juni 2023 einer dieser Direktoren. Sein zwei Monate zuvor prominent veröffentlichter Beitrag tastet ab und gibt gleichzeitig „Empfehlungen“. Gleichzeitig wird peinlich darauf geachtet, in der Politik implantierte Stimmungen, Haltungen, Ideologien zu bewahren.

In Bezug auf die praktische Politik der USA sendete Haass jedoch eine Botschaft: Mehr Spaltung und Zerstörung lässt sich für die Bellizisten in Washington nicht mehr aus dem Ukraine-Konflikt holen. Und so titelt der Beitrag auch mit: „Der Westen benötigt eine neue Strategie in der Ukraine“ (1).

Seit etwa dieser Zeit wird nunmehr vorsichtig wie beständig an der Narrativ-Schraube gedreht. Das Stimmungsbild muss sich wandeln und natürlich muss das Publikum vom Gefühl durchdrungen sein, dass es „die Stimme des Volkes“ ist, die sich ändert, und nicht die manipulativ übergeholfene Stimmung. Stimmungen sind es, mit denen hierzulande Politik gemacht wird. Politiker und Medien, insbesondere westliche Politiker sind viel zu gefangen in ihrem aktiv gelebten Narrativ. Neben der Öffentlichkeit sind vor allem sie es, denen man „durch die Blume“ sagen muss, wie es weitergehen soll. Die hohen Politiker sind Spiegelbild unmündiger, infantiler Gesellschaften.

Deshalb sind Denkfabriken, „Think Tanks“ unersetzlich, wenn es um die Lancierung und Umsetzung strategischer Richtungsänderungen geht. Haass strategische Kommunikation in Foreign Affairs liegt nun bereits ein halbes Jahr zurück. Befassen wir uns etwas näher mit den dort geäußerten Überlegungen und schauen dabei, wie sich die Realitäten danach entwickelt haben. Wir müssen beachten, dass die entscheidenden Botschaften solcher Veröffentlichungen nicht auf dem Silbertablett präsentiert werden. Alles ist eingebettet in die Ideologie der alternativlosen Demokratien westlicher Gesellschaften.

Wir können es auch so betrachten, dass über nüchtern, rational ausgedrückte Sachverhalte ein Tuch der Emotionen ausgebreitet wird. Das folgende, erste Zitat aus Haass Artikel gehört dazu und es ist rational gesehen Quatsch. Aber das spielt keine Rolle, weil das Narrativ „Der Sieg ist unser“ nicht in Frage gestellt werden darf. Dieses Narrativ ist es ja schließlich auch, das weiterhin als innerer Kompass der handelnden Politiker funktionieren muss. Und so lesen wir:

„Nach etwas mehr als einem Jahr hat sich der Krieg in der Ukraine für die Ukraine weitaus besser entwickelt, als die meisten vorhergesagt hatten. Russlands Versuch, seinen Nachbarn zu unterjochen, ist gescheitert. Die Ukraine ist nach wie vor eine unabhängige, souveräne und funktionierende Demokratie, die rund 85 Prozent des Gebiets, das sie vor dem Einmarsch Russlands 2014 kontrollierte, behalten hat.“ (1i)

Natürlich hat Russland nie versucht, „seinen Nachbarn zu unterjochen“. Ganz genau so, wie die Ukraine weder unabhängig, noch souverän ist, noch eine Demokratie vertritt. Die Aussagen sind somit Blödsinn und auch nirgends stichhaltig begründet. Das spielt aber keine Rolle, denn hier geht es um Emotionen, um Ideologie, um Weltanschauungen. Es geht um Feindbildpflege, innerhalb derer die eigenen Überzeugungen im Gegner gespiegelt werden. Da Feindbildpflege Voraussetzung wie Folge der eigenen Kriege verkörpert, muss in dieser auch die eigene moralische Überlegenheit manifestiert sein.

Russlands Ziele sind keinesfalls ein Geheimnis. Schließlich werden diese auch ganz offen und wiederholt von der russischen Führung verkündet: Schutz der russischen Ethnie — der mehrheitlichen Ethnie in den nunmehr auch Russland beigetretenen Oblasten, Entmilitarisierung („De-NATOisierung“) und Entfaschisierung der Ukraine. Die militärischen Operationen Russlands lassen keinen Widerspruch zu den benannten strategischen Zielen erkennen.

Wie gesagt, sind Haass Eingangsbemerkungen aber „nur“ die emotionale Decke. „Nur“, weil sich diesem (emotionalen) Narrativ die nüchternen Erkenntnisse und Schlussfolgerungen dann doch in irgendeiner Art und Weise unterordnen müssen. Und selbstverständlich lügt man auch, muss es tun, weil sonst das Narrativ nicht zu halten ist. Eine bevorzugte Variante der Lüge, ist die Lüge durch Weglassen.

„Gleichzeitig ist es schwierig, die weitere Entwicklung des Krieges mit Optimismus zu betrachten. Die menschlichen und wirtschaftlichen Kosten, die bereits enorm sind, werden weiter steigen, während Moskau und Kiew ihre nächsten Schritte auf dem Schlachtfeld vorbereiten. Die zahlenmäßige Überlegenheit des russischen Militärs gibt ihm wahrscheinlich die Möglichkeit, die größeren operativen Fähigkeiten und die Moral der Ukraine sowie ihren Zugang zu westlicher Unterstützung auszugleichen. Dementsprechend ist das wahrscheinlichste Ergebnis des Konflikts nicht ein vollständiger ukrainischer Sieg, sondern ein blutiges Patt.” (1ii)

Im Council weiß man natürlich, dass dieser Krieg gegen Russland vom Westen geführt wird. Der finanzielle, strategische, ja selbst der operative Einfluss Washingtons und Londons auf die Kiewer Führung ist überwältigend. Haass lässt nun die NATO einfach weg. Im Sinne der strategischen Kommunikation nach außen ist das sogar notwendig. Die strategischen Entscheider im Westen achten akribisch darauf, den Krieg in der Ukraine als regionalen Konflikt,  maximal jedoch als Stellvertreterkrieg darzustellen. Man balanciert, um sich nicht offiziell als direkter Kriegsteilnehmer zu outen.

Dilettanten wie die deutsche Außenministerin Baerbock sind in ihrer Unfähigkeit, tatsächlich strategisch zu denken, dazu nicht in der Lage und posaunen heraus: „Wir führen einen Krieg gegen Russland“. Da muss dann fleißig repariert werden, um solche Aussagen — die natürlich der Wahrheit entsprechen — im Sinne der Pflege des Erzählraumes zu relativieren und zu entschärfen (2). Welches Maß an Inkompetenz Annalena Baerbock lebt, wird noch deutlicher, wenn man weiß, dass Deutschland seit der Kapitulation der deutschen Wehrmacht im Mai 1945 bis zum heutigen Tage im Zustand eines Waffenstillstandes mit Russland verharrt.

Haass achtet also darauf, das Bild nicht zu stören, nachdem der NATO-Westen in der Ukraine lediglich dem „Überfallenen hilft“, angeblich aus einer moralischen Verpflichtung heraus. Sonst aber mit dem Konflikt rein gar nichts zu tun hätte. Das ist gelogen, aber notwendig für den Erzählraum, weil eben auch notwendig für das ideologische Wohlbefinden der ausführenden Politiker. Aber es gibt im gerade ausgeführten Zitat eine wichtige Botschaft: „Das wahrscheinlichste Ergebnis des Konflikts ist nicht ein vollständiger ukrainischer Sieg, sondern ein blutiges Patt”.

Was wir erkennen dürfen, beruht im Sachverhalt, dass dies keine aus der Analyse geborene Prognose darstellt, sondern ein Zielszenario, das umgehend mit praktischen Taten angegangen werden muss. Das ist auch überhaupt nichts Neues, sondern ein bewährtes Konzept des früheren britischen Empires und seines innig verbundenen Nachfolgers, des US-Imperiums. Solche Lösungen hat man im Nahen Osten (Sykes-Picot-Abkommen, Israel/Palästina), Korea, Vietnam, Jugoslawien, Sudan, wieder Syrien, Libyen und anderswo umgesetzt. Teile und Herrsche lautet das Prinzip, bei dem man einen „Pfahl in das Fleisch“ von Gesellschaften und Regionen rammt, um jene dauerhaft in einen krankhaften Zustand drohender, blutiger Ausbrüche von Konflikten zu versetzen.

Dieses Konzept ist nicht neu und es ist auch nicht kreativ. Das Intrigieren, das Schaffen von Misstrauen, Neid, Hass, das gegenseitige Entfremden ist ein strategisches Konzept, um Macht und Kontrolle zu erhalten. Und es ist pathologisch. Weil es verhindert, dass Menschen und Gesellschaften friedlich miteinander zusammen leben können. Mit einer solchen pathologischen Herangehensweise stellt man die eigenen Interessen jenen Anderer auch immer vorne an. So ist es auch zu verstehen, warum man bereit ist, Ukrainer im eigenen Krieg gegen Russland zu opfern — freilich nur so lange, wie dieser Krieg sich ausreizen lässt, ohne dabei selbst in die Gefahr des Untergangs zu geraten.

„Der Westen braucht einen Ansatz, der diese Realitäten anerkennt, ohne seine Prinzipien zu opfern. Der beste Weg nach vorn ist eine aufeinander aufbauende, zweigleisige Strategie, die darauf abzielt, zunächst die militärischen Fähigkeiten der Ukraine zu stärken und dann, wenn die Kampfsaison Ende des Jahres zu Ende geht, Moskau und Kiew vom Schlachtfeld an den Verhandlungstisch zu bringen. Der Westen sollte damit beginnen, die Lieferung von Waffen an die Ukraine unverzüglich zu beschleunigen und deren Quantität und Qualität zu erhöhen.“ (1iii)

Die Leute beim CoFR haben ihre, auf psychopathischen Wesenseigenschaften beruhende Ideologie seit vielen Jahrzehnten tief verinnerlicht. Damit so viele Russen wie möglich sterben, zum Zwecke, dass ein Land geschwächt wird oder auseinander bricht, ist es für die „kreativen Zerstörer“ völlig legitim, Hunderttausende Ukrainer auf dem Schlachtfeld sterben zu lassen. Und erst dann, wenn diese Ressourcen erschöpft, wenn der Vasall ausgepresst ist, erst dann „erwärmt sich Kiew auch für die Idee einer Verhandlungslösung“:

„Ziel sollte es sein, die ukrainische Verteidigung zu stärken und gleichzeitig die kommende Offensive so erfolgreich wie möglich zu gestalten, um Russland schwere Verluste zuzufügen, Moskaus militärische Optionen auszuschließen und seine Bereitschaft zu erhöhen, eine diplomatische Lösung in Betracht zu ziehen. Wenn die erwartete ukrainische Offensive vorbei ist, könnte sich Kiew auch für die Idee einer Verhandlungslösung erwärmen, nachdem es auf dem Schlachtfeld sein Bestes gegeben hat und sowohl seine eigenen Arbeitskräfte als auch die Hilfe aus dem Ausland immer knapper werden.“ (1iv)

Es ist aber nicht Kiew, das hier souverän entscheidet, ob es Krieg führen oder verhandeln will. Strategische Entscheidungen zum Konflikt werden in Washington und London getroffen. Weil es ursächlich einzig und allein deren Krieg ist, es seit vielen Jahrzehnten ist und eben nicht einer der Ukraine. „Nachdem Kiew auf dem Schlachtfeld sein Bestes gegeben hat“, nämlich seine Menschen, entscheidet sein Vormund, wie man den Konflikt weiterzuführen gedenkt, aber doch nicht Selenskyj oder die Puppenspieler, welche ihn ablösen werden.

Dieser Zynismus denkt in Traditionen. Das hat man schon immer so gemacht. Aber die Zeiten sind revolutionär. Die Machtverhältnisse verschieben sich, und das sehr rasch. Wer in Macht denkt, spürt das. Die Gestalter im Westen mögen pathologisch sein, aber dumm sind sie nicht. Ihnen ist es doch völlig egal, ob der Ukraine (zum Beispiel) die Krim oder der Donbass gehört oder nicht. Sie schauen einfach, was sie selbst maximal aus dem Konflikt herausholen können, solange die Kosten nicht von ihnen selbst zu tragen sind:

„Am Ende dieser Kampfsaison werden auch die Vereinigten Staaten und Europa guten Grund haben, ihre erklärte Politik der Unterstützung der Ukraine aufzugeben, «so lange es nötig ist», wie US-Präsident Joe Biden es formuliert hat. Die Aufrechterhaltung der Ukraine als souveräne und sichere Demokratie ist eine Priorität, aber um dieses Ziel zu erreichen, muss das Land nicht kurzfristig die vollständige Kontrolle über die Krim und den Donbass zurückgewinnen. Der Westen sollte auch nicht befürchten, dass ein Waffenstillstand, bevor Kiew sein gesamtes Territorium zurückerobert hat, die auf Regeln basierende internationale Ordnung zum Einsturz bringen könnte. (1v)

Machtbewusste, jene deren Selbstverständnis, deren Ego, existenziell davon abhängig ist, Kontrolle auszuüben. Deren Selbstachtung sich daran festmacht, inwieweit sie nach außen steuern und verändern können. Solche Menschen können Machtverlust nicht einfach rational abhaken. Nein, sie sind im Zuge des emotionalen Selbsterhalts gezwungen, ihr Narrativ anzupassen. Und jetzt kommen wir an einen Punkt, an dem strategische Kommunikation betrieben wird. Ein Waffenstillstand mit Russland, ohne vorherige Rückeroberung „verlorener Territorien“ im Süden und Osten der Ukraine, muss nämlich neuerdings nicht zu Befürchtungen Anlass geben, dass damit die internationale, regelbasierte Ordnung zum Einsturz gebracht werden könnte.

Der ist gut, finden Sie nicht auch?

Richard Haass redete selbstredend nicht von den Regeln, die in der UN-Charta vereinbart wurden. Der Council on Foreign Relations wird sich niemals dem Regelwerk einer externen, internationalen Behörde unterwerfen. Der CoFR steht für Leute, die selbst die Regeln bestimmen. Die internationale, regelbasierte Ordnung, die hier gemeint wird, ist jene, die Washington in der gegebenen Zeit für tauglich hält und auch sehr flexibel handhabt und anpasst. Im Sinne der eigenen Rollenrettung, nämlich global jederzeit die Dinge gestalten zu können, wird einfach ein wenig von der Geschichte abgehobelt, dass (zum Beispiel) die „Annexion der Krim“ die regelbasierte Ordnung gefährden würde. Ganz nach dem Motto: Was interessiert mich mein Geschwätz von gestern? Es interessiert ja auch nicht Jene, die brav jeden ideologischen Müll wiederkäuen, der aus Denkfabriken wie dem Council serviert wird.

Wie hatte doch die deutsche Außenministerin zwei Monate zuvor getönt (Hervorhebung durch Autor)?

„In diesem Zusammenhang wird Außenministerin Baerbock in Genf noch einmal deutlich machen, dass Deutschlands Unterstützung der Ukraine mit Waffenlieferungen für deren Selbstverteidigung nicht im Widerspruch zu Deutschlands Engagement für Abrüstung, Rüstungskontrolle und Nichtverbreitung steht. Beides dient vielmehr dazu, die internationale regelbasierte Ordnung zu verteidigen.“ (3)

Es wird einigen Aufwand erfordern, einer Annalena Bearbock klar zu machen, dass die Definition zur Gefährdungslage der „regelbasierten Ordnung“ inzwischen den veränderten Gegebenheiten angepasst wurde. Was muss weiterhin getan werden, um das Narrativ einer moralisch gesetzmäßigen Unbesiegbarkeit des Wertewestens im Spiel zu halten? Es werden Niederlagen des Gegners herbei geredet. Das ist das übliche Bla, bla. Man „hat Russlands Bemühungen um die Unterwerfung eine Abfuhr erteilt“. Dabei ist sowohl das Eine wie auch das Andere ein Produkt der Phantasie, eine märchenhafte Erzählung, in der stets das Gute über das Böse siegt. Die strategische Kommunikation muss immer in solch eine moralinsaure Erzählung eingebettet werden. Und wo liegt diese in den folgenden beiden Sätzen des Richard Haass?

„Die ukrainische Tapferkeit und die  Entschlossenheit des Westens haben Russlands Bemühungen um die Unterwerfung der Ukraine bereits eine Abfuhr erteilt, Moskau eine entscheidende strategische Niederlage zugefügt und anderen Möchtegern-Revisionisten gezeigt, dass die Eroberung von Territorien ein kostspieliges und lästiges Unterfangen sein kann. Ja, es ist wichtig, die russischen Gewinne zu minimieren und zu zeigen, dass sich Aggression nicht lohnt, aber dieses Ziel muss gegen andere Prioritäten abgewogen werden.“ (1vi)

Richtig, das ist die relevante Botschaft: „Das Ziel, russische Gewinne zu minimieren, ist wichtig, gegen andere Prioritäten abgewogen zu werden“. Nun endlich kam der Vertreter eines westlichen, elitären Führungszirkels zur Sache und beachten Sie, liebe Leser, dass dies vor einem halben Jahr war, im April 2023:

„In Wirklichkeit birgt die fortgesetzte Unterstützung Kiews in großem Stil umfassendere strategische Risiken. Der Krieg untergräbt die militärische Bereitschaft des Westens und dezimiert seine Waffenvorräte; die Verteidigungsindustrie kann mit den Ausgaben der Ukraine für Ausrüstung und Munition nicht Schritt halten. Die NATO-Staaten können die Möglichkeit direkter Feindseligkeiten mit Russland nicht ausschließen, und die Vereinigten Staaten müssen sich auf mögliche Militäraktionen in Asien (zur Abschreckung oder als Reaktion auf ein chinesisches Vorgehen gegen Taiwan) und im Nahen Osten (gegen Iran oder terroristische Netzwerke) vorbereiten.“ (1vii)

Ein guter Freund hat das so kommentiert: „Wie buchstabiert man ‚Kapitulation‘ und hofft, dass es niemand hört…?“ Doch, es soll schon jemand hören. Der öffentliche Erzählraum soll zwar weiter wirken wie bisher. Doch müssen durch diesen nun auch für den Absender und bestimmte Adressaten unangenehme Nachrichten geschleust werden. Wem also galt diese Nachricht? Nun, erst einmal dem kriegerischen Fußvolk, dessen Führung sein Land auf einer Welle des Nationalismus und mit kräftigem Rückenwind des Westens in diesen Krieg gegen Russland getrieben hat. Wie pfeift man diese kriegerische Bande zurück, die für den Sieg bereit ist, die Existenz des eigenen Landes aufs Spiel zu setzen. Wieder Richard Haass:

„Kiew zu einem Waffenstillstand und zu unsicheren diplomatischen Bemühungen zu bewegen, könnte nicht weniger schwierig sein als Moskau dazu zu bewegen. Viele Ukrainer würden diesen Vorschlag als Ausverkauf betrachten und befürchten, dass die Waffenstillstandslinien lediglich zu neuen De-facto-Grenzen werden würden. Zelensky müsste seine Kriegsziele drastisch zurückschrauben, nachdem er seit den ersten Monaten des Krieges den Sieg versprochen hatte — keine leichte Aufgabe selbst für den talentiertesten Politiker.“ (1viii)

Nicht, dass die Gestalter aus dem Dunstkreis des CoFR ihre pathologischen Neigungen aufgegeben hätten. Aber sie haben begriffen, dass ihr Ukraine-Projekt mit der Nutzung einer national-faschistoiden Ukraine als Vorschlaghammer zur Zerschlagung des russischen Staatswesens zunehmend ausgereizt ist. Und nicht nur das, es droht ihnen gar über den Kopf zu wachsen. Sie wissen, dass sie sich auf einen direkten Konflikt mit Russland nur unter Strafe des eigenen Untergangs einlassen können. Warum dann nicht eine chronische, schwärende Wunde, die jederzeit wieder zum Ausbrechen gebracht werden kann, zurücklassen? Um dann, wenn die Dinge wieder besser für den Hegemon auf Ewigkeit stehen, in dieser Wunde herumzustochern? Warum soll das, was 1949 in Deutschland, 1953 in Korea und 1954 in Vietnam, später im Sudan und im Yemen so gut funktionierte, nicht noch ein weiteres Mal gut gehen?

„Dennoch könnte Kiew letztendlich viel an dem Plan Gefallen finden. Obwohl das Ende der Kämpfe eine neue Kontaktlinie zwischen Russland und der Ukraine einfrieren würde, würde Kiew nicht aufgefordert oder unter Druck gesetzt werden, das Ziel der Rückeroberung des gesamten Landes, einschließlich der Krim und des Donbass, aufzugeben. Vielmehr würde der Plan darin bestehen, die Klärung des Status des Landes und der Menschen, die noch unter russischer Besatzung stehen, aufzuschieben. Kiew würde auf den Versuch verzichten, diese Gebiete jetzt gewaltsam zurückzuerobern — ein Unterfangen, das sicherlich kostspielig wäre, aber wahrscheinlich scheitern würde — und stattdessen akzeptieren, dass die Wiederherstellung der territorialen Integrität auf einen diplomatischen Durchbruch warten muss.“ (1ix)

An wen nun ist diese Botschaft gerichtet, an die ukrainische oder gar an die russische Regierung?

„Ein Durchbruch wiederum ist vielleicht erst möglich, wenn Putin nicht mehr an der Macht ist. In der Zwischenzeit könnten die westlichen Regierungen versprechen, die Sanktionen gegen Russland vollständig aufzuheben und die Beziehungen zu Russland nur dann zu normalisieren, wenn Moskau ein Friedensabkommen unterzeichnet, das für Kiew akzeptabel ist.“ (1x)

Da ist sie wieder, die Politik des Teile und Herrsche. Haass und jene die hinter ihm stehen, haben eine faule Frucht nach Russland geschickt. Sie ködern die Verlierer der Umwälzungen in Russland selbst, eine Mischung aus Oligarchen, Intellektuellen und vom Westen gepamperten Aktivisten, die man auch gern als fünfte Kolonne bezeichnen kann. Als Belohnung darf ein „erneuertes“ Russland, eines ohne das „System Putin“, gleich einem reuigen Sünder wieder in den Kreis der wertewestlichen Guten zurückkehren. Haass und die Seinen geben offen zu, wo sie ihr strategisches Ziel sehen. Und täuschen sich. Weil eine genau solche Frucht Russland in den 1990er Jahren ins Unglück stürzte. Das ist ein Jahrzehnt, das sich in das Bewusstsein der russischen Gesellschaft tief eingebrannt hat. Die fünfte Kolonne in Russland, sie gibt es. Und sie kann Schaden anrichten. Aber sie wird überschätzt, weil ihr Rückhalt in der Gesellschaft klein und kleiner geworden ist.

Und so hätten es bestimmte, allerdings beileibe nicht alle Gestalter an den Schalthebeln der Macht in London und Washington gern:

„Diese Formel verbindet also strategischen Pragmatismus mit politischen Grundsätzen. Der Frieden in der Ukraine darf nicht von Kriegszielen abhängig gemacht werden, die zwar moralisch gerechtfertigt, aber wahrscheinlich unerreichbar sind. Gleichzeitig sollte der Westen die russische Aggression nicht belohnen, indem er die Ukraine zwingt, den Verlust von Territorium mit Gewalt dauerhaft zu akzeptieren. Die Lösung besteht darin, den Krieg zu beenden und gleichzeitig die endgültige Verfügung über die noch unter russischer Besatzung stehenden Gebiete aufzuschieben.“ (1xi)

Aber bevor dies geschieht, „schlägt man der Ukraine vor“, maximal Personal zu verheizen. Um den Konflikt gesichtswahrend für sich selbst und als Joker für spätere Auseinandersetzungen einzufrieren:

„Nach diesem Ansatz würden die westlichen Unterstützer der Ukraine einen Waffenstillstand vorschlagen, wenn die kommende Offensive der Ukraine an ihre Grenzen stößt. Im Idealfall würden sowohl die Ukraine als auch Russland ihre Truppen und schweren Waffen von der neuen Kontaktlinie abziehen und so eine entmilitarisierte Zone schaffen. Eine neutrale Organisation – entweder die UNO oder die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa – würde Beobachter entsenden, um den Waffenstillstand und den Rückzug zu überwachen und durchzusetzen.“ (1xii)

Das war, wie schon gesagt, im April 2023. Die Zeit ist ins Land gegangen und Kiew tat, wie ihm befohlen. Die ukrainische Offensive hat 120 Quadratkilometer Landgewinn in der Grauen Zone der Frontlinien erbracht und bis zu 100.000 Soldaten das Leben gekostet. Das vom Westen bereitgestellte Kriegsmaterial wurde zu großen Teilen geschrottet.

Aber die NATO hat sich in der Ukraine endgültig festgebissen und könnte nun den neuen Status Quo verwalten. Die Kontaktlinie übergäbe man der Kontrolle von Blauhelmsoldaten der UNO. Auf der Basis des geschaffenen Status Quo würde man Russland neue Abrüstungsverhandlungen anbieten und unter Hinzunahme neutraler Vermittler eine langfristige Friedenslösung erarbeiten. „Nebenbei“ wird das ukrainische Militär erneut hochgerüstet:

„Selbst wenn ein Waffenstillstand gehalten und ein diplomatischer Prozess in Gang gesetzt würde, sollten die NATO-Länder die Ukraine weiter bewaffnen und damit in Kiew alle Zweifel ausräumen, dass die Einhaltung eines diplomatischen Fahrplans das Ende der militärischen Unterstützung bedeuten würde.“ (1xiii)

Ja, das hätten sie gern.

Nur, gab es das alles schon. Und Russland wurde ausgespielt, wieder und wieder. Russland ist nicht mehr Teil dieses so oft betriebenen Spieles.

Und genau das haben Haass und Co. noch nicht begriffen. Selbst wenn man sie nicht der Kabale hinter Joe Biden zuordnen mag. Unter anderem jenen neokonservativen Einpeitschern, die um jeden Preis an der Eskalation des Ukraine-Konflikts festhalten wollen. Es gibt auch andere Machtgruppen mit Einfluss auf die US-Politik, die in ähnlicher Art und Weise wie die Leute beim Council nach Rückzugswegen aus dem Ukraine-Konflikt suchen, wie zum Beispiel die Studie der Pentagon- und rüstungsnahen RAND Corporation aus dem Januar 2023 (4) verrät. Diese Gruppen sind zumindest so einsichtig, zu begreifen, dass Ihre ursprünglichen Konzepte zur Schwächung und Destabilisierung Russlands (5) nicht aufgegangen sind.

Der Autor wagt eine Prognose:

Das von Haass beschriebene Szenario wird nicht eintreffen. Minsk 2 wurde verraten. Das war die mögliche friedliche Lösung zur Beilegung der internen ukrainischen Konflikte. Unabhängige Beobachter der OSZE lösten nicht das Problem zwischen den kämpfenden Parteien an den Kontaktlinien in der Ukraine. Die NATO hat ihr Potenzial in der Nähe der Grenzen Russlands und Weißrusslands systematisch ausgebaut. Die Ukraine wurde militarisiert und der Nationalismus dort feiert seine faschistischen Symbole um den Kriegsverbrecher Stepan Bandera. Die Diplomatie Russlands konnte das nicht verhindern.

Aus diesem Grund schafft Russland mit militärischer Gewalt neue Konstellationen in der Ukraine und wird das fortsetzen, solange ihm nicht in drei Punkten entscheidend entgegen gekommen wird: Schutz der russischen Ethnie, Entmilitarisierung sowie Entfaschisierung der Ukraine. Damit ist auch klar, dass das Kiewer Regime kein akzeptierter Verhandlungspartner Moskaus mehr ist. Ein verdecktes Spiel wird nicht mehr akzeptiert und den strategischen Vorteil, den Russland inzwischen gewonnen hat, wird es nicht aus der Hand geben. Der Traum der Erben von Brzezinski und Co., die Ukraine dauerhaft als Rammbock gegen Russland zu missbrauchen, er wird platzen.

Die treibenden westlichen Kräfte hinter dem Ukraine-Konflikt haben noch einiges an Arbeit vor sich, um ihre Niederlage in der Ukraine als Sieg erscheinen zu lassen. Zu sehr hat man die Bevölkerungen und ihre Politiker auf einen alternativlosen, siegreichen Feldzug gegen Russland eingeschworen. Das Narrativ anzupassen, bedarf einer gewissen Zeit und trickreicher Spin-Doktoren. Ein das Gesicht wahrender Rückzug dürfte aber die notwendige Voraussetzung sein, um das NATO-Bündnis vor dem Verfall zu retten und im öffentlichen Erzählraum das Narrativ einer Weltmacht noch eine Weile aufrecht erhalten zu können. Erst recht, weil eine Reihe weltweit operierender und die US-Politik maßgeblich steuernde Konzerne um ihre ukrainische Beute bangen.

Aber dieser Rückzug könnte auch schmutzig werden: In dem man anderswo beim Eskalieren eines anderen Konflikts „nachhilft“, was den Scheinwerfer des Interesses weg vom ukrainischen Schlachtfeld lenkt und den Informationsraum mit neuen Narrativen befüllt. Konfliktherde zum „Aufwärmen“ gibt es ja genug und in allen gibt es für die USA stets etwas zu tun, zum Beispiel im Nahen Osten, in Israel, im Konflikt um Palästina. Der Boden für diesen Konflikt wurde bereits vor dem Zweiten Weltkrieg in London bereitet…

Bitte bleiben Sie schön aufmerksam, liebe Leser.


Anmerkungen und Quellen

(Allgemein) Dieser Artikel von Peds Ansichten ist unter einer Creative Commons-Lizenz (Namensnennung – Nicht kommerziell – Keine Bearbeitungen 4.0 International) lizenziert. Unter Einhaltung der Lizenzbedingungen — insbesondere der deutlich sichtbaren Verlinkung zum Blog des Autors — kann er gern weiterverbreitet und vervielfältigt werden. Bei internen Verlinkungen auf weitere Artikel von Peds Ansichten finden Sie dort auch die externen Quellen, mit denen die Aussagen im aktuellen Text belegt werden.

(1 bis 1xiii) 13.04.2023; Foreign Affairs; Richard Haass and Charles Kupchan; The West Needs a New Strategy in Ukraine; https://www.foreignaffairs.com/ukraine/russia-richard-haass-west-battlefield-negotiations

(2) 29.01.2023; MSN, Focus; Wir sind im Krieg mit Russland? Nein, Frau Baerbock!; https://www.msn.com/de-de/nachrichten/politik/die-mail-von-merz-wir-sind-im-krieg-mit-russland-nein-frau-baerbock/ar-AA16SgIF

(3) 27.02.2023; Auswärtiges Amt; Für Völkerrecht und regelbasierte Ordnung: Außenministerin Bearbock in Genf; https://www.auswaertiges-amt.de/de/aussenpolitik/menschenrechte/aussenministerin-baerbock-beim-menschenrechtsrat–bei-der-abruestungskonferenz-und-geberkonferenz-fuer-jemen-in-genf/2584450

(4) Januar 2023; RAND Corporation; Samuel Charap, Miranda Priebe; Avoiding a Long War; https://www.rand.org/pubs/perspectives/PEA2510-1.html

(5) 2019; RAND Corporation; James Dobbins, Raphael S. Cohen, Bryan Frederick Howard J. Shatz und weitere; Extending Russia, Competing from Advantageous Ground; https://www.rand.org/content/dam/rand/pubs/research_reports/RR3000/RR3063/RAND_RR3063.pdf, ISBN-978-1-9774-0021-5

(Titelbild) Ukraine, Flagge, Wall Street; Autor: Mathias Reding (Pexels); https://www.pexels.com/de-de/foto/menschen-strasse-blau-gelb-11421405/; Lizenz: Creative Commons CC0

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3 Kommentare

  1. Was meinen die hohen Kirchen zu kriegerischen Auseinandersetzungen? Bin noch nicht drauf gekommen.Großes Schweigen oder wenn, nicht viel dazu. Würde meinen, daß da eine positive Einmischung nicht falsch wäre.Wofür dann? Bräuchten Menschen psychische Unterstützung.Wenn nicht da; wo sonst?

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