Die Nichtdenker

Tiefer gehende Reflexion ist Mangelware geworden — bei Politikern wie bei Bürgern. Besser wäre es, mal die Medien aus- und das Gehirn einzuschalten.

Die ungelösten Probleme häufen sich, vom Wohnungsmangel bis zur Verkehrswende, vom Stellungskrieg bis zur Verteilung von Einkommen und Vermögen. Aber es kommt nicht zu Lösungen, weil die Kompliziertheit der Querverbindungen ein hohes Maß an kreativen Gedanken und Gedankenaustausch erfordert. Seit Jahren und Jahrzehnten kommen wir kaum weiter. Da ist ein akuter Mangel an geistiger Leistung auf allen Ebenen, bei Politikerinnen und Politikern, in den Medien und Parteien, aber auch bei den sogenannten normalen Menschen, denen es persönlich zu viel ist, sich auch noch mit Problemen auseinanderzusetzen, die alle angehen. Zum Teil liegt dies gewiss auch daran, dass Menschen nicht mehr viel miteinander, dafür lieber mit ihrem Handy kommunizieren.

von Rob Kenius (manova)

Es gibt einen pauschalen Grund für diesen Mangel an Reflexion, an Entscheidungen und an Konsequenz bei der Durchsetzung. Die Menschen haben, trotz ihrer hohen kognitiven Fähigkeiten, geistig abgebaut, ohne es zu merken. Die Hauptursache dafür ist die explosionsartige Entwicklung der Massenmedien seit etwa hundert Jahren. Ernsthaftes Nachdenken und ein offener Diskurs werden durch die Oberflächlichkeit in den Medien immer mehr zurückgedrängt. Pauschal gesagt:

Die Menschen haben das Denken verlernt.

Ein Beispiel ist die Einstellung zur Emanzipation und Gleichberechtigung der Frauen. Um festzustellen, ob eine Frau mutig für ihre Rechte eintritt, oder ob ein Mann Frauen gleichwertig behandelt und auf männliche Privilegien verzichtet, müsste man sich im Gespräch mit den Personen auseinandersetzen und gezielt darüber nachdenken, was sie sagen und was sie tun. Stattdessen werden mit der Gendersprache oberflächliche Kriterien hergestellt, die jeder Dummkopf erfüllen und erkennen kann. Gedankliche Analyse wird durch Erkennungszeichen ersetzt, die so belanglos sind wie die Markenzeichen an Turnschuhen.

Der Trend zur Oberflächlichkeit begann mit dem Fernsehen. Auf einmal konnten alle jeden Tag, wie im Kino oder Theater, in der eigenen Wohnung Filme und Handlung einschalten. Dazu Nachrichten aus aller Welt, jeden Abend, vor dem Unterhaltungsprogramm. Das ging immer so weiter, bis ein großer Teil der Zuschauer drei, vier und mehr Stunden am Tag ferngesehen hat. In dieser Phase wurde bereits viel zu wenig geredet und nachgedacht, schon gar nicht über das unangenehme Thema Politik.

Die Jugend wollte sich aber gegenseitig wahrnehmen und kennen lernen, nicht nur in und nach der Schule, sondern auch in der Disko, sie wollten tanzen und flirten. Einige griffen zu Gitarre oder Schlagzeug und wurden kreativ. Es kam die große Zeit der Popmusik, erst in den Diskotheken, dann am Radio, schließlich mit Transistorradio und Walkman. Man konnte acht Stunden am Tag Musik hören und man glaubte, sich mit anderen zu verstehen – und man verstand sich auch mit vielen.

Die Jugend wurde von einer Konsumgemeinschaft zu einer starken, gleichgesinnten, oppositionellen Bewegung, und das geschah gleich mehrmals. Erst die 68er, von denen die Rolling Stones immer noch aktiv sind, dann Reggae, Punk und Hip-Hop.

Das Internet hat die Situation der Musikwelt entschieden verändert. Musikfans können dort Musik abrufen und speichern, sie können sich ein eigenes Programm zusammenstellen und per Kopfhörer den ganzen Tag von den Beats treiben lassen. Der Nachteil war, dass das Internet der Musikbranche das Geld wegnahm. Die große Zeit der oppositionellen Musikkultur als internationale Bewegung ist vorbei. Das Geld verdienen jetzt ein paar Nerds und anonyme Plattformen im Internet, die nach der Zeit der Piraterie das digitale Musikgeschäft übernommen haben.

Im Internet entstanden als neues Massenphänomen die sogenannten Sozialen Medien. Sie wurden so genannt, weil man glaubte, die Kontaktmaschinen würden soziale Kontakte herstellen und fördern. Viele hofften auf mehr Demokratie durch politische Diskussionen und breite Meinungsbildung. Aber es kam anders.

Kommerzialisierung hat die sozialen Kontaktmaschinen in Geldmaschinen umgewandelt, die das Bedürfnis nach Kontakten statistisch und werbetechnisch zum Geldverdienen ausnutzen. Das verläuft so, dass die Nutzer es kaum merken und nicht mehr zum Nachdenken kommen.

So wie die Betreiber unter dem Druck stehen, Werbung zu machen und mit Statistiken Geld zu verdienen, so werden die Teilnehmerinnen und Teilnehmer unter Druck gesetzt, die richtigen Tasten zu drücken, Felder anzuklicken, auch selber die richtigen Worte zu benutzen, um woke zu sein, und die richtigen Dinge zu kaufen, damit sie zu der Menge gehören, zu der sie gerne gehören möchten. Und so gehören sie schließlich zur absolut gedankenlosen absoluten Mehrheit.

Es kommt nur noch auf die richtigen Reflexe an. Das wird von den Anbietern forciert, weil sie die schnellen und zahlreichen Klicks direkt zu Geld machen. Die Algorithmen sind so programmiert, dass die User sechzehn Stunden am Tag zur Verfügung stehen und möglichst viele Klicks erzeugen.

In dieser Parallelwelt können Teilnehmerinnen und Teilnehmer mit sogenannten Followern durch Schnelligkeit und Gefälligkeit auch persönliche Erfolge erzielen. Das Nachdenken wird auf Reflexe reduziert, die schriftliche Kommunikation beschränkt sich auf das Format von wenigen Zeichen.

Die persönliche Auswahl von Inhalten, zum Beispiel Musik, wird überlagert durch ein Überangebot an Reizen und einen diffusen Nebel, Regen oder Fluss von Informationen und Meinungen, wobei kaum eine Pause entsteht. Der Unterschied zwischen Information und Meinung, der durch genaueres Nachdenken möglich wäre, wird nicht mehr wahrgenommen. Die Kommunikation ist reduziert, sie ist unreflektiert, rein funktional durch Stimmungssymbole oder Daumen rauf und runter, nur affirmativ oder ablehnend, kurze Standortansage, Terminbestätigung, ein paar Grußfloskeln, klick, weiter.

Wichtig ist der Austausch von Bildern, Webadressen, Programmhinweisen. Das Nachdenken über Inhalte und Zusammenhänge ist ausgeschaltet. Zum Denken ist keine Zeit, und in der Oberflächlichkeit verschwinden alle tiefer greifenden Themen. So ist es möglich, dass man den Klimawandel immer noch leugnen kann, ein Virus wird zur globalen Gefahr aufgebauscht, und ein Krieg wird wie ein sportliches Ereignis behandelt. Das alles ist möglich, weil sich die Jugend im Durchschnitt mehr als sechs Stunden täglich mit dem Handy beschäftigt.

Das, was hier kurz beschrieben ist, man könnte auch Bücher damit füllen, ist ein globales Phänomen, und es bedeutet, dass ein großer Teil der Menschen das Denken verlernt hat. Sie sind außerhalb von Schule, Studium und Beruf nicht mehr in der Lage, über eine Frage, Entscheidung oder Antwort konzentriert nachzudenken. Das lässt sich überall da feststellen, wo Denken gefragt ist: Politik, Kultur, Kreativität, Mathematik, wissenschaftliche Zusammenhänge und eigene Ideen.

In den Internetforen, wo es eine Kommentarfunktion gibt, häufen sich dumme Bemerkungen, die erkennen lassen, dass die anonymen Absender die Sache nicht erfasst oder nicht gedanklich verarbeitet haben, sondern einfach nur einen Kommentar abgeben, der ihr Ego bestätigt und dabei die anderen abwertet. Auf den Plattformen schaukeln sich unbedachte Äußerungen hoch, bis hin zu den bekannten Schimpf-Kaskaden.

Ich muss gestehen, dass ich mich in dieser Szene nicht wirklich auskenne, weil ich sie meide. Doch das Ergebnis ist inzwischen auf einer ganz anderen Ebene zu beobachten: Die Menschen haben das Denken über ihre eigene Situation und über Politik verlernt, sie reagieren und bleiben oberflächlich, egal um welche Themen es sich handelt. Sie sind unkritisch gegenüber Propaganda und Meinungsmache. Sie können nicht mehr in historischen Zusammenhängen denken, nicht einmal über Dinge, die zu ihren Lebzeiten geschehen sind. Sie lassen sich von Medien und Narrativen manipulieren und merken es nicht. Sie unterscheiden nicht zwischen Moral und Annehmlichkeit, nicht zwischen Kunst und Mode, nicht zwischen einem echten Anliegen und dem spontanen Anklicken einer Präferenz.

Tiefer gehende Gedanken und Ansichten entstehen, wenn man sich in einem Gespräch, in kleiner Runde, ernsthaft auseinandersetzt und gegenteilige Meinungen austauscht. Das findet nicht mehr statt, weil jeder ständig mit seinem Handy beschäftigt ist oder auf ein Signal wartet, das aus einem anderen Raum, von einer nicht anwesenden Person kommt.

Das macht Konzentration unmöglich. Ohne Konzentration kein Nachdenken. Ohne Nachdenken keine profunde Meinung. Das Resultat ist eine unqualifizierte Mehrheitsmeinung, die wie ein Strudel nach unten zieht.

Alle wichtigen Themen und Entscheidungen verlangen den Einsatz von Intelligenz und ernsthafter Diskussion möglichst vieler Menschen. Nur so ist Demokratie praktizierbar. Es müsste so sein, dass erfahrene oder besser informierte Personen eine Mehrheit überzeugen können. Das geht nicht schnell, sollte aber möglich sein, denn sonst wird die Kommunikationsfähigkeit der Menschen und die Sprache, die wir über tausende Jahre entwickelt haben, nicht mehr zum Vorteil und zum Fortschritt, sondern zum Gelaber genutzt. Nachdenken ist erforderlich, und zwar in einer Dimension von Stunden und nicht von Sekunden. Genau das haben die meisten verlernt.

Das Ergebnis ist überall dort zu beobachten, wo Politik gemacht werden soll, wo es an vernünftigen Entscheidungen mangelt und an der Beharrlichkeit, sie durchzusetzen. Es mangelt auch an einer kritischen Wahl von Repräsentanten, die durch ernsthaftes Nachdenken und Argumentieren andere überzeugt haben und so in einer Partei und im Parlament nach oben kommen. Es funktioniert umgekehrt: Erst der Aufstieg durch Konformismus und Protektion von oben, dann ergibt sich die Möglichkeit, inhaltlich etwas beizutragen.

Die Bekanntheit in den Medien bestimmen Journalistinnen und Journalisten. Sie sollten die freie Kommunikation intelligent unterstützen und das Publikum zum Denken anregen, aber sie zitieren lieber Kurztexte aus dem Internet, wie sie auf X, früher Twitter, Facebook oder in WhatsApp-Gruppen verbreitet werden. Diese Kanäle sollten für Politikerinnen und Journalisten irrelevant sein, sie sind private Unterhaltung und so etwas wie eine digitale Gerüchteküche.

Die Realität ist, dass die großen Medien keinen Beitrag mehr zur Aufklärung und Anregung leisten, sondern an erster Stelle nur den Konsens zwischen Geldgebern, Mächtigen, also der Regierung, ihrem Medium und dem Publikum herstellen. Das geschieht mit den Methoden der Propaganda: Ständige Wiederholung von Behauptungen ohne Beleg, und dazu Unterdrückung aller anderen Ansichten.

Widerstand leisten nur die freien Foren im Internet, die mit wenig Geld öffentliche und leicht zugängliche Kommunikation herstellen. Dort kann man die Ergebnisse unabhängigen Denkens erfahren und — wenn man sich die Zeit nimmt — selber kreativ werden, nachdenken und zu Wort kommen.

Das Wichtigste ist aber, zuerst die Quellen der Desinformation und Oberflächlichkeit abzuschalten.

Radio und Fernsehen aus! Facebook abmelden. X dem Donald Trump überlassen. Und keine Angst vor Langeweile! Wer Augen und Ohren offenhält, das Leben um sich herum wahrnimmt und zu denken beginnt, kennt keine Langeweile.

Ich schalte aus, also denke ich.

Ich denke, also bin ich.

Ich schalte aus, also bin ich.


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Rob Kenius ist Systemkritiker, freier Publizist und Buchautor. Er betreibt die Webseite kritlit.de und schreibt oder schrieb für oppositionelle Medien: Telepolis, Rubikon, apolut, Krass&Konkret, Ossietzky und jetzt Manova. Von ihm erschienen die politischen Sachbücher „Hunderttausend Milliarden zu viel — Finanzfeudalismus aus rationaler Sicht“, „Geld stinkt zum Himmel — Weniger Zunder mehr Zukunft“, „Leben im Geldüberfluss“, „Überleben im Überfluss“ und „Neustart mit Direkter Digitaler Demokratie“.

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Die Nichtdenker
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3 Kommentare

  1. Es ist nicht das Denken sondern der Realitätssinn. Die Leute sind Spezialisten und hart gefordert auf einem Spezialgebiet. Den Rest der Realistät erfahren sie über die Medien.
    Das liegt am Arbeitsdruck (seitens der Finanzmachthaber), der nur wenig Zeit oder Geld für etwas Abwechskung und Vergnügen lässt. Der Geist in den Köpfen wird gemacht – das ist der Weg zum sogenannten Faschismus.

  2. Warum soll man denn alles ausschalten? Um zu denken? Echt jetzt?

    Um sich eine Meinung bilden zu können, denke ich, sollte man sich alle Seiten ansehen. Gerade deswegen, um herausfinden zu können, was Desinformation ist und wie/wo Manipulation stattfindet.

    Ich habe z.Bsp. kein Smartphone, finde es aber interessant, wie innerhalb der Familie mit diesem Ding umgegangen wird. Und das ist teilweise für mich erschreckend, wie fixiert man auf dieses Teil sein kann. Trotzdem gibt es auch gute Gespräche untereinander. TV schaue ich auch schon lange nicht mehr, aber meine Männer erzählen mir immer, was da wieder für ein Schrott erzählt wird. Nur Radio höre ich beim Bügeln. Das reicht dann auch um zu erfahren, wie manipuliert oder teilweise desinformiert wird. Echte Infos hole ich mir aus dem Netz. Aber auch da gilt es aufmerksam zu sein und stets zu hinterfragen.

    Ich möchte damit nur sagen, dass man nichts ausschalten muß, aber trotzdem einen wachen Verstand behalten und diesen eben für gute Gespräche gebrauchen kann.

  3. „Ich schalte aus, also denke ich“.

    Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß!?

    Ist es nicht immer so eine Sache mit dem Denken? Es gänzlich einzustellen geht eh nicht, es kann also nur um das Wie oder Was gehen.

    Es wird immer über entsprechenden Konsum gesteuert und hingelenkt(worin die eigentliche Erkenntnis und damit verbundene Tragödie liegen dürfte), seien es Musik oder Nachrichten.

    Der Selbstentzug desselben bewirkt erst mal gar nichts und langfristig genau soviel!
    Es ändert sich nichts!

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