Wirtschaftsboom im Kaiserreich

Wer weiß das schon: Im Kaiserreich unter Wilhelm II. erlebte Deutschland eine Glanzzeit; sie endete erst 1914 jäh mit Beginn des Ersten Weltkrieges. Bis dahin gab es bahnbrechende Erfolge in Wirtschaft, Wissenschaft und Kultur – und Deutschland wurde zur zweitgrößten Wirtschaftsmacht der Welt.

Heute verbinden wir mit diesem sprichwörtlich Goldenen Zeitalter in erster Linie Militarismus und Untertanengeist – ein leichtfertiges, grotesk eindimensionales Urteil, das uns aber seit 1945 in der Schule eingebläut wurde und wird.
Lange vor Ludwig Ehrhard hat Deutschland einen international viel beachteten Boom erlebt. Das war um 1900, als Daimler, Bosch, Linde, Siemens und die heutigen Chemie-Giganten Bayer und BASF die große Bühne betraten.

Uns wurde beigebracht, das wäre nur möglich gewesen, weil die Deutschen nach dem Krieg 1870/71 die Franzosen ausgeplündert hätten. In der Tat floß durch die Reparationszahlungen viel Geld in die deutsche Wirtschaft. Aber mit viel Geld allein ist der Boom nicht zu erklären.

Linde ist nur ein Beispiel für die lnnovationskraft, die im letzten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs Unternehmer und Wissenschaftler inspirierte.

Der Physiker Wilhelm Conrad Röntgen brachte der Medizin ein neues bildgebendes Verfahren. Der badische Tüftler Carl Benz brachte das erste Automobil auf die Straße. Der Physiker Felix Hoffmann entwickelte für Bayer Aspirin – noch immer weltweit in den Apotheken eine der bekanntesten Marken. Siemens hat die erste Straßenbahn in Peking gebaut, Mannesmann installierte die erste Öl-Pipeline im Kaukasus, und die BASF brachte erstmals die synthetische Farbe Indigo für Hosen und Hemden auf den Markt, auch die Jeans profitierten davon.

Carl Benz. Lebensfahrt eines deutschen Erfinders

Globalisierung war im Kaiserreich nichts Neues. Vor mehr als 100 Jahren legten Unternehmer das Fundament für den weltweiten Erfolg der deutschen Wirtschaft. Bayer zum Beispiel errichtete Tochtergesellschaften in den USA, Russland, Frankreich, Belgien und Großbritannien. Ohne die Innovationskraft von Robert Bosch wäre der Aufschwung der Automobilindustrie bei Ford, in Frankreich oder England nicht denkbar gewesen. Vor dem 1. Weltkrieg hätte Deutschland ums Haar sogar Großbritannien vom 1. Platz als »Global Player« verdrängt.

Robert Bosch: Unternehmer im Zeitalter der Extreme

Um die Wende des 19. Jahrhunderts entstanden in Deutschland jährlich etwas 380.000 neue Arbeitsplätze. Das reale Nettosozialprodukt kletterte schneller als der private Verbrauch. Das Geld wurde reinvestiert und nicht verprasst oder als verlorene Geschenke in alle Welt verteilt. Die Steuerlast lag nur knapp über 10 Prozent. In Großbritannien dagegen schöpfte der Staat 26,5 Prozent an Steuern ab.

Das vergessene Goldene Zeitalter:
Wirtschaft, Wissenschaft und Kultur im Deutschen Kaiserreich


Höllen Sturz

Ian Kershow
Das europäische zwanzigste Jahrhundert war geprägt von kriegerischen Auseinandersetzungen. Europa erlebte gewaltige Turbulenzen, die Hölle zweier Weltkriege in der ersten Jahrhunderthälfte und tiefgreifende Veränderungen.
Der britische Historiker Ian Kershaw erzählt in einem meisterhaften Panorama die Geschichte dieses Kontinents vom Vorabend des Ersten Weltkriegs bis in die Zeit des beginnenden Kalten Kriegs Ende der vierziger Jahre, nachdem die europäische Zivilisation an den Rand der Selbstzerstörung gelangt war. Ethnische Auseinandersetzungen, aggressiver Nationalismus und Gebietsstreitigkeiten, Klassenkonflikte und die tiefe Krise des Kapitalismus waren die treibenden Kräfte, die Kershaw dabei besonders in den Blick nimmt. Neben den großen Entwicklungslinien in Politik, Wirtschaft, Kultur und Gesellschaft schildert er auch immer wieder Erlebnisse und Erfahrungen einzelner, die einen Eindruck geben vom Leben im Europa der ersten Jahrhunderthälfte.


Der Boom war hauptsächlich möglich, weil Deutschland ein hervorragendes Bildungssystem hatte. In den Jahren vor dem 1. Weltkrieg erhöhte der Staat den Bildungsetat von 100 Millionen (1861) auf 1,4 Milliarden (1913) – wohlgemerkt in Goldmark. Um 1900 gab es nur 0,9 Prozent Analphabeten im Reich.

Der Aufschwung war vor allem so erfolgreich, weil der Staat mit vernünftigen Rahmenbedingungen (besonders im Bildungsbereich), durch Beschränkung von Bürokratie und eine kluge Steuerpolitik Fleiß und Erfolg gefördert hat, und weil die Gesellschaft nicht voll Neid auf unternehmerisches Handeln mit dem Finger gezeigt hat. Damals gab es in Preußen einen Kultusminister Robert Bosse, der die Wirtschaftswissenschaftler an den Universitäten beschwor, Unternehmer nicht zu diffamieren. Hennen, die die Eier legen, soll man füttern und nicht schlagen.


Globalisierung und Nation im Deutschen Kaiserreich

Sebastian Conrad

Die Globalisierung ist kein neues Phänomen. Vor allem die Zeit zwischen etwa 1880 und dem Ersten Weltkrieg kann als eine frühe Hochphase der Globalisierung verstanden werden. Sebastian Conrad zeigt, daß die besondere Form des Nationalismus, wie sie sich vor dem Ersten Weltkrieg im Deutschen Reich herausgebildet hat, nicht nur aus der deutschen Geschichte heraus, sondern auch als Reaktion auf die globalen Vernetzungen der Zeit verstanden werden muß.
Dieses Buch untersucht den Einfluß der Globalisierung auf das Deutsche Kaiserreich. Ab etwa 1880 nahmen transnationale Beziehungen erheblich zu, führten jedoch nicht zur Einebnung nationaler Differenzen, im Gegenteil: Die globale Vernetzung vor dem Ersten Weltkrieg ging mit einer Verfestigung nationaler Abgrenzungen einher. Das besondere Verständnis von Nation in Deutschland, wie es vor dem Ersten Weltkrieg zu beobachten ist, muß daher auch als Reaktion auf die globalen Vernetzungen verstanden werden.
Der Autor verfolgt hier eine explizit transnationale Perspektive und blickt von den afrikanischen Kolonien, den polnischen Gebieten in Osteuropa, aus China und Südamerika auf das Deutsche Kaiserreich. Er kann dabei überzeugend zeigen, daß die deutsche Geschichte nicht an den Grenzen des Reiches haltmachte und zugleich die Bezüge zur Welt in der wilhelminischen Gesellschaft gegenwärtig waren.

Sebastian Conrad ist Professor für Neuere Geschichte an der Freien Universität Berlin.

David Fromkin: “Die Deutschen waren das wohl kultivierteste Volk auf der Welt.

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Wirtschaftsboom im Kaiserreich
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