Die Krise in der europäischen Wirtschaft ist dramatischer als europäische Medien es darstellen. Alleine die chemische Industrie ist seit 2021 um 20 Prozent geschrumpft. Wann realisiert die Politik das Problem endlich und reagiert?
Quelle: anti-spiegel
In der russischen Nachrichtenagentur TASS ist ein Artikel über den Zustand der europäischen Wirtschaft erschienen, der zeigt, wie sehr die europäische Wirtschaft aufgrund der Politik der EU unter Druck geraten ist. Ich habe den Artikel übersetzt.
Beginn der Übersetzung:
Wie viele Fabriken werden noch geschlossen? Begreift Europa seine Verluste im Kampf gegen Russland?
Xenia Bondarenko, außerordentliche Professorin am Lehrstuhl für Weltwirtschaft der Fakultät für Weltwirtschaft und Politik der Nationalen Hochschule für Wirtschaft und promovierte Wirtschaftswissenschaftlerin, erörtert die aktuelle Lage der europäischen Industrie und was sie beeinflusst.
Der Westen geht in seine eigene Falle. Die europäische verarbeitende Industrie hat zwischen 2022 und 2025 schwere Einbußen erlitt und befindet sich weiterhin im Abwärtstrend.
Dies ist auf innere und äußere Faktoren zurückzuführen, von Fehlern in der „grünen“ Agenda über die Politik, Russland um jeden Preis eine strategische Niederlage beizubringen, bis hin zu den Beziehungen zu den USA. Allein in der europäischen Chemieindustrie wurden beispielsweise 160 Fabriken geschlossen, und viele Menschen verlieren ihre Arbeitsplätze.
Das Problem, wie es ist
Das Produktionsniveau im verarbeitenden Gewerbe lag Ende des dritten Quartals 2025 (die aktuellsten verfügbaren Daten) lediglich ein Prozent über dem Wert von 2021. Dabei sind die Inflation und die Tatsache berücksichtigt, dass das Wachstum primär einem vorübergehenden Produktionsanstieg in einigen Sektoren in den Jahren 2022–2023 und einen anschließenden Rückgang in den Jahren 2024–2025 geschuldet ist.
Ein geringes, aber in den letzten Jahren beschleunigtes Produktionswachstum ist lediglich in der Lebensmittelindustrie zu beobachten. Dies ist erstens auf die branchenspezifische Struktur und die Preisvolatilität und zweitens auf die verstärkte staatliche Unterstützung für europäische Erzeuger zurückzuführen. Die Regierungen scheinen zu verstehen, dass Hungernde kein Verständnis für die Satten haben. Gleichzeitig stehen komplexere Industriezweige des verarbeitenden Gewerbes jedoch weiterhin vor großen Problemen.
Dazu zählen vor allem die hohen Energiepreise, eine Folge sinkender Energieexporte aus Russland und steigender Kosten für Lieferungen aus anderen Ländern, darunter den USA. Sie stehen zudem vor Schwierigkeiten beim Wechsel der Lieferanten und der Notwendigkeit, Anlagen bei veränderter Zusammensetzung der Rohstoffe neu zu kalibrieren (Letzteres gilt insbesondere für die chemische Industrie).
Zu den inneren Problemen zählen die sinkende Inlandsnachfrage, Schwierigkeiten auf dem Arbeitsmarkt, die umstrittene „grüne“ Agenda, Druck auf die Haushalte (einschließlich steigender Verteidigungsausgaben) und höhere Zinsen im Vergleich zu vor 2022.
Die äußeren Probleme sind die harte Konkurrenz mit China (vor allem in der Automobilindustrie), die Sanktionspolitik (einschließlich der Androhung von Sekundärsanktionen) und die US-Maßnahmen im Bereich der Zölle (einschließlich Donald Trumps häufig wechselnder Entscheidungen und der zahlreichen Klauseln in bilateralen Abkommen). Erwähnenswert sind auch die sogenannten Pull-Faktoren, die die Verlagerung von Unternehmen aus europäischen Ländern in die USA begünstigen, darunter der Inflation Reduction Act, der seit der Präsidentschaft von Joe Biden in Kraft ist, und andere Initiativen.
All dies führt zu einem Rückgang der Wettbewerbsfähigkeit, insbesondere in energieintensiven Branchen.
Die Chemie stimmt nicht
Von den fünf größten Zweigen der verarbeitenden Industrie in der EU, zu denen laut Eurostat die Lebensmittelproduktion, Chemikalien und chemische Derivate, Metallerzeugnisse, Maschinen und Anlagen sowie Kraftfahrzeuge, Anhänger und Sattelanhänger zählen, ist die Chemieindustrie am stärksten unter Druck geraten.
Laut einem Bericht des Europäischen Chemieverbandes (CEFIC) hat sich die Zahl der Werksschließungen in der Branche in Europa (nicht nur EU-Länder, auch Großbritanniens und andere Länder der Region) versechsfacht. Das hat zu einem Kapazitätsverlust von 37 Millionen Tonnen (ca. 9 Prozent der Kapazität der Chemieindustrie) und dem Verlust von 20.000 direkten und ca. 89.000 indirekten Arbeitsplätzen geführt. Insgesamt wurden 160 Werke geschlossen. Als offizielle Gründe für die Schließungen wurden folgende genannt: erstens der Anstieg Energiepreise (49 Prozent der geschlossenen Werke gaben dies als Hauptgrund an), zweitens geringe Nachfrage, drittens Überkapazitäten (die indirekt mit Grund Nr. 2 zusammenhängen), viertens regulatorische Änderungen (einschließlich der Erhöhung der CO2-Steuer).
Bis Ende des dritten Quartals 2025 ist die Gesamtproduktion von Chemikalien und chemischen Produkten in der EU im Vergleich zu 2021 um ein Fünftel gesunken und setzt ihren Rückgang fort. So hat sich die Produktion in Portugal beispielsweise halbiert (-50,6 Prozent gegenüber 2021), in Ungarn um mehr als ein Drittel (-36,0 Prozent) gefallen, in Litauen um 27,5 Prozent, in Deutschland um 21,9 Prozent, in den Niederlanden um 19,4 Prozent und in Rumänien um 18,4 Prozent.
Während die Chemieindustrie in Portugal und Ungarn (trotz des deutlichen Rückgangs) aufgrund ihrer geringen Größe und spezifischen Produktionsprozesse (trotz des starken Rückgangs) keine gravierenden wirtschaftlichen Probleme für ihre Länder darstellt, stellen der Produktionsrückgang und die Schließung von 25 Prozent aller Chemieanlagen in Deutschland und 20 Prozent in den Niederlanden eine ernsthafte wirtschaftliche Herausforderung dar. Und zwar nicht nur für diese Länder, sondern die gesamte europäische Region (einschließlich der Probleme auf dem Arbeitsmarkt).
In den Niederlanden stellten im Jahr 2025 zahlreiche große Chemieanlagen – darunter LyondellBasell, Indorama, Tronox, Westlake und Vynova, Aluchemie, Arkema und andere – ihre Produktion ein, unterbrachen den Betrieb vorübergehend oder verkauften ihre Kapazitäten an Dritte. In Deutschland ereilte ein ähnliches Schicksal unter anderem Lanxess, Trinseo, Olin und BASF, den größten Chemieproduzenten Europas. Allein iem Hauptwerk in Ludwigshafen hat BASF rund 2.600 Stellen abgebaut.
Der Sektor der Kohlenwasserstoffverarbeitung war in der chemischen Industrie mit Verlusten in Höhe von 17,8 Millionen Tonnen, das entspricht 14 Prozent der europäischen Produktionskapazität, am stärksten betroffen,.
Produktion außerhalb der EU
Während die chemische Industrie in europäischen Ländern vor allem unter steigenden Kosten (von Kosten für Ressourcen, einschließlich Energie, bis hin zu Steuererhöhungen) und sinkender Inlandsnachfrage leidet, sehen sich Hersteller im Bereich der metallverarbeitenden Industrie einer wachsenden Bedrohung von außen ausgesetzt.
Die metallverarbeitende Industrie umfasst die Herstellung von fertigen Metallprodukten oder -konstruktionen durch Zerspanung, Stanzen, Schmieden und Gießen. Komplexere Produkte wie Maschinen und Anlagen fallen nicht darunter. Sie produziert jedoch Komponenten für verschiedene Branchen, darunter das Bauwesen, die Automobilindustrie, die Luft- und Raumfahrt, die Herstellung komplexer Apparate und Anlagen sowie den Maschinenbau.
Vor 2025 entfielen rund 30 Prozent des globalen Marktes für metallverarbeitende Industrie auf Europa, mit einem Marktvolumen von 7.209,4 Millionen US-Dollar (über 30 Prozent des weltweiten Umsatzes). Das ist der zweitgrößte Marktanteil nach Regionen (nach Nordamerika, zu dem die USA, Kanada und Mexiko gehören). Das Produktionsvolumen von fertigen Metallprodukten in Europa entspricht heute jedoch nahezu dem der USA allein (7.257,4 Millionen US-Dollar). Während diese Zahl in den USA seit 2021 gestiegen ist, ist sie in Europa rückläufig. So sank das Produktionsvolumen in der EU Ende des dritten Quartals 2025 im Vergleich zu 2021 beispielsweise um 6,5 Prozent.
Die Stahlproduktion ist ein fundamentaler Bestandteil dieser Branche, denn von den 5 Millionen Arbeitsplätzen in der metallverarbeitenden Industrie der EU entfallen darauf rund 3 Millionen. Und heute ist das Problem der steigenden Stahlimporte aus dem Ausland besonders akut.
Der Europäische Verband für Vertrieb und Handel mit Stahl, Rohren und Metallen (Eurometal) hat einen Anstieg der Importe sogenannter Stahlderivate festgestellt, das sind Stahlprodukte, die außerhalb der EU hergestellt und so klassifiziert werden, dass sie die bestehenden EU-Handelsschutzinstrumente (TDIs) und Mechanismen zur Regulierung von CO2-Emissionen (CBAM) umgehen. Europäische Stahlproduzenten und Händler müssen daher strenge Umwelt- und Handelsvorschriften einhalten, während konkurrierende Hersteller importierter „Stahlderivate“ von diesen Verpflichtungen befreit sind und auf dem Markt Dumpingpreise anbieten.
Auf dem Aluminiummarkt wächst zwar die Nachfrage, doch das Primärangebot der EU schrumpft aufgrund der Energieprobleme und Abhängigkeit von Importen. Die EU-Länder benötigen derzeit jährlich rund 13,5 Millionen Tonnen Aluminium für die Automobil-, Luft- und Raumfahrt-, Bau- und andere Branchen, während die heimische Primärproduktion auf 950.000 Tonnen gesunken ist, was einem strukturellen Defizit von 93 Prozent entspricht. Aufgrund hoher Rohstoffpreise und strengerer Vorschriften (ähnlich wie in der chemischen Industrie) werden weiterhin Werke geschlossen. Ein besonders einschneidendes Beispiel der letzten Jahre war die Schließung des Slovalco-Werks in der Slowakei im Jahr 2023. Das Unternehmen galt zuvor als Technologie- und Umweltführer in Europa und produzierte jährlich rund 175.000 Tonnen Aluminium. Obwohl die slowakische Regierung derzeit Unterstützung der EU für die Wiederinbetriebnahme des Werks beantragt, wird dies aufgrund der besonderen Produktionsprozesse (einschließlich der Aushärtung der Elektrolyseanlage) in der aktuellen Situation schwierig.
Die Branche steht zudem vor erheblichen Herausforderungen von außen. Auf der Exportseite erhöhen die USA als Hauptabnehmer europäischer Hersteller den Druck durch Zölle und andere Handelshemmnisse (einschließlich Herkunftskontrollen von Rohstoffen). Auf der Importseite ist ein wesentlicher Teil der globalen Rohstoffproduktion für europäische Unternehmen in Ländern, mit denen die EU relativ angespannte geopolitische Beziehungen unterhält. Russland, Brasilien, Australien und China gehören zu den Ländern mit den größten Eisenerzreserven, während Guinea, Australien und China zu den Ländern mit den größten Bauxitreserven zählen, die zur Aluminiumherstellung verwendet werden. Außerdem ist China ein bedeutender Produzent von Mineralien wie Magnesium, Zink, Kupfer und anderen, die für die Herstellung hochfester Legierungen (insbesondere für die Rüstungs- und Luftfahrtindustrie) unerlässlich sind.
Schließlich könnte noch eine Entscheidung den Druck auf die Branche erhöhen: Ab dem 1. Januar 2026 erhebt die EU eine CO2-Steuer auf importierte Metalle. Das wird zu höheren Preisen für Stahl, Aluminium und andere Rohstoffe führen, die zur Herstellung von Metallfertigprodukten verwendet werden. Das wiederum wird die Kosten in der Branche weiter erhöhen und könnte zu weiteren Produktionsstilllegungen führen.
Umbau der Automobilindustrie
Nach dem pandemiebedingten Rückgang im Jahr 2020 erreichte die Produktion in den Sektoren „Automobile, Anhänger und Sattelanhänger“ sowie „Maschinen und Anlagen“ im ersten und zweiten Quartal 2023 ihren Höhepunkt. Seitdem ist sie kontinuierlich rückläufig.
Neben den bereits erwähnten Faktoren Rohstoff- und Energiepreise, regulatorische Herausforderungen sowie Druck mit Zöllen und anderen Hemmnissen aus den USA bringt der verstärkte Wettbewerb durch chinesische Automobilhersteller (insbesondere im Bereich Hybrid- und Elektrofahrzeuge) und Anlagenbauer zusätzliche Probleme. Auch dass im Ausland günstige Rahmenbedingungen für die Verlagerung der Produktion aus europäischen Ländern geschaffen werden, spielt eine wichtige Rolle.
In der EU ist ein klarer Trend zum Umbau der Automobilindustrie erkennbar. Von 2021 bis 2024 (die aktuellsten verfügbaren Daten) wurde ein deutliches Wachstum insbesondere bei Hybridfahrzeugen (auf 1,6 Millionen Einheiten im Jahr 2024, ein Plus von 82,5 Prozent innerhalb von vier Jahren) und Elektrofahrzeugen (auf 1,7 Millionen Einheiten im Jahr 2024, ein Plus von 117,9 Prozent) verzeichnet. Gleichzeitig gingen die Produktionsmengen von Fahrzeugen mit Verbrennungsmotoren (auf 3,6 Millionen Einheiten, ein Minus von 1,1 Prozent) und Dieselmotoren mittlerer Hubraumklasse (auf 1,2 Millionen Einheiten, ein Minus von 21,1 Prozent) zurück.
Auch 2025 blieb die Automobilindustrie unter Druck. Die Zahl der Neuzulassungen in der EU erreichte 10,8 Millionen Einheiten (+1,8 Prozent gegenüber dem Vorjahr). Diese Zahl sollte jedoch nicht verwirren: Erstens umfasst sie alle verkauften, nicht nur die produzierten Fahrzeuge, zweitens liegt sie weit unter dem Niveau vor der Pandemie (15,3 Millionen Einheiten im Jahr 2019). Das bestätigt jedoch eindeutig eine signifikante Marktdiversifizierung zugunsten von Elektrofahrzeugen, deren Absatz sich in der EU auf 1,9 Millionen Einheiten belief (+51 Prozent gegenüber dem Vorjahr und 17,4 Prozent aller Neuzulassungen). Darüber hinaus überstieg der Anteil der zugelassenen Elektrofahrzeuge in der EU im Dezember 2025 erstmals den Anteil der Fahrzeuge mit Verbrennungsmotor (22,6 Prozent gegenüber 22,5 Prozent). Hybridfahrzeuge bleiben die beliebteste Fahrzeugkategorie.
Die größte Nachfrage besteht in den EU-Ländern nach europäischen Autos (vor allem von Volkswagen, Stellantis und Renault mit 54,4 Prozent aller in der EU zugelassenen Fahrzeuge im Jahr 2025). Obwohl der Anteil chinesischer Automobile auf dem europäischen Markt noch sehr gering ist, wächst er rasant. SAIC Motor erreichte 2025 einen Marktanteil von 1,9 Prozent (bei einem Anstieg der Fahrzeugzulassungen um 33,9 Prozent gegenüber dem Vorjahr), während BYD einen Anteil von 1,2 Prozent (+227,8 Prozent gegenüber dem Vorjahr) erzielte.
Die Umstrukturierung der Branche hin zur Elektromobilität hat für Regierungen und viele europäische Automobilhersteller Priorität. Dies ist wegen der Ladeinfrastruktur jedoch mit enormen Investitionskosten und Herausforderungen verbunden. Die klimatischen Bedingungen in weiten Teilen Europas und seine kompakte Größe ermöglichen zwar einen gezielten Ausbau dieses Netzes, angesichts anderer dringlicherer Probleme und hoher Investitionen sind jedoch kurzfristig keine signifikanten Ergebnisse zu erwarten.
Die europäische verarbeitende Industrie leidet weiterhin unter den Folgen der Wirtschaftskrise von 2020 sowie der Energiekrise von 2022 und dem Wegfall der Energielieferungen aus Russland. Produktionskapazitäten sind teilweise verloren gegangen und können nicht wiederhergestellt werden, während neue Trends Investitionen und eine Umstrukturierung von Angebot und Nachfrage erfordern. Gleichzeitig verlangsamen der zunehmende Wettbewerb mit China und der Druck aus den USA die Erholungsprozesse, sodass beispielsweise die Aufschrift „Made in Germany“ in den Regalen der Geschäfte weltweit kaum häufiger zu sehen sein wird.
Ende der Übersetzung
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