
Von Dmitri Trenin (globalbridge)
(Red.) US-Präsident Donald Trump und der russische Präsident Wladimir Putin haben versucht und weitgehend auch erreicht, die diplomatischen Kontakte zwischen den USA und Russland zu öffnen und wieder zu beleben – auch wenn diese im Ukraine-Krieg noch zu keinen konkreten Resultaten geführt haben. Aber welche Auswirkungen hat nun der Angriffskrieg der USA und Israels auf den Iran, einen zumindest wirtschaftlich nahen Verbündeten Russlands, auf die Beziehungen zwischen den USA und Russland? Für Russland ist das keine einfach Situation. (cm)
Trumps historische Aufgabe (nach seiner eigenen Vorstellung) bestand darin, „die Größe der USA wiederherzustellen“ und das Land aus dem Kursverlust zu befreien, in dem es sich in den letzten anderthalb bis zwei Jahrzehnten befand. Ursprünglich wurde diese Aufgabe von Trump und seinen Mitstreitern der MAGA-Bewegung im Sinne einer nationalen Neuausrichtung und notwendiger Selbstbeschränkung interpretiert. Die allgemeine Ausrichtung lautete in etwa wie folgt: weg von der Ideologie des liberalen Globalismus (und des „Wokismus“) hin zu einem sachlichen, pragmatischen Ansatz, weg von der Verteidigung und Förderung der Interessen des amerikanischen Imperiums hin zu einer Hinwendung zum eigenen Land und dessen drängenden Problemen. Diese Ausrichtung beinhaltete die Anerkennung der Vielfalt der Welt und der Existenz mehrerer Großmächte, mit denen die USA verhandeln mussten. Es wurde davon ausgegangen, dass im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit der Regierung des 47. Präsidenten die USA selbst stehen würden, dann die westliche Hemisphäre und erst danach China und dahinter der Rest der Welt. Als Haupttätigkeitsbereich Washingtons war die Geoökonomie vorgesehen; unter den Sicherheitsproblemen standen illegale Einwanderung und Drogenhandel an erster Stelle. Die Herausforderung durch China wurde als vorwiegend technologischer und wirtschaftlicher Natur betrachtet. Trump versprach eine rasche Beilegung internationaler Konflikte, einschließlich des Ukraine-Konflikts, und positionierte sich als Präsident des Friedens.
Tatsächlich war der Start schwungvoll. Trump startete unverzüglich eine Zolloffensive gegen den Rest der Welt, die angeblich auf Kosten Amerikas „profitierte“; er distanzierte sich ideologisch von Europa; er „wischte“ die iranischen Nuklearanlagen „von der Erde“ und setzte sich aktiv dafür ein, sich selbst den Friedensnobelpreis zuzusprechen. In Richtung Russland stellte er den direkten Kontakt zum Kreml wieder her, wobei er die Pendeldiplomatie seiner Vertrauten einsetzte, und hielt in Anchorage, Alaska, ein kurzes Gipfeltreffen mit Präsident Wladimir Putin ab. Als Ergebnis dieses Treffens entstand eine gewisse amerikanisch-russische Verständigung hinsichtlich der Formel und der Wege zur Beilegung der Ukraine-Krise – was in Russland manchmal als „Geist von Anchorage“ bezeichnet wird.
Dies war offenbar der Höhepunkt in der Entwicklung der Beziehungen zwischen Washington und Moskau, woraufhin der Prozess ins Stocken geriet. Trump gelang es nicht, die Zustimmung der europäischen Verbündeten zu dem „Verständnis“ von Alaska zu erlangen. Die Verbündeten waren im Gegensatz zu Trump entschlossen, den Kampf gegen Russland „bis zum letzten Ukrainer“ fortzusetzen. Im Prinzip hatte Trump genügend Möglichkeiten, Europa zur Unterwerfung zu zwingen und Selenskyj anzuweisen, die Bedingungen der Einigung zu erfüllen. Dass der amerikanische Präsident seine Ressourcen nicht nutzte, zeugte offenbar davon, dass ein Großteil nicht nur der politischen Klasse (Kongress, Medien usw.) und des außenpolitischen Apparats der USA (Geheimdienste, Pentagon, Außenministerium), sondern auch eine Reihe von Trumps engsten Mitarbeitern, gelinde gesagt, nicht begeistert von der „Friedensformel“ waren, die sich kaum als Sieg über Russland darstellen ließ.
Man ließ Trump nicht einmal jene Früchte „pflücken“, die ganz tief hingen (und damit leicht zugänglich waren, Red.) und die eindeutig technischer Natur waren: die Frage der Rückgabe des noch unter Obama beschlagnahmten russischen diplomatischen Eigentums zu klären (unter Obama haben die USA zwei russische Liegenschaften, die der Diplomatie dienten, geschlossen, Red.), den direkten Flugverkehr zwischen den beiden Ländern wiederherzustellen usw. Dabei hat sich der Sanktionsdruck der USA auf Russland nicht nur nicht gemildert, sondern sogar noch verschärft – insbesondere gegenüber russischen Energieunternehmen. Es wurden auch spezielle Zusatzzölle für Länder eingeführt, die russisches Öl kaufen. Washington ignorierte demonstrativ den Vorschlag Moskaus, die Beschränkungen des START-III-Vertrags einzuhalten, dessen Gültigkeit im Februar 2026 abgelaufen war. Die Anfang 2026 begonnenen trilateralen russisch-amerikanisch-ukrainischen Verhandlungen beschränkten sich unter diesen Umständen auf die Erörterung technischer Fragen.
Die Außenpolitik der USA wurde unterdessen offen aggressiv. Im Januar 2026 führte Trump eine Militäroperation durch, um in Venezuela einen Machtwechsel herbeizuführen, dessen Präsidenten gewaltsam zu entmachten und Caracas seinem Willen zu unterwerfen. Ende Februar begannen die USA gemeinsam mit Israel einen Krieg gegen den Iran, töteten den obersten Führer dieses Landes und setzten sich öffentlich das Ziel eines Regimewechsels in Teheran. Dieser groß angelegte Krieg dauert bis heute an. Gleichzeitig verkündete Trump das Ziel eines „Regimewechsels“ in Bezug auf Kuba. Nach seiner Umbenennung im vergangenen Jahr in „Kriegsministerium“ wurde das Pentagon dem neuen Namen voll und ganz gerecht. Darüber hinaus erklärte US-Kriegsminister P. Hegset öffentlich, dass es keinerlei Einschränkungen bei der Anwendung von Gewalt gebe.
Damit hat sich Trump endgültig von den ursprünglich erklärten Zielen entfernt und ist zu der für Washington traditionellen globalen Agenda zurückgekehrt, und zwar in einer unverhüllten, auf Gewalt setzenden Variante, die das Völkerrecht im Grunde genommen außer Kraft setzte. Der Grund lag wahrscheinlich darin, dass Trump im Jahr der Zwischenwahlen mit innenpolitischen Problemen konfrontiert war (Fehlschläge bei der Umsetzung der Einwanderungspolitik, Aufhebung eines Teils der Zölle durch den Obersten Gerichtshof, der „Epstein-Fall“, sinkende persönliche Beliebtheit), und so entschied er sich für eine Annäherung an politisch und finanziell einflussreiche Gruppen – die „Neocons“ und die Israel-Lobby. Seine MAGA-Mitstreiter blieben außen vor.
Tatsächlich versucht Trump nun, anstelle der veralteten globalen Hegemonie des kollektiven Westens, die auf liberal-globalistischen Regeln beruhte, eine alleinige weltweite Hegemonie der USA zu etablieren, allerdings auf rein machtpolitischer Grundlage. Dieser Wandel erfordert eine Präzisierung unserer Haltung (der russischen, Red.) gegenüber Amerika.
Wie sollen wir uns verhalten?
In letzter Zeit hat sich in unserem öffentlichen Diskurs die Ansicht durchgesetzt, dass die USA und der Westen insgesamt ihre frühere Hegemonie verloren haben, dass eine multipolare Welt Realität geworden ist, dass China die USA und die BRICS-Staaten die „G7“ wirtschaftlich überholt haben, usw. Vieles davon ist richtig, doch man muss bedenken, dass die USA auf absehbare Zeit die größte Weltmacht bleiben. Diese Macht, die unter Biden-„Tschernenko“ eingeschlafen war, ist unter Trump zum Gegenangriff übergegangen. Das Ziel Washingtons besteht weniger darin, eine neue Weltordnung zu etablieren, als vielmehr darin, weltweites Chaos zu schüren, um darin zu herrschen.
Eine solche Politik Washingtons macht die USA objektiv zu einem geopolitischen und potenziell auch militärischen Gegner Russlands. Eigentlich haben die USA mit Trumps Rückkehr ins Weiße Haus nicht aufgehört, unser Gegner im Ukraine-Konflikt zu sein. Unser Land lehnt jegliche Ansprüche auf die Weltherrschaft von Natur aus ab und erweist sich stets als Hindernis auf dem Weg der Anwärter auf eine solche Vorherrschaft dar. Das bedeutet nicht, dass auf einen Angriff auf den Iran zwangsläufig ein Angriff der USA auf Russland folgen wird, aber strategisch gesehen führen die Bestrebungen der Trump-Regierung die USA zu einer Konfrontation mit unserem Land – Russland.
Es ist Sache und Recht des Oberbefehlshabers, zu entscheiden, wie die spezielle diplomatische Operation (der Dialog mit Trump) fortgesetzt werden soll. Dieser Dialog hat im vergangenen Jahr gewisse Ergebnisse gebracht. Er trug dazu bei, dass sich Trump teilweise vom Konflikt in der Ukraine distanzierte, dass es zu einer Spaltung zwischen den USA und Europa kam und dass Russland als ein Land positioniert wurde, das nach dauerhaftem Frieden strebt. Eine andere Sache sind die Aussichten für diplomatische Bemühungen in einer Situation, in der Selenskyj völlig und hoffnungslos untauglich ist, Europa sich offensichtlich auf einen Krieg mit Russland vorbereitet und Trump infolge der Wahlen im November und des offensichtlich nicht triumphalen Ausgangs des Abenteuers gegen den Iran politisch stark geschwächt sein dürfte.
Auf keinen Fall sollte man Trumps Verrat ignorieren, den er zweimal – im Juni 2025 und im Februar 2026 – gegenüber dem Iran an den Tag gelegt hat. Pikant ist die Tatsache, dass die amerikanischen Verhandlungsführer auf den russisch-ukrainischen und iranischen Verhandlungssträngen ein und dieselben Personen sind, die dem Chef des Weißen Hauses am nächsten stehen.
Trump ist im wahrsten Sinne des Wortes ein Mann, der zu seinem Wort steht, oder anders gesagt: ein unzuverlässiger Partner. Das bedeutet nicht, dass man nicht mit ihm kommunizieren kann; man muss ihm (oder seiner Unterschrift) einfach nicht unbedingt glauben. Man sollte auch keinen Moment vergessen, dass die tatsächliche amerikanische Militärdoktrin die Neutralisierung (die Enthauptung – im wörtlichen Sinne) der obersten Führung des gegnerischen Staates gleich zu Beginn des Konflikts zum Ziel hatte. Die Sicherheitsgarantien für Russland – auch in Richtung Ukraine – können in erster Linie durch die militärischen Mittel Russlands selbst gewährleistet werden. Man wird sich hier nur auf sich selbst verlassen müssen.
Die Agenda der russisch-amerikanischen Beziehungen hat sich auf absehbare Zeit maximal verengt. Im Bereich der internationalen Sicherheit – einst von größter Bedeutung – haben sich in letzter Zeit grundlegende Veränderungen vollzogen. Die mehr als ein halbes Jahrhundert währende Ära der Kontrolle über strategische Waffen ist zu Ende gegangen. Die strategische Stabilität in der Welt hat sich entscheidend abgeschwächt und kann in ihrer bisherigen Form nicht wiederhergestellt werden. Es bedarf einer Neubewertung der Lage unter den Bedingungen einer multipolaren, nuklear bewaffneten Welt und vor allem der gemeinsamen Entwicklung neuer Modelle der Abschreckung und Stabilität mit den Partnern Russlands in Asien – China, Indien, Pakistan und Nordkorea. Mit den USA muss man ständig in Kontakt stehen, um gefährliche Missverständnisse in Krisensituationen auszuschließen, doch Verhandlungen und sogar Konsultationen nach altem Muster sind endgültig überholt.
Die Kriege der USA und Israels gegen den Iran haben der Idee der nuklearen Nichtverbreitung einen gewaltigen Schlag versetzt. Nuklearwaffen sind heute mehr denn je die einzige wirkliche Garantie gegen einen Angriff seitens der USA. Darüber hinaus treibt Washingtons faktische Weigerung, seinen Verbündeten in Europa, Asien und im Nahen Osten nukleare Sicherheitsgarantien zu geben, diese Verbündeten dazu, eigene Nukleararsenale aufzubauen oder die bestehenden zu erweitern. Die frühere Zusammenarbeit zwischen Moskau, Washington und einer Reihe anderer Hauptstädte von Atommächten in Bezug auf das iranische Atomprogramm und die Nuklearfrage auf der koreanischen Halbinsel hat jegliche Aktualität verloren.
Die Möglichkeiten für eine wirtschaftliche Zusammenarbeit mit den USA sind theoretisch groß. Aber eben nur theoretisch. Die Verwirklichung dieser Möglichkeiten ist in absehbarer Zukunft äußerst zweifelhaft. Die Sanktionen gegen Russland sind ernst zu nehmen und auf sehr lange Zeit angelegt. Der Großteil der Sanktionen wurde durch US-Gesetze verhängt und kann vom amerikanischen Präsidenten nicht revidiert werden. Ihre Aufhebung oder auch nur eine wesentliche Lockerung liegt außerhalb der Lebenszeit der meisten russischen Bürger. Es ist für uns sinnvoll, die derzeitige Lage als langfristige Realität zu akzeptieren und unsere geoökonomische Strategie mit Schwerpunkt auf der inneren Entwicklung und den Beziehungen zu nicht-westlichen Partnern auszurichten. (Hervorhebung durch die Redaktion.)
Die frühere Zusammenarbeit mit den USA bei regionalen Problemen ist einem Interessenkonflikt in verschiedenen Regionen gewichen. Da wir keine Möglichkeiten hatten, uns zu wehren, konnten wir die Entwicklungen in Venezuela nur beobachten.
Anders verhält es sich mit dem Iran. Er ist unser wichtiger strategischer Partner, und der Ausgang des aktuellen Krieges wird sowohl die Lage unmittelbar südlich unserer Grenzen als auch den Nahen und Mittleren Osten insgesamt beeinflussen. Eine weitere verwundbare Position ist Kuba, das für uns nicht nur geopolitische, sondern auch große emotionale Bedeutung hat. Mit Nordkorea verbindet Russland ein Vertrag, der gegenseitige militärische Hilfe vorsieht. Und natürlich ist China – der wichtigste Rivale der USA in der heutigen Welt – unser wichtigster internationaler Partner. In allen genannten Bereichen liegt es in unserem Interesse, die Beziehungen zu Partnern und Verbündeten zu stärken, die Druck und Drohungen seitens der USA ausgesetzt sind. Ihr Widerstand kann Trumps Gegenoffensive bremsen oder stoppen. Amerika selbst wird niemals aufhören.
Zum Autor: Dmitri Trenin – Direktor des Instituts für Weltmilitärwirtschaft und -strategie der Nationalen Forschungsuniversität „Higher School of Economics“, leitender wissenschaftlicher Mitarbeiter des IMEMO der Russischen Akademie der Wissenschaften.
Zum Originalartikel von Dmitri Trenin in russischer Sprache.
Und ein kleines PS: Die USA und Israel verheimlichen die Schäden, die sie aus den Verteidigungsmassnahmen des Iran bisher haben hinnehmen müssen. Russland allerdings glaubt zu wissen, dass die Schläge des Iran als Antwort auf den Angriffskrieg der USA und Israels bisher deutlich erfolgreicher waren, als von den USA und Israel erwartet. Siehe hier.
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