Wer kommt zu den TV-Polittalks? Neue Studie deckt „Cliquenbildung“ auf

Von Andrej Iwanowski (sputniknews)

„Wer sich diese Gehirnwäsche antut, ist selber schuld“, „Die Sendung schaue ich mir nicht an, schade um die Zeit“, „Wer braucht schon diese Seifensieder?“ – zu den Sputnik-Texten, die sich mit politischen TV-Talkshows befassen, schreiben unsere Leser meist solche vernichtenden Kommentare. Eine neue Studie deckt nun eklatante Mängel der Talks auf.

Trotz YouTube, Twitter oder Facebook: Das gute alte Fernsehen bleibt für sehr viele das News-Medium Nummer eins. Nur an zwei Wochentagen müssen die Deutschen abends ohne politische Talkshows auskommen – sonst werden sie von den öffentlich-rechtlichen Sendern fleißig damit versorgt. Eine soeben erschienene Studie nimmt die Talks unter die Lupe und stellt fest, was bei diesen „nicht okay“ ist.

Paulina Fröhlich und Johannes Hillje von der linksliberalen Denkfabrik „Das Progressive Zentrum“ haben in ihrer Studie die Gästelisten sowie Themen von 1208 Sendungen über einen Zeitraum von drei Jahren (März 2017 bis März 2020) plus extra von Sendungen aus der Hochphase der Corona-Pandemie (4. März bis 24. April 2020) untersucht. Konkret ging es um die vier Talkshows der Öffentlich-rechtlichen, die sie als „Big4“ bezeichnet haben: „Anne Will“, „hart aber fair“, „Maischberger“ und „Maybrit Illner“. Die Studie unter dem Titel „Die Talkshow-Gesellschaft. Repräsentation und Pluralismus in öffentlich-rechtlichen Polit-Talkshows“ galt vordergründig der Auswahl der Gäste.

„Missverhältnis“ und „Unterrepräsentation“

Der Schluss, zu dem die Verfasser der recht umfangreichen Studie kommen, ist nicht gerade überraschend: Festgestellt wird „eine Unterrepräsentation verschiedener gesellschaftlicher Kräfte und ein Missverhältnis zwischen den unterschiedlichen politischen Ebenen“. Besonders auffällig sei „die niedrige Präsenz von zivilgesellschaftlichen Organisationen, Gewerkschaften, Verbraucherorganisationen und Sozialverbänden“ – also der „Akteure, denen in Meinungsumfragen regelmäßig mehr Vertrauen ausgesprochen wird als Parteien, Medien oder Unternehmen, die jedoch deutlich öfter in den Talk-Sesseln sitzen“.

Die Kluft fängt aber schon beim Ost-West-Verhältnis der Studio-Gäste an: Rund 85 Prozent von ihnen haben eine westdeutsche und nur etwa 15 Prozent eine ostdeutsche politische Biographie. Dies dürfte zwar dem Verhältnis der Gesamtbevölkerung entsprechen (rund 83 Prozent leben im Westen und ca. 17 Prozent im Osten), was aber das 11:5-Verhältnis der Bundesländer anbetreffe, seien die Politikerinnen und Politiker aus dem Osten aber eindeutig unterrepräsentiert.

Alles andere als „gerecht“ sei auch die Verteilung der Gäste, wenn es um Wirtschaftsthemen geht: „In acht von zehn Fällen wird die Wirtschaft durch die Unternehmerseite repräsentiert“, heißt es in der Studie. „Nur acht Prozent kommen aus Gewerkschaften und 8,7 Prozent von Verbraucher- und Konsumentenorganisationen.“





Für TV-Polittalks existiert die AfD so gut wie nicht

Die auffallende Unterrepräsentierung der AfD, immerhin der größten Oppositionspartei im Bundestag, wurde in der Studie ebenfalls registriert. 2018 und 2019 hat es jeweils 13 Auftritte von AfD-Vertretern bei den TV-Talks gegeben, die CDU war in den beiden Jahren dagegen jeweils 116 und 91 Mal vertreten, die SPD 73 bzw. 65 Mal, die Grünen 49 bzw. 39 Mal und die Linken 23 bzw. 21 Mal. Annalena Baerbock, die Co-Vorsitzende der Grünen, wurde vom Redaktionswerk Deutschland (RND) 2019 zur „Talkshow-Königin“ des Jahres gekürt: „Sie war insgesamt in zehn Sendungen zu Gast. Den zweiten Platz teilen sich SPD-Parteivize Kevin Kühnert und Norbert Röttgen (CDU), Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses im Bundestag, mit je neun Auftritten. Dahinter folgen Wirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU), Katrin Göhring-Eckhardt (Grüne) und Sahra Wagenknecht (Linke) mit je sieben Auftritten.“

Auch in diesem Jahr ist Frau Baerbock nicht weniger aktiv, sie wird aber voraussichtlich ihre „Königin-Krone“ an den SPD-Gesundheitsbeauftragten Karl Lauterbach abtreten müssen, der 2020 „Corona-bedingt“ von allen Sendern besonders gefragt ist.

Auf die Tatsache, dass die AfD in diesem Jahr aus den politischen TV-Shows praktisch ausgeschlossen ist, hatte Sputnik bereits vor einigen Monaten hingewiesen. Und solange dies so ist, könnten diese Sendungen kaum Anspruch auf eine umfassende demokratische Repräsentation erheben – von den anderen in der Studie aufgezählten Repräsentationsmängeln einmal abgesehen.

„Verhärtung der Feindseligkeit in bestimmten Milieus“

Als Folge dieser mangelnden Repräsentation diagnostizierten die Verfasser der Studie eine „Verhärtung der Feindseligkeit in bestimmten Milieus“ der deutschen Gesellschaft. Der Grund: „Knapp ein Viertel der Deutschen erkennt sich weder in den Themen noch den RepräsentantInnen des medialen Diskurses wieder.“ In Sputnik-Forum kommentierte ein Sputnik-Leser den Stand der Dinge wie folgt:

„Die Sendungen sind nicht schlecht, um eine bestimmte Meinung durchzusetzen. Es werden nur angenehme und politisch ausgerichtete Diskussionsredner eingeladen. Von der AfD oder Herrn Maaßen z.B. sieht man in letzter Zeit nichts. Die Grüne Frau Baerbock (…) ist in letzter Zeit häufig dabei und zählt schon zum Stammpersonal in diesen Shows. Mir fehlen einfach die Vertreter der anderen Meinungen (…). Wenn jemand zufällig in die andere Richtung diskutiert, wird sofort abgelenkt und dazwischengefragt. Manipulation der Massen nennt man das, wie auch immer. Kennen wir alles aus DDR-Zeiten, da hieß das Agitation und Propaganda.“

Die Verfasser der Studie formulieren ihre Feststellungen verständlicherweise viel weniger radikal, inhaltlich aber hauen sie im Prinzip in dieselbe Kerbe. So geben sie im abschließenden Teil ihres Aufsatzes einige Tipps, wie die TV-Anstalten „dem eigenen Anspruch von Meinungsvielfalt, Bürgernähe, Ausgewogenheit sowie der Verantwortung für die öffentliche Meinungsbildung“ gerecht werden könnten. Wohl der wichtigste lautet:

„Die Standard-Besetzung aus ‚Politik plus Journalismus‘ wie auch die permanente Wiederkehr derselben Köpfe aus diesen zwei Bereichen“ müsse überwunden werden. „In einer digitalisierten und dadurch pluralisierten Öffentlichkeit wirkt eine derartige Cliquenbildung geradezu anachronistisch“, lautet das Urteil der Studie.

Wie dem auch sei: Die politischen Talkshows von ARD und ZDF gehören „zur medialen Grundversorgung“ der deutschen Gesellschaft. Sie werden von Millionen Zuschauern konsumiert und anschließend nicht nur in den sozialen Medien weiterhin aktiv kommentiert – auch in den journalistischen Medien gehört „die ‚Talkshow-Kritik‘ zum festen Bestandteil der Berichterstattung“, wie Paulina Fröhlich und Johannes Hillje in ihrer Studie konstatieren. Dies ist auch einer der Gründe, warum Sputnik diese Sendungen weiter verfolgen und kritisch kommentieren wird.

* Die Meinung des Autors muss nicht der der Redaktion entsprechen.

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Zu diesen Verblödungs-Talks habe ich mich oft genug geäußert. Sinnlos verschwendete Zeit!

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