Wenn die Deutschen tatsächlich mehr arbeiten würden

Wenn die Deutschen tatsächlich mehr arbeiten würdenvon Egon W. Kreutzer

Bundeskanzler Merz reüssiert momentan mit der Forderung, die Deutschen müssten einfach mehr arbeiten. Er konkretisiert das sogar: 200 Stunden pro Jahr wären genug, und es ginge uns besser.

Nun, da hilft zunächst ein Blick auf die Statistiken, und die zeigen deutlich, dass die Deutschen Jahr für Jahr immer mehr arbeiten:

Infografik: Wie viel arbeiten die Deutschen? | Statista Mehr Infografiken finden Sie bei Statista

Innerhalb von  20 Jahren ein Anstieg von 49,5 auf 54,7 Milliarden Stunden, das ist eine Steigerung um 10 Prozent, und das ist kein Pappenstiel. Wie viel mehr wären aber 200 Stunden pro Jahr? Bei Vollzeitbeschäftigten kann davon ausgegangen werden, dass von 250 kalendarischen Arbeitstagen 30 Tage für sechs Wochen Urlaub entfallen, und – nach neuesten Erhebungen – weitere 15 Tage für krankheitsbedingte Arbeitsunfähigkeit. Verbleiben 205 Tage, an denen tatsächlich gearbeitet wird. Das ergibt beim 8-Stunden-Tag immerhin noch 1.640 Stunden pro Jahr. 200 Stunden extra macht dann 1840 Stunden und eine Steigerung um 12,2 Prozent.

Die tägliche Arbeitszeit der Vollzeitbeschäftigten stiege dabei von 8 auf 9 Stunden, die Wochenarbeitszeit von 40 auf 45 Stunden. Für Teilzeitkräfte wäre das noch dramatischer, statt 20 Stunden pro Woche hätten sie 25 Wochenstunden zu erbringen, um das Merz’sche Soll zu erfüllen.

Nachdem das geklärt ist, widmen wir uns den erwarteten positiven Folgen. Hier gilt es, zwei grundsätzlich verschiedene Modelle zu unterscheiden.

A  Mehrarbeit ohne Lohnausgleich

Das bedeutet für die Arbeitnehmer, dass sie sich, was das Netto-Einkommen betrifft, kein bisschen schlechter stellen als vorher. Sie arbeiten halt bloß ein bisschen länger. Für die Wirtschaft bedeutet das, dass die Lohn-Stückkosten sinken, es können, weil mehr Zeit ist, mit den gleichen Lohnkosten mehr „Stück“ hergestellt werden. Ob zugleich die Kapitalkosten pro Stück sinken ist zumindest umstritten. Die Betriebsmittel (Maschinen und Anlagen) unterliegen bei höherer Auslastung einem höheren Verschleiß und erfordern höheren Wartungsaufwand und früheren Ersatz. In manchen Bereichen müssten sogar erst zusätzliche Arbeitsplätze geschaffen werden, zum Beispiel da, wo im Schichtbetrieb mit 3×8 Stunden gearbeitet wird, müssten statt hundert Arbeitsplätzen 112 Arbeitsplätze vorgehalten werden.

Im Endeffekt wird es also möglich sein, 112 statt 100 Stück herzustellen. Je nachdem, wie hoch der Lohnkostenanteil am Produkt ist, was zwischen Branchen und Betrieben höchst unterschiedlich sein kann, können die Preise um den Lohnkostenanteil gesenkt werden, ohne dass dadurch der Gewinn geschmälert würde. Auf der höchsten Aggregationsebene, dem BIP, besagen die Zahlen von 2024, dass das Arbeitnehmerentgelt (inkl. Sozialbeiträge der Arbeitgeber) in Höhe von 2.357,849 Mrd. € einen Anteil von 54,5 Prozent am BIP (nominal: 4.329,0 Mrd. €) ausmachten. Bei Merhproduktion und Weitergabe der Kostenersparnis in den Preisen hätte das BIP 2024 also einen Wert von 4.569,3 Milliarden Euro erreicht (+5,6%) erreicht.

Obwohl die Beschäftigten für die 200 Extra-Stunden nicht extra bezahlt werden und Steuereinnahmen und Beitragseinnahmen der Sozialversicherungen ebenfalls unverändert bleiben, können sich die Beschäftigten mehr leisten, weil die Preise um bis zu 5,9 Prozent gesenkt werden könnten. Dies wird nicht durchgängig der Fall sein, weil einige von der Insolvenz bedrohte Unternehmen überleben können, wenn sie die Kostenentlastung nicht in den Preisen weitergeben. Es kann aber angenommen werden, dass im Binnenmarkt etwa 4 Prozent der Mehrproduktion abgesetzt werden könnten.

Für die übrige Mehrproduktion bleibt als Ventil immer noch der Export. Treiber für den Export sind a) einzigartige Qualität, b) einzigartiger Nutzen und c) niedrig(ste) Gesamtkosten. An der Qualität und am Nutzen hat sich nichts verändert. Allerdings können die Preise um 5,9 Prozent gesenkt werden. Das könnte – bei aller Unsicherheit dieser Prognose, den Export um drei bis 5 Prozent, gemessen am BIP, steigen lassen.

Fazit: Wenn die Beschäftigten und die Gewerkschaften mitspielen würden, was wahrlich nicht zu erwarten ist, könnten 60 bis 75 Prozent der Mehrproduktion aufgrund sinkender Preise abgesetzt werden. 25 bis 40 Prozent werden sich als unverkäuflich erweisen, es sei denn, es kommt eine gute Fee vorbei, die Geld in den Markt kippt. Da die Feen seit den Gebrüdern Grimm nicht mehr gesichtet wurden, wird es wohl einer Neuverschuldung in der Größenordnung von 100 bis 160 Milliarden Euro bedürfen, um den Mehrarbeitssegen vollends unters Volk zu bringen. An eine spätere Tilgung ist allerdings nicht zu denken, sonst kippt das System.

B Mehrarbeit mit vollem Lohnausgleich

Dies bedeutet für die Arbeitnehmer, was ihr Netto-Einkommen betrifft, dass sie mehr Geld zur Verfügung haben, wenn auch, wegen der stillen Progression, nicht so viel mehr wie sie mehr arbeiten mussten. Rechnen wir mit 11 Prozent, statt 12,2 Prozent gestiegener Kaufkraft der Bevölkerung und damit, dass der Staat seine Mehreinnahmen, solange sie nicht für Personalkosten aufgewendet werden, nutzt, um die Neuverschuldung zu begrenzen.

An den Preisen ändert sich nichts, denn die Lohnstückkosten sind gleich geblieben. Die Fixkostendegression wird sich beim sprunghaften Anstieg der Produktionsmengen – wie bereits im Szenario A beschrieben – nicht wirklich auswirken.

Der Pferdefuß liegt hier ganz woanders. Rund die Hälfte der Wirtschaftsleistung Deutschlands (42 % im Jahr 2024) wird für den Export erzeugt. Weil gleichbleibende Preise keinen Anstieg des Exports bewirken, müssten die 12,2 Prozent Mehrleistung in der für den Binnenmarkt produzierenden Wirtschaft erzeugt werden. Diese müsste ihre Kapazität allerdings von bisher 58% BIP auf 70% BIP (also nicht nur um 12, sondern um 20%) erhöhen. Das ist schlicht nicht möglich, jedenfalls nicht innerhalb weniger Jahre.

Fazit: Weil die strukturelle Umstellung der Produktion ad hoc nicht möglich ist, werden auch die zusätzlichen Arbeitsplätze nicht geschaffen werden. Es wird im Gegenteil dazu führen, dass bei der Umstellung auf die 45-Stunden-Woche von 100 Vollzeit-Arbeitsplätzen nur 88 übrig bleiben. Es würde nicht insgesamt mehr gearbeitet, wie erhofft, die Arbeit und die -Freizeit würden nur umverteilt. Weniger Beschäftigte, mehr Grundsicherungsempfänger.

Sollte es auf wundersame und unerklärliche Weise doch gelingen, wobei ich mir nicht vorstellen kann, wie, würde die zusätzliche Kaufkraft erst in den Import – also nach China – fließen, um sich dann in der Inflation ein Ventil zu suchen.

Der Staat kann es nicht richten

Es besteht nicht der geringste Zweifel daran, dass der Wohlstand eines Landes nicht zuletzt auch von den geleisteten Arbeitsstunden seiner Bevölkerung abhängt. Mehr Arbeit kann aber nicht einfach befohlen werden – sie muss sich lohnen. Es ist die Wirtschaft, die Chancen entdeckt, Gewinne zu erzielen, und daraufhin Arbeitsplätze schafft. Im Zweifelsfall findet zwischen konkurrierenden Unternehmen auch eine Konkurrenz um Arbeitskräfte statt, die sich in attraktiven Löhnen und Arbeitsbedingungen niederschlägt. Alleine hierin liegt der Ursprung von Wachstum und Wohlstand, aber – wenn die Chancen schwinden – liegt hier auch der Ursprung von Rezession und Wohlstandsverlust. Wobei natürlich auch externe Faktoren einen Einfluss auf konjunkturelle Bewegungen haben.

Mitarbeiter werden doch nicht eingestellt und beschäftigt, um soziale Wohltaten zu vollbringen, sondern um einen Gewinn pro Arbeitsplatz zu erzielen. Dies hängt aber nicht nur von der Verfügbarkeit von Mitarbeitern ab, sondern ganz erheblich auch von den jeweils herrschenden Rahmenbedinungen.  Jeder Beauftragte für Irgendwas, der aufgrund gesetzlicher Bestimmungen beschäftigt werden muss, senkt den Gewinn pro Arbeitsplatz. Jede zusätzliche Statistik, die erstellt werden muss, senkt den Gewinn pro Arbeitsplatz. Jeder Cent Anstieg der Stromkosten pro Kilowattstunde senkt den Gewinn pro Arbeitsplatz, jeder Einfuhrzoll auf Material senkt den Gewinn pro Arbeitsplatz, jede Erhöhung der Ertragsssteuern senkt den Gewinn pro Arbeitsplatz, jede Sanktion, die Exportmärkte verschließt, senkt den Gewinn pro Arbeitsplatz.

Die Reaktion besteht im Abbau von Arbeitsplätzen. Teils aufgrund kluger, vorausschauender unternehmerischer Entscheidungen, teils wegen versäumter unternehmerischer Entscheidungen – dann im Endzustand der Insolvenz.

Niemand stellt freiwillig einen zusätzlichen Mitarbeiter ein, wenn klar ist, dass dieser keinen Beitrag zur Wertschöpfung leisten wird. Niemand stellt einen zusätzlichen Mitarbeiter ein, wenn dessen Beitrag zur Wertschöpfung nicht auf die entsprechende Nachfrage trifft.

Mit einer Staatsquote von 50 Prozent ist allerdings auch der Leistungswille der erwerbsfähigen Bevölkerung einer starken Belastungsprobe unterworfen. Wo in den unteren Einkommensbereichen von einem Lohnabstandsgebot nichts mehr wahrzunehmen ist (es sei denn, man betrachtet die Beamten), liegt die Entscheidung längst nicht mehr in der Frage, was man sich mit Arbeit mehr leisten könnte, weil die Antwort darauf im Bereich der Lächerlichkeit angesiedelt ist, sondern nur noch darin, wie man es sich ohne Arbeit unter Nutzung aller unzähligen Leistungsansprüche bestmöglich einrichten kann.

Die Trendumkehr im Welthandel, weg von der Globalisierung, hin zur nach Autarkie strebenden Nationalölonomie, wird Deutschland in den vor uns liegenden Jahren aufgrund unserer massiven Exportorientierung noch hart genug treffen.

Statt über Trump und Milei abzulästern, sollte man erkennen, dass wir diesen Weg früher oder später in aller Konsequenz gehen werden müssen, wenn es uns nicht gelingt, jetzt noch über eine mildere Version wieder in ein sicheres Fahrwasser zu gelangen.

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