von Torben Botterberg (qpress)
USA : Man muss den Amerikanern wirklich eines lassen: Sie haben ein phänomenales Gespür für geografische Zufälle. Seit Jahrzehnten ziehen sie in die Welt hinaus, um Freiheit zu bringen, Diktatoren zu stürzen und westliche Werte zu verbreiten – und landen dabei mit einer geradezu mystischen Verlässlichkeit immer dort, wo der Boden besonders schwarz und besonders wertvoll ist.
Es ist fast schon rührend.
Die erstaunliche Häufung der Zufälle
Nehmen wir den Irak. Der Irak verfügt über rund 145 Milliarden Barrel nachgewiesener Ölreserven – Platz fünf weltweit. 2003 entschieden die USA, dass das Land dringend Demokratie brauche. Massenvernichtungswaffen wurden nie gefunden. Das Öl hingegen schon. Was für ein Glück.
Dann Venezuela. Venezuela verfügt über die größten nachgewiesenen Ölreserven der Welt – rund 303 Milliarden Barrel. Mehr als Saudi-Arabien. Mehr als jedes andere Land auf diesem Planeten. Und seit Jahren interessiert sich Washington mit wachsender Inbrunst für die dortige Demokratielage. Was für ein Zufall.
Der Iran. Iran besitzt etwa 209 Milliarden Barrel nachgewiesener Ölreserven – Platz drei weltweit. Auch dort herrscht nach amerikanischer Einschätzung dringender Reformbedarf. Bomben wurden abgeworfen. Die Freiheit ist auf dem Weg. Das Öl wartet bereits.
Und Nigeria? Nigeria verfügt über rund 37 Milliarden Barrel nachgewiesener Ölreserven und ist damit der größte Ölproduzent Afrikas. Auch dort war Amerika schon aktiv. Auch dort gab es humanitäre Bedenken. Auch dort – welch Überraschung – steckt Öl im Boden.
Das Muster, das kein Muster sein soll
Wer die Landkarte der US-Militäroperationen der vergangenen 25 Jahre mit der Karte der globalen Ölreserven überlagert, sieht ein Muster, das sich der Zufallserklärung entzieht: Irak 2003, Libyen 2011, Syrien seit 2011, Venezuela 2026, Iran ab Februar 2026. Alle Ölproduzenten. Alle Länder, die China beliefern oder beliefern könnten.
Aber natürlich ist das kein Muster. Das sind Zufälle. Viele, viele Zufälle. Übereinander gestapelt. Über Jahrzehnte. Mit Bomben.
Die offizielle Begründung lautet selbstverständlich stets anders. Mal sind es Massenvernichtungswaffen. Auch Terrorismus funktioniert gut als Begründung. Und schon gar nicht fehlt der Hinweis auf Menschenrechtsverletzungen – die in befreundeten Ölstaaten wie Saudi-Arabien übrigens ebenfalls vorkommen, dort aber offenbar keinen Interventionsbedarf auslösen. Saudi-Arabien hat nämlich zwar rund 267 Milliarden Barrel Ölreserven – aber die liegen bereits fest in amerikanisch-freundlichen Händen. Kein Demokratieproblem weit und breit.
Was Demokratie mit Öl zu tun hat
Nichts. Offiziell.
Inoffiziell lässt sich festhalten: Länder mit riesigen Ölreserven und gleichzeitig schlechten Beziehungen zu Washington haben eine statistisch bemerkenswert hohe Wahrscheinlichkeit, irgendwann Besuch von der US-Luftwaffe zu bekommen. Länder mit riesigen Ölreserven und guten Beziehungen zu Washington dürfen ihre Bevölkerung ungestört nach Belieben behandeln.
Das nennt man Außenpolitik. Oder, je nach Tagesform, auch Wertegemeinschaft.
Frieden, Freiheit, Fossil
Die Welt wäre ein anderer Ort, wenn Kuwait Bananen exportieren würde. Wenn der Irak Weltmarktführer bei Datteln wäre. Wenn Venezuela vor allem für seinen Kaffee bekannt wäre.
Aber nein. Da ist dieses Öl. Und da sind diese Zufälle.
Was für ein Glück für alle Beteiligten.
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