Die europäischen Staaten lagern ihre Goldreserven in den USA. Was würde passieren, wenn die Europäer angesichts der sich verschlechternden Beziehungen zu den USA ihr Gold abziehen wollten?
Quelle: anti-spiegel
Die russische Nachrichtenagentur TASS hat einen interessanten Artikel veröffentlicht, den ich übersetzt habe. Darin geht es um die Frage, was passieren würde, wenn die Europäer angesichts der sich verschlechternden Beziehungen zu den USA ihr Gold abziehen wollten.
Beginn der Übersetzung:
245 Milliarden US-Dollar: Was passiert, wenn Europa sein Gold aus den USA abzieht?
Igor Gaschkow darüber, wie die EU nach dem Einfrieren russischer Vermögenswerte befürchtet, dass ihr eines Tages dasselbe passieren könnte.
Während die europäischen Staats- und Regierungschefs auf Präsident Donald Trumps endgültige Entscheidung über die Zölle warten (die wohl Anfang August ins Haus steht), meinen sie, die Achillesferse der Amerikaner entdeckt zu haben: Ein Verband der Steuerzahler der Alten Welt richtete offene Briefe an die Zentralbanken Deutschlands und Italiens und forderte sie auf, ihre Vermögenswerte aus den USA abzuziehen – und zwar hauptsächlich die Goldbarren im Wert von insgesamt 245 Milliarden US-Dollar. Seit Mitte des 20. Jahrhunderts wird das Vermögen westeuropäischer Länder nämlich in Fort Knox, einem speziell befestigten Punkt des US-Finanzministeriums, verwahrt. Angesichts der aktuellen Spannungen mit Washington fragen sich die Europäer jetzt also: Ist es sicher, Vermögenswerte in einem Land aufzubewahren, zu dem sich die Beziehungen unvorhersehbar entwickeln? Vielleicht haben sie ja Recht und es ist in der Tat nicht sicher, doch führen wir den Gedanken zu Ende: Was passiert, wenn das Gold der EU in Container verpackt eines Tages die USA verlässt?
Das Abenteuer der Goldreserven
Im Jahr 2025 wirkt die Lagerung westeuropäischer Vermögenswerte in Übersee wie ein Relikt aus einer Zeit, als US-Dollar im Vergleich zu Gold noch als eine bessere Anlage galten. Ab Mitte des 20. Jahrhunderts sorgten sich die Regierungen Deutschlands und Italiens über den Mangel an Devisenreserven. Sie begannen daraufhin, Gold auf den nordamerikanischen Kontinent zu transportieren, um es bei Bedarf schnell in Banknoten umzutauschen. In Bonn, der damaligen Hauptstadt der BRD, und in Rom sicherte man sich damit also gegen unvorhergesehene Ereignisse ab, da man sich bewusst war, dass eine Evakuierung der Schätze nach Übersee im Eilmodus, was ansonsten theoretisch vielleicht notwendig werden könnte, ein schwieriges logistisches Unterfangen wäre und man höchstwahrscheinlich exorbitante Preise dafür hätte zahlen müssen. Und da ist es besser, auf Nummer sicher zu gehen und das Unternehmen ohne unnötige Eile und damit verbundene Mehrkosten wohlgeplant im Voraus abzuwickeln.
Es gibt noch eine andere Erklärung dafür, warum europäische Reserven des Edelmetalls am anderen Ufer des Atlantiks gelandet sind: Während des Kalten Krieges entwickelte sich ein stillschweigender Konsens, wonach Westeuropa sich bereit erklärte, in der Außenpolitik der US-amerikanischen Linie zu folgen und im Gegenzug die Vorteile des profitablen Handels mit dem Partner in Übersee zu genießen. Indem die Europäer mehr Waren an die USA verkauften als sie im Gegenzug kauften, erwirtschafteten sie einen Überschuss, doch im Gegenzug erklärten sie sich bereit, entsprechende Mengen im Tresor des US-Finanzministeriums zu verwahren und so das transatlantische Vertrauen zu festigen.
Heute, während Donald Trumps zweiter Amtszeit, kann man jedoch neuerdings nur mit großen Abstrichen von Freundschaft zwischen den beiden Seiten des Ozeans sprechen. Und gerade unter diesen Bedingungen großer Anspannung würden die EU und ihre Mitgliedsländer das Gold ja besonders brauchen können. So stimmten die Europäer unter Trumps Druck einer deutlichen Erhöhung ihrer Verteidigungsausgaben zu, und die Mittel dafür sollen geliehen werden, wofür das Edelmetall als Pfand äußerst nützlich wäre: Dieses traditionelle Finanzäquivalent ist ein hervorragendes Überzeugungsargument für Gläubiger. Heute, im Jahr 2025, beabsichtigen 59 Prozent der Zentralbanken weltweit, ihre Goldbestände zu erhöhen (im Jahr 2024 waren es nur 41 Prozent). Und da das Edelmetall im Aufwind ist, ist es schon allein deshalb viel klüger, es bei sich zu halten.
Die Vergoldung geht ab
Auf den ersten Blick hätte Europa ja zumindest eine Führungspersönlichkeit, die bereit ist, das einst nach Übersee verschiffte Gold aus den fremden Tresoren zurückzuholen. Das ist die italienische Ministerpräsidentin seit 2022, die ultrarechte Giorgia Meloni. Im Jahr 2019 postete sie in sozialen Medien: „Während andere Länder ihre Goldbarren von ausländischen Banken zurückholen, um sich vor möglichen Krisen zu schützen, wurde unser Vorschlag, das italienische Gold zurückzuholen, abgelehnt. Aber das macht nichts, eine künftige Regierung mit unserer Beteiligung wird die Barren an die Italiener zurückgeben!“
Zum Leidwesen der Befürworter hielt die Realität nicht, was Meloni da versprach: Nach ihrem Amtsantritt sprach Meloni das heikle Thema nicht mehr an, sondern konzentrierte sich stattdessen auf den Aufbau vertrauensvoller Beziehungen zu Washington. Dabei ist gerade für Italien die Frage dieser ins Ausland gebrachten Mittel besonders heikel: Bedeutende 43 Prozent aller italienischen Reserven lagern in den Goldreserven eines anderen Landes, also der USA, und ihr Gesamtwert wird auf 82 bis 100 Milliarden US-Dollar geschätzt.
Das mag für jemanden, der sich erstmals mit dem Thema beschäftigt, unerwartet hoch anmuten: Gemessen an den Goldbeständen liegt die Apenninenrepublik weltweit an dritter Stelle, nur hinter den USA und Deutschland (Russland ist Fünfter).
In Italien wird das Thema des erneuten direkten Zugangs zu den nunmehr weit entfernt gelagerten Reichtümern gerne diskutiert: Nur wie das machen?
Eine Schwierigkeit liegt auf der Hand: Seit 1953 haben nicht nur die Italiener nicht, sondern hat überhaupt niemand ein vollständiges Audit der Tresore von Fort Knox durchgeführt, in denen jedoch Mittel von schlicht astronomischer Kaufkraft gelagert werden. Theoretisch ist es unmöglich, den Zaun dieser buchstäblichen finanziellen Hochburg illegal zu durchdringen. Das Haupttor wiegt 22 Tonnen und ist 53 Zentimeter dick, und als ob das nicht genug wäre, ist das gesamte Gelände von elektrischem Stacheldraht und zwei Reihen Elektrozäunen umgeben und sicherheitshalber zusätzlich teilweise vermint. Dennoch bleiben die Zweifel am Bestand der darin gelagerten Mittel bestehen – einfach deshalb, weil sie so groß sind. Mehr noch: Derlei Zweifel werden in den USA selbst gar noch häufiger geäußert als woanders.
Das Geheimnis des alten Forts
Seit vielen Jahrzehnten steht die Federal Reserve (die US-Notenbank), die unter anderem dieses Gold lagert, im Zentrum einer Kontroverse zwischen rechtsliberalen Republikanern und Libertarianern einerseits und dem politischen Mainstream andererseits. Seit den 1980er Jahren hat sich der ehemalige Kongressabgeordnete Ron Paul als Fürsprecher derer profiliert, die die Vorteile einer Rückkehr zum Goldstandard sehen: darunter vor allem die Bindung des US-Dollars an die Barreserven an Edelmetall, um die allmählichen inflationsbedingte Abwertung der Währung zu vermeiden. Dies bringt den Politiker zu Plänen für eine radikale Wirtschafts- und Bestandsprüfung, und zuallererst sollen alle Zweifel darüber ausgeräumt werden, wie viel Gold sich tatsächlich in Fort Knox befindet.
Aufgrund der Lagerbedingungen und der enormen Größe der Bestände ist eine vollständige Prüfung technisch schwierig. Paul besteht jedoch darauf, dass sie trotzdem durchgeführt werden soll. Der Großteil der politischen Klasse steht dieser Idee gleichgültig gegenüber, da bei der Fed einst bereits Teilprüfungen durchgeführt wurden, und mehr, so glaubt man, sei nicht erforderlich.
In den Jahren 2013 bis 2020 wurde beispielsweise ein Teil des dort gelagerten deutschen Goldes aus dem Tresorraum zurückgegeben. Diese schwierige Operation, die allein 7 Millionen US-Dollar kostete, fiel mit der ersten Amtszeit von Präsident Donald Trump zusammen. Beim entsprechenden historischen Treffen mit der damaligen Bundeskanzlerin Angela Merkel blieb der Präsident allen dadurch in Erinnerung, dass er ihr, der Regierungschefin eines nominell verbündeten Landes, die Hand verweigerte.
Anstatt jedoch den Trumpisten die Stirn zu bieten, zogen es die Europäer vor, die Wogen zu glätten: 37 Prozent der deutschen Goldreserven blieben in den USA und unter Biden wurde die Frage der Rückgabe nicht einmal mehr angesprochen.
Trumps zweite Amtszeit im Weißen Haus ist auch eine Zeit neuer Zweifel an den Goldreserven. Ende 2024 stellte Elon Musk, damals ein enger Verbündeter von Donald Trump, öffentlich die Frage: „Haben die USA noch Gold in Fort Knox?“
Im Jahr 2025 schließlich griff auch das Weiße Haus dieses Thema auf: Nach US-amerikanischem Recht genießt die Federal Reserve ein hohes Maß an Autonomie gegenüber der Exekutive und entscheidet zum Beispiel im Alleingang über den Zinssatz. Trump ist damit unzufrieden und das Gold wird zum Vorwand. In drohendem Ton sagte Trump im Februar: „Wir werden Fort Knox, das sagenhafte Fort Knox, aufsuchen und sicherstellen, dass die Goldreserven noch da sind. Und wenn sie nicht da sind, werden wir sehr, sehr verärgert sein.“
Es ist keine Überraschung, dass seine Worte in Europa Anklang finden. Und zwar auf ganz eigene Weise nicht überraschend: Im Jahr 2025 forderten zwei Bundestagsabgeordnete, dass nicht nur US-amerikanische, sondern auch deutsche Beamte das Recht erhalten sollten, die Tresore des US-Finanzministeriums regelmäßig zu prüfen. Schließlich hat auch Deutschland dort seine Mittel und warum sollten ausländische Vertreter schlechter gestellt sein? Es gab keine Antwort, obwohl der Vorschlag völlig legitim, wenn auch nach heutigem Stand politisch immer noch eher inkorrekt ist.
Die Liebe, die es heute nicht mehr gibt
Wenn sich die Beziehungen zwischen den USA und der EU weiter verschlechtern, welche Folgen könnte dann eine 100-prozentige Rückgabe zunächst der deutschen und italienischen Goldreserven an Europa haben? Zunächst einmal müssen wir die an sich schon ganz und gar nicht selbstverständliche Annahme zulassen, dass Washington einer solchen Operation überhaupt zustimmen würde.
In ruhigeren Zeiten gab man sich im Westen über jegliche diesbezügliche Zweifel erhaben, doch unter Donald Trump sieht die Lage anders aus. Die EU wird sich jedenfalls nicht sofort auf einen Streit mit den Amerikanern einlassen, der bis zum völligen Abbruch der Beziehungen gehen könnte – und wenn doch, wird das Gespräch sehr laut werden.
Und bei einer solchen Wendung der Ereignisse wird es bedeutsam sein, dass die Europäer den Präzedenzfall des Einfrierens fremder Vermögenswerte einst selbst gegeben haben, denn 2022 wurden rund 300 Milliarden Euro russischer Staatsmittel den EU-Ländern blockiert. In der Logik der angelsächsischen Rechtsprechung, die ja zu einem großen Grad auf Präzedenzfällen gründet, könnte dieselbe Maßnahme durchaus auf die Schöpfer des Sanktionsregimes selbst angewendet werden – und darin liegt eine fast karmische Logik.
Und falls europäische Schiffe, beladen mit fantastischen Schätzen, nun tatsächlich doch über den Atlantik Kurs auf die Heimat nehmen sollten, wird das zu einer Schwächung des Vertrauens in den US-Dollar führen. Im goldenen Zeitalter der transatlantischen Freundschaft wurde das Edelmetall in New York benötigt, um die Mittelüberführung in die US-amerikanische Währung zu vereinfachen. Und eine derartige „Umkehr der Goldfracht über dem Atlantik“ würde buchstäblich bedeuten, dass dieser Bedarf nicht mehr berücksichtigt wird.
Ein noch ausdrucksstärkeres Symbol der Deglobalisierung – Amerika für sich, Europa für sich – wäre kaum vorstellbar. Für die auf ihrem Atlantikufer verbleibenden US-Amerikaner würde ein solcher demonstrativer Abzug der Europäer eine Abwertung New Yorks als internationale Finanzdrehscheibe und einen wahrscheinlichen Rückgang des Dollarkurses aufgrund einer spontanen Entdollarisierung bedeuten, denn der würde mit einer solchen Entwicklung sofort durch einen darauffolgenden Abverkauf US-amerikanischer Vermögenswerte in aller Welt zugunsten von Gold einhergehen.
Schließlich sind Beispiele ansteckend, wie die Erfahrung zeigt – und insbesondere dann, wenn sie so anschaulich sind. Übrigens lagert auch die asiatische Großmacht Indien einen Teil ihrer Goldreserven in den USA. Und in einem solchen Fall würde sie sich sofort als nächstes zur Rücknahme ihrer Mittel melden.
Ende der Übersetzung
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