Russland hat angekündigt, die Lieferungen von kasachischem Öl durch die Druschba-Pipeline nach Deutschland zum 1. Mai einzustellen. Die sichere Folge werden höhere Treibstoffpreise in Berlin und Brandenburg sein, mittelfristig sind auch Versorgungsengpässe möglich. Warum hat Russland sich zu diesem Schritt entschieden?
Quelle: anti-spiegel
Die Ankündigung Russlands, die Lieferungen von kasachischem Öl durch die Druschba-Pipeline nach Deutschland zum 1. Mai einzustellen, hat in Deutschland nicht viele Schlagzeilen gemacht, obwohl die Folgen schwerwiegend werden können. Der Spiegel berichtete darüber nur in zwei kurzen Artikeln. Der erste war eine Kurzmeldung über die russische Entscheidung, im zweiten Artikel mit der Überschrift „Russische Pipeline-Blockade – Warum Sprit und Heizöl in Berlin und Brandenburg bald noch teurer werden könnten“ schrieb der Spiegel in der Einleitung:
„Russland will ab Mai kein kasachisches Öl mehr zur PCK-Raffinerie im brandenburgischen Schwedt transportieren. Das hätte erhebliche Folgen für die deutsche Energieversorgung – vor allem im Osten.“
Über die möglichen Gründe für die russische Entscheidung erfahren wir in dem Spiegel-Artikel nicht viel. Einerseits ist das nicht überraschend, weil Russland sich dazu nicht wirklich geäußert, sondern nur von „technische Möglichkeiten“ gesprochen hat, wie auch der Spiegel korrekt berichtet. Man kann über die Gründe also nur spekulieren, allerdings liegen sie im Grunde auf der Hand, wie wir gleich sehen werden.
Bevor wir zu den Spekulationen über die Gründe kommen, will ich kurz auf die Hintergründe eingehen.
Die Raffinerie Schwedt und die Druschba-Pipeline
Die Raffinerie Schwedt gehört dem russischen Konzern Rosneft. Deutschland hat den Konzern nach der Eskalation in der Ukraine de facto enteignet und die Raffinerie unter Treuhandverwaltung durch die Bundesnetzagentur gestellt. Außerdem hat Russland den Import von russischem Öl, mit dem Raffinerie Schwedt über die Druschba-Pipeline versorgt wurde, verboten. Die Raffinerie wird seitdem über die Druschba-Pipeline mit Öl aus Kasachstan und über Ölimporte mit Tankern über die Häfen in Rostock und Danzig versorgt.
Die Druschba-Pipeline hat in den letzten Wochen wegen des ukrainischen Lieferstopps von russischem Öl nach Ungarn und in die Slowakei Schlagzeilen gemacht, daher muss ich auch das kurz erklären. Die Pipeline führt aus Russland nach Weißrussland, wo sie sich in einen nördlichen und einen südlichen Strang aufspaltet. Der nördliche verläuft durch Polen nach Deutschland und war von der ukrainischen Blockade nicht betroffen, der südliche hingegen, den die Ukraine von Ende Januar bis letzte Woche blockiert hat, verläuft durch die Ukraine nach Ungarn und in die Slowakei.
Das kasachische Öl macht mit durchschnittlich etwa 200.000 Tonnen pro Monat etwa 30 Prozent des in Schwedt verarbeiteten Öls aus. Die Blockade würde also nicht zum totalen Stillstand der Raffinerie führen, wohl aber zu einem bedeutenden Produktionsrückgang.
Während deutsche Medien wie der Spiegel in seinen Artikeln von 130.000 Tonnen kasachischem Öl pro Monat sprechen, hat Kasachstan im Jahr 2025 2,1 Millionen Tonnen Öl über die Druschba-Pipeline nach Deutschland geliefert, also durchschnittlich etwa 170.000 Tonnen pro Monat. Für 2026 hat die kasachische Regierung eine Steigerung der Liefermenge auf 2,5 Millionen Tonnen geplant, was durchschnittlich über 200.000 Tonnen pro Monat entspricht.
Für Mai hat Kasachstan den Transport von 260.000 Tonnen Öl nach Schwedt geplant. Und diese Mengen werden nun umgeleitet, dazu kommen wir gleich.
Treibstoffmangel oder „nur“ steigende Preise?
Die Raffinerie Schwedt ist extrem wichtig, denn sie versorgt den Osten Deutschland mit Benzin, Diesel, Kerosin und anderen Nebenprodukten der Ölverarbeitung. Vor allem produziert Schwedt rund 90 Prozent des in Berlin und Brandenburg verbrauchten Benzins, Kerosins, Diesels und Heizöls. Laut offiziellen Erklärung der Bundesregierung droht zwar keine Knappheit, aber die Preise könnten steigen, wie auch der Spiegel berichtet:
„Ein Versorgungsengpass droht wegen der geplanten Lieferblockade daher wohl nicht. Die Bundesnetzagentur jedenfalls, unter deren Treuhandverwaltung die Raffinerie steht, gibt in diesem Punkt Entwarnung. »Nicht ausgeschlossen werden können aber regionale Preiseffekte«, teilte die Behörde mit. Sprich: In Berlin, Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern können Sprit, Heizöl und Kerosin noch teurer werden als im Rest der Republik.“
Allerdings begründet die Regierung ihre optimistische Einschätzung laut dem Spiegel-Artikel wie folgt:
„Tatsächlich lässt sich ein Teil der ausgefallenen Mengen wohl ersetzen. Ein bewährtes Notvehikel dafür sind zusätzliche Schiffslieferungen von Öl über den polnischen Hafen Danzig. Die hatte es schon in der Energiekrise 2022 gegeben. Etwa ein Viertel des kasachischen Öls könnte dadurch ersetzt werden, heißt es in Regierungskreisen. Auch über eine Pipeline aus Rostock könnte etwas zusätzliches Rohöl geliefert werden, hieß es weiter.“
Technisch gesehen ist das vollkommen korrekt, aber das Problem ist, dass es wegen des Irankrieges und der Blockade der Straße von Hormus derzeit auf den Weltmärkten nicht genug Öl gibt. Und das vorhandene Öl ist sehr teuer. Ob sich das kasachische Öl also kurzfristig ersetzen lässt, darf bezweifelt werden.
Der Spiegel weist auch darauf hin, dass die Regierung weitere Ölreserven freigeben könnte, um einen Treibstoffmangel zu verhindern. Aber die deutschen Ölreserven sind nicht unendlich, weshalb man mit der Maßnahme nur Zeit kaufen kann, das Problem aber nicht löst. Sollte der Nahe Osten noch für Monate als Lieferant ausfallen, wird das Problem in jedem Fall akut.
Der Trick mit den Alternativrouten
Russland will mit dem Schritt natürlich nicht seinen Nachbarn Kasachstan verärgern. Daher hat Russland alternative Lieferrouten für das kasachische Öl angeboten. Das Öl soll nun über den Hafen Ust-Luga und das Kaspische Pipeline-Konsortium exportiert werden. Im Mai hat Kasachstan den Export von 260.000 Tonnen nach Schwedt geplant, davon sollen 100.000 Tonnen über den Hafen Ust-Luga und 160.000 Tonnen über das Kaspische Pipeline-Konsortium gehen. Beide Routen führen durch Russland, interessant dabei sind die Verladehäfen.
Das Kaspische Pipeline-Konsortium transportiert kasachisches Öl zum Hafen der russischen Stadt Noworossijsk am Schwarzen Meer, wo es auf Tanker verladen wird. Stammleser des Anti-Spiegel wissen jedoch, wo da der Haken ist, denn die Ukraine hat sowohl die Anlagen des Kaspischen Pipeline-Konsortiums als auch die von dort kommenden Tanker mit kasachischem Öl immer wieder mit Drohnen angegriffen, obwohl weder das Öl noch die Tanker russisch sind. Das Kaspische Pipeline-Konsortium gehört westlichen und kasachischen Konzernen.
Nun hat Deutschland plötzlich ein Interesse daran, dass diese Angriffe aufhören, wenn es weiterhin eine stabile Versorgung von Schwedt mit kasachischem Öl haben will.
Das gleiche gilt für die andere Route, die Russland anbietet, denn Stammleser des Anti-Spiegel haben auch bereits vom Hafen Ust-Luga gehört. Der liegt nahe St. Petersburg. Dort gibt es sowohl eine Raffinerie als auch einen Hafen, über den Öl und auch Ölprodukte exportiert werden. Und genau dieser Hafen und die Raffinerie werden seit Monaten von ukrainischen Drohnen angegriffen, die über Polen und die baltischen Staaten nach Russland fliegen.
Nun hat Deutschland plötzlich ein Interesse daran, dass auch diese Angriffe aufhören, wenn es weiterhin eine stabile Versorgung von Schwedt mit kasachischem Öl haben will.
Russlands mögliche Motive
Nun kommen wir zur Spekulation über Russlands mögliche Gründe für die Blockade der Druschba-Pipeline nach Deutschland. Wie bereits gesehen, könnte die deutsche Regierung nun, wenn sie einen Treibstoffmangel oder zumindest explodierende Benzinpreise in Ostdeutschland verhindern will, gezwungen sein, auf die Kiewer Machthaber einzuwirken, die Angriffe auf die russische Infrastruktur einzustellen, über die Schwedt künftig versorgt werden soll.
Außerdem kam die russische Erklärung nur wenige Stunden, nachdem die EU das 20. Sanktionspaket verabschiedet hat, in dem die EU ein noch härteres Vorgehen gegen Handelsschiffe beschlossen hat, die Russland ansteuern (die sogenannte „Schattenflotte“). In den letzten Monaten haben sich die Fälle gehäuft, in denen EU-Staaten solche Handelsschiffe angehalten oder festgesetzt haben, was völkerrechtlich natürlich Piraterie ist, was aber die EU nicht stört. Die russische Entscheidung könnte also auch eine Reaktion darauf sein, inklusive der unterschwelligen Warnung, dass ein weiteres derartiges Vorgehen die Exporte das kasachischen Öls nach Deutschland negativ beeinflussen könnte.
Wie gesagt, ist das reine Spekulation, aber es liegt nahe. Ob das die Bundesregierung allerdings beeindruckt, bezweifle ich, denn sie demonstriert ja schon lange offen, dass die Unterstützung der Ukraine, also der Krieg gegen Russland, für sie wichtiger ist als das Wohlergehen der Menschen in Deutschland.
Profitieren dürfte von der russischen Entscheidung in jedem Falle die AfD, die sich gegen die Ablehnung von russischem Öl und Gas ausspricht und ständig auf die negativen Folgen davon für Deutschland hinweist. Am 20. September sind Landtagswahlen in Berlin und Mecklenburg-Vorpommern und der kaum mehr zu verhindernde, weitere Anstieg der Benzinpreise in Ostdeutschland dürfte der AfD in die Hände spielen, was wiederum die Bundesregierung ärgern dürfte.
Landtagswahlen haben aber keinen Einfluss auf die Außenpolitik der Bundesregierung, weshalb das kaum der Grund für die russische Blockade sein dürfte.
Aber ein bisschen Schadenfreude dürfte man in Moskau sicher haben, wenn die Bundesregierung bei den Landtagswahlen im September eine kräftige Ohrfeige bekommt.
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