VORSICHT BÄR! BALD IST ER WIEDER DA

von Egon von Greyerz (goldswitzerland)
Original in Englisch vom Freitag, 8 Mai, 2020

Während die Weltwirtschaft kurz vor der Implosion steht, erkennen nur sehr wenige Investoren, was auf sie zukommt. Aktienschnäppchenjäger, die bei Rücksetzern kaufen, verstehen Folgendes nicht: Dieses Mal wird es wirklich anders kommen, weil die Welt mit der größten Vermögensvernichtung der Geschichte konfrontiert ist. Aktien, Anleihen und Immobilien werden in den nächsten Jahren wahrscheinlich um mindestens 95 % effektiv sinken. Im Umfeld staatlicher wie privater Kreditausfälle werden viele Anleihen auf null sinken und die Anleihezinsen ins Unendliche steigen.

Wie reden hier nicht nur über die USA und Europa, sondern über die ganze Welt – einschließlich China, Japan und die Schwellenmärkte. Also reden wir auf jeden Fall auch über einen sehr unangenehmen und ungeordneten Neustart, der viel Leid mit sich bringen wird. Allerdings lässt sich ein durch Zentralbanken verursachtes, gigantisches Schuldenproblem auch nicht anders lösen. Die aktuellen Maßnahmen dieser Zentralbanken sind natürlich eine Farce. Ein solch umfassendes Schuldenproblem, wie es jetzt auf die Welt zukommt, kann nie und nimmer durch die Ausgabe von mehr Schulden gelöst werden! Das ist aber der trügerische Lösungsansatz, den die Zentralbanken weltweit aktuell wieder verfolgen.

IRRATIONALE EUPHORIE BEHÄLT DIE OBERHAND

Vor dem Hintergrund einer US-Arbeitslosenzahl von 30 Millionen sowie eines erwarteten Rückgangs des US-BIP um 40 % im 2. Quartal hat sich der Dow Jones Index in den letzten 5 Wochen um 6.000 Punkte erholt. Und die FAANG-Aktien (Facebook, Amazon, Apple, Netflix und Google) haben ihre Allzeithochs überboten. Scheint ganz so, als seien die glücklichen Tage zurück – zumindest für die permanent optimistischen Aktienmarktinvestoren, die glauben, dass das durch Zentralbanken weltweit geschöpfte Geld für eine weitere 10-jährige Aktienmarkthausse sorgen wird.

Investoren beschäftigen sich schon mit der Zeit nach dem Corona-Virus. Wenige erkennen, dass CV nicht die eigentliche Ursache für den Zusammenbruch der Weltwirtschaft war, sondern nur sein Auslöser. Investoren, die augenscheinlich an ein baldiges Ende dieser schrecklichen Pandemie glauben, verstehen leider nicht, dass die Welt wahrscheinlich noch viele Jahre damit zu kämpfen haben wird. Und die Hoffnung, dass ein effektiver Impfstoff gegen ein Virus mit so zahlreichen Mutationen gefunden wird, kann als überoptimistisch gelten. Die Geschichte bestätigt das. Normalerweise dauert es Jahre, bis ein Impfstoff entwickelt ist. Und auch dann hat sich gezeigt, dass z.B. die Grippeimpfstoffe der letzten Jahre eine Erfolgsquote von zum Teil nur 30 % hatten.

MEINE ERLEUCHTUNG VON 1999

Der aktuelle Marktoptimismus erinnert mich an meine 85 Jahre alte Tante aus Florida. Laut ihrer Schwester hatte meine Tante so viel Erfolg beim Kauf von Technologieaktien, dass sie im Jahr 1999 auch ihrer Putzfrau beibrachte, wie man mit Aktien Geld verdient. Vor dem Tech-Boom hatte meine Tante nie in Aktien investiert, doch jetzt war sie Expertin – wie jeder damals. Für mich war es damals eine wahre Erleuchtung zu beobachten, wie Blinde andere Blinde an den Aktienmarkt führten. Es konnte keinen deutlicheren Hinweis auf das Ende der Aktienmarktblase geben, als wenn einem quasi der Schuhputzer Aktientipps steckt.

Einer meiner Freunde hatte in dieser Zeit ein erfolgreiches Technologieunternehmen aufgebaut, in dem auch ich involviert war. Das war die Zeit, als solche Unternehmen zwar keine Gewinne machten, aber schon mit dem 10-fachen der Verkaufszahlen bewertet wurden. Mich beschlich das Gefühl, dass diese Blase am Neuen Markt in Tränen enden würde. Also sagte ich meinem Freund, dass wir das Unternehmen verkaufen müssten – entweder für Cash oder für Aktien, die sich unmittelbar darauf verkaufen ließen. In der Tat verkauften wir das Unternehmen dann an ein Nasdaq-Unternehmen mit Sitz in Hongkong und veräußerten sofort unsere Aktienanteile. Zwei Jahre später hatte der Nasdaq 80 % seines Wertes verloren und das Unternehmen, das wir verkauft hatten, war Pleite.

GALOPPIERENDE GLOBALE VERSCHULDUNG

Kein Boom oder keine Bubble gleicht der anderen. Doch eines ist klar: Von 1999 bis 2006 (dem Beginn der Großen Finanzkrise) stieg die globale Verschuldung von 80 Billionen $ auf 125 Bill. $ – und heute sind es schon mehr als 270 Bill. $. Die jetzt stattfindende Beschleunigung der Geldschöpfung wird die globale Verschuldungssumme in den kommenden Jahren wahrscheinlich auf 300 Bill. $ treiben. Doch das wäre die optimistische Ausgangssituation. Rechnen wir auch Bankeninsolvenzen und Unternehmensbankrotte mit ein, könnte die globale Verschuldung sogar auf mehr als ½ Billiarde $ steigen. Und sobald die Derivateblase platzt, könnte die Welt es mit einer Gesamtverschuldung von mehreren Billiarden $ zu tun haben.

SCHEINERHOLUNG AM AKTIENMARKT

Was wir derzeit an den Aktienmärkten erleben, ist meiner Ansicht nach eine sogenannte „Suckers‘ Rally“, die für Schnäppchenjäger wie Daueroptimisten in Tränen enden wird. Aber genau so enden Bullenmärkte in der Regel auch. Ein erster Absturz mit Panik und dann eine starke Erholung, die alle wieder in den Markt zieht. Und das konnten wir in den letzten 5 Wochen beobachten. Möglicherweise endete diese korrektive Erholung schon am 29.April, sie könnte aber auch noch einige Tage länger andauern. Doch aktuell dominiert das Verlustrisiko, und der nächste Kursverfall könnte verheerend ausfallen und einen massiven Schock auf Seiten der Investoren auslösen.

1929 im Vergleich zu HEUTE

Das Gleiche konnte man 1929 beobachten – der Dow brach von 381 auf 190 Punkte ein, erholte sich dann um 50 % auf 300, bevor er 1932 auf 40 einbrach.

Im langfristigen Dow-Chart unten erkennt man, dass es im Quartals-MACD kürzlich eine Wende gegeben hat. Sie ist von sehr großer Bedeutung. In diesem Jahrhundert hatte es zuvor nur zwei solcher Wenden gegeben. Die erste zum Ende der Technologieaktien-Bubble im Jahr 2000, die einen 40 %igen Verfall im Dow nach sich zog. Die zweite fand während der Subprime-Krise 2007 statt – mit Verlusten von 55 %. Die heutige Wende im MACD hat sich von einem deutlich höheren Niveau vollzogen und die Verluste werden wahrscheinlich auch deutlich größer werden.

Da ich der Meinung bin, dass wir heute am Ende eines großen 300-Jahre-Zyklus stehen (vllt. sogar am Ende eines noch größeren), werden die Verluste jetzt größer ausfallen als jene 90 %, die es zwischen 1929-32 gegeben hatte – zumindest effektiv betrachtet, also in Gold bemessen. Während der kommenden hyperinflationären Depression wird der Dow vielleicht nicht um nominal 90 % sinken – besonders dann nicht, wenn auch der Goldpreis viele Nullen mehr bekommt, was wahrscheinlich ist. Als Beispiel: In Venezuela liegt der Goldpreis aktuell bei 425 Millionen VEF (Bolivar). Da ich aber damit rechne , dass der relativ kurzen hyperinflationären Phase (von vielleicht 1,5 bis 3 Jahren) eine deflationäre Implosion der Vermögenswerte und Schulden folgen wird, könnte es durchaus sein, dass der Dow bis in den Bereich von 500-1000 Punkten fallen wird, wo er in den 1970er Jahren bis Anfang der 1980er stand. Von den aktuellen Ständen ausgehend entspräche das einem Verfall von 98 %.





US-DOLLAR

Nicht allein Amerikaner benutzen den Dollar als ihre alltägliche Bewertungseinheit, ihren Maßstab. Auch in vielen anderen Bereichen, wie Rohstoffe, oder in Ländern, die nicht über eine harte Währung verfügen, wird er als Maßeinheit eingesetzt. Es ist natürlich ein trügerisches Unterfangen, irgendetwas in einer Währung zu messen, deren Wert seit 50 Jahren kontinuierlich sinkt. In meinen Artikel von vor zwei Wochen habe ich gezeigt, dass der US-Dollar gegenüber dem Schweizer Franken seit 1970 um ganze 78 % gesunken ist.

Seit 1971 ist der Dollar um 98 % gegenüber Gold gesunken – also gegenüber jenem Geld, das im Verlauf der Geschichte bis heute überlebt hat. Allein in diesem Jahrhundert hat der Dollar 83 % gegenüber Gold verloren.

GOLD

Im Februar 2019 schrieb ich über eine gewisse Maginot-Gold-Linie, die bei 1.350 $ verlief und unter der sich Gold seit 2013 gehalten hatte. Damals stand Gold bei 1.320 $ und ich prognostizierte, dass diese 6 Jahre alte Widerstandslinie innerhalb von 3 Monaten brechen würde. Anfang Juni 2019 brach Gold dann aus, und seither gab es kein Halten. Das war das Signal, dass auch der Gold-Aufwärtstrend in US-Dollar wiedereinsetzen würde. In allen anderen Währungen war der Aufwärtstrend schon bestätigt. Also: In weniger als einem Jahr stieg Gold um 350 $ auf jetzt 1.700 $. Und wahrscheinlich werden wir jetzt eine relativ schnelle Aufwärtsbewegung auf 2.000 $ und mehr erleben.

Unter technischen Gesichtspunkten hatte Gold schon länger einen extrem starken Eindruck gemacht, der eine größere Bewegung vorzeichnete. Wenn das markttechnische Bild eine Bewegung vorhersagt, dann gibt es in der Regel auch immer irgendeinen Impulsgeber oder fundamentalen Faktor, der diese Bewegung verursacht. Massive Geldschöpfung durch die Zentralbanken der Welt ist die perfekte Voraussetzung für eine beschleunigte Entwertung von Währungen und den Anstieg von Gold.

Viele fragen mich, wo ich den Goldpreis in diesem Jahr und in den kommenden Jahren sehe. Da wir nun schon seit 18 Jahren in Gold investiert sind, haben wir uns nie Gedanken um den Preis gemacht. Mir wir immer klar, dass die Geldschöpfung zunehmen und dass das Finanzsystem unter enormen Druck geraten würde. So stark sogar, dass es vielleicht nicht in seiner heutigen Form überleben würde.

Vor diesem Hintergrund ist es vollkommen irrelevant, wo der Goldpreis in 6 oder 12 Monaten stehen wird. Wir halten physisches Gold zur Absicherung gegen ein kaputtes Finanzsystem und kaputte Währungen, die zu Tode gedruckt werden. Warum sollte es dann wichtig sein, ob Gold, in heutigem Geld gerechnet, auf 10.000 $ oder aber 100.000 $ steigt – oder aber auf Milliarden oder Billionen in hyperinflationärem Geld? Die Alternative zum Nicht-Goldeigentum ist nicht weiter bedenkenswert.

Und sollte es nach der Hyperinflation zu einem deflationären Zusammenbruch kommen, dann wird Gold weiterhin das einzige reale Geld sein – und es wird auch deutlich besser dastehen als alle anderen Zahlungsformen.

Also, mein Rat ist folgender: Betrachten Sie Gold nicht als konventionelles Investment und machen Sie sich keine Gedanken darüber, wie weit es steigt, und versuchen Sie nicht, mit zu viel Kalkül und Fingerspitzengefühl Einstiegspreise abzupassen. Es ist zudem vollkommen irrelevant, Gold in wertlosem, gedrucktem Geld zu bemessen. Physisches Gold ist eine entscheidende Lebensversicherung und Schutz vor dem schlimmsten Finanzsturm der Geschichte. Nur das sollte im Zentrum Ihrer Betrachtung stehen!

Also: Warten Sie nicht darauf, dass der Sturm vorbeizieht, sondern lernen Sie, im Regen zu tanzen.

Egon von Greyerz
Gründer und Managing Partner
Matterhorn Asset Management
Zürich, Schweiz

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