TTIP: „Die Politik setzt sich nicht für die Verbraucher ein“

Jana German (Stimme Russlands)

STIMME RUSSLANDS Noch kann der Verbraucher im Kleingedruckten lesen, ob Produkte genetisch verändert sind oder Aktivität und Aufmerksamkeit bei Kindern beeinträchtigen können. Sollte aber das Freihandelsabkommen TTIP zwischen der EU und der USA in Kraft treten, soll der Verbraucher über ähnliche Inhaltsstoffe in Nahrungsmitteln nicht mehr vollends informiert werden. Dazu ein Interview mit Foodwatch-Geschäftsführer Dr. Thilo Bode.

Wozu ist genetisch verändertes Essen überhaupt gut? Könnte man auch ohne dieses auskommen?

„Ja, man kann ohne Genfood auskommen. Die Gentechnik in der Landwirtschaft dient dazu, Unkräuter und Schädlinge kostengünstiger zu bekämpfen, aber das verändert nicht die Qualität an Nahrungsmitteln und erhöht diese auch nicht. Wir brauchen diese Technologie nicht. Sie führt dazu, dass die Sortenvielfalt sich vermindert, und hat auch problematische ökologische Auswirkungen.“

Warum wird Genfood dem Verbraucher überhaupt angeboten?

„Es ist ein Kostensenkungsprogramm für die großen Agrarfirmen, die damit kostengünstiger Unkräuter und Insekten bekämpfen können.“

Woher kommt das Interesse der Unternehmer, die Inhaltsstoffe ziemlich klein zu drucken? Und warum sind die Angaben so ungenau? Viele Verbraucher können mit E-102 oder Ähnlichem meist nichts angefangen.

„Die Unternehmen haben kein Interesse an Transparenz, weil das zu unnötigen Fragen führt und möglicherweise zu höheren Kosten, weil die Verbraucher bessere Qualität wollen. Und die Politik setzt sich nicht für die Verbraucher ein, weil sie mehr von der Industrielobby beeinflusst wird, als von den Verbrauchern. Deshalb haben wir diese Zustände, die kritikwürdig sind.“

Heißt das, dass Produkte gesundheitlich schädigend sein können?

„Das kann man so generell nicht sagen. Es gibt natürlich umstrittene Zusatzstoffe wie zum Beispiel gewisse Farbstoffe, von denen man weiß, dass sie gesundheitlich umstritten sind. Bei den Nährwerten ist es ebenfalls so. Die Kennzeichnung über den Inhalt von Salz, Fett und Zucker ist auch nicht sehr präzise und ist geneigt, die Verbraucher zu täuschen. Insofern gibt es natürlich auch Sicherheitsrisiken beim Konsum von Lebensmitteln allein durch die mangelnde Kennzeichnung. Darüber hinaus gibt es natürlich auch genuine Risiken wie zum Beispiel Antibiotika-Resistenzen bei Agrarprodukten, weil in der Landwirtschaft, in der Tiermassenhaltung, viele Antibiotika eingesetzt sind. Die Palette von Risiken an Nahrungsmittelverbrauch ist ziemlich breit.“

Dem Verbraucher werden schließlich auch Produkte angeboten, die mit „Kann Aktivität und Aufmerksamkeit bei Kindern beeinträchtigen“ gekennzeichnet sind.

„Die Industrie hat Interesse, möglichst billige Zusatzstoffe einzusetzen. Und meistens sind die billigen Zusatzstoffe auch die gesundheitlich umstrittenen. Und die Politik setzt sich nicht gegen die Unternehmen durch.“

Das bedeutet, dass die Politik gegen die Gesundheit des Bürgers arbeitet?

„Die Politik arbeitet im Lebensmittelbereich als Dienstleister der Lebensmittelindustrie. Das ist ein Skandal und das muss sich ändern.“

Müssen Verbraucher in Zukunft mit noch mehr gesundheitlich umstrittenen Inhaltsstoffen wie Tatrazin rechnen?

„Das ist schwierig zu sagen. Wenn es natürlich durch TTIP dazu kommt, dass die Sicherheitsstandards generell gesenkt werden, was man nicht ausschließen kann, aber es ist ja noch nicht sicher. Das Abkommen steht noch nicht. In diesem Fall kommt es zu keiner Verschlechterung im Hinblick auf die Zulassung von Zusatzstoffen.“

Warum soll laut Monsanto und TTIP die Kennzeichnung genetisch veränderter Stoffe in Lebensmitteln abgeschafft werden?

„Das ist nicht richtig. Das TTIP sieht keine Abschaffung der Kennzeichnung von gentechnisch veränderten Lebensmitteln vor. Es könnte nur sein, dass in Zukunft eine Verbesserung der Kennzeichnung verhindert wird, weil das TTIP generell im Interesse der Unternehmen arbeitet. Bei uns ist die Kennzeichnungspflicht für gentechnisch veränderte Lebensmittel sehr dürftig, weil sie viele Aspekte nicht berücksichtigt. Bei TTIP geht es um die Befürchtung, dass in Zukunft Standards aufgeweicht werden und neue Regulierungen gar nicht gemacht werden. Aber das, was wir jetzt haben, das wird wohl bleiben.“

Interessieren sich die Verbraucher oft und aktiv, was sie eigentlich konsumieren?

Das Interesse der Verbraucher an der Qualität der Lebensmittel ist sehr groß, aber auch die Unzufriedenheit, aufgrund der Tatsache, dass sie nicht in der Lage sind, unterschiedliche Qualitäten zu verstehen und auch in vielen Fällen die Inhaltsstoffe nicht lesen können.“

Was kann der Verbraucher machen, um dem Ganzen zu entkommen? Kann man sich heute überhaupt noch richtig gesund ernähren, wenn man doch so viele gesundheitlich umstrittene Zusatzstoffe konsumiert?

„Der Aufruf geht an die Medien. Die Medien und die Verbraucher sollten verstehen, dass es am Schluss mit Verbrauchertipps nicht getan ist. Verbraucherpolitik und gesunde Ernährung sind eine politische Angelegenheit. Und wir erwarten von den Medien, dass sie die Politik hart kritisieren, dass die nötigen, politischen Veränderungen nicht durchgeführt werden. Diese Botschaft ist die Wichtigste, sonst versucht jeder das Problem individuell zu lösen. Und diejenigen, und das ist die Mehrheit, die sich nicht orientieren können, werden dadurch geschädigt.“

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