SONNENSTERBEN, Kapitel 1

SONNENSTERBEN: ein Roman von Jörg Münchhoff; © Jörg Münchhoff, Hüttruper Heide 97, 48268 Greven

Vorwort

Jeder von uns träumt insgeheim davon ein Held zu sein. Sein Leben für andere zu opfern, wenn alle anderen Optionen nicht mehr ziehen. Was würden wir nicht dafür geben, einmal im Leben im Rampenlicht zu stehen, von anderen für die Opfergabe des eigenen Lebens wenn auch nur für einen Moment als etwas ganz besonderes angesehen zu werden. Wir träumen jahrzehntelang davon, aber irgendwann sehen wir auf unsere Vergangenheit und schauen auf die Gegenwart. Da sind Kinder, die wir großgezogen haben, unser Haus oder Wohnung, unser Lebensstandard, das Auto in der Garage, ein paar Tausende auf dem Konto oder zumindest das Wissen ein Lebenskünstler gewesen zu sein, der keine materiellen Güter hat, aber dennoch im Leben zurechtgekommen ist.
Dann schauen wir in die Zukunft und sehen eigentlich nichts. Haben wir morgen noch das Geld, das Auto, das Haus? Wir wissen es nicht, denn vielleicht ist unser Leben ja morgen schon vorbei.

Diese Geschichte ist all denen gewidmet, die noch träumen können und wollen. Für die Menschen mit Phantasie, für die, die menschliche Werte über materielle stellen. Für die, deren Liebe und Zuneigung wir niemals bezahlen können und auch nicht brauchen.
Das Leben kann so kurz sein und immer wieder werden wir daran erinnert. Es sind zuweilen nur kleine Zeichen, doch wenn wir sie verstehen, können wir vielleicht die Zukunft und damit alles ändern.

„Haben kommt nicht von Geben“ ein Unspruch, der von vielen gepflegt wird, doch welche Gefühle brechen aus, anderen mal ganz plötzlich zu helfen. Einem armen Mann ohne Socken, der an seinem Fahrrad lehnend eine Flasche Bier trinkt, ein paar Socken vom Lidl zu kaufen, ein belegtes Brot vom Bäcker und dem Mann dann einfach beides in den leeren Korb am Lenker zu legen. Unerkannt und auch nicht darauf wartend, wie er wohl darauf reagiert? Warum denn auch? Reicht es nicht, dass man für sich selbst weiß, was man gerade getan hat?
Doch! Es reicht aus. Keine Handlung im Leben bleibt unentdeckt und am Ende wird vielleicht eine solche Tat für unser Seelenheil wichtig sein.

Kapitel 1

Sonnenschein und Lug und Trug

Captain Josh Hollow sah sich um und lächelte. Er betrachtet die blaue Kugel, die sich unter ihm befand. Ein himmlischer Anblick, wie er fand und unter seinem Raumanzug bildete sich wieder einmal eine Gänsehaut. Es war für ihn ein einzigartiges Glücksgefühl, eine unwahrscheinliche Nähe zur wie auch immer befindlichen Schöpfung. „Dawei, mach mal an, Kollege Astronaut, du Shamerican!“ Der russische Kosmonaut konnte es sich nicht verkneifen auszuteilen, zu sehr gingen ihm die Amerikaner auf die Nerven. Shamerican… einer seiner Wortspiele, die Hollow wohl niemals verstehen würde, dabei war es recht einfach, der Ivan meinte nicht anderes als SHIT AMERICAN, also Shamerican. Er grinste Hollow an und filmte diesen, wie er hollywoodlike einen übergroßen Schraubenschlüssel an einen der Sonnensegel ansetzte und zum Zeichen des Friedens seinen Daumen in die Kamera hielt.
Die Kamera übertrug die Szene direkt zur Erde, wo Millionen Zuschauer die Reparatur verfolgten. Tom lächelte und hob ebenfalls seinen Daumen zum laufenden Flatscreen vom Pfarrbüro.

„Ja, es ist schon erstaunlich, wie die Menschheit sich entwickelt hat. Zumindest in diesen Bereichen, in der Forschung und den Wissenschaften.“ Pfarrer Winkler atmete tief durch und lächelte Tom an. „Leider aber nicht in anderen Belangen!“ Tom setzte sich, während der Pfarrer das TV-Gerät abschaltete. „Unsere neuen verirrten Geister.“ Winkler legte Tom ein paar Akten vor und dieser öffnete eine nach der anderen.
„Oha, das sind ja mal wieder ein paar Granaten. Das könnte Probleme geben.“
Winkler schüttelte den Kopf, goss sich einen Wein in eine Karaffe und von dort in einen Schwenker. Warum er das machte, wusste er wohl selbst nicht mehr und Tom hatte andere Dinge im Kopf. „Das sind beinahe zwanzig Jahre Knast. Wer hat die Probanten ausgesucht?“

Winkler stand auf und ging zum Fenster. „Vielleicht der Bischof, vielleicht auch der Justizminister. Ich weiß es nicht und will es auch nicht wissen. Was zählt ist das Ergebnis und da zähle ich auf meinen besten Mann.“
Tom verdrehte die Augen, er wusste, dass es Ärger geben würde und auch, das er es ausbaden müsste, er, der Sozialarbeiter im Auftrag von Kirche und Justiz. Er, der Ehemann und Vater einer rotzfrechen Tochter. Er, der Spieler und Ungläubige. Wenn da nur nicht das Geld wäre. Er zündete sich eine Zigarette an und stand auf. Winkler sah ihn erbost an und sofort ging Tom zum Fenster, öffnete es und blies den Qualm nach draußen.

„Ich habe den Sozialkraum bereits ausstatten lassen, in zwei Stunden könnten Sie die ersten Gespräche führen und in sechs Monaten sind diese Leute wieder ein nützlicher Teil unserer Gesellschaft.“ Winkler schien zu glauben, was er sagte, daher sparte Tom sich seinen Kommentar.
„Dass ich mit Glatzen nichts zu tun haben wollte, haben sie wohl vergessen?“ Tom zeigte sich ein wenig verärgert.
„Habe ich mitnichten. Nur der Mann ist etwas besonderes und er soll umgedreht werden, damit er gegen seine Bruderschaft aussagt!“
Tom schüttelte Kopf und nahm erneut einen Zug. „Der hat bis heute nichts erzählt und der wird auch morgen nichts trällern. Der Typ ist ein Maniac, völlig unberechenbar, zweifacher Mörder und…“
Winkler unterbrach ihn und verwies auf die Akten. „Schauen Sie sich seine Geschichte mal näher an.“
Tom griff zur Akte von Karl „Birne“ Roth und begann zu lesen.

***

Die Vorstadt, ein Ortsteil, den die meisten Deutschen mieden. Hier herrschten erst die Russen, dann kamen die Araber. Die Gerüche glichen dem eines Basars, wenn da nicht überall Müll und Scheiße liegen würde. Die Bruderschaft „Freies Deutschland“, in dem auch Birne mitwirkte, hatte dieses Viertel schon länger auf der Agenda und heute sollte es richtig knallen. Birne und zwanzig andere hatten sich mit Knüppeln, Ketten und Messern bewaffnet und jetzt standen sie hier auf der Straße, die nach Mekka führte. Ihre Anwesenheit blieb natürlich nicht unbemerkt und Anwohner traten aus den Häusern, beschimpften sie als Hurensöhne, verschissene Nazis und perverse Kinderficker. In Birne stieg der Adrenalinspiegel und immer wieder schlug er mit seinem Baseballschläger auf seine Handfläche. Hier würde es gleich mächtig abgehen. Er wusste es und nur wenige Minuten später war die Schlägerei im Gange. Er, der wilde Neonazi, er, der Zweimetermann, der Bulle von einem Mann, der aber insgeheim alle Videos von Käptn Future daheim hatte und jede Folge in und auswendig kannte, schlug zu. Zähne, na denen noch Fetzen vom Zahnfleisch hingen flogen ebenso durch die Luft wie schwarze Haarbüschen mitsamt der Kopfhaut. Er war im Rausch und spürte nicht einmal mehr die Stiche viele Messer. Er war nicht mehr zu halten und auch als am Ende weitere zehn Afrikaner auf ihn einschlugen, behauptete er sich. Mit letzter Kraft und völlig mit eigenem und fremdem Blut überströmt brach er ihnen noch die Knochen und biss einem gar ein Ohr ab. Dass er mittlerweile ganz allein auf dem Schlachtfeld war, bemerkte er nicht. Seine Kameraden hatten sich schon vor Minuten abgesetzt und sein Boss zum Handy gegriffen. Ihm war es entgangen, er schlug auf seine Feinde ein. Blut und Schweiß benetzten seine Augen und er taumelte.

Da, ein neuer Feind. Gerade als er zuschlagen will, erstarrt er.

Ein kleines Mädchen mit brauen Rehaugen kniet über einen Mann, dem er gerade ein paar Rippen gebrochen hatte und streichelt dessen Kopf. Glatze hält inne und er spürt plötzlich alle die Wunden, die man ihm beigebracht hatte. Er sieht an sich herunter und kann es nicht begreifen. Er sieht sich um, überall liegen die verletzten Menschen, die ihm zum Opfer gefallen waren. Seine Gewalt war brachial gewesen und jetzt hörte er das leise Wimmern des Mädchens. Er rief nach seinen Kameraden, doch da war niemand mehr. Er starrt in die Höhe und schaute auf eine Rabenkrähe, die zu einem nahen Baum flog.

Er schlug sich auf die Brust „Odin, Odin, Odin…“ Sein Gott, seine selbstsuggerierte Befehligung. Ein weiterer Blick auf das weinende Mädchen, dann überkamen ihn Stromstöße der gerufenen Polizisten.
Sein Führer hatte alles aus der Ferne beobachtet und teilte seinem Auftraggeber vom BND die erfolgreiche Aktion mit und das er nicht so lange wie zuvor auf sein Geld warten wolle.

***

Tom verließ missmutig das Büro des Pfarrers und stieg in den 8-Sitzer. Eben noch zum Bäcker und ein lecker Brötchen. Gedacht, getan. So vieles ging Tom durch den Kopf, wie sollte er diesen Haufen von Kriminellen einen? Er zahlte, dreht sich um und stieß mit einem Rettungssanitäter zusammen. Sein Brötchen flog samt Tüte zu Boden und auch sein Kleingeld ging flöten. Der blonde, kurzgeschorene Sani half ihm beim Kleingeld und Tom bedankte sich. Tom sah in kurz aber eindringlich in die Augen und ihn überkam ein merkwürdiges Gefühl. Kannte er den Mann? Nein. Doch irgendetwas war da, ein komisches Gefühl.
Egal, Tom hatte keine Zeit mehr. Schnell das Brötchen essen und dann seine Leutchen einsammeln. Neben dem Neonazi waren da noch ganz andere Personen, denen er seine Hilfe zukommen lassen sollte. Er stieg ein und fuhr los, während er sein Brötchen aß.

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