Sanktionen gegen Russland: Wer wird der Dumme sein?

Wenn Experten von Sanktionen gegen Moskau sprechen, dann betonen sie, dass der Druck auf Russland nur die Entwicklung der russischen Wirtschaft beschleunigen wird

von Franz Krummbein (berlin-athen)

Das deutsche Business schlägt Alarm

Der Altkanzler Gerhard Schröder rief den Westen auf, weniger an Sanktionen gegen Russland zu denken. Er meinte, es wäre jetzt besser, gemeinsam über Russlands Interessen in der Sicherheitssphäre nachzudenken. Gegen einen Druck auf Moskau sprach sich auch der niederländische Außenminister Frans Timmermans aus. Er meinte, es bestehe gegenwärtig keine Notwendigkeit, ein „drittes Stadium“ der Wirtschaftssanktionen einzuleiten. Inzwischen hat man im US-Finanzministerium bereits damit begonnen, die Verluste zu zählen. Wie der US-Vizefinanzminister David Cohen erklärte, hätten die gegen Russland verhängten Wirtschaftssanktionen den europäischen Ländern bereits Verluste gebracht, denn die Integration der russischen Wirtschaft in die Weltwirtschaft sei in den letzten Jahren merklich gestiegen. Genaue Zahlen zu nennen, dazu sind die Analytiker noch nicht bereit. Es könne sich um Milliarden Dollar handeln.

In der EU fürchtet man nicht von ungefähr die möglichen Verluste infolge des wirtschaftlichen Drucks auf Russland. Die britische Zeitung „Daily Telegraph“ schreibt unter Berufung auf einen von der EU ausgearbeiteten internen Bericht, dass die Sanktionen fähig seien, die Prognose des Wirtschaftswachstums in Deutschland um fast ein Prozent zu verringern. Das werde Berlin einem Wirtschaftsrückgang nahe bringen, was sich auf die gesamte Euro-Zone verderblich auswirken könne. Deshalb sei in der letzten Zeit keine Eile bei der Erweiterung der antirussischen Sanktionen zu beobachten, bemerken die Analytiker. Immerhin hänge davon das Schicksal der 28 EU-Länder ab. Je schlechter es um ihre Wirtschaft stehen werde, desto näher rücke ein Untergang der EU selbst, heißt es.

Vom US-Standpunkt gesehen, ist alles völlig in Ordnung, weil die USA keinerlei ernsthafte Beziehungen zu Russland unterhalten. Deshalb übt Washington auch Druck auf Russland aus. Allerdings ergibt sich, dass die europäischen Unternehmen dank den USA als Partner Europas nun Einbußen zu verzeichnen haben.

Den Quartalsberichte von EU-Unternehmen zeigen, dass ihre Geschäfte am russischen Markt bereits unter den Russland-Sanktionen des Westens leiden. Die Experten stimmen darin überein, dass die westlichen Länder unter den Sanktionen leiden, die sie selbst gegen Moskau verhängt haben.

Das deutsche Business schlägt Alarm. Der Konzern Adidas musste seinen Aktionären wenig tröstende Zahlen vorlegen. Im ersten Quartal verringerten sich die Einnahmen des Unternehmens im Vergleich zum selben Zeitraum des Vorjahres um sechs Prozent, der Gewinn ging um ein Drittel zurück. Zu den Unternehmen, die Verluste hinnehmen mussten, gehören der deutsche Haushaltschemie-Gigant Henkel, die dänische Brauerei Carlsberg, der französische Kosmetikkonzern L’Oreal, der österreichische Baustoffproduzent Wienerberger und das Tabak-Unternehmen British American Tobacco. Die Hauptleidtragenden seien natürlich die deutschen Unternehmen.

Laut der Deutschen Welle hätten sich deutsche Landmaschinenhersteller über wesentliche Verkaufsrückgänge in Russland beklagt. Im ersten Quartal sanken Lieferungen auf den russischen Markt im Vergleich zum Vorjahr um 40 Prozent. Es ergebe sich, dass die Sanktionen der EU, die sich am Gängelband der USA führen lässt, ihr selbst einen bösen Streich gespielt haben.

Etwa 6000 deutsche Firmen sind mit einem Bein in Russland. Sie werden sich das profitable Geschäft in der Russischen Förderation nicht kaputt machen lassen. Wenn ihnen Steine in den Weg gelegt werden wechseln sie entweder ganz nach Russland oder gründen dort eine Zweitfirma. Siemens baut die Magnetschwebebahn in Russland. In diesem großen Land lohnt es sich. Im Osten gibt es jede Menge Arbeit. Schon Katharina II hat Deutsche erfolgreich nach Russland eingeladen. Die Dummen werden die arroganten Leute im Westen sein.

Die EU steckt zwischen zwei Feuern

In erster Linie leiden jene Branchen, die mit dem Maschinenbau und der Energiewirtschaft verbunden sind. Es ist kein Geheimnis, dass Deutschland einer der wichtigsten Gasverteiler in Europa ist. Wir sehen tatsächlich, dass vor allem deutsche Unternehmer, die am aktivsten Handel mit Russland treiben, wegen der Sanktionen große Verluste erleiden.

Unlängst wurde bekannt, dass neue Sanktionen nun auch noch den Zugang Russlands zu neuen Technologien betreffen, darunter zu jenen, die zur Förderung von Kohlenwasserstoffen auf dem Festlandsockel bestimmt sind. Ihre Wirkung werde nicht lange auf sich warten lassen. Sie bedeuten zum Beispiel einen direkten Schlag gegen die Interessen des amerikanischen Unternehmens Exxon Mobil oder des europäischen Unternehmens BP, die mit den russischen Unternehmen Gazprom und Rosneft zusammenarbeiten.

Jetzt entwickeln sich aktiv die Arbeiten zur Erschließung des Festlandsockels in den gemeinsamen Projekten russischer und westlicher Unternehmen. Möglicherweise werden diese Projekte revidiert. Natürlich trifft das die einen wie die anderen. Schaut man sich die Automobilbranche an, so machen sich auch dort Verluste bei den amerikanischen und europäischen Automobilbauern bemerkbar. In vielen anderen Sektoren ist die Situation ähnlich.

Auch westliche Banken zählen bereits ihre Einbußen. Konnten sie früher ungehindert russischen Unternehmen Kredite gewähren oder Kapital nach Russland transferieren, so werden sie nun von ihren westlichen Politikern stark eingeschränkt. Etwa nach dem Prinzip, wenn es keine ausländischen Investitionen in die russische Wirtschaft gibt, wird sich diese auch nicht entwickeln. Aber auch hier funktioniert die Bumerang-Regel. Eine Reduzierung der Geldströme bezahlen die Banken mit einer starken Verringerung ihres Gewinns.

Die Sanktionen werden 130.000 Europäer arbeitslos machen. Polen wird unter dem Stellenabbau am schwersten leiden. In Frankreich, Spanien und Italien können im Durchschnitt je 10.000 Menschen ihren Job verlieren. Im Allgemeinen wird der Rückgang des Handels mit Russland die baltischen Staaten Litauen, Estland und Lettland am schwersten treffen. Übrigens hat die deutsche Maschinenbauindustrie bereits erklärt, Deutschland werde auch unter den eigenen Sanktionen Europas gegen Russland leiden: Die Exporte und Arbeitsplätze in den deutsch-russischen Unternehmen schrumpfen. Besorgt um die Lage in der Ukraine, scheint Europa die massive Protestwelle vergessen zu haben, die es selbst in einer nicht gerade entfernten Vergangenheit erlebt hat.

Es ist offensichtlich, dass die antirussischen Sanktionen Europa nichts Positives bringen können. Ja, die EU kann in mehreren Jahren zum Beispiel auf das russische Gas verzichten, das gegenwärtig für Europa durchschnittlich 380 Dollar je 1.000 Kubikmeter kostet. Aber dann wird Europa mit Asien konkurrieren müssen, wo der Brennstoff um das Anderthalbfache bis Doppelte teurer ist. Neben den höheren Preisen für Energieträger werden die europäischen Unternehmen auch den russischen Markt verlieren, der für viele von ihnen einer der bedeutsamsten ist.
Die EU steckt jetzt zwischen zwei Feuern. Brüssel versucht einerseits Amerika einen Gefallen zu tun, indem es nach dessen Regeln spielt. Andererseits handelt Brüssel gegen seine eigenen Interessen, wenn es sich den Sanktionen anschließt.

Die westlichen Sanktionen sind an und für sich eine ziemlich verschwommene Erscheinung, meinen Analytiker. Die Zusammenarbeit von Europa und Russlands basiert auf dem gegenseitigen Vorteil. Wenn das Gleichgewicht gestört wird, verlieren beide Seiten den Vorteil. Jeder gebrochene Zahn im Zahnrad der Zusammenarbeit versetzt den beiden Seiten einen Schlag. Aber wegen diesem Ungleichgewicht gewinnen im Endeffekt die USA. Das heißt: Wenn es Europa und Russland schlecht geht, geht es den USA gut.

Deshalb spornen sie zur Katastrophe, zum Chaos, zu Sanktionen, zum Wirtschaftskrieg usw. an. Sie sagen schon unverblümt: „Jungs, verzichtet auf das russische Gas“. Das ist eine absolut zynische Position, bei der die Europäer für Idioten gehalten werden.

Die USA wollen einen Teil des europäischen Energieträgermarktes erhalten. Das strebt man in Washington auch an, indem man Brüssel gegen Moskau aufbringt. Allerdings scheint man in den Vereinigten Staaten eine Nuance zu übersehen. Die Intrige gegen Russland kann zum Wachstum der wirtschaftlichen und folglich auch politischen Beziehungen zwischen Moskau und Peking führen. Und das könnte für die USA den Verlust ihres Status der führenden Weltmacht bedeuten.

Der Bumerang kann großen amerikanischen Firmen, die mit der russischen Wirtschaft eng verbunden sind, einen schmerzhaften Schlag versetzen. Eine offensichtliche Uneinigkeit zwischen US-Eliten liegt vor. Das führt zu diesem Zerren und Unverständnis, was man tun, wie man handeln, wohin man sich bewegen muss – das ist ein ständiges Zerren. Die US-amerikanische politische Elite unternimmt Schritte, die sich nicht einmal mit den Interessen der amerikanischen Militärelite reimen. Sie reimen sich nicht mit den Interessen des Business und nicht mit den Interessen der Weltraumbranche. Wir können in diesem Fall sagen, dass es in den USA jetzt einen inneren tiefen Konflikt gibt.

Boeing, Exxon Mobil, Intel, General Motors und General Electric sind US-Firmen, die in erster Linie Verluste erleiden können. Für sie bedeutet die zurückgehende Zusammenarbeit mit Russland zumindest den Verlust des Absatzmarktes, die Verringerung des Gewinns und das Einfrieren von gemeinsamen vorteilhaften Projekten. Auch die europäischen Unternehmen werden nicht abseits stehen.

Das betrifft zum Beispiel den Mistral-Vertrag mit Frankreich, wo Russland als ein sehr großer Besteller von Hubschrauberträgern auftritt. Wenn aber die Franzosen sich entscheiden werden Sanktionen zu verhängen und den Vertrag über den Bau dieser Schiffe zu annullieren, dann werden sie einfach unter strenge Strafen fallen, die sie angesichts der Sanktionen ebenfalls nicht zahlen könnten. Aber das ist schon eine ganze kardinale Variante, weil einfach der Bumerang-Effekt möglich ist, weil viele europäische und amerikanische Firmen in Russland arbeiten. Wenn sich alles nach einem extremen Szenario entwickeln wird, dann hat Russland alle Hebel, um auf die globale Business-Gemeinschaft einzuwirken.

„Das, was für einen Russen gut ist, ist für einen Europäer tödlich“

Die Europäer und die Bürger Russlands haben unterschiedliche Schmerzschwellen. Wenn man eine bekannte sprichwörtliche Redensart mit anderen Worten ausdrückt, dann kann man sagen: „Das, was für einen Russen gut ist, ist für einen Europäer tödlich.“ Die Bürger Russlands können zum Beispiel leicht ohne französischen Käse, spanische Oliven, norwegischen Lachs, Meeresprodukte aus Spanien, tschechische Pasteten und Joghurt und andere Lebensmittel auskommen, deren Einfuhr aus den Staaten, die gegen die Russische Föderation Sanktionen verhängt haben.

Warum entstand eine so großer Aufregung? Der Vorsitzende der Milchvereinigung Tschechiens und Mährens, Jiri Kopacek, konnte seine Emotionen nicht zügeln.

„Die Folgen des Lebensmittelembargos werden für uns sehr beträchtlich sein! Viele Milchfabriken Tschechiens liefern ihre Erzeugnisse nach Russland. Die führenden Käseherstellungsfabriken, die verschiedene starkriechende Käsesorten mit weißem und hellblauem Schimmel (so wie Rockfor), Schmelzkäse und andere Arten von populären Erzeugnissen produzieren, arbeiten speziell für den Export in die Russische Föderation. Wir begannen eben erst ein neues Projekt der Lieferung von frischen Molkereiwaren einzuführen, es gewinnt an Schwung. Es wurden bereits Kontakte mit russischen Handelsnetzen aufgenommen. Jetzt wird man diesem grandiosen Plan einen vernichtenden Schlag versetzen. Unsere Lieferanten sind schockiert! Das Embargo wird ihnen riesengroße finanzielle Verluste und dem Abbau von Arbeitsplätzen bringen.“

Der europäische Markt der landwirtschaftlichen Erzeugnisse ist übersättigt. Jene Erzeugnisse, die man jetzt nicht in Russland verkaufen darf, werden sich auf diesem Markt befinden. Also wird die Konkurrenz größer sein, die Preise werden drastisch sinken. Unsere Produzenten werden kolossale Verluste erleiden.

Herr Kopacek sagte auch, wie er den russischen Markt einschätzt: „Er hat ein gigantisches Handelspotential, er wächst, ist modern, alle sind bestrebt, dort zu sein. Aber er wird während des Handelskrieges – zwischen uns ist jetzt ein „kalter Krieg“ im Gange – unzugänglich. Jegliche Sanktionen werden während der Globalisierung zu einer zweischneidigen Waffe. Nicht nur tschechische, sondern auch russische Firmen, die sich mit dem Verkauf unserer Erzeugnisse und der Logistik befassten, werden zugrunde gehen. Die Folgen können unberechenbar sein.“

Der Staat kann wegen der gegenseitigen Sanktionen insgesamt fast 90 Millionen Euro verlieren. Schon heute wurden bis zu 1.000 Arbeitsplätze abgebaut. Tschechien besteht auf einem Sondertreffen der Landwirtschaftsminister der EU-Staaten, damit man die gemeinsame Reaktion auf die Einschränkung des Exports nach Russland erörtert.
Sowjetische Hubschrauber gehören immer noch zur Bewaffnung der tschechischen Armee. Und welches Schicksal wird den Export von Technologien für Dual-Use-Waren ereilen, was wird aus Lieferungen von Maschinenbau- und sonstigen Erzeugnissen?

Argentinien und Brasilien profitieren

Lateinamerika profitiert von Russlands Einfuhrverbot für EU-Lebensmittel. Heute ist Argentinien einer von Russlands strategischen Partnern in Lateinamerika. Hier sind Fleisch- und Milchexporteure enthusiastisch über die gute Gelegenheit, ihre Waren verstärkt nach Russland abzusetzen. Am 19. und 20. August besuchten die argentinische Ministerin für Industrie Debora Giorgi und der Landwirtschaftsminister Carlos Miquela Moskau, um neue Exportverträge für argentinisches Hühner- und Rindfleisch, Obst und Milch zu unterzeichnen (Le Figaro,19.08.2014, Seite 23). Während des letzten Jahrzehnts ist der Handel zwischen Russland und Argentinien um das Sechsfache gewachsen und hat das stabile Niveau von 1,8 Milliarden Dollar erreicht.

Brasilien. Hier wollen Erzeuger von Rind- und Hühnerfleisch auch die gebotene Chance nutzen. In den ersten vier Monaten dieses Jahres stiegen die brasilianischen Fleischexporte nach Russland um 11 Prozent. Die brasilianische Vereinigung für Produktion tierischer Proteine hofft, den Prozentsatz noch weiter zu steigern auf 50 Prozent, beziehungsweise 450.000 Tonnen Fleisch pro Jahr (Les Echos, 19.08.2014, Seite 15). In seinem Interview sagte Wladimir Putin über den BRICS-Partner Brasilien: “In den letzten zehn Jahren ist unser bilateraler Handel fast um das Dreifache gewachsen und erreichte 2013 das Volumen von 5,6 Milliarden Dollar.”

Wenn Experten von Sanktionen gegen Moskau sprechen, dann betonen sie, dass der Druck auf Russland nur die Entwicklung der russischen Wirtschaft beschleunigen wird. Diese Meinung vertritt auch der amerikanische Senator und Mitglied der Republikanischen Partei Lindsey Graham. Aber die Sanktionen gegen Russland sind gefährlich für die gesamte Wirtschaft der Welt und das Chaos ist dann vorprogrammiert.

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