Russland dreht Deutschland Öl-Hahn zu

Russland dreht Deutschland Öl-Hahn zuRussland stellt den Öltransit von Kasachstan nach Europa (und vor allem nach Deutschland) ein. Die wichtigste deutsche Raffinerie hängt von dieser Lieferung ab.

von Thomas Oysmüller (tkp)

Die PCK-Raffinerie in Schwedt/Oder versorgt Berlin und Brandenburg zu 95 Prozent mit Diesel, Heizöl und Kerosin. Statt mit russischem Öl versorgt man sich größtenteils aus Kasachstan – weiterhin durch die Druschba-Pipeline. Der Transit erfolgt also weiter durch Russland. Jetzt plant Moskau offenbar, diesen Transit einzustellen. Für Deutschland wäre das ein massiver Schlag.

Mehrere pro-russische und auch westliche Quellen berichten, dass der Kreml offenbar ab dem 1. Mai den Transit einstellt. Eine offizielle Bestätigung gibt es zumindest aus Russland noch nicht. Ein hochrangiger kasachischer Regierungsvertreter hat gegenüber der Financial Times bestätigt:

Es wäre ein schwerer Schlag: Über die Raffinerie hängen 1.200 direkte Arbeitsplätze, dazu kommen etwa 2.000 Zulieferer sowie die Energieversorgung des Berliner Lebensraums.

Die Meldung dürfte in Berlin für erhebliches Kopfzerbrechen sorgen. So soll Russland erwägen, den Öltransit über die Druschba-Pipeline aus Kasachstan einzustellen. Damit würde einer der Hauptlieferanten für die PCK-Raffinerie im brandenburgischen Schwedt wegfallen. Das Vorgehen des Kremls dürfte mehrere Gründe haben – unter anderem Deutschlands neue enge Militärkooperation mit der Ukraine.

Reuters berichtet, dass Moskau den überarbeiteten Exportplan für Mai an Kasachstan und Deutschland verschickt hat. Deutschland als größter europäischer Waffenlieferant für die Ukraine kann offenbar mit keiner Kooperation aus Moskau mehr rechnen. Für die ohnehin angespannte Energieversorgung in Europa wäre das der nächste harte Schlag.43.000 Barrel pro Tag kommen aus Kasachstan – 2,146 Millionen Tonnen im gesamten Jahr 2025. Das waren 44 Prozent mehr als 2024. Allein im ersten Quartal 2026 waren es 730.000 Tonnen. Das entspricht rund 17 Prozent der gesamten Einspeisung, die die PCK pro Jahr verarbeitet. Ab Mai könnte das auf null fallen.

Überraschend kommt der Schritt nicht. Bereits am 9. März hatte Putin im Kreml öffentlich erklärt: „Die Regierung prüft, ob wir unsere Lieferungen an den europäischen Markt einstellen sollen, bevor uns die Tür vor der Nase zugeschlagen wird.“

Der Wirtschaftsanalyst Furkan Yildirim schreibt weiter dazu auf X:„Jetzt kommt der Teil, der absurd klingt, aber stimmt. Die PCK-Raffinerie gehört zu 54 Prozent deutschen Töchtern von Rosneft, dem russischen Staatskonzern. Seit 2022 stehen diese Töchter unter Treuhandverwaltung der Bundesnetzagentur. Der Bund hat die Anteile nicht enteignet, nur die Kontrolle übernommen. Eigentümer bleibt formal Russland. Das bedeutet: Russland dreht einer Raffinerie, die Russland zu mehr als der Hälfte selbst gehört, das Öl ab. Und zerstört dabei das operative Geschäft seines eigenen deutschen Ablegers.“

Er sieht Deutschland nun in die Zange genommen: im Süden durch die Blockade in der Straße von Hormus, im Osten nun durch Russlands Transitstopp.

Der Analyst weiter: Die offiziellen Alternativen sind dünn. Die Rostock-Pipeline kann Schwedt nur teilweise versorgen. Der polnische Pipeline-Betreiber PERN hat zwar signalisiert, über den Hafen Gdańsk ausgleichen zu können – bisher aber nur für die nicht-russischen Anteilseigner der PCK. Das ist eine Minderheit.

Der Ausbau der Rostock-Pipeline auf 9 Millionen Tonnen jährliche Kapazität, die für eine 75-Prozent-Auslastung der Raffinerie nötig wäre, war seit 2023 mit 400 Millionen Euro Bundesmitteln geplant. Die EU-Beihilfegenehmigung steht bis heute aus.

Deutschland hat diese Versorgungslücke also seit drei Jahren gekannt – und nicht geschlossen. Dazu kommt das, was keiner gerne ausspricht.

Die deutsche Mineralölwirtschaft hatte schon vergangene Woche gewarnt, dass die Diesel-Versorgung „fragil“ sei. Seit dem 28. Februar werden Dieseltanker mitten im Atlantik nach Asien umgeleitet, weil indische und chinesische Käufer höhere Preise zahlen. Europa verliert seine US-amerikanische Ausweichquelle genau in dem Moment, in dem die nahöstliche schon weg ist. Jetzt kommt die russische Tür oben drauf.

Der IEA-Chef Fatih Birol hatte schon im März die aktuelle Lage als „die größte Energiekrise, die wir je hatten“ bezeichnet – größer als 1973, größer als 2008, größer als 2022. Sein Grund: Früher war immer entweder nur Öl oder nur Gas betroffen. Heute alles gleichzeitig. Aus mehreren Richtungen. Das war die Einordnung, bevor Moskau Schwedt aus dem Fahrplan gestrichen hat.

Die Nord Stream-Pipeline wurde im September 2022 gesprengt. Das war der öffentliche, spektakuläre Bruch der Energiebeziehung. Druschba-Nord am 1. Mai 2026 – das ist der stille, strategische Bruch. Keine Detonation. Nur ein geänderter Fahrplan. Und neun von zehn Berliner Autos hängen daran.

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1 Kommentar

  1. „Seit 2022 stehen diese Töchter unter Treuhandverwaltung der Bundesnetzagentur. Der Bund hat die Anteile nicht enteignet, nur die Kontrolle übernommen. Eigentümer bleibt formal Russland.“

    So, so „nur die Kontrolle übernommen“, Herr Wirtschaftsanalyst Furkan Yildirim, … ob Sie solch einen Mist auch schreiben würden, wenn es Ihre Firma eigene wäre ???

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