Rettung der Alternativlosigkeit

Rettung der Alternativlosigkeit

von Michael Winkler (411. Pranger)

Am besten, wir beginnen mit einem großen Krieg. Damit will ich nicht behaupten, daß ein Krieg das Beste ist, was passieren kann, sondern nur den Satz aufnehmen, daß der Krieg der Vater aller Dinge sei. Mathematisch gesehen, ist ein Krieg eine Bruchstelle. Nehmen wir Reicheland, das Sie vielleicht unter einem anderen Namen wiedererkennen würden. Reicheland durchlebt eine Depression, zahlreiche Menschen sind arbeitslos, es geht immer weiter bergab. Bis eben der Krieg ausbricht. Reicheland ist erst einmal weit weg davon, aber da nun die ganze Welt Waffen und Munition braucht, wirkt dieser Krieg viel besser als das neue Kartenverteilen des Präsidenten Tulpenfeldt.

Waffen und Munition sind im Krieg kurzlebige Verbrauchsgüter, also gibt es viel Arbeit für die gerade noch Arbeitslosen in Reicheland. Noch besser ist es, wenn diese Arbeiter als Soldaten an der Front ebenfalls verbraucht werden, deshalb hat Herr Tulpenfeldt alles getan, damit Reicheland bei diesem Krieg aktiv mitspielen darf. Reicheland ist zwar recht groß und mächtig, gehört aber eher zur Gattung der Aasfresser, der lieber abstaubt, was echte Raubtiere gerissen haben. Oder eben eingreift, wenn die Kämpfer schon ein wenig ausgeblutet sind. Dann läßt sich viel besser absehen, wer gewinnen wird, und diesem Gewinner hilft Reicheland so entschieden, daß möglichst viel Beute abfällt.

Reicheland ist deshalb beutestrahlend Richtung Arbeitsland marschiert. Dort gab es zwar auch physische Beute – wie die arbeitsländischen Goldbestände -, doch wirklich wertvoll waren die Patente und wissenschaftlichen Entwicklungen, von denen Reicheland die nächsten 50 Jahre profitiert hat. Eine eigene Erfindung hat Reicheland mitgebracht, die Ultrazentrifuge, auch bekannt als hochrasantes Hamsterrad. Da setzt man tausend Menschen hinein und läßt die Zentrifuge mit 100.000 Umdrehungen pro Minute rotieren. Durch die enormen Fliehkräfte werden die Menschen alle entsaftet, zurück bleibt nur ein Pulver, das sich unauffällig zu Seife verarbeiten oder als Dünger unterpflügen läßt.

Das hochrasante Hamsterrad ist zwar physikalisch unmöglich, es läßt sich allerdings gut beschreiben, und besonders eindrucksvoll lesen sich Geschichten von kleinen Kindern, die sechsmal in die Zentrifuge gesteckt worden sind und jedes Mal auf wundersame Weise als Einzige überlebt haben. Jedenfalls wird überall erzählt, daß die bösen Menschen des besiegten Arbeitslandes ihre Mitbürger in solchen nicht vorhandenen Ultrazentrifugen zu Staub zermahlen haben, bis auf jene, die auf wundersame Weise überlebten. Die Überlebenden haben deshalb Plünderland gegründet und empfangen seither Wiedergutmachung, Opferrenten und Tribute aus Arbeitsland.

Aber ich wollte ja mit einem Krieg anfangen. Bei diesem Krieg wurde Arbeitsland nicht nur besiegt, besetzt, beraubt, zerstückelt und zerstört, es hat auch noch eine Gouverneursregierung bekommen, deren Angehörige allesamt gegenüber Reicheland und Plünderland hörig sind. Nur ihren Amtseid, ihr Gehalt und ihre Pensionen beziehen sie aus dem Arbeitsland. Damit war Reicheland soweit zufrieden, jedoch wollten die Nachbarn von Arbeitsland auch davon profitieren.

Die Bewohner von Protzeland schlossen als erstes eine Bergwerksunion mit Arbeitsland. Weil das so schön funktioniert hat und die Arbeitsländer vor allem arbeiten wollten, hat man eine Freihandelszone errichtet, in der die Arbeitsländer ihre Produkte zollfrei verkaufen durften. Dafür mußten sie den Landwirten des Protzelandes eine Leibrente bezahlen, damit diese Milchseen füllen und Butterberge aufrichten konnten, ohne auf Einkommen zu verzichten.

So war alles zum Besten bestellt, Plünderland führte seine Kriege und stellte sie dem Arbeitsland als Wiedergutmachung in Rechnung. Reicheland führte auch ein paar Kriege, doch da es diesmal versäumte, als Aasfresser die bereits Besiegten anzufallen, blieb die erhoffte Beute diesmal aus. Aber man hatte ja noch genug übrig aus dem Krieg gegen Arbeitsland, um auf dem Mond zu landen und ganz schicke neue Bombenflugzeuge zu bauen.

Damit die Arbeitsländer in aller Ruhe arbeiten konnten, sie mußten ja Reicheland, Plünderland, Protzeland und die anderen Mitglieder in der Grandiosen Vereinigung unterstützen, schickte man ihnen Helfer aus aller Welt, um jene Tätigkeiten zu übernehmen, für welche die Arbeitsländer keine Zeit hatten: Herumsitzen im Kaffeehaus, Verprügeln der Ehefrau, Zwangsverheiratung der Töchter, Messerstechereien, Beschimpfen der Lehrerinnen, Beschwerden über das Wetter, das Christentum, zu geringe Sozialhilfesätze, unzüchtige Bekleidung der Einheimischen, religiöse Intoleranz gegenüber Selbstmordattentäter und das hartnäckige Festhalten an der einstigen Landessprache. Viele dieser Helfer sind nach Arbeitsland gekommen, weil sie in ihrer Heimat derart an Leib und Leben bedroht sind, daß sie sich dort höchstens zweimal im Jahr für jeweils sechs Wochen Urlaub hintrauen.

Soweit ging alles ganz gut, deshalb entschloß man sich, die Arbeitsländer zu vermehren, indem man Ost-Arbeitsland mit West-Arbeitsland vereinigte. Das größere Arbeitsland sollte auch gleich zehn neue Staaten unterstützen, die im Rahmen der Osterweiterung in die Grandiose Vereinigung aufgenommen worden sind.

Hätte man es dabei belassen, wäre sehr bald alles in die NWO, die Noch Wichtigere Organisation, eingemündet. Allerdings hingen die Länder der Grandiosen Vereinigung einer Regierungsform an, die sich Demokratie nennt. Diese besteht in der Diktatur einer speziellen Adelskaste, des Dienstwagenadels. Eine gute, griffige Beschreibung lautet: Kanzler-Luftbus auf Zeit. Dabei findet in regelmäßigem Abstand – zumeist vier Jahre – eine Lotterie statt, deren Hauptgewinner mit höchsten Ehren überhäuft werden, eine horrende Pension erhalten und zahlreiche einträgliche Posten annehmen dürfen. Die Kleingewinner behalten Dienstwagen und Kanzler-Luftbus, die Verlierer dürfen künftig so tun, als würden sie dazugehören.

Die Kleingewinner bei der Demokraten-Lotterie tun alles, um als künftige Hauptgewinner noch einträglichere Posten zu erhalten. Dafür gibt es zwei Strategien. Die eine, die eine Frau in bunten Hosenanzügen praktiziert, ist die Vermeidung aller Fehler. Leider begeht jeder, der arbeitet, unweigerlich Fehler, deshalb gibt es nur einen Weg, wirklich alle Fehler zu vermeiden: nicht arbeiten. Auf diese Weise sichert sie sich ihren Kanzler-Luftbus und ihre Zugehörigkeit zum Dienstwagenadel.

Die andere Strategie erfordert hyperaktives Handeln. Dabei müssen die Volldemokraten in ihren vier Jahren möglichst beachtenswerte Dinge tun, also Atomraketen aufstellen oder Atomreaktoren abschalten. Den Volldemokraten, die zur Zeit der Arbeitsland-Vereinigung die jeweiligen Kanzler-Luftbusse innegehabt haben, ist etwas ganz Besonderes, ja Grandioses eingefallen: Die Ersetzung der Landeswährungen durch den Einheits-Misto, der es ermöglicht, die Bestechungsgelder für alle Volldemokraten innerhalb der Grandiosen Vereinigung in derselben Währung zu bezahlen.

Damit haben wir den Krieg als Vater aller Dinge abgehandelt, denn ohne den Krieg hätte es keine Ultrazentrifugen und kein Plünderland gegeben, Arbeitsland wäre nie geteilt worden, kein Mensch wäre auf die Grandiose Vereinigung gekommen und den Einheits-Misto hätte auch keiner gewollt. Ja, es wären nicht einmal die internationalen Helfer nach Arbeitsland gekommen, um dort ihre Ehefrauen zu verprügeln und die Schullehrerinnen zu beschimpfen. Aber es hat diesen Krieg nun mal gegeben und für Reicheland war das ganz gut so.

Nun werfen wir einmal einen Blick ins Bankwesen. Vor langer Zeit funktionierte das so: Der Bankster erhielt ein Pfund Kauri-Muscheln zur sorgfältigen Verwahrung. Letzteres tat er freilich nicht, sondern gab diese schleunigst an einen Dritten weiter, der nach einem Jahr anderthalb Pfund Kauri-Muscheln zurückgeben mußte. Die nunmehr abgenutzten und verkratzten Muscheln erhielt der ursprüngliche Sparer zurück, und wenn er sich keulenschwingend beschweren wollte, machte der Bankster mit ihm halbe-halbe, überließ ihm also ein Achtelpfund der gewonnenen zusätzlichen Muscheln. Wenn Sie sich nun fragen, wieso ich halbe-halbe geschrieben habe, obwohl der Bankster doch drei Achtel eingesteckt hat: so sieht das halbe-halbe bei Bankstern eben aus, schließlich haben die Damen und Herren Bankster so horrend hohe Kosten, die erst abgezogen werden müssen, bevor der Gewinn verteilt werden kann. In diesem Fall handelt es sich um ein Achtel Pfund Gehalt für den Bankster und ein weiteres Achtel Pfund Bonus für gute Leistungen. Und die verbliebenen zwei Achtel hat er doch ganz ehrlich und gerecht aufgeteilt, oder etwa nicht?

Inzwischen hat man die Kauri-Muscheln durch etwas Grundsolides ersetzt, durch Papiergeld. Obwohl, nein, das ist ein historischer Ausdruck. Das wahrhaft moderne Geld besteht aus Computerdaten. Geld sind Bits und Bytes, was Sie als Münzen und Scheine in der Tasche haben, sind sogenannte Zahlungsmittel, mobile Datenträger, die zahlungshalber entgegengenommen werden. Wenn Sie an den Geldautomaten gehen, lädt dieser einen Teil Ihres Guthabens auf diese mobilen Datenträger, mit denen Sie sich alles kaufen, was Sie so brauchen, und für die gute Laune nehmen Sie noch eine Flasche Cognac mit. Die Krämerseele von Verkäufer, damit ist nicht die Dame an der Registrierkasse gemeint, bringt Ihre mobilen Datenträger auf die Bank, die deren Inhalt auf das Konto des Verkäufers hochlädt. Damit ist der Datentransfer abgeschlossen.

Damit wären wir beim Faschismus angelangt. Das ist jene Regierungsform, bei der Dienstwagenadel und Bankster gemeinsam das Volk ausplündern. Wobei, da der Dienstwagenadel eine Kaste in der Demokratie ist, die wiederum Kanzlerluftbus auf Zeit bedeutet, in Wahrheit die Bankster das Sagen haben, denen es egal ist, wer in ihrem Auftrag die Gesetze verabschiedet. Eines dieser Gesetze besagt, daß die Bankster das Geld mehrfach verleihen dürfen.

Nehmen wir den Bankster und nennen ihn Joschka Bauersmann. Eigentlich heißt er ja Solomon Betrüg-den-Goy, aber das kann niemand aussprechen, deshalb eben Bauersmann. Herr Bauersmann ist Chef der Arbeitsländer Bank und verkündet, er wolle auf das Eigenkapital 25% Rendite erwirtschaften. Darüber staunen alle Umstehenden ehrfürchtig und halten den guten Herrn Bauersmann für ein Finanzgenie. Herr Bauersmann benötigt vier Millionen Misto Eigenkapital und 96 Millionen Misto Fremdkapital, sogenannte Spareinlagen, von Leuten wie Oma Tüttelbek. Auf jene 96 Millionen zahlt er großzügige drei Prozent Zinsen, also 2,88 Millionen Misto. Die 100 Millionen verleiht er zu bescheidenen sechs Prozent, damit erzielt er 6,00 Millionen Misto Ertrag. Er hat nun also 3,12 Millionen Misto eingenommen. Eine Million zahlt er sich als Gehalt aus, eine weitere Million als Bonus und satte 1,12 Millionen sind der Bankgewinn. Auf die vier Millionen Eigenkapital hat das sagenhafte Finanzgenie also volle 28% Rendite erwirtschaftet und die Aktionäre sind des Lobes voll.

Nun sollten wir daran denken, daß auch Bankster nur Menschen sind, also arbeitsscheu und faul. Der Faschismus erleichtert ihnen die Arbeit, denn für Staatsanleihen, also Schuldscheine eines Staates, benötigen Bankster keinerlei Eigenkapital. Ein Herr Betrüg-den-Goy kann also 100 Millionen an Spareinlagen zu 100% für Staatsanleihen ausgeben, ohne einen einzigen Misto Eigenkapital. 100 Millionen an einen Staat sind zudem viel einfacher zu verwalten, als 1.000 Hypotheken zu jeweils 100.000 Misto an Privatpersonen. Da ist sogar ein Herr Bauersmann mit nur 5,5% Zinsen zufrieden, da er diese ohne Arbeit und ohne Risiko vereinnahmen kann.

Nach Krieg und Banken ist nun die Zeit der Staaten angebrochen, und da nehmen wir am besten gleich Armeland. Armeland hatte zunächst einen Monarchen und danach ein paar Obristen als Regierung. Letztere haben zwar gerne Spielzeug gekauft, das um sich schießen konnte (Merkspruch der Waffenhändler: Wirst du deinen Kram nicht los, geh zu Papaichbinsblos), aber sonst recht solide gewirtschaftet. Danach brach die Demokratie über Armeland herein. Deren spezielle Spielart bestand aus zwei Familien, die sich gegenseitig ablösten und vor und nach jedem Wechsel vor allem Freunden einen guten Posten in der Bürokratie verschafften.

Das ging alles ein paar Jahre gut, solange Armeland die Drachen als Währung hatten. Die Drachen ließen sich gegenüber der arbeitsländischen Grenzmark und dem reicheländischen Imperial jederzeit abwerten, so daß, gemäß der Theorie von Lorentz und Poincaré, alles nur relativ war. Dann wurde Armeland in die Grandiose Vereinigung aufgenommen und ab da flossen viele, viele Grenzmark nach Armeland, so daß die Armeländer gar nicht so schnell Straßen bauen konnten, wie GV-Hilfen ins Land strömten. Jedenfalls hatten alle Arbeit, die Taschen voller Drachenherden und die regierenden Dynastien schufen viele neue Verwaltungsposten, um das Geld aus der Grandiosen Vereinigung einträglich zu verteilen.

Die armeländischen Drachen hatten jedoch ein Problem, ihre Blähungen. Da es unfein ist, über Blähungen zu schreiben, spricht die Bankenwelt lieber von der Inflation. Die wiederum läßt sich ganz einfach mit einer Torte erklären: eine solche kann man in sechs, acht, zwölf oder vierundzwanzig Stück unterteilen. Und wenn man für einen Drachen ein Stück Torte kaufen kann, dann braucht man immer mehr Drachen, um die ganze Torte zu erwerben. Eben das nennt man Inflation, während die Volldemokraten, da jeder Drache nach wie vor gegen ein ganzes Stück der Torte eingetauscht werden kann, von Geldwertstabilität sprechen.

Da die Bankster natürlich auf ihre schwer zu verdienende Eigenkapitalrendite, ihr Gehalt und ihre Bonuszahlungen achten müssen, muß jeder, der sich ein paar Drachen leihen will, die ganze Inflation mit begleichen, also hohe Zinsen bezahlen. Deshalb konnte sich keiner Drachenkredite leisten, noch nicht mal die herrschenden Dynastien. Dem konnte durch die Grandiose Vereinigung mit ihrem genialen Einheits-Misto abgeholfen werden. Fortan konnte sich jeder in Armeland Mistos leihen und die Regierigen nutzten dies gerne aus.

Vorher mußten die Bankster noch ein wenig mithelfen, nicht Joschka Bauersmann, dafür seine Glaubensbrüder von Geldher Grabsch, einer Großbank aus Reicheland. Die halfen Armeland großzügig, ein paar optische Fehler in der Bilanz zu kosmetisieren, damit Armeland auch ja die Drachen gegen die Mistos eintauschen durfte. Geldher Grabsch hatte gewußt, daß es mit armeländischen Mistos viel mehr kassieren würde als zuvor mit den aufgeblähten Drachen.

Jetzt dürfen Sie ganz kurz selbst mitspielen. Sie haben 100 Millionen Mistos und sind ein Bankster. Keine Sorge nur für diese eine Minute, danach dürfen Sie wieder in Ihren ehrenhaften Beruf zurückkehren. Sie sollen das Geld sicher für zehn Jahre anlegen. Sicher heißt Staatspapiere, denn sonst müßten Sie ja das kostbare Eigenkapital Ihrer Bank zwecks Absicherung angreifen. Sie können sich natürlich für Mistos-Papiere aus Arbeitsland entscheiden, doch dafür gibt es drei Prozent Zinsen und eine Chefzigarre, die Ihren Bonus gefährdet. Mistos-Papiere aus Armeland, in derselben sicheren Währung, bringen sechs oder gar sieben Prozent und Ihnen ein dickes Lob ein, also investieren Sie lieber dort.

Was mit Armeland so gut klappt, gelingt auch mit den anderen Ländern der Schweinebande. Die hatten zuvor allesamt Schwundwährungen und deshalb keine Kredite, doch dank der Einheits-Mistos hat sich das alles geändert. Das Welsche Pfund, das im Lauf der Zeit zum Welschen Milligramm geworden ist, verschwand vom Markt und wurde durch den Misto ersetzt, womit Präsident Cäsarsconi wuchern konnte. Aber bleiben wir bei Armeland, weil dort alles so wunderbar schnell zum Zuschauen voranschritt.

Eines Tages hatte Papachancenlos die Idee, der Grandiosen Vereinigung mitzuteilen, daß Armeland leider nicht so solide wirtschaftete, wie es der Begriff „Staatsanleihen“ suggerierte. Armeland sei bankrott, falls man nicht die Schulden in ein hochrasantes Hamsterrad stecken würde. Letzteres deutete an, daß Arbeitsland vor drei Generationen ein gut erzähltes aber nicht nachzuweisendes Kriegsverbrechen begangen hatte und folglich für den Misto geradezustehen habe. Das betonte Helmut Schlot immer wieder, der vor vielen Jahren reicheländische Atomraketen nach Arbeitsland geholt hatte, um bei einem möglichen Weltkrieg wieder in der ersten Reihe zu sitzen.

Jedenfalls wurde damals der Begriff „alternativlos“ erfunden, nicht von Helmut Schlot, sondern von Angela Mädchen, der entgeisterten Ziehtochter jenes Kanzlers, der einst dem Misto zugestimmt hatte. Der Hintergrund wurde bislang nur spärlich beleuchtet, doch dank unserer jetzt erlangten Kenntnisse über Krieg, Banken, Demokratie und Faschismus können wir uns ins Hinterzimmer vorwagen, in dem womöglich Joschka Bauersmann dem Angela Mädchen gesagt hat, wie die Dinge liegen.

Oma Tüttelbek zahlt ihre Rente aufs Sparbuch ein, bei der Arbeitsländischen Bank. Diese nimmt das Geld und kauft damit armeländische Staatsanleihen. Geht Armeland ganz offiziell bankrott, dann muß Angela Mädchen der rüstigen Oma mitteilen, daß deren Ersparnisse zwar nicht weg sind, das Geld aber nun einem Anderen gehört, nämlich Geldher Grabsch. Und das sei gar nicht gut bei der nächsten Lotterie, Frau Mädchen liefe Gefahr, sowohl den Kanzler-Luftbus als auch den Hauptgewinn, die millionenschweren Austragsposten, für immer zu verlieren. Ihr drohe somit die Armut bei gerade einmal 150.000 Mistos Jahrespension.

Nun kann man über die Geistesgaben einer Angela Mädchen urteilen, wie man es als Lohnschreiber tun muß, eine hinterhältige Bauernschläue wird ihr jedoch niemand absprechen. Sie hat sogleich begriffen, daß die Rettung des Armelandes und ihrer Karriere absolut alternativlos seien, ganz ohne Hinweise auf die Ultrazentrifugen des uralten Herrn Schlot.

Jeder Hypothekenschuldner kennt das Verfahren: Kurz bevor seine Hypothek fällig wird, erhält er ein Schreiben der Bank, zu welchen Konditionen die Hypothek verlängert wird. Er braucht also nicht zu bezahlen, er führt das Darlehen einfach zu einem neuen Zinssatz weiter. Es sei denn, er ist inzwischen arbeitslos geworden, dann kann es passieren, daß die Bank zusätzliche Sicherheiten verlangt. Eine solche Sicherheit kann beispielsweise ein Bürge sein, ein Ersatzzahler, der einspringt, wenn der Hypothekenschuldner zahlungsunfähig wird. Genau diesen Trick hat nun Angela Mädchen genutzt: Arbeitsland gibt eine Bürgschaft für Armeland ab. So kann Armeland seine Hypothek verlängern.

Ein gewöhnlicher Mensch ist ziemlich sterblich, deshalb hofft eine Bank darauf, daß die Hypothek nach 30 Jahren getilgt ist. Ein Staat, solange er nicht massenweise Helfer bei sich unterbringt wie Arbeitsland, ist relativ unsterblich, falls kein Krieg mit Reicheland dazwischenkommt. Deshalb tun die Banken nur so, als wollten sie die Kredite zurückbezahlt bekommen, denn wenn das wirklich passieren würde, wäre dies das Ende des Faschismus‘. Dann hätten die Bankster keinerlei Macht mehr über die Demokraten und Chaos bräche aus, weil der Dienstwagenadel auf echte Herrschaft gar nicht vorbereitet ist. Aber keine Sorge, das passiert nicht. Der Demokrat legt einen Scheck über 100 Milliarden auf den Tisch, der Bankster nimmt einen Eintrag in seinem Schuldbuch vor, dann darf der Demokrat den Scheck vernichten und alles geht weiter wie bisher, nur die Zinsen haben sich geändert. Im Zuge des Umweltschutzes und weil das Spiel seit Jahrzehnten so wundervoll funktioniert hat, verzichtet man mittlerweile darauf, den Scheck wirklich auszustellen.

Bei Armeland sind nun die Herrschaften aus Arbeitsland und der Grandiosen Vereinigung mit zu den Bankstern gegangen und haben gebürgt, damit Armeland seine Kredite weiterhin bekommt. Nur mußte Armeland dafür ein wenig bei seiner Bevölkerung einsparen. Zwar wissen alle Beteiligten, daß dieses Einsparen nichts bringen wird, außer vielleicht einen neuen Weltkrieg, aber man fängt eben damit an. So wissen die Armeländer, daß sie ganz arme Hunde sind und die Mitglieder der Schweinebande können studieren, wie weit man die eigene Bevölkerung schikanieren darf.

Für die Schweinebande hat sich das Politbüro der Grandiosen Vereinigung etwas Neues ausgedacht: den GSFS, die Grandiose Science-Fiction Sanierung, bei der alle für alle bürgten. Das funktioniert so: Wenn Sie und ich mangels Besitz keinen Bankkredit bekommen, treten wir gegenseitig als Bürgen ein, und dank dieser Bürgschaft bekommen wir beide Geld. Ja, das ist genial, und man muß jahrelang die Parteihochschule besucht haben, um auf solche Ideen zu kommen. Die Quadratur des Kreises ist dagegen eine Fingerübung für Grundschulabbrecher.

Der GSFS sollte die Probleme lösen, deshalb war er zeitlich begrenzt. Leider haben sich die Probleme nicht an die Lösungsvorschläge des Politbüros gehalten, deshalb wurde ein neuer Rettungsschirm als Alternative der Alternativlosigkeit aus der Traufe gehoben, also dort, wo der Regen gesammelt auf einen herunterströmt. Dieser neue Rettungsschirm, GSM (Grandioses Selbstentmündigungs-Management) sollte das Recht haben, neben Bürgschaften auch jederzeit echtes Geld von den Staaten der Grandiosen Vereinigung einzufordern.

Neben dem Bankkredit, den Sie und ich nur bekommen, wenn wir gegenseitig füreinander bürgen, müssen wir jetzt auch noch Schutzgeld bezahlen, damit eine Mafia damit Monopoly spielen kann. Damit sind wir endgültig in die höchsten Sphären der Regierungskunst aufgestiegen. Das mit den Bürgschaften hat allerdings nur bedingt geholfen, deshalb hat Armeland einen Schuldenschnitt bekommen. So ein Schuldenschnitt ist eine ziemlich einschneidende Maßnahme, denn da müssen die Gläubiger auf ihre Forderungen verzichten, sie verlieren also einen Teil ihres Guthabens.

Sie wissen ja schon, daß den Bankstern und der Kanzlerin der Krückstock der Oma Tüttelbek droht, deshalb wurden bei dem Schuldenschnitt nicht die institutionellen Anleger beschnitten, sondern die privaten. Private Anleger sind solche, die von ihren Bankberatern sichere und hochrentierliche armeländische Staatsanleihen aufgeschwatzt bekommen haben, anstatt ihr Geld ganz unvernünftig in Gold und Silber anzulegen. Denen hat man nun dieses Geld abgenommen, alternativlos, natürlich. Aber nicht ganz, für einen gewissen Restbetrag hat man ihnen sichere und hochrentierliche armeländische Staatsanleihen gegeben. Da haben sich alle darüber sehr gefreut.

Anders als Reicheland können die Bürger nicht einfach einem Staat den Krieg erklären, wenn dieser ihnen Geld schuldet. Seit dieses Geld aus Bits und Bytes besteht, ist es beliebig vermehrbar, ohne daß, wie 1923, zahlreiche Druckereien benötigt werden. 500.000-Mistos-Scheine werden nicht gedruckt, dafür gibt es die praktischen Geldkarten. Man könnte sogar die Ideen der Freigeld-Propagandisten aufgreifen: 100 Mistos bleiben immer 100 Mistos, nur sind 100 Mistos, die Sie heute auf dem Konto haben, schon morgen nur noch 80 Mistos. Ihr Geld altert dahin, bei 0% Inflation. Scheine und Münzen, die bisherigen mobilen Datenträger, werden durch praktische Karten ersetzt. Und werden die geklaut, ist das nicht schlimm, weil der Betrag darauf schnell entschwindet.

Jetzt wird es noch einmal ein wenig kompliziert. Solange der Mistos der Grandiosen Vereinigung fortbesteht, existiert auch der Imperial des Reichelandes. Deshalb wünscht Reicheland, daß Arbeitsland den Mistos bis zum letzten Sparkonto der Oma Tüttelbek verteidigt. Die von Reicheland abhängige Regierung des Arbeitslandes möchte weiterhin im Dienstwagen und im Kanzler-Luftbus sitzen, deshalb wird sie den Mistos aus eigenem Interesse retten, solange es geht. Mit ein paar neuen Steuern hier, ein paar Zugeständnissen da, geht das sehr lange. Wir haben es schließlich nicht mit ehrbaren Kaufleuten zu tun, sondern mit Geldher Grabsch, einer nach plünderländischen Religionsvorstellungen geführten Bank, deren Chef nach eigenen Aussagen Gottes Werke tut, indem er die Güter der Welt ihren rechtmäßigen Besitzern wegnimmt.

Der vernünftige Weg wäre selbstverständlich, Armeland die Drachen wiederzugeben, das welschländische Milligramm wieder einzuführen und natürlich die arbeitsländische Grenzmark. Aber da würden viele Demokraten bei der nächsten Lotterie verlieren, deshalb möchten sie das vermeiden.

Deshalb müssen wir unbedingt den Faschismus retten, denn ohne die Bankster, die über allem stehen und deshalb unbedingt gerettet werden müssen, sind die Demokraten kopf- und führungslos. Ohne den Misto müßte das Politbüro der Grandiosen Vereinigung abtreten und 45.000 Beamte, die bisher Gurkenkrümmungsradien vorgegeben und Verordnungen für die Einfuhr von Karamelbonbons verfaßt haben, stünden auf der Straße. Am Ende würden die Völker gar versuchen, sich selbst zu regieren, sogar wieder Monarchen einsetzen… Dann wären die größten Kriege Reichelands ihrer Vaterschaft beraubt und ganz umsonst gefochten worden.

© Michael Winkler

 

(Visited 13 times, 1 visits today)
Rettung der Alternativlosigkeit
0 Stimmen, 0.00 durchschnittliche Bewertung (0% Ergebnis)

Hinterlasse jetzt einen Kommentar

Kommentar hinterlassen

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.


*