Regierung bezahlte die Darsteller für ihre Booster-Kampagne

„Rentner Uwe“, „Lehrerin Anika“ und andere preisen in Kurzclips der Bundesregierung den neuen Corona-Booster an. Mindestens einer von ihnen bietet auch Schauspieldienste über eine Agentur an – laut Regierung reiner Zufall. Aber bezahlt wurden die Darsteller doch für ihren Auftritt.

Regierung bezahlte die Darsteller für ihre Booster-Kampagne
Quelle: Gettyimages.ru © Abdulhamid Hosbas/Anadolu Agency Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (14.10.22)

Von Susan Bonath (rtdeutsch)

Ganz normale Leute sollten es sein, diese 84 Testimonials, zufriedene „Kunden“ also mitten aus der Bevölkerung, die in Kurzvideos unter dem Motto „Ich schütze mich“ für die Bundesregierung den Anti-Corona-Herbstbooster bewerben. Doch wie RT DE berichtete, ist der 63-jährige „Rentner Uwe“ bei der Künstler-Agentur Casting Connect als Laiendarsteller und Nacktmodel gelistet. Auch weitere Protagonisten weisen erstaunliche Ähnlichkeiten mit käuflichen Kleinkünstlern dieser Agentur auf. Auf Nachfrage der Autorin bestritt nun das Bundesministerium für Gesundheit (BMG) jeden Zusammenhang, räumte allerdings ein: Die Protagonisten bekamen Geld für ihren Auftritt.

„Querschnitt der Bevölkerung“ aus der Agentur

Es gebe „84 Gründe für Corona-Schutz“, wirbt das BMG auf seiner Seite für die nächste Behandlung mit den neuartigen mRNA-Präparaten. Ziel sei es, auf die an die Omikron-Variante angepassten Impfstoffe aufmerksam zu machen.

"Ich schütze mich": Lauterbachs Aktmodell und die neueste Impfkampagne

Die 84 angeblich ganz normalen Bürger stünden für 84 Millionen Menschen in Deutschland. Ihre Geschichten, die sie in den Videos in ein, zwei kurzen Sätzen anreißen, bildeten „einen Querschnitt der Bevölkerung“ ab. Erdacht worden sei die Kampagne von der Werbeagentur Brinkertlück, ansässig in Zürich und in Hamburg.

Doch offenbar war es nicht so einfach, „ganz normale Bürger“ zu finden, die so inbrünstig die Booster-Kampagne unterstützen. Nicht einmal für eine – angeblich kleine – „Aufwandsentschädigung“.

BMG: Alles reiner Zufall

BMG-Sprecher Hanno Kautz räumte gegenüber der Autorin nun ein, dass „Rentner Uwe“ tatsächlich jener Laiendarsteller Uwe R. ist, den die Agentur als Kleindarsteller listet. Die verblüffende Ähnlichkeit im Aussehen und Namen einer weiteren Protagonistin sei jedoch reiner Zufall, so Kautz. Er schrieb:

„Die Lehrerin ist Lehrerin – und keine Schauspielerin. Das ist schlicht eine falsche Behauptung bzw. eine Verwechslung.“

Auch die Tätigkeit des „Rentners Uwe“ in der Künstleragentur habe rein gar nichts mit seiner Nebentätigkeit bei dieser Agentur zu tun, beteuerte der BMG-Sprecher. Es gebe keinen Zusammenhang, denn man habe ihn nach anderen Kriterien ausgewählt. So schrieb Kautz weiter:

„Und dass Uwe R. auch als Laien-Schauspieler arbeitet, hat weder mit seiner Auswahl noch mit der Kampagne zu tun. Wir haben ihn vielmehr als DDR-Widerständler und Impfbefürworter für die Kampagne begeistern können.“

Um die Glaubwürdigkeit des Werbespots zu bekräftigen, führte BMG-Mann Kautz weiter aus:

„Wie Sie im Spot sehen, wird hier sein Freiheitsdrang mit der Freiheit, sich schützen zu können, verbunden. Wörtlich sagte er: ‚Ich schütze mich, weil ich die Freiheit habe, es zu tun.‘ Dazu wird folgende Erklärung eingeblendet: ‚Uwe hat den Mauerfall 1989 hautnah erlebt. Heute genießt er seine Freiheit, indem er sich und andere schützt.'“

Märchen vom Fremdschutz

Hier sei anzumerken, dass die Geschichte vom Fremdschutz schon seit mindestens einem Jahr widerlegt ist. Es ist hinlänglich bekannt, dass Geimpfte und Geboosterte sich genauso anstecken und das Virus übertragen können wie nicht Geimpfte. Selbst auf den Corona-Intensivstationen sind laut Monatsbericht des Robert Koch-Instituts (RKI) gut 88 Prozent der Patienten mindestens einmal geimpft, rund 77 Prozent sogar mindestens dreimal, 20 Prozent viermal.

Das vom BMG (oder der Werbeagentur) beigefügte Statement „indem er sich und andere schützt“ kann also getrost unter Fake News verbucht werden. Wie glaubwürdig der Rest ist, muss jeder selbst entscheiden. Der Ministeriumssprecher jedenfalls legte zur Bekräftigung noch weitere Aussagen zu „Rentner Uwes“ angeblicher Lebensgeschichte obendrauf. Das klingt wie eine Rechtfertigung seiner Auswahl:

„Uwe R. hat zwei Fluchtversuche aus der DDR unternommen: 1978 und 1989. Er ist deshalb verhaftet und zudem wegen ‚Herabwürdigung der DDR und Angehöriger der Grenztruppen‘ zu acht Monaten Zuchthaus verurteilt worden. Zudem war er 1989 beim Mauerfall tatsächlich in Berlin vor Ort.“

Impf-Fan Uwe mit „niedriger Aufwandsentschädigung“

Nun will das BMG aber vor allem zeigen, wie begeistert die Kurzclip-Darsteller von den Impfungen seien. Ziel ist es ja, den Rest der Bevölkerung zu gleichem Verhalten zu animieren. Getreu dem Motto „Viel hilft viel“ plaudert Kautz noch intimeres aus der werbewirksam aufbereiteten „Biografie“ des Laiendarstellers „Rentner Uwe“ aus:

„Bezüglich Corona: Raue ist Impfbefürworter und hat bereits seine fünfte Impfung erhalten.“

Unabhängig davon, ob das nun stimmt oder nicht, öffnet hier das BMG einmal mehr das Fass der Spaltung: Wer „Impfbefürworter“ ist, lässt sich demnach lieber einmal öfter impfen, als es das RKI empfiehlt. Von einer geplanten Empfehlung zur fünften Spritze durch die Ständige Impfkommission (STIKO) am RKI ist bisher jedenfalls nichts an die Öffentlichkeit gedrungen. Offiziell empfiehlt diese den zweiten Booster, also die vierte Impfung, für Personen ab 60 Jahren, medizinisches Personal und solche mit bestimmten Vorerkrankungen.

Schließlich räumte BMG-Sprecher Kautz ein: Allein aus purer Begeisterung und völlig unentgeltlich waren die Auftritte der Darsteller dann doch nicht. Es gab Geld, wie viel, ließ er allerdings offen. Kautz schrieb:

„Wie alle anderen Teilnehmer an der Kampagne haben R. und die Lehrerin Anika eine niedrige Aufwandsentschädigung, aber keine weitere Gage erhalten.“

Fauler Trick, um Risiken zu verschweigen

Man kann es auch so formulieren: Die Bundesregierung agiert in Sachen Corona-Impfungen wie die persönliche Werbeagentur der Pharmakonzerne. Risiken und Nebenwirkungen verschweigt sie weitgehend oder bagatellisiert sie, wenn doch etwas öffentlich wird.

Ist das überhaupt erlaubt? Müsste sie nicht mindestens den Warnhinweis „Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker“ beifügen? Immerhin ist dies im Heilmittelwerbegesetz (HWG) für Arzneimittel geregelt. Ein AfD-Abgeordneter im Bundestag hatte die Regierung kürzlich danach gefragt. In ihrer nunmehr übermittelten Antwort, die der Autorin vorliegt, rechtfertigte sie das so:

„Eine Werbung im Sinne des HWG für Arzneimittel setzt allerdings voraus, dass die Werbung produktbezogen ist und sich auf ein konkretes Arzneimittel bezieht. Der allgemeine Hinweis auf die Durchführung von Schutzimpfungen gegen COVID-19 ohne Nennung eines bestimmten Produktes – wie dies auch in der Impfkampagne des Bundes erfolgt – unterfällt nicht dem Anwendungsbereich des HWG. Der Warnhinweis ist dabei bei dieser Art der Information nicht anzugeben.“

Mit anderen Worten: Weil es mehrere Präparate gibt, die angeblich vor schweren Corona-Verläufen schützen sollen, und keines davon namentlich benannt wird, kann man sich den Hinweis auf Risiken sparen. Die Bundesregierung nutzt also eifrig die Hintertürchen und Schlupflöcher ihrer Gesetze. Und dafür hat sie seit Ende 2020 immerhin rund eine halbe Milliarde Euro ausgegeben, finanziert von den Steuerzahlern.

Diese dreiste Werbung für Arzneimittel ohne jegliche Darstellung von bekannten Risiken, die anmutet wie Pizza-Werbung von Nestlé Wagner, und dies mit mindestens einem Protagonisten, der nebenbei als Kleindarsteller für eine Agentur arbeitet, ist beileibe Referenz für Glaubwürdigkeit der deutschen Regierung, sondern eher für groß angelegte Manipulation der Bevölkerung.

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