Onkel Toms Imperium

von C.J.Hopkins (theblogcat)

https://off-guardian.org/2019/04/16/uncle-toms-empire/

(Anm.d.Ü.: Bitte nicht nach zwei Absätzen aufhören zu lesen! Hier trieft es nur so vor Sarkasmus! Und ein Dank an SuperHans!))

Ich tue so etwas normalerweise nicht, aber angesichts der Verhaftung von Julian Assange letzte Woche und der unangenehmen und feigen Reaktionen darauf hielt ich es für notwendig, meine üblichen literarischen Standards aufzugeben und einen rückgratlosen, heuchlerischen „Schnellschuss“ hinzurotzen, der meine Besorgnis über den gefährlichen Präzedenzfall ausdrückt, den die US-Regierung durch die Auslieferung und Verfolgung eines Herausgebers setzen könnte, der amerikanische Kriegsverbrechen und dergleichen aufgedeckt hat. Gleichzeitig will ich überaus deutlich machen, wie sehr ich persönlich Assange verabscheue und ihn für einen Feind Amerikas und der Freiheit halte, und wünsche, dass die Behörden ihn wie eine Schabe zerquetschen.

Damit hier keine Unklarheiten aufkommen. Ich verteidige Assange und Wikileaks uneingeschränkt, und das Prinzip der Pressefreiheit und was auch immer. Und ich bin ganz dafür, amerikanische Kriegsverbrechen aufzudecken (solange es das Leben der Amerikaner, die diese Kriegsverbrechen begangen haben, nicht gefährdet oder sie in irgendeiner Weise belästigt). Während ich das alles voll und ganz unterstütze, fühle ich mich gezwungen, meine Unterstützung zusammen mit meiner persönlichen Abscheu vor Assange zum Ausdruck zu bringen, von dem ich, wenn all diese wichtigen Prinzipien nicht beteiligt wären, möchte, dass er ausgeschaltet und erschossen oder zumindest in Einzelhaft in einem Hochsicherheitsgefängnis eingesperrt wird…. nicht wegen eines bestimmten Verbrechens, sondern nur, weil ich ihn persönlich so sehr hasse.

Ich bin mir nicht ganz sicher, warum ich Assange hasse. Ich habe den Mann noch nie wirklich getroffen. Ich habe nur dieses seltsame, amorphe Gefühl, dass er ein schrecklicher, ekelhafter, extremistischer Mensch ist, der für die Russen arbeitet und wahrscheinlich ein Nazi ist. Es fühlt sich irgendwie wie das Gefühl an, das ich im Winter 2003 hatte. Dass Saddam Hussein Atomwaffen hatte, die er den Al-Qaida-Terroristen geben wollte, die kleine Babys in ihren Brutkästen bajonettierten, oder das Gefühl, dass Trump ein russischer Geheimdienst-Agent ist, der auf Barack Obamas Bett gepinkelt hat und der das Kapitolgebäude in Brand setzen, sich zum amerikanischen Hitler erklären und anfangen wird, die Juden zusammenzutreiben und zu ermorden.

Ich weiß nicht, woher diese Gefühle kommen. Wenn du mich Fragen würdest, kann ich sie wahrscheinlich nicht wirklich mit irgendwelchen tatsächlichen Fakten oder irgendetwas unterstützen, zumindest nicht auf irgendeine rationale Weise. Als introspektiver Mensch frage ich mich manchmal, ob meine Gefühle vielleicht das Ergebnis all der Propaganda und der unerbittlichen psychologischen und emotionalen Konditionierung sind, denen mich die herrschenden Klassen und die Konzernmedien seit meiner Geburt ausgesetzt haben, und ob einflussreiche Menschen in meinem sozialen Umfeld sich immer wieder wiederholt haben, und zwar so, dass deutlich wird, dass ein Widerspruch zu ihren Ansichten äußerst unwillkommen wäre und sich negativ auf meinen sozialen Status und meine beruflichen Aufstiegschancen auswirken könnte.

Nehmt zum Beispiel meinen Abscheu vor Assange. Ich habe das Gefühl, dass ich nicht einmal eine Kolumne schreiben kann, in der seine Verhaftung und Auslieferung verurteilt wird, ohne den Mann unnötig zu verspotten oder zu beleidigen. Wenn ich es versuche, spüre ich diese plötzliche Angst, als „Trump liebender Putin-Nazi“ und als „vom Kreml gesponserter Vergewaltigungs-Apologet“ angeprangert und von all meinen Facebook-Freunden entfreundet zu werden. Schlimmer noch, ich bekomme dieses abscheuliche Gefühl, dass ich, wenn ich nicht meine uneingeschränkte Unterstützung für Pressefreiheit und Transparenz und so weiter mit einer Art bösartiger, rachsüchtiger Bemerkung über den Zustand von Assanges Körpergeruch verbinde, und wie er wahrscheinlich Läuse bekommen hat, oder wie er sich in die Hose geschissen hat, oder eine andere kindische und sadistische Verspottung, dass ich dann jede Chance verspielen würde, in einem respektablen Medium veröffentlicht zu werden.

Aber wahrscheinlich bin ich nur paranoid, oder? Ausgezeichnete, anspruchsvolle Zeitungen und Zeitschriften wie The Atlantic, The Guardian, The Washington Post, The New York Times, Vox, Vice, Daily Mail und andere dieses Kalibers sind nicht nur Propaganda-Organe, deren Hauptzweck es ist, die offiziellen Erzählungen der herrschenden Klassen zu verstärken. Nein, sie veröffentlichen ein breites Spektrum an gegensätzlichen Ansichten. The Guardian zum Beispiel hat Owen Jones gerade dazu gebracht, eine lautstarke Verteidigung für Assange zu schreiben, weil er wahrscheinlich ein Nazi-Vergewaltiger ist, der in einem schwedischen Gefängnis eingesperrt werden sollte und nicht in einem amerikanischen Gefängnis!





Denkt daran,The Guardian ist die gleiche Publikation, die eine komplett erfundene Geschichte gedruckt hat, in der Assange beschuldigt wird, sich heimlich mit Paul Manafort und einigen angeblichen „Russen“ getroffen zu haben, unter einer Flut von anderem solchen Russiagate-Unsinn, und die Jeremy Corbyn seit einigen Jahren als Antisemiten verteufelt.

Außerdem ist, so Bob Garfield von NPR (der sich lustvoll „auf Assanges Tag vor Gericht freut“) und andere liberale Schriftgelehrte, Julian Assange nicht einmal ein echter Journalist, so dass wir keine andere Wahl haben, als ihn zu verspotten und zu demütigen und ihn der Vergewaltigung und Spionage zu beschuldigen…. oh, weil wir gerade davon sprechen, habt ihr das mitbekommen, wie seine Katze die ecuadorianischen Diplomaten ausspionierte?

Aber jetzt ernsthaft, Scherz beiseite, es ist immer lehrreich (wenn auch ein wenig ekelhaft) zu beobachten, wie die Mandarine der Konzernmedien ein offizielles Narrativ verbreiten und Millionen von Menschen es roboterhaft wiederholen, als ob es ihre eigenen Meinungen wären. Dieser Prozess ist besonders ekelhaft zu beobachten, wenn es sich bei dem Narrativ um die Stigmatisierung, Delegitimierung und Demütigung eines offiziellen Feindes der herrschenden Klassen handelt. Typischerweise ist dieser Feind ein ausländischer Feind, wie Saddam, Gaddafi, Assad, Milošević, Osama bin Laden, Putin oder wer auch immer. Aber manchmal ist der Feind einer von „uns“…. ein Verräter, ein Judas, ein Quisling, ein Spitzel, wie Trump, Corbyn oder Julian Assange.

Auf jeden Fall bleibt die Hauptfunktion der Konzernmedien immer die gleiche: den Charakter des „Feindes“ unerbittlich zu ermorden und die Massen in einen sinnlosen Hass auf ihn zu peitschen, wie den Zwei-Minuten-Hass 1984, die Kill-the-Pig-Szene in Herr der Fliegen („Tötet die Bestie, tötet das Schwein“), die Juden asl Sündenböcke in Nazi-Deutschland und andere Beispiele, die der Heimat ein wenig näher sind.

Logik, Fakten und tatsächliche Beweise haben mit diesem Prozess wenig bis gar nichts zu tun. Das Ziel der Medien und anderer Propagandisten ist es nicht, die Massen zu täuschen oder irrezuführen. Ihr Ziel ist es, die angestaute Wut und den Hass, der in den Massen brodelt, hervorzurufen und sie auf den offiziellen Feind zu kanalisieren. Es ist nicht notwendig, dass die Dämonisierung des offiziellen Feindes auch nur im Entferntesten glaubhaft ist oder einer ernsthaften Prüfung standhalten kann. Niemand glaubt ernsthaft, dass Donald Trump ein russischer Geheimdienst-Agent ist, oder dass Jeremy Corbyn ein Antisemit ist, oder dass Julian Assange verhaftet wurde, weil er eine Kaution verfallen ließ oder jemanden vergewaltigt aht, oder weil er Chelsea Manning geholfen hat, ein Passwort zu „hacken“.

Die Dämonisierung der Feinde des Imperiums ist keine Täuschung…. vielmehr wird die Loyalität der Untertanen getestet Es ist ein Ritual, in welchem den Massen (die, seien wir ehrlich, de facto Sklaven sind) befohlen wird, ihren Herren ihre Treue und ihren Hass auf die Feinde ihrer Herren zu zeigen. Willfährige Sklaven haben viel aufgestauten Hass, den sie auf die Feinde ihrer Herren loslassen. Sie haben alle den aufgestauten Hass auf ihre Meister (den sie nicht direkt gegen ihre Meister richten dürfen, außer innerhalb der Grenzen, die ihre Meister zulassen), und sie haben all diesen Selbsthass, weil sie willfährig sind, und… nun ja, im Grunde genommen Feiglinge.

Julian Assange wird bestraft, weil er sich dem globalen kapitalistischen Imperium widersetzt hat. Das würde immer so geschehen, egal wer im Weißen Haus sitzt. Jeder, der sich dem Imperium auf so flagrante Weise widersetzt, wird bestraft. Willfährige Sklaven verlangen dies von ihren Herren. Widerstrebende Sklaven sind eigentlich weniger eine Bedrohung für ihre Herren als für die anderen Sklaven, die sich entschieden haben, ihre Sklaverei anzunehmen und ihre eigene Unterdrückung anzunehmen. Ihr Trotz beschämt diese willfährigen Sklaven und wirft ein unschönes Licht auf ihre Feigheit.

Deshalb erleben wir so viele Liberale (und Liberale in linker Verkleidung), die sich beeilen, ihren Abscheu vor Assange in einem Atemzug mit ihrer angeblichen Unterstützung auszudrücken, nicht weil sie ehrlich an den Inhalt der offiziellen Julian-Assange-Narrative glauben, die die herrschende Klasse verbreitet, sondern weil sie (a) die Folgen fürchten, wenn sie diese Geschichte nicht roboterhaft wiederholen, und (b) weil Assange die Todsünde begangen hat, sie daran zu erinnern, dass ein tatsächlicher „Widerstand“ gegen das globale kapitalistische Imperium möglich ist, aber nur, wenn man bereit ist, den Preis zu zahlen.

Assange hat diesen Preis in den letzten sieben Jahren bezahlt und wird ihn auf absehbare Zeit bezahlen. Chelsea Manning bezahlt ihn schon wieder. Die Demonstranten der Gelbwesten bezahlen ihn in Frankreich. Malcolm X hat ihn bezahlt. Sophie Scholl hat ihn bezahlt. Viele andere haben im Laufe der Geschichte dafür bezahlt. Feiglinge haben sie verspottetet, so wie sie Julian Assange im Moment verspotten. Das geht aber in Ordnung, und wenn er zehn oder zwanzig Jahre lang sicher tot ist, werden sie ein paar Straßen und Gymnasien nach ihm benennen. Vielleicht errichten sie ihm sogar ein Denkmal.

Onkel Toms Imperium
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3 Kommentare

  1. 20.04.2019

    "Viele andere haben im Laufe der Geschichte dafür bezahlt. Feiglinge haben sie verspottetet, so wie sie Julian Assange im Moment verspotten."

    Gestern habe ich anläßlich des Karfreitags, (Wissen die Leute eigentlich, worum es da geht???) in allen vier Evangelien die Kreuzigung Jesus' durchgelesen und war doch erstaunt, wieviel gleichlautende und wieviel abweichende Darstellungen in den Evangelien enthalten sind.  Gleichlautend war jedoch in allen vier, daß er vor seiner Kreuzigung verspottet wurde, was uns auch trösten sollte, wenn uns die männlichen und weiblichen unkündbaren Systemlinge für verrückt halten!

    Ich glaube der obige Artikel ist voller schwarzen Humors und spricht ein wichtiges Thema an:  und zwar  die seelische Krankheit vieler Deutscher.  Die ständigen Schuldvorwürfe unbewiesener Geschichtslügen, die Umwertung aller Werte: aus Wahrheit wird Lüge, und aus Lüge wird Wahrheit, muß an den Grundfesten menschlicher Geistesverfassung rütteln.  Ein Wahrheitsverkünder wie Assange wird zum Feind des Menschengeschlechts umfunktioniert!

    Deswegen so viele seelisch Kranke bei uns:  neurotische, psychotische Menschen, voller Verfolgungswahn (Paranoia), Psychopathen, Mesandrie, Mysogenie, Drogen-abhängige.  Bei meinen Mietern habe ich festgestellt, daß doch viele Erwerbsunfähigkeits-Rentner zwar äußerlich normal erscheinen, aber doch alle ein Rad ab haben.  Hinzu kommen die echten Schizophrenen, mit denen ich mich in der Nachbarschaft abgeben muß, mit denen ich nur mit echtem Grauen spreche, weil man sich auf ganz abartige Gedankengänge einlassen muß. 

    Und an allen diesen Dingen hat die allergrößte Schuld der "Wahrheits"-Rundfunk, um mittelalterliche Kategorien zu vermeiden, weil der Genuß seiner Droge die Menschen verwirrt durch das Zerreden und recht eigentlich verrückt macht.

    Hingegen gibt es auch angenehme Erfahrungen:  Gestern in Dangast wurden uns im "Haus Gramberg" die Kutter-Schollen von einer ausnehmend freundlichen und intelligent sprechenden und gestikulierenden blonden jungen Frau mit Zopf serviert, die bestimmt nicht krank war.

    https://www.poetryfoundation.org/poems/45550/she-was-a-phantom-of-delight

    "She was a Phantom of delight
    When first she gleamed upon my sight;
    A lovely Apparition, sent
    To be a moment's ornament;"

    Es gibt also auch noch Hoffnung!

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