Martin Luther ein Populist?

Das derzeitige Establishment belegt politische Konkurrenz zuhauf mit dem Unwort Populisten, will aber selber nicht merken, wie sehr sie damit selbst populistisch agieren.

Dem Begriff Populismus (von lateinisch populus ‚Volk‘) werden von den Sozialwissenschaften mehrere Phänomene zugeordnet. Populismus ist geprägt von der Ablehnung von Machteliten und einigen Institutionen, Anti-Intellektualismus, einem scheinbar unpolitischen Auftreten, Berufung auf den „gesunden Menschenverstand“ (common sense) und die „Stimme des Volkes“. Populismus betont häufig den Gegensatz zwischen dem „Volk“ und der „Elite“ und nimmt dabei in Anspruch, auf der Seite des „einfachen Volkes“ zu stehen. In der politischen Debatte ist Populismus oder populistisch ein häufiger Vorwurf, den sich Vertreter unterschiedlicher Richtungen gegenseitig machen, wenn sie die Aussagen der Gegenrichtung für populär, aber nachteilig halten. Man spricht dann auch von einem politischen Schlagwort bzw. „Kampfbegriff“. (wikipedia)

Populisten behaupten Dinge wahrheitswidrig, um Ressentiments bei den Massen zu bedienen. Eine Partei, die z.B. nur zutreffende Tatsachen an- und aufgreift, betreibt keinen Populismus. Populismus ist, wenn etwas Politiker behaupten, die Flüchtlingswelle sei für Deutschland durch die Bank positiv und die Integration wäre spielend zu meistern, weil es das Hauptziel der Zuwanderer sei, sich erfolgreich zu integrieren, dann ist diese Lüge dreister Populismus. Auch zu früheren Zeiten wären Widersacher des Systems als Populisten bezeichnet worden, sofern dieser Begriff damals geläufig gewesen wäre.

1517, vor 500 Jahren also, veröffentlichte der Mönch und Theologieprofessor Martin Luther 95 Thesen zum Ablasswesen seiner Zeit. Er kritisierte die Praxis des Ablaßhandels und stellte die Kraft des Glaubens dagegen, der allein auf die Gnade Gottes vertraut. Mit dieser, die Reformation einläutenden Tat, schrieb Luther Weltgeschichte. Wer war dieser Mann?

dpa/Hendrik Schmidt / Das Denkmal für Martin Luther steht auf dem Marktplatz in Eisleben

Die renommierte Oxford-Historikerin Lyndal Roper, eine der wichtigsten Expertinnen für die deutsche Geschichte des 16. Jahrhunderts, präsentiert in ‚Der Mensch Martin Luther‘ ein neues Bild des berühmten Theologen, eine tiefgehende und einfühlsame Biographie, die uns Luther so nahe bringt wie nie zuvor. Sie zeigt, wer Luther wirklich war und warum gerade er zum großen Reformator wurde, der die Welt aus den Angeln hob. Lyndal Roper hat sich aufgemacht, Luthers ganze Persönlichkeit zu verstehen, seine innere Welt und die Beziehungen zu seinen Freunden nachzuvollziehen. Dafür hat sie seine Schriften und vor allem seine Briefe noch einmal neu gelesen und in den Archiven vor Ort (u.a. Wittenberg, Mansfeld, Leipzig, Eisenach) über zehn Jahre hinweg zahlreiche Dokumente über Luther und sein Umfeld zusammengetragen und ausgewertet. Sie schildert den Reformator als Mann, der mit beiden Beinen im Leben stand, als Menschen aus Fleisch und Blut. Für Luther waren der Körper und die Sexualität Teil des Mensch-Seins, er wollte den Körper vom Makel der Sünde befreien. Sein Glaube an die Einheit von Körper und Geist führt zum Kern seiner Theologie, der zu einem der großen Streitpunkte des Christentums werden sollte: Luthers unumstößliche Überzeugung, dass Christus bei der Eucharistie leibhaftig anwesend ist.

„Atemberaubend“ sei der Mut Luthers gewesen, als er auf dem Reichstag zu Worms dem Kaiser und den mächtigsten Reichsfürsten die Stirn bot – immer den drohenden Scheiterhaufen vor Augen.

Ein wesentlicher Punkt, den Luther an der Kirche kritisierte, war der Ablasshandel.

Aus Angst vor dem Fegefeuer und dass man keine Vergebung finden würde, kauften die Leute Ablaßbriefe. Es hieß, wenn man einen Ablaßbrief kaufe, wäre man von seinen Sünden befreit. Der Preis bei unterem und mittlerem Einkommen entsprach einem Monatslohn. Luther belastete, daß die Sünder keine Buße taten, sondern sich freikaufen konnten. Die  Angst vor einem jenseitigen Strafgericht, das als Folge sündhaften Lebenswandels nach dem Tode drohen sollte, plünderte die Kirche das gemeine Volk aus. Als Mittel zur Implementierung und Stabilisierung der Ängste wurden detaillierte Ausschmückungen der zu erwartenden Qualen genutzt. Der Ablaß gegen Zahlung einer festgelegten Summe für die verschiedenen Vergehen wurde zur lukrativen Einnahmequelle für den Klerus.

Die Kommerzialisierung von Glaubensinhalten in dieser Größenordnung war ein Novum. Scharenweise erwarben die Menschen nicht bloß für sich selbst, sondern auch für ihre verstorbenen Angehörigen die heiß gehandelten Versicherungspapiere fürs Jenseits. Die katholische Lehre vom „Gnadenschatz“ erklärte die Kirche zum Verwalter des durch Christus gewirkten Verdienst-Pools, aus dem sie nach Gutdünken verteilen konnte. Was sie freilich nicht ohne Gegenleistung tat, die in guten Werken aber eben auch in einer Geldgabe bestehen konnte. Der dem Dominikanermönch und Widersacher Luthers Johann Tetzel zugeschriebene Satz „Sobald das Geld im Kasten klingt, die Seele in den Himmel springt!“ bringt diese Haltung auf den Punkt.

Gegen diese Unsitte zog Luther zu Feld und gewann in kürzester Zeit sehr viele Anhänger. Wurde er damit – nach heutiger Sichtweise – ein Populist wie Politiker, die gegen den Mainstream aufbegehren und um Anhänger werben? Schließlich hat er mit seinem Kampf gegen die Unsitte in erster Linie den Armen geholfen, die unter dem Seelendruck des Ablaßhandels besonders leiden mußten.

Nach Luthers Bußverständnis war die Kirche als Mittler zwischen Gott und den Menschen überflüssig. Für ihn galt allein das in der Bibel verkündete Evangelium. Gnade sei bereits durch Christus erwirkt, der Mensch könne sie nur noch gläubig empfangen. Daß die Kurie den Gnadenschatz Gottes nach eigenen Regeln verteilte, um daraus einen Goldschatz zu zaubern, brachte Luther auf die Palme. Hätte der rebellische Augustinermönch über die modernen Medien verfügt, er hätte vermutlich per twitter und facebook eine noch größere Anhängerschaft gehabt, und er würde von Kirchenoberen und Politikern nicht etwa in die linke, sondern in die rechte Ecke gefährlicher Populisten gestellt werden.

Der Mönch bedeutete eine Systemgefahr. Nur durch Flucht und adlige Unterstützer konnte er dem Flammentod entgehen.

Gleichwohl schreibt Lyndon Roper: Luther habe sehr viel Humor gehabt und sei jemand gewesen, der immer mit dem Glauben rang. „Man kann Luther viel verzeihen, weil er nicht diese Selbstsicherheit hatte, die kein Wenn und Aber erlaubt. Er war jemand, der dauernd an Anfechtungen litt, bis zu seinem Tod“, sagt Roper. „Man könnte das als Melancholie bezeichnen, aber es hat mit dem Glauben zu tun. Das macht ihn zu einer Persönlichkeit mit einer gewissen Tiefe. Auch wenn er absolut unmöglich sein konnte, und sehr hart und grob war. Aber die Direktheit hing auch mit seinem Humor zusammen.“

Der Mensch Martin Luther besticht durch die lebendige Darstellung von Luthers innerer Entwicklung wie auch der Entwicklung seiner Beziehungen, in der deutlich wird, warum und wie es zur Reformation kommen konnte. Eine großartige Lektüre, ein Lesevergnügen für alle, die Luther und die Reformation neu entdecken oder erstmals kennen lernen wollen – eine neue Luther-Biographie für unsere Zeit. Opulent ausgestattet mit mehr als 100 Abbildungen in Schwarzweiß und farbig. „Man kann sich kaum vorstellen, wie jemand diese großartige Lebensdarstellung Luthers übertreffen sollte.“ The Times „Die definitive Darstellung von Luthers Leben und Werk.“ Financial Times „Wundervoll geschrieben … die interessanteste, provokativste und originellste Luther Biographie seit Jahren.“ Literary Review „Ein brillanter Blick auf Luther als Mensch.“ Professor Dr. Karl-Heinz Göttert

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