Macrons Alptraum – Gelbwesten-Proteste in den ehemaligen Kolonien

Ernst Wolff (antikrieg)

Die anhaltenden Proteste der Gelbwesten in Frankreich dürften dem französischen Präsidenten Macron bereits schlaflose Nächte bereiten. Das für ihn schlimmste Alptraum-Szenario aber dürfte sich dann entfalten, wenn diese Proteste auf die ehemaligen afrikanischen Kolonien seines Landes überspringen sollten.

Obwohl sie offiziell in den sechziger Jahren in die Unabhängigkeit entlassen wurden, konnten sich diese Länder nie aus der Umklammerung ihrer ehemaligen Kolonialherren lösen und dienen der französischen Finanz- und Industrieelite mit ihren Rohstoffen (insbesondere Erdöl, Erdgas und Mineralien) und ihren ultra-billigen Arbeitskräften nach wie vor als wichtige und – wie im Fall des Urans für die Atomindustrie – unverzichtbare Einnahmequelle.

Der Unterschied zwischen der Kolonialära und der Gegenwart besteht einzig und allein in der Art der Unterdrückung. Wurde früher fast ausschließlich militärische Gewalt angewandt, so ist es heute vor allem die unsichtbare Macht des Geldes, mit der die Ex-Kolonien in Abhängigkeit und der überwiegende Teil ihrer Bevölkerung in Armut gehalten werden.

 

Hier der Hintergrund:

Im Dezember 1945 wurde im Rahmen der Ratifizierung des Bretton-Woods-Abkommens in fast allen französischen Kolonien Afrikas, den „Colonies Françaises d‘Afrique“, der CFA-Franc eingeführt. Bis heute ist er in folgenden 14 Staaten Landeswährung: Benin, Burkina Faso, Guinea-Bissau, Elfenbeinküste, Mali, Niger, Senegal, Togo, Kamerun, Zentralafrikanische Republik, Tschad, Kongo, Äquatorialguinea und Gabun.

Bis 1998 war der CFA-Franc zu einem festen Wechselkurs an den französischen Franc gebunden, seitdem ist er starr an den Euro gekoppelt. Die Mitgliedsländer der CFA-Franc-Währungszone, die rund zwei Drittel ihres Außenhandels mit Ländern der Euro-Zone abschließen, sind außerdem verpflichtet, mindestens 50 Prozent ihrer Devisenreserven und ihr gesamtes Gold bei der EZB zu hinterlegen.

Da die CFA-Franc-Länder keinen Zugriff auf diese Reserven haben, können sie den Wechselkurs ihrer Währung nicht eigenständig ändern und sind bei Geldknappheit auf Kredite angewiesen.

Der von Frankreich mit dem CFA-Franc eingeführte freie Kapitalverkehr hat dazu geführt, dass französische Konzerne wie zum Beispiel der Energieriese Total ihre Gewinne ungehindert abziehen und in die Heimat transferieren können. Auch die Gründung zweier CFA-Franc-Zentralbanken in Kamerun und Senegal in den sechziger Jahren hat an der Abhängigkeit der Ex-Kolonien nichts geändert, denn Frankreich hat sich in beiden Verwaltungsräten, in denen die Beschlüsse einstimmig gefasst werden müssen, das Vetorecht gesichert.

Zudem wurden 1961 zwischen Frankreich und seinen ehemaligen Kolonien Verträge abgeschlossen, die bis heute gelten und Frankreich in fast allen Belangen militärische und wirtschaftliche Zugriffsrechte sichern.

1994 zeigte sich das einseitige Machtverhältnis auf besonders drastische Weise: Die französische Zentralbank beschloss damals eine Abwertung des CFA-Francs, ohne die betroffenen zentral- und westafrikanischen Staaten auch nur zu konsultieren. Die Folge: Die Preise für Einfuhrprodukte in den CFA-Franc-Ländern stiegen über Nacht um 50 Prozent, während Exportgüter ab sofort zum halben Preis nach Frankreich gebracht wurden.

Die 14 ehemaligen Kolonien werden von Frankreich aber nicht nur als Rohstoffquelle, sondern mittels Lieferbindungen und politischer Korruption auch als Absatzmarkt genutzt und das zu besonders harten Bedingungen: So lagen die Preise französischer Waren und Dienstleistungen lange Zeit 30 Prozent über den Weltmarktpreisen – obwohl sieben der CFA-Franc-Länder im Ranking des Human Development Index zu den ärmsten der Welt zählen und zwei Drittel ihrer Bevölkerung von weniger als zwei US-Dollar pro Tag leben müssen.

Welch weitreichende Bedeutung der CFA-Franc hat, zeigte sich auf extreme Weise 1963 in Togo und 1987 in Burkina Faso: Damals wurden mit Sylvanus Olympio und Thomas Sankara zwei Politiker ermordet, die die Mitgliedschaft ihrer Länder in der CFA-Franc-Zone beenden wollten.

Da wir im Zeitalter fast unbegrenzter Kommunikationsmöglichkeiten leben und die anhaltenden Gelbwesten-Proteste auch den 155 Millionen Menschen in den 14 CFA-Franc-Ländern nicht entgehen, kann man sich vorstellen, dass der französische Präsident die Entwicklung der noch ruhigen Lage mit größter Sorge verfolgen dürfte.

Vorbereitungen für den Fall, dass die Unterdrückung der betroffenen Länder mittels ihrer Währung nicht mehr ausreichen sollte, hat Emmanuel Macron jedenfalls getroffen: Er hat den Rüstungsetat Frankreichs bis 2022 um 1,7 Milliarden Euro pro Jahr erhöht, eine Verbesserung der Arbeit der Geheimdienste zugesagt und einen gegebenenfalls notwendigen Ausbau der militärischen Präsenz Frankreichs in Afrika in Aussicht gestellt.

Dass ihn dieses Vorgehen nicht in Gewissensnöte bringt, hat er übrigens im vergangenen Jahr am Rande des G-20-Gipfels deutlich gemacht: Dort sagte er, dass für Länder, in denen Frauen sieben oder acht Kinder zur Welt brächten, jede Entwicklungshilfe ohnehin sinnlos sei.

 

Ursprünglich erschienen am 26.Januar 2018 auf KenFM

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2 Kommentare

  1. Ih möchte diesen lauten und impertinenten Menschanschlag noch nie leiden … Ein Grund mehr diese Ausbeuter zu verabscheuen! Aber, wahrscheinlich weiß das alles nicht mal der gemeine Franzose?

    Wie das mit andern "ehemaligen" Kolonialmächten heute wohl so läuft? Holländer, Spanier, Portugiesen, Engländer?

  2. Vielen Dank für den Artikel. Dass Frankreich in Afrika militärisch aktiv ist, war ja bekannt. Aber die Art und der Umfang der Ausbeutung war mir neu.

    Man müsste mal sehen, welche Glücksritter aus der Sphäre Frankreichs sich in unsere Sozialsystem einnisten wollen. Die könnte man sicher gut nach Frankreich abschieben.

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