Lehrstück zur Corona-Pandemie in Ischgl

Niklaus Ramseyer (infosperber)

Eine ORF-Doku deckt eindrücklich auf, wie Ischgl in Österreich zum Corona-Hotspot wurde. Jetzt laufen Strafverfahren.

In der Medienarbeit spielen Glück und Zufall oft eine wichtige Rolle. Jetzt etwa für den ORF-Reporter Ed Moschitz: Er hat durch reinen Zufall die dramatischen Ereignisse eindrücklich dokumentiert, die sich im Ski-, Spass- und Party-Kurort Ischgl in Österreich nach Ausbruch der Corona-Pandemie Mitte März abgespielt haben. Moschitz war schon im Januar mit einem Fernsehteam in den weltweit bekannten Mega-Skiort (der sich im Netz als «gigagünstig» anpreist) gereist, um aufzuzeigen, wie der transnationale Ski-Tourismus funktioniert. Er fand zuhinterst in einem ursprünglich abgeschiedenen, armen Bergtal gleich östlich der Schweizer Grenze ein kleines Abbild der globalisierten Wachstums-, Verschleiss- und Spassgesellschaft.

Bis zu 25’000 Gäste aus aller Welt (sogar Paris Hilton war schon da) vergnügen sich im Winter in Ischgl. Sie geben pro Tag je über 100 Euro aus (Logis im Luxushotel nicht eingerechnet). Mehr als 50 Skiliftanlagen befördern sie hinauf zu den 239 Pistenkilometern auf 320 Hektaren Alpenland (jetzt auch im Verbund mit Samnaun in der Schweiz). Wer es sich leisten kann, fliegt in einem der rot-gelben Helikopter «nauf auf die Alm». Und während sich die globale «gehobene Mittelschicht» (ORF) bis tief in die Nacht in Restaurants, Bars und Nachtclubs vergnügt, präparieren Dutzende lokaler Seilbahnarbeiter mit 500-PS-starken Pistenraupen auf dem Berg die Kunstschnee-Hänge mit ihren 1200 Schneekanonen wieder seidenweich für den nächsten Ski-Tag.

Pinguine am Speichersee, Lagune mitten in der Piste

So war es noch im Februar. «Es macht Spass», hatte ein deutscher Skitourist in roter Jacke mit der Aufschrift «Superdry» (es gibt da kaum etwas, was nicht «super» wäre) mitten in einer dicht gedrängten Menschenmasse vor einer Seilbahn-Talstation Moschitz in die ORF-Kamera gesagt: «Wenn ich keinen Spass mehr habe im Leben, muss ich mich zuhause einschliessen.» (Was der Mann noch gar nicht wissen konnte, sagte er da schon in präziser Voraussicht.)

Die Ischgler sorgten und sorgen seit Jahrzehnten nun für derlei Spass. Und für immer neuen: Sie wollten zum Gaudi ihrer Kundschaft auf dem Berg oben auch schon mal echte Pinguine an einem ihrer Wasserspeicherseen (für die Schneekanonen) aussetzen. Doch immer wenn ein Helikopter über die putzigen Vögel vom Südpol hinweg flog, schauten diese hinauf in den Himmel, fielen hinten über, blieben hilflos auf dem Rücken liegen – und mussten wieder aufgestellt werden. So ging das natürlich nicht.

Dafür planten die Ischgler, die jedes Jahr bis zu 30 Millionen Euro in ihre Anlagen reinvestieren, nun eine «Blaue Lagune» mitten in der Piste; einen Bade-See mit 40 Grad warmem Wasser, in dem ihre Skikundschaft zur Abwechslung kurz in die Badehose wechseln und quasi ein japanisches Bad (Onsen) würden nehmen können. Auch hofften sie auf 200 Millionen Chinesinnen und Chinesen, die bald schon in 850 chinesischen Skigebieten den Schnee-Sport erlernen und dann auch im fernen Europa würden praktizieren wollen. Die Chinesen (so rechnen die Ischgler im TV-ORF vor) würden die rückläufige Zahl der europäischen Skifahrerinnen und Skifahrer, die leider in den letzten Jahren von 12 auf bloss noch 7 Millionen arg geschrumpft sei, mehr als nur wettmachen können.

Wanderarbeiter in der Nacht per SMS verjagt

Aus all dem wird wohl nun vorerst nichts: Seit Samstag 14. März nämlich ist Ischgl zu. Alle Bahnen stehen still. Hotels und Bars sind geschlossen. Der Ort, der sich (mitunter dank der Finanzierung eines Waldes im fernen Peru) auch im TV-ORF noch gerade als «klimaneutralen Skiort» hatte präsentieren wollen, hat statt dessen jetzt weltweit als «Corona-Hotspot» traurige Berühmtheit erlangt. Mehr als 10’000 Gäste sind ab 14. März («im Chaos») Hals über Kopf aus diesem «heissen Corona-Punkt» in alle Welt verstoben. Von 3000 (temporär) Beschäftigten sollen nur noch 300 im Ort sein – in Quarantäne eingeschlossen. Ischgl hatte dieses Drama lange hinausgezögert. Bis es am Freitag, den 13.(!) März, dann einfach nicht mehr ging.

Und so sah es nach dem chaotischen Abbruch der Skisaison am 14. März 2020 in Ischgl aus (Foto ORF)

Ed Moschitz hat jetzt seinen Dokumentarfilm, den er Anfang März schon parat hatte, ganz neu schneiden müssen. Entstanden ist ein Lehrstück unter dem Titel «Ausnahmezustand in Ischgl». Ergänzt nun durch Skype-Interviews mit ehemaligen Angestellten, denen zuerst gesagt worden war, ihre «Erkältung» sei nichts; nach drei Tagen auf dem Zimmer könnten sie wieder im Service arbeiten (und täglich bis zu 100 Gäste in engem Kontakt bedienen). Andere Betroffene berichten, wie ihnen der Dorfarzt nach einer kurzen Fiebermessung schriftlich bescheinigte, sie seien «bei bester Gesundheit» und hätten «keinen Kontakt mit Corona-positiv getesteten Personen» gehabt. Einzelne in Hotels oder bei Bahnen Beschäftige wurden von ihren Arbeitgebern am Freitag, dem 13. abends, per SMS aufgefordert, Ischgl sofort zu verlassen – faktisch also in die Nacht hinaus zum Teufel gejagt.

Hotels verwaist, Küche und Bar gespenstisch offen

Ein Internierter berichtet, wie sein Hotel plötzlich total verwaist gewesen sei, Küche und Bar einfach leer, aber offen. Und von den Verantwortlichen – bis hin zum Bürgermeister – war plötzlich auch kaum mehr jemand erreichbar. Kurzum: Moschitz ist da ein Dokument gelungen, wie man es selten gesehen hat. Ein Abbild im Kleinen dessen, was sich teils gerade weltweit in grösserem und weit gefährlicherem Rahmen seit Wochen nun abspielt. Die Machthaber (vom einfältigen Trump in den USA bis zum üblen Bolsonaro in Brasilien) wursteln nach dem System «immer mehr, immer weiter, immer höher» ohne Rücksicht auf drohende Probleme (Umwelt, Klima, Ressourcen) Jahre lang weiter. Wenn die Gefahr dann plötzlich akut wird, beschwichtigen sie lange und wiegeln ab. Und ist die Katastrophe da, trifft es nicht sie, sondern die Schwächsten zuerst und am härtesten. Dieses ORF-Dokument ist unbedingt sehenswert.

Verbier bei uns ist fast was Ischgl in Österreich

In der Deutschschweiz weniger beachtet, lief es auch bei uns in Verbier, im Wallis, Anfang März fast so ab, wie in Ischgl. Am 28. März hat «24 heures» ausführlich darüber berichtet. Die Skitouristen (viele davon aus Italien) steckten sich auch hier zu Dutzenden schwitzend und lachend in dicht gepackten Nachtclubs gegenseitig an. Die ersten Fälle waren schon am 7. März aufgetaucht. Aber noch am 13. verkündete der Walliser Regierungsrat Christophe Darbellay (CVP) über Radio RTS, die Skistationen würden offen bleiben, und wünschte allen ein «sonniges Wochenende».

Inzwischen haben zahlreiche der in Ischgl Angesteckten mit Hilfe des deutschen Verbraucherschutzes (der dazu ein Formular ins Internet gestellt hat) Strafklage gegen die Verantwortlichen erhoben. Gegen den Landeshauptmann, die Seilbahngesellschaft und auch gegen Ischgls Bürgermeister. Der antwortet in Moschitz’ Dokumentarfilm auf die Frage, ob er sich einer Schuld bewusst sei, «nach bestem Wissen und Gewissen» kurz und knapp: «Nein». Kann sein, dass er dennoch verurteilt wird. Dies würde allerdings einmal mehr bloss zeigen, dass man die kleinen, lokal Verantwortlichen auch da rasch hängt – während gegen die grossen, weltweiten Schwadroneure kaum je auch nur ermittelt wird.

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