
Von Ralph Bosshard (globalbridge)
Am NATO-Gipfel werden die Verbündeten einmal mehr versuchen, Einigkeit zu demonstrieren, nachdem Trumps Kritik an den Europäern und das abnehmende Engagement der USA für das Bündnis stellenweise schon fast Verzweiflung ausgelöst hatten. Europäische Politiker und Militärs sehen die NATO als Antwort auf so gut wie jede Herausforderung, die sie zu erkennen vermögen – und davon sehen sie derzeit viele. Dabei wird gerne übersehen, dass die NATO für die USA grundsätzlich eine andere Bedeutung hat, als gerade für Deutschland. Wer 250 Jahre nach der Unabhängigkeit der USA die Geschichte aus ihrer Perspektive betrachtet, versteht, dass die Amerikaner eine andere Sichtweise haben müssen.
Der Grund für diese unterschiedliche Betrachtungsweise liegt in der amerikanischen Geschichte. Wie in der Geschichte so gut wie alle Seemächte schauen auch die USA immer auf die Gegenküste. Der Vordenker der US-Seemacht war Alfred Thayer Mahan, der seine Auffassungen über maritime Strategie in seinem 1890 erschienenen Hauptwerk The Influence of Sea Power upon History publizierte (1). Seine Theorien sind der Hauptgrund dafür, dass die USA heute Kriegsschiffe von bis zu 100’000 Tonnen Verdrängung bauen.
Erst Europa, dann Ostasien
Jenseits des Atlantiks befanden sich schon seit der Unabhängigkeit der USA von der britischen Krone zwei bedeutende Seemächte. Frankreich und eben Großbritannien. Zusammen mit ihren Kolonialreichen besaßen diese beiden Mächte genügend Ressourcen, um die USA herausfordern zu können. Deshalb war Westeuropa immer im Blickfeld der Amerikaner. Ostasien wurde erst nach dem rasanten Aufstieg Japans gegen Ende des 19. Jahrhunderts relevant. Die selbstgewählte Isolation Japans (Sakoku) wurde am 31. März 1854 mit der Unterzeichnung des Vertrags von Kanagawa beendet. Die erzwungene Öffnung stürzte das Shogunat in eine tiefe innenpolitische Krise, welche schließlich zur Meiji-Restauration im Jahr 1868 führte, bei welcher die Macht formell an den Kaiser zurückgegeben wurde. Danach begann die rasante Modernisierung und Industrialisierung Japans. Erst viel später, nach dem Zweiten Weltkrieg, entwickelten sich China und die ehemaligen Kolonien der europäischen Mächte in Ostasien zu wirtschaftlichen Großmächten (2). Heute fordern sie den politischen Einfluss, der ihrer wirtschaftlichen Bedeutung entspricht – und fordern dadurch den Westen heraus.
Vor einen fremden Karren gespannt
Ob es primär ideologische oder wirtschaftliche Gründe waren oder eben die Sorge um eventuell überlegene Koalitionen an den Gegenküsten, welche die USA zum Eingreifen in die beiden Weltkriege veranlassten, muss hier nicht geklärt werden (3). Dass im Ersten Weltkrieg US-Präsident Woodrow Wilson sich aber auch zum Kampf gegen das als autoritär empfundene Deutschland aufgerufen sah, ist unbestritten. Eine entscheidende Rolle spielte aber das sogenannte „Zimmermann-Telegramm“, mit welchem die deutsche Reichsregierung im Januar 1917 Mexiko zu einem Angriff auf den Süden der USA zu motivieren suchte und dem Land allen Ernstes territoriale Zugewinne versprach (4).
Im Jahr 1917 entzündeten sich massive, teils existenzielle Diskussionen und Spannungen um die Kriegsziele innerhalb der Entente, hervorgerufen durch politische Umbrüche, die Kriegsmüdigkeit der Bevölkerung und das Hinzutreten neuer Verbündeter mit völlig konträren Visionen. Nach der Februarrevolution 1917 forderte die neue provisorische Regierung Russlands unter dem Druck der kriegsmüden Bevölkerung einen Frieden „ohne Annexionen und Kontributionen“, was im krassen Widerspruch zu den geheimen imperialistischen Absprachen stand, die das zaristische Regime noch kurz zuvor mit Großbritannien und Frankreich getroffen hatte. Noch im März 1917 hatten Frankreich und Russland hinter dem Rücken Londons noch schnell das Doumergue-Abkommen abgeschlossen, welches Frankreich Russland freie Hand an dessen Westgrenze ließ, insbesondere in Polen, während Russland Frankreichs Ansprüche auf das Elsass und das Saarbecken unterstützte (5).
Im April 1917 traten die USA in den Krieg ein. US-Präsident Woodrow Wilson lehnte die europäischen Geheimverträge und imperialistischen Annexionspläne strikt ab und forderte stattdessen das Selbstbestimmungsrecht der Völker, sowie eine völlig neue Nachkriegsordnung. Großbritannien und Frankreich kamen dadurch diplomatisch in die Klemme: Einerseits brauchten sie die amerikanische Militär- und Finanzhilfe dringend, wollten andererseits aber ihre eigenen kolonialen und territorialen Kriegsziele nicht aufgeben. Nur allzu gerne hätten Briten und Franzosen mit amerikanischen Truppen ihre eigenen Ziele verfolgt. Wilsons 14-Punkte-Programm, das bei vielen Völkern Europas große Hoffnungen erweckte, wurde 1919 in Versailles aber nur zu einem enttäuschend kleinen Teil umgesetzt (6).
Wenngleich 20 Jahre später in der amerikanischen Gesellschaft und auch im Regierungsapparat gewisse Sympathien für den Nationalsozialismus und Deutschland generell bestanden (7), so darf man doch davon ausgehen, dass ideologische Gründe auch eine Rolle spielten, als sich die USA entschlossen, sich de facto an die Seite Großbritanniens zu stellen und dieses mit allem zu versorgen, was es zum Überleben und zur Kriegführung brauchte. Nach dem Kriegseintritt der USA im Dezember 1941 musste die Regierung unter Präsident Franklin D. Roosevelt insbesondere gegenüber den Briten wiederholt und unmissverständlich festhalten, dass amerikanische Soldaten und Ressourcen nicht für den Erhalt oder die Rettung des British Empire eingesetzt würden. Schon die Atlantik-Charta vom August 1941 garantierte allen Völkern weltweit das Recht auf Selbstbestimmung. Als Japan 1942 Indien bedrohte, drängte Roosevelt Winston Churchill beispielsweise zu einem Zeitplan für die Unabhängigkeit Indiens (8). Als Reaktion auf den anhaltenden Druck aus Washington und die antikolonialen Untertöne hielt Churchill im November 1942 eine seiner berühmtesten Reden und stellte klar:
„I have not become the King’s Minister in order to promote the liquidation of the British Empire. For that task someone else will have to be found.“ (9)
Am Ende behielten jedoch die USA die Oberhand: Die enorme finanzielle und militärische Abhängigkeit Großbritanniens von den USA zwang die Briten, einzulenken und beschleunigte den Niedergang des britischen Weltreichs massiv.
Ein Fuß auf dem europäischen Kontinent
Nach mehreren hoch-riskanten und teilweise verlustreichen Landungsoperationen an fremden Küsten gaben sich US-Militärs das Versprechen, nie wieder zuzulassen, dass US-Truppen an feindlich besetzten Küsten würden landen müssen (10). Die europäischen Anrainer am Atlantik und seinen Nebenmeeren mussten als Brückenköpfe erhalten bleiben. Die Schwierigkeiten amphibischer Operationen verdeutlichen die alliierten Verlustzahlen: Der D-Day in der Normandie am 6. Juni 1944 kostete die Alliierten zwischen 9’000 und 12’000 Mann an Verlusten, davon circa 4’400 Gefallene, wobei ein Abbruch der Operation aufgrund des extremen Risikos nur unter weiteren Opfern möglich gewesen wäre. Mit dem Abzug der Landungstruppen von einem nicht gesicherten Strandabschnitt hatten die Alliierten Erfahrung, vor allem aus der misslungenen Operation „Jubilee“, dem Raid auf den Hafen von Dieppe am 19. August 1942 (11). Die drei Hauptlandungen in Italien im Jahr 1943 forderten rund 6’000 bis 6’500 Opfer, überwiegend bei Salerno. In der Operation „Bayton“, der Landung in Kalabrien am 3. September 1943, waren sehr geringe Verluste von unter 100 Gefallenen zu beklagen, da die deutsche Wehrmacht rasch auswich. Auch die Operation „Slapstick“ in Tarent am 9. September 1943 kostete kaum Verluste bei der britischen 1. Luftlandedivision, jedoch rund 120 gefallene Seeleute der Royal Navy. Die Operation „Avalanche“ der 5. US Armee bei Salerno vom 9. bis 18. September 1943 hingegen stellte die schwierigste Landung dar und kostete rund 3’500 amerikanische und 2’000 britische Verluste.

Quelle: Verfasser
Als 1945 Sieger wie Besiegte in Europa gleichermaßen erschöpft und ausgelaugt waren, wurden die weitgehend unbehelligt gebliebenen USA auch ohne Atombombe zur Weltmacht. Großbritannien befand sich nach dem Zweiten Weltkrieg in einer tiefen wirtschaftlichen Krise, erlebte jedoch gleichzeitig einen historisch bedeutsamen demografischen Wandel (12). Das Land war zwar eine der siegreichen Siegermächte, stand jedoch finanziell vor dem Bankrott und war stark von ausländischer Hilfe abhängig. Die britische Wirtschaft war durch die enormen Kriegsanstrengungen und die Zerstörungen durch deutsche Luftangriffe („Blitz“) massiv geschwächt. Auch Frankreich befand sich nach dem Zweiten Weltkrieg in einer katastrophalen wirtschaftlichen Lage. Im Gegensatz zu Großbritannien war das französische Staatsgebiet jahrelang besetzt gewesen und direktes Schlachtfeld geworden, was zu immensen physischen Zerstörungen geführt hatte. Beide Länder erlebten demografisch nach dem Krieg einen der dynamischsten Aufschwünge ihrer modernen Geschichte, einerseits durch einen „Babyboom“, das rasante Ansteigen der Geburtenrate nach dem Krieg, und die massenweise Einwanderung von Menschen aus den verschont gebliebenen Ländern Europas, besonders Spanien und Portugal, sowie aus den Kolonien. Das prägt die britische und französische Gesellschaft bis heute. Erst Mitte der Siebzigerjahre endete der Aufschwung der Nachkriegsjahre.
Nicht einmal die Sowjetunion hätte in dieser Zeit die USA herausfordern können. Die im Krieg neu aufgebaute Industriebasis im Ural und in Sibirien war zwar intakt geblieben, aber die Opfer waren zu hoch gewesen und der europäische Teil des Landes zu schwer verheert, als dass die Sowjetunion sich einen erneuten Krieg hätte leisten können. Trotzdem bestimmte die Furcht vor der weiteren Ausbreitung des kommunistischen Systems die US-amerikanische Politik in jenen Jahren so stark, dass man sich erst in Griechenland auf eine Konfrontation mit den Sowjets einließ und mit dem Marshall-Plan große Anstrengungen unternahm, um das darniederliegende Europa raschmöglichst wieder auf die Beine zu bringen. Die Gründung der NATO diente der militärischen Absicherung der Politik des „Containment„, der Eindämmung des Kommunismus (13). Für Deutschland war die Wiederbewaffnung und die Integration in die NATO hingegen noch wichtiger, als für seine neuen Verbündeten: der Weg zurück in den Kreis der zivilisierten Nationen.
Für die Eindämmung des Kommunismus schreckte die Administration Truman in den ersten Nachkriegsjahren auch nicht vor der Einmischung in die Innenpolitik von Verbündeten zurück: Vor allem die verdeckte Einflussnahme der CIA auf die ersten regulären Parlamentswahlen in Italien am 18. April 1948 gilt historisch als die allererste großangelegte Geheimoperation der 1947 gegründeten Behörde. Die Intervention war massiv, extrem gut finanziert und umfasste verschiedene sowohl verdeckte als auch offene Kanäle. Neben finanzieller Unterstützung bediente sich die CIA auch der Propaganda, Desinformation und der Drohung mit der Streichung von wirtschaftlicher Unterstützung. Die Operation war für die USA ein vollständiger Erfolg: Die italienischen Christdemokraten errangen einen Erdrutschsieg und holten die absolute Mehrheit im Parlament (14).
Blut für Geopolitik
Im Geist des „Containment“ führten die USA anschließend vier Jahrzehnte Kolonialkriege, welche die politischen Eliten des Landes noch im 19. Jahrhundert nie hätten führen wollen. Die Niederlage in Vietnam schmerzt bis heute am meisten (15). Nach dem Zusammenbruch des sogenannten Ostblocks in der Sowjetunion stellt sich heute aber die Frage, welche Ideologie die USA eindämmen wollen. Wen sollen sie jetzt von der Weltherrschaft abhalten? Man hat Wladimir Putin und Xi Jinping schon manche Expansionsgelüste unterstellt, aber Weltherrschaftsträume hegen beide wohl nicht. Jetzt stellen sich erneut die Fragen der Jahre 1917 und 1943, als US-Truppen auf dem europäischen Kriegsschauplatz auftauchten: Wessen Zielen dient die US-Militärmacht? Sollen die USA die französischen Ambitionen in Schwarzafrika fördern, jene Italiens im „erweiterten Mittelmeer“, das angeblich bis ins Arabische Meer reicht, jene Deutschlands in der Arktis, die Träume in Warschau und Vilnius nach der Wiedererrichtung des Großfürstentums Polen-Litauen oder das Intermarium-Konzept des Marschalls Józef Piłsudski? (16)

Sollen die USA Geburtshelfer spielen für Groß-Rumänien, Groß-Albanien oder andere Reiche? (17). Ein Land, das Streitkräfte unterhält, die ganz einfach sicherstellen sollen, dass die Amerikaner bei sich zuhause von fremden Mächten ungestört leben können, muss diese Frage fast zwingend mit „Nein“ beantworten. Trumps Skepsis gegenüber der NATO entspricht nicht seiner persönlichen Laune, sondern einer traditionellen Einstellung des Landes gegenüber der Außenpolitik generell. Das war der Konstruktionsfehler der „Out-of-Area„-Strategie der NATO nach 1991, des Strebens nach Hegemonie und militärischer Dominanz.
Institutionelle und gedankliche Trägheit
Ohne die USA mangelt es der NATO an Kapazitäten zu globaler strategischer Aufklärung, luftgeschützter Intervention, Luft- und Seetransport und eventuell noch weiteren (18). Ohne die USA ist die NATO nicht mehr das stärkste Militärbündnis der Welt, welches seit 1991 seine Sicherheit durch totale militärische Dominanz weltweit gewährleistete. Ohne die USA ist die NATO ein ganz einfaches Militärbündnis wie manches andere auch und muss sich Gedanken machen, wie es sich selbst verteidigen kann. Dabei kommt Brüssel seine eigene institutionelle Trägheit in den Weg.
Wenn die europäischen NATO-Länder für ihre Verteidigung selbst sorgen und ihren geopolitischen Tagträumen abschwören, dann lohnt es sich für Washington wieder, mit ihnen zusammenzuarbeiten. Für großmäulige Schwächlinge hegt Donald Trump begreiflicherweise wenig Sympathien. Er ist mit seinen eigenen Tagträumen beschäftigt.
Schutz der Verbündeten in Osteuropa und Revanche an Russland sind verschiedene Dinge, das muss man in der NATO noch begreifen, Dissuasion durch Verteidigungsfähigkeit und Abschreckung, die allzu oft und schnell in Einschüchterung mündet, ebenfalls. Eine Generation von Militärs, die an der oberen taktischen Stufe nur noch die NATO als Allerheilmittel kennt und sich operatives Denken weitgehend abgewöhnt hat, muss umdenken – oder einer neuen Generation Platz machen.
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