Kein Staatsvertrauen: Die einen kaufen Gold, die anderen Guns

Gun Shop in den USA © novinky.cz

Kein Staatsvertrauen: Die einen kaufen Gold, die anderen Guns

Christian Müller (infosperber)

So unterschiedlich reagieren die Leute auf die Corona-Krise. Beispiele aus den USA, Deutschland und der Ukraine.

Nicht alle Leute denken und handeln gleich. Unser Verhalten wird beeinflusst von unserer Umwelt, unserer Familie, unserem Glauben – auch «Atheismus» ist ein «Glaube» –, von unserer Schulzeit, nicht zuletzt aber auch von den Medien, denen wir täglich ausgesetzt sind. Das ist zwar eine Binsenwahrheit, aber trotzdem erwarten viele Leute, dass «die Anderen» ebenso denken und handeln sollten, wie sie selbst es tun – oder täten, wenn …

Interessant ist nicht zuletzt in Zeiten der Krise, wie unterschiedlich die Leute reagieren. Und natürlich wird dann auch darauf geachtet, ob es in den verschiedenen Ländern so etwas wie ein typisches Verhalten gibt, typisch also für das Land X oder das Land Y. Das hat jetzt zum Beispiel die tschechische Plattform novinky.cz getan – und unter anderem über die USA und Deutschland berichtet.

Was hat novinky.cz dabei in den USA gefunden? Warteschlangen vor Waffenläden, Gun Shops! (Siehe dazu das Aufmacherbild oben.) Das ist für Leute, die die USA ein bisschen kennen, keine Überraschung. Aus der Geschichte der USA gilt noch heute die Lebenserfahrung der Einwanderer, dass man sich im Notfall nur auf sich selber verlassen kann. Es gibt zwar den Staat, es gibt theoretisch sogar das Gewaltmonopol dieses Staates, dass also nur die Armee und die Polizei ein Recht haben, Gewalt anzuwenden. Aber ein echtes Vertrauen in diese Institutionen gibt es nicht. Das hat zum Beispiel auch der Hurrikan Katrina Ende August 2005 gezeigt, der die Stadt New Orleans massiv beschädigte und die dortigen Bürger in echte Not brachte. Die Kriminalität nahm sprunghaft zu, Plünderungen von Läden waren an der Tagesordnung, es schien, als wäre alles erlaubt, um sich selber über Wasser zu halten. Und eben auch Schiessereien waren an der Tagesordnung. Viele US-Amerikaner verlassen sich auch heute noch lieber auf den eigenen Colt oder den Smith&Wesson-Revolver als auf die Polizei oder andere staatliche Schutz- oder Hilfsorganisationen. Und das zeigt sich sogar jetzt in der Covid-19-Krise. Was immer kommen mag: Mit der eigenen Waffe wird man am ehesten überleben …

Gold statt Guns

Anders in Deutschland. Nicht nur, dass man da ohne aufwendige Bewilligung gar keine Schusswaffe kaufen kann, man ist viel mehr geneigt, sein Geld zu schützen. Im Hinterkopf ist immer noch die Geldentwertung – die Hyperinflation – im Jahr 1923, als nicht einmal eine Million Reichsmark mehr ausreichte, um ein Kilo Kartoffeln zu kaufen. 1 US-Dollar kostete im November 1923 über 600’000’000’000 Reichsmark. Solch eine Hyperinflation hat nicht einmal Argentinien je zustandegebracht. Die Deutschen trauen deshalb zwar (noch) der eigenen Polizei, nicht aber der eigenen Währung. Und was machen sie: In Erwartung einer Krise mit einer Hyperinflation kaufen sie Gold. Zum Beispiel bei Degussa, auch wenn man auch da Schlange stehen muss, wie in den USA vor dem Gun Shop.

Angst vor einer krisenbedingten Hyperinflation: Schlange stehende Deutsche vor dem Goldhändlergeschäft Degussa in Berlin (Foto Novinky).

 Selbstschutz immer noch am sichersten?

Beide Verhaltensweisen gehen eher in Richtung Selbstschutz und weniger in Richtung Solidarität in der Not. Vielleicht gibt es ja eine erhöhte Solidarität mit Betroffenen im kleinen Kreis. Auf USA- oder EU-Ebene gibt es sie sicher nicht. Das hat gerade auch der serbische Präsident Aleksandar Vučić deutlich ausgesprochen: Die vermeintliche Solidarität Europas sei «ein Märchen», sagte er wörtlich und ziemlich ernüchtert. Bei allen Verträgen mit der EU habe die EU die Bedingungen diktiert. Jetzt, in der Krise, sei klar: Nur China dürfe noch als Freund bezeichnet werden. Kein anderes Land sei bereit, Serbien zu helfen.





Dass es kaum internationale Solidarität gibt, ist mittlerweile aktenkundig. Aber auch innerhalb der Länder ist Solidarität oft ein Fremdwort. Als die Ukraine die Rückführung ihrer Landsleute aus Wuhan organisierte, musste die gecharterte Maschine mit den Heimkehrern Dutzende von Volten fliegen, bis sie schliesslich auf einem Flugplatz landen konnte, weil Hunderte von Demonstranten eine Landung dieser Maschine zu verhindern suchten. Die herbeigeeilte Polizei musste sogar Armeefahrzeuge aufbieten, um der Situation Herr zu werden. Und als dann die Maschine schliesslich landen konnte und die Insassen meinten, sie würden in ihrem Heimatland willkommen geheissen, und deshalb mit kleinen Fähnchen winkten, wurden sie mit Steinen beworfen. Selbst als sie bereits in Busse verladen waren, wurden noch deren Fenster eingeschlagen. Die Rückkehrer mussten nach dem Flug neun weitere Stunden lang in den Bussen ausharren, weil sie zuerst zu einem weit entfernten Krankenhaus gekarrt werden mussten. Im naheliegenden Krankenhaus dagegen sangen die Ärzte und das Pflegepersonal die ukrainische Nationalhymne, aus Dankbarkeit, dass es ihnen gelungen war, die Aufnahme der Rückkehrer zu verhindern. (Man kann diese Tragödie im Detail nachlesen und zum Teil auch noch anschauen, zum Beispiel hier.)

Die aus Wuhan zurückgeführten Ukrainer glaubten zuhause willkommen zu sein. Stattdessen versuchten Hunderte von Demonstranten, die Landung der Maschine zu verhindern. Auch ein nahegelegenes Krankenhaus verweigerte die Aufnahme, obwohl, wie sich später herausstellte, keiner der Rückkehrer bereits infiziert war. (Foto Global News)

Verallgemeinerungen sind immer gefährlich

Aber Achtung: Darf deshalb gesagt werden, «die» Ukrainer seien zwar extreme Nationalisten, seien aber unmenschlich, wenn es um die Rückführung ihrer «nationalen» Mitbürgerinnen und Mitbürger aus Epidemie-gefährdeten Regionen gehe? Gerade dieses extreme Beispiel zeigt, wie unterschiedlich eben auch Menschen aus dem gleichen Land sein können. Auf der deutschsprachigen Plattform «Ukraine-Nachrichten» schrieb eine entsetzte Ukrainerin:

«Daher war ich wahrlich erstaunt darüber, wie sich meine Mitbürger in verschiedenen Regionen des Landes – sowohl im Westen als auch im Osten und gleich nebenan, in der Nähe von Kyjiw – darauf vorbereiteten, ihre in Not geratenen Landsleute zu empfangen. Wenn man dieses Chaos der Hexenjagd und der Höhleninstinkte betrachtet, möchte man einfach das ganze Land anschreien: ‹Leute, ihr seid doch Menschen!› Wilde Kundgebungen zu organisieren, Strassensperren, in den Nächten Wache zu halten, Gräben zu graben, um Menschen nicht hineinzulassen, die bereits so sehr gelitten haben? Und noch dazu nicht zu ihnen nach Hause, nicht in ihr eigenes Haus, sondern in eine Einrichtung, die von der Nationalgarde und der Polizei bewacht wird. Und nicht zur Behandlung, sondern nur zur Quarantäne. Keine Pest-, Cholera- oder Leprakranken, sondern Menschen, die ein paar medizinische Grenzen überschritten, aber nicht die geringsten Anzeichen irgendeiner Infektionskrankheit gezeigt haben. [Nach den zwei Wochen unter Beobachtung wurden bei keinem der Gruppe Krankheitssymptome festgestellt und alle konnten problemlos nach Hause. A.d.R.] Schämen Sie sich nicht, dass Transportpanzer diese Leute vor der verrückt gewordenen Menge schützen müssen?» (Zum ganzen erschütternden Brief von Tetjana Sylina hier anklicken.)

Es gibt weder «die» US-Amerikaner noch «die» Deutschen noch «die» Ukrainer

Dass die Leute in verschiedenen Ländern auf Gefahren und in Krisen unterschiedlich reagieren, ist eine oft beobachtete und vielfach bestätigte «Wahrheit». Nichts aber wäre verheerender, als daraus auf einzelne Menschen zu schliessen. Nicht alle haben die Möglichkeit und die persönliche Überlegenheit, sich gruppendynamischem Druck zu entziehen und aufgrund unabhängiger Informationen aus verschiedenen Quellen eine eigene, eigenständige Meinung zu haben. Gerade auch der Einfluss der omnipräsenten Medien darf – auch im ach so «freien» Westen – nicht unterschätzt werden. Schon gar nicht in Krisenzeiten.

Kleiner Nachtrag:

In Italien haben die Behörden zwar zu spät reagiert, sie wurden ja auch als erste in Europa überrascht und überrollt, aber die Menschen versuchen buchstäblich «mit Leib und Seele», den Optimismus hochzuhalten. Drei ans Herz gehende kurze Videos zum Anklicken:

Hier (Die eventuell vorausgehende Werbung ist nur kurz)

und hier

oder auch hier

… und dies, obwohl Italien natürlich zutiefst enttäuscht ist, dass die EU vor allem eines macht: wegschauen. Zum Bericht eines deutschen Korrespondenten direkt aus Rom, hier anklicken.

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Infosperber-DOSSIER:
Coronavirus: Information statt Panik

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– Passend dazu: Niederländer stehen Schlange für Cannabis.

Der Eine so, der Andere so. Je nach Prioritäten. Eine mögliche Interpretation wäre z.B.:

Der Gewaltbereite kauft sich in einer Krise Waffen. Der Ängstliche kauft Gold. Der, der die Krise entspannt betrachten möchte, deckt sich mit Cannabis ein. Was für eine verrückte Welt. Es läuft alles nach Plan.

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