Jenseits westlicher Narrative zur Ukraine-Wende

Jenseits westlicher Narrative zur Ukraine-Wende
Die «Kyiv Post» liebt es, Bilder von russischen Raffinerien zu zeigen, die von ukrainischen Drohnen in Brand geschossen wurden …

Von Gábor Stier (globalbridge)

Die „Spiegel“-Ausgabe 23/2026 thematisiert unter dem Titel „Kriegswende?“ eine Reihe optimistischer Stimmen, die den aktuellen Kurs der Ukraine stützen: Neben Verteidigungsminister Mychailo Fedorow und dem Rada-Abgeordneten Oberst Roman Kostenko stehen dabei der Rüstungshersteller Fire Point sowie dessen Chefentwickler Denys Schtilerman im Fokus. Das Unternehmen ist mit seinen Drohnen- und Raketensystemen zum Symbol der ukrainischen „Tech-Wende“ avanciert. Zudem wird der Militäranalytiker Taras Tschmut angeführt, der unlängst in den Aufsichtsrat der offiziellen Kiewer Rüstungsbeschaffungsagentur berufen wurde. Sie alle sehen die Ukraine dank KI und Drohnen im Aufwind. Doch die Realität an der Front bleibt komplex. Gábor Stier liefert im folgenden Beitrag ein Gegengewicht zu diesem technokratischen Optimismus. Er analysiert für die ungarische Wochenzeitung „Demokrata“ die strategische Lage jenseits der taktischen Drohnenerfolge und zeigt auf, warum der Zermürbungskrieg für Moskau keineswegs endet.

Westliche Narrative suggerieren, dass es im russisch-ukrainischen Krieg zu einer Wende gekommen sei. Davon kann jedoch trotz des derzeit spürbaren ukrainischen Vorteils in der Drohnentechnologie keine Rede sein. Moskaus Geduld geht jedoch zur Neige, der Zermürbungskrieg wird immer intensiver, Friedensverhandlungen pausieren, der Krieg wird brutaler. Es scheint, als setze wieder jede Seite darauf, dass die andere bis zum Frühjahr 2027 als erste erschöpft sein wird. Doch ist dieser Krieg bis zur völligen Erschöpfung überhaupt durchhaltbar? Für wen arbeitet die Zeit?

Die militärische Lage der Ukraine sei derzeit günstiger als jemals zuvor seit Beginn der umfassenden russischen Invasion, die russischen Verluste nähmen stetig zu und die Unterstützung in der Öffentlichkeit sinke. Davon sprach der finnische Präsident Alexander Stubb in einem Interview und suggerierte, dass eine Wende im Krieg eingetreten sei und die Ukraine in der aktuellen Phase der Auseinandersetzung die Oberhand gewonnen habe. Wie Stubb skizzierte, haben die Kriegsanstrengungen der Ukraine klar voneinander abgrenzbare Phasen durchlaufen. Auf die anfängliche Überlebensphase folgten die Jahre des Widerstands. Seiner Einschätzung nach ist der Konflikt nun in eine Phase eingetreten, in der sich der Zermürbungskrieg an den Frontlinien zunehmend zugunsten von Kiew verschiebt.

Zu einer ähnlichen Schlussfolgerung gelangt auch Michael Kofman von der Carnegie-Stiftung, einer der Doyens unter den westlichen Analytikern. Er weist auf mehrere Veränderungen im Kriegsverlauf hin, die aus seiner Sicht darauf hindeuten, dass die Ukraine allmählich die Oberhand gewinnt. Der leitende Analytiker der Carnegie-Stiftung äußert gegenüber dem New York Magazine, dass Russland die Front nicht durchbrechen konnte und daher auf eine infrastrukturelle Ausblutung der Ukraine umgestellt habe.

Wie er formulierte: „Die russische Militärführung wollte zuvor durch ständigen Druck auf die gesamte Verteidigungslinie den Zusammenbruch der ukrainischen Armee erreichen. Da dies aufgrund der ukrainischen militärischen Anpassungsfähigkeit scheiterte, kompensiert der Kreml dies durch die brutale Bombardierung des Hinterlandes.“ Dem Experten zufolge findet ein klassischer Zermürbungskrieg statt, bei dem der Zeitfaktor immer weniger zu Gunsten Russlands ausfällt.

Die Illusion der technologischen Wende

Hinter Kofmans Behauptungen stehen zwar reale Trends mit begrenzter Geltung, die er jedoch von einzelnen Verbänden oder Frontabschnitten auf die gesamte Streitkraft projiziert. Seine Schlussfolgerungen spiegeln daher einen starken fachlichen Optimismus wider. Gleichzeitig belegen sie – zusammen mit der Popularität von Stubbs Einschätzung –, dass die Ukraine im „Perzeptionskrieg“ im Westen die Nase vorn hat: mit Drohnen, Narrativen und politischer Anpassung. Den Zermürbungskrieg dominiert jedoch weiterhin Russland – mit mehr Menschen, mehr Ressourcen und der schrittweisen Zerstörung des ukrainischen Energiesystems sowie der militärischen Infrastruktur im Hinterland.

Betrachten wir jedoch die Details: Die russischen Kräfte rücken zwar langsamer vor, doch es hält einer Überprüfung nicht stand, dass die ukrainischen Truppen im Gegenzug größere Gebiete zurückerobern würden, als die Russen einnehmen. Diese Rechnerei ergibt ohnehin wenig Sinn, wenn es an vielen Frontabschnitten große, teils 15–20 Kilometer breite Infiltrationszonen gibt, die nicht beständig und schwer zu halten sind.

Vom Frontverlauf zur Zermürbungszone

Die „Frontlinie“ hat sich also in eine Zone verwandelt. In diesem Bereich halten sowohl ukrainische als auch russische Soldaten gemischte und überlappende Positionen und Befestigungen, wobei sie sich oft gegenseitig einkesseln. Tatsache ist jedoch, dass Ende letzten Jahres zunächst Pokrowsk, dann auch Siwersk in russische Hand fielen; von dort aus wird auf Slowjansk und Kramatorsk aufgeschlossen, deren Festungssystem sich bereits auf etwa 10 Kilometer genähert wurde. An den Flanken gestaltet sich das Umgehen der letzten großen Verteidigungslinie im Donbass schwierig. Dennoch ist man an einem Endpunkt bereits in Kostjantyniwka eingedrungen und kappt dort allmählich die ukrainischen Nachschublinien. Die Geländebeschaffenheit und die Art der Drohnenkriegsführung begünstigen jedoch die Verteidigung – in der gegenwärtigen Situation ist das „Menschenmaterial“ etwas weniger wichtig geworden –, sodass die Befestigungslinien entgegen den Versprechen der russischen Führung bis Ende 2026 kaum durchbrochen werden dürften.

Hinsichtlich der Drohnen steht die verteidigende ukrainische Seite im technologischen Wettbewerb derzeit besser da – diese Situation ändert sich jedoch etwa alle sechs Monate –, weshalb sie an den Frontlinien in eine taktisch einfachere Lage geraten ist. Die Ukraine ist nämlich in der Lage, Drohnenangriffe in immer größere Entfernungen auszuführen, und erweitert ständig das Gebiet, das sie als ihre eigene „Schlagzone“ betrachtet. Die erste Angriffs-Zone befindet sich in unmittelbarer Nähe der Frontlinie, wo vor allem FPV-Drohnen eingesetzt werden. Die zweite reicht bis zu 50–60 Kilometer in die Tiefe und nimmt Logistikrouten und Nachschubpunkte ins Visier. In der dritten Zone greifen ukrainische Kräfte hochwertige militärische Ziele an – etwa Munitionsdepots, Ausbildungszentren, Luftverteidigungssysteme oder Instandsetzungsbasen. Die vierte Zone erstreckt sich bereits auf die besetzte Krim und tiefere Gebiete Russlands, wo Industrieanlagen, Häfen, Treibstofflager und Kommandostellen ins Fadenkreuz geraten können.

In Bezug auf den Luftkampf liegt der strategische Vorteil jedoch weiterhin auf russischer Seite. Während Russland das gesamte Territorium der Ukraine angreifen kann, gilt dies umgekehrt nicht. Die Schläge gegen Kiew nach der kurzen Waffenruhe Anfang Mai zeigten, dass Moskau weitaus mehr Drohnen und Raketen abfeuern kann – die Größenordnung erreichte bereits 1500 Einheiten, während Kiew bei 500–600 liegt.

Eskalation statt Verhandlung: Das Ende der russischen Zurückhaltung

Jederzeit könnte ein neuerlicher Angriff auf Kiew erfolgen. Formell könnte das „Abwerfen des Handschuhs“ eine Vergeltung für den verfehlten ukrainischen Drohnenangriff auf das Wohnheim der Pädagogischen Hochschule Starobilsk sein, der 21 junge Menschenleben forderte, doch eigentlich hat die Verstärkung der Angriffe auf das Hinterland einen strategischen Grund. Das russische Außenministerium kündigte an, dass angesichts des erwähnten ukrainischen Drohnenangriffs in Moskau „das Maß voll“ sei und die russische Armee ukrainische Entscheidungszentren, Kommandostellen und militärische Industrieanlagen in Kiew angreifen werde. Der Leiter des Verteidigungsausschusses der Staatsduma, Andrej Kartapolow, erklärte, dass Russland „die Geduld verloren habe“ und nun die von ukrainischen Sicherheitsdiensten und der Führung genutzten „unterirdischen, befestigten militärischen Kommando- und Kontrollzentren“ sowie Bunker ins Visier nehmen werde.

Anatol Lieven, Direktor des Eurasien-Programms des Quincy Institute, analysierte die Lage und hielt es für wahrscheinlich, dass Russland Hyperschallraketen vom Typ Oreschnik gegen die unterirdischen Kiewer Kommandostellen einsetzen wird, in denen US-amerikanische und europäische Offiziere die ukrainischen Streitkräfte bei Angriffen auf Russland unterstützen. Sollte dies geschehen, kann man feststellen, dass Moskau von der Rhetorik zum Handeln übergegangen ist. Dies ist früher oder später unvermeidlich, da die Warnungen des Kremls weder von Kiew noch von den Europäern ernst genommen werden.

Ungeachtet der Schrecken des Krieges agierte Russland bisher vergleichsweise zurückhaltend. So verschonte Moskau das Stadtzentrum von Kiew und sah davon ab, Kommandostellen gezielt zu treffen, obwohl die Ukraine umgekehrt solche auf russischem Territorium wiederholt angriff. Putins Zurückhaltung lässt sich teilweise darauf zurückführen, dass er lange Zeit ernsthaft an das Konzept eines slawischen Brudervolkes glaubte. Zudem fürchtete Moskau, dass bei gezielten Angriffen auf Kommandostellen US-amerikanische oder andere NATO-Soldaten sowie Geheimdienstoffiziere zu Schaden kommen könnten, was eine erhebliche Eskalation seitens des Westens provoziert hätte. Von diesen Angriffen sah man auch deshalb ab, weil man mit der Trump-Administration über ein mögliches Kriegsende verhandelte. Dieser Prozess ist jedoch in eine Sackgasse geraten; auch US-Außenminister Marco Rubio bestätigte jüngst, dass derzeit keine solchen Verhandlungen stattfinden. (Hervorhebung durch die Redaktion.)

Von einer strategischen Wende kann also nicht die Rede sein, auch wenn der technologische Vorteil der ukrainisch-westlichen Seite derzeit – vermutlich vorübergehend, da die Russen an ihrem eigenen Starlink arbeiten – spürbarer ist als vor einem Jahr. Es stimmt auch nicht, dass die russischen Verluste an Menschenleben – wie Stubb behauptete – achtmal höher wären als die ukrainischen. Das Verhältnis liegt bei etwa 1:1,2 bis höchstens 1:2. Es stimmt jedoch, dass man heute immer weniger von einer klassischen Frontlinie sprechen kann, weshalb der Krieg kaum nach früheren Mustern analysiert werden kann. Moskau konzentriert sich eher auf die Intensivierung des Zermürbungskrieges, während Kiew weiterhin erfolgreich den Informationsraum beherrscht: Drohnenangriffe, technologische Innovationen und Informationsoperationen erhalten den politischen Schwung der westlichen Unterstützung aufrecht, die auf die langfristige Schwächung Russlands setzt.

(Der Artikel erschien ursprünglich in der Wochenzeitung „Demokrata“ und online auf moszkvater.com. Die Übersetzung aus dem Ungarischen besorgte  Éva Péli.)

Gábor Stier (geb. 1961) ist ein ungarischer Außenpolitik-Journalist und Publizist. Als langjähriger Moskau-Korrespondent und ehemaliger Ressortleiter der Tageszeitung Magyar Nemzet gilt er als ausgewiesener Experte für den postsowjetischen Raum. Er ist Gründungschefredakteur des Portals #moszkvater, schreibt für renommierte mittel- und osteuropäische Medien und ist ständiges Mitglied des Waldai-Klubs.

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