Hongkong: der Vertrag von Nanjing kehrt zurück

von Manlio Dinucci (voltairenet)

Offensichtlich haben einige junge Menschen in Hongkong nach der Übergabe ihrer speziellen Provinz an China die britische Kultur übernommen. Sie kennen die Geschichte ihres Landes nicht und wissen nicht, was sie der Volksrepublik China verdanken. Für ihre Urgroßeltern hatte London nur Elend und Verwüstung gebracht, was zum Zusammenbruch des Reiches der Mitte führte.

Die „Opiumkriege“ stellen das Paradigma des britischen Kolonialismus dar: London versuchte nicht, die chinesische Bevölkerung politisch zu dominieren, sondern sie ausschließlich wirtschaftlich auszubeuten. Um den Drogenkonsum einzuführen, führte Ihre Gnadenreiche Majestät, Königin Victoria, zwei Kriege, die mehrere Millionen Tote forderten.

Hunderte junge Chinesen singen vor dem britischen Konsulat in Hongkong God Save the Queen und rufen „Great Britain Save Hong Kong“, eine Kundgebung in London von 130 Parlamentariern, die fordern, dass die britische Staatsbürgerschaft an die Bewohner der ehemaligen Kolonie vergeben wird. Auf diese Weise tritt Großbritannien in der Weltöffentlichkeit, insbesondere bei jungen Menschen, als Garant für Rechtmäßigkeit und Menschenrechte auf. Hierfür wird die Geschichte gelöscht.

Daher ist es notwendig, vor jeder anderen Betrachtung, die historischen Ereignisse zu kennen, die in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts das chinesische Territorium Hongkongs unter britische Herrschaft gebracht haben.

Um in China einzudringen, das damals von der Qing-Dynastie regiert wurde, bediente sich Großbritannien der Verteilung von Opium, das es auf dem Seeweg aus Indien verschiffte, wo es das Monopol innehatte. Der Drogenmarkt verbreitete sich schnell im Land und verursachte schwere wirtschaftliche, physische, moralische und soziale Schäden, die die Reaktion der chinesischen Behörden auslösten. Aber als die gelagertes Opium in Kanton beschlagnahmten und verbrannten, nahmen die britischen Truppen die Stadt und andere Küstenstädte mit dem ersten Opiumkrieg ein und zwangen China 1842 den Vertrag von Nanjing zu unterzeichnen.

In Artikel 3 heißt es dazu: „Da es für britische Untertanen offensichtlich notwendig und wünschenswert ist, Häfen für ihre Schiffe und ihre Läger zu haben, wird China die Insel Hongkong für immer an Ihre Majestät, die Königin von Großbritannien, und ihre Erben abtreten“. In Artikel 6 des Vertrages ist festgelegt: „Da die Regierung Ihrer Britischen Majestät gezwungen war, eine Expeditionstruppe zu entsenden, um eine Entschädigung für den durch das gewalttätige und ungerechte Verfahren der chinesischen Behörden verursachten Schaden zu erhalten, erklärt sich China bereit, Ihrer Britischen Majestät den Betrag von 12 Millionen Dollar für die entstandenen Ausgaben zu zahlen.





Der Nanking-Vertrag ist der erste der ungleichen Verträge, mit denen die europäischen Mächte (Großbritannien, Deutschland, Frankreich, Belgien, Österreich und Italien), das zaristische Russland, Japan und die Vereinigten Staaten in China mit Waffengewalt eine Reihe von Privilegien sicherten: die Abtretung Hongkongs an Großbritannien im Jahr 1843, die drastische Senkung der Steuern auf ausländische Waren (zu einer Zeit, als europäische Regierungen Zollschranken zum Schutz ihrer Industrien errichteten), die Öffnung der wichtigsten Häfen für ausländische Schiffe und das Recht, städtische Gebiete unter eigener Verwaltung („Konzessionen“) von der chinesischen Regierung freizustellen.

1898 annektierte Großbritannien die Halbinsel Kowloon in Hongkong und die so genannten News Territories, die von China für 99 Jahre „gemietet“ wurden.

Die weit verbreitete Unzufriedenheit mit diesen Auflagen explodierte gegen Ende des 19. Jahrhunderts in einer Volksrevolte – die der Boxer -, gegen die eine internationale Expeditionstruppe von 16.000 Mann unter britischem Kommando intervenierte, an der auch Italien (und Frankreich, NdT) teilnahmen.

Im August 1900 in Tianjin (T’ienTsin) gelandet, plünderte die Truppe Peking und andere Städte, zerstörte viele Dörfer und massakrierte die Bevölkerung. Später übernahm Großbritannien 1903 die Kontrolle über Tibet, während sich das zaristische Russland und Japan 1907 die Mandschurei teilten.

In China, das zu einem kolonialen oder halbkolonialen Staat reduziert wurde, wurde Hongkong zum Hauptor des Austauschs, der auf der Plünderung von Ressourcen und der Ausbeutung der Bevölkerung durch Sklavenarbeit basierte. Eine riesige Masse von Chinesen war gezwungen auszuwandern, hauptsächlich in die Vereinigten Staaten, nach Australien und Südostasien, wo sie ähnlichen Bedingungen der Ausbeutung und Diskriminierung ausgesetzt sind.

Eine Frage stellt sich spontan: Welche Geschichtsbücher studieren junge Menschen, die Großbritannien bitten, „Hongkong zu retten“?

Manlio Dinucci

Übersetzung
K. R.

Quelle
Il Manifesto (Italien)

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Hongkong: der Vertrag von Nanjing kehrt zurück
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4 Kommentare

  1.  Man muß wohl nur lange genug (nicht nur) unter dem anglo-amerikanischen Einfluß stehen. Es ist zwar nicht tröstlich, aber, anderen geht es auch nicht besser!

    • Ein Unterschied zwischen China und Indien war, dass China traditionell seit vielen Jahrhunderten ein zentralisiertes Verwaltungsgebiet und eine einheitliche Herrschaft hatte. Selbst beim Zerfall eines Reiches waren es immer riesige Verwaltungseinheiten, die dann übrig blieben. Da war es schwieriger sich Scheibchen rauszuschneiden.

      Indien war dagegen zersplittert und sowohl sprachlich als auch kulturell regional getrennt. Da war es einfacher immer einen kleinen Teil nach dem anderen entweder selbst zu kontrollieren oder dort einen Marionettenherrscher zu gewinnen.

      Soweit ich mich erinnere, war das Ziel der Englischen Kolonialpolitik, einerseits die Rohstoffe günstig zu bekommen, diese in England weiter zu verarbeiten, und dann die Kolonien als Märkte fur die Fertiggüter zu nutzen. Die Engländer haben die Ausbeutung dabei oft an private Unternehmen übergeben. In Indien waren die meisten Soldaten von diesen Firmen angestellt.

      Indien war auch eine Kolonie, die früher entdeckt und ausgebeutet wurde, so dass die Strukturen dort viel ungestörter errichtet werden konnten. Bei China fand das wesentlich später statt und dort standen die Briten in Konkurrenz zu anderen europäischen Mächten, so dass sie sich alternative Strategien zur Ausbeutung (hier das Opium) einfallen lassen mussten.

      • Ja Martin, vergleichen kann man das nicht unbedingt. Fernost-Experte bin ich auch nicht, geschweige denn war ich jemals dort. Wollte nur auf Jürgen´s anglo-amerikanische Imperialismus-Schiene aufspringen. Das Schema ist immer leicht unterschiedlich, von Land zu Land. Zwangsläufig. Aber der Plan dahinter ist immer der Selbe, beziehungsweise gleichen Ursprungs.

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