Die Ukraine und Russland am Ende und deshalb friedenswillig? So wird es anscheinend in Washington gesehen. Der US-Journalist Seymour Hersh gibt Einschätzungen der US-Seite bei den Verhandlungen wieder.
Quelle: transition-news
Einen erneuten interessanten Einblick in die US-amerikanische Sicht auf die Verhandlungen um eine Friedenslösung des Konfliktes um die Ukraine gibt der US-Journalist Seymour Hersh (88) in seinem jüngsten Text. Aus seiner Sicht geben die jüngsten Verhandlungen, wie unlängst in Berlin, Anlass für Hoffnung auf ein Kriegsende. Allerdings stützt er sich nur auf US-Aussagen und lässt russische Einschätzungen völlig außer Acht.
Es gebe noch viel zu verhandeln, so Hersh, aber es gibt aus seiner Sicht «sechs wichtige Punkte in den laufenden Gesprächen zwischen Vertretern des russischen Präsidenten Wladimir Putin und des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj». Beide bezeichnet er als «angeschlagene Staatschefs, die endlich verstanden haben, dass ihre jeweilige Zukunft vom Ende des Krieges abhängt.»
Hersh meint auch, beide Nationen würden «kurz vor dem wirtschaftlichen und militärischen Zusammenbruch» stehen, aber weiter kämpfen. Er begründet das nicht weiter und gibt bis auf US-amerikanische Gesprächspartner keine weiteren Quellen dafür an. So schreibt er, Russlands Präsident Wladimir Putin «steht unter wirtschaftlichem, politischem, militärischem und öffentlichem Druck, obwohl unklar ist, ob außer ihm noch jemand in Russland ein Mitspracherecht bei den Verhandlungen mit der Ukraine hat».
Der US-Journalist sieht «Durchbrüche in den Gesprächen», obwohl es in Berlin zuletzt nur Vorschläge von den westlichen Verbündeten Kiews gab, die keinen Weg zum Frieden aufzeigen. Laut Hersh sind die von ihm gesehenen Verhandlungserfolge nicht auf US-Präsident Donald Trump, sondern «auf die harte Arbeit der politischen Planungsstab des Außenministeriums, unterstützt durch den wenig bekannten Armeeminister Daniel Driscoll», zurückzuführen. Driscoll gelte bereits als sicherer Kandidat für die Nachfolge des inkompetenten US-Kriegsministers Pete Hegseth.
Hersh macht auf die wirtschaftlichen Interessen von Steve Witkoff, Trumps diplomatischem Gesandten, und Jared Kushner, Schwiegersohn des Präsidenten, aufmerksam. Beide, sonst Geschäftsmänner, hatten sich Anfang Dezember zu stundenlangen Gesprächen mit Putin in Moskau getroffen. Ihre Beteiligung zeige, dass jede Vereinbarung für ein Kriegsende Provisionen für die Freigabe von mehr als 250 Milliarden Dollar an russischen Vermögenswerten beinhalten wird, die seit 2022 im Westen eingefroren wurden.
Hersh hat nach eigenen Angaben erfahren, dass Witkoff und Kushner darauf bestehen, dass die USA 50 Prozent der Gewinne aller Unternehmen erhalten, die sich am Wiederaufbau der Ukraine unter der US-Führung beteiligen. Eine neue Behörde unter der Leitung von Witkoff und Kushner wäre für die Auswahl der Auftragnehmer und die Auszahlung der Gelder zuständig. Die Details der Auszahlungen werden demnach noch verhandelt, aber keines der Wiederaufbaugelder würde an Russland gehen.
Der US-Journalist beruft sich auf an den Verhandlungen beteiligte US-Beamte, denen zufolge Putin sich in Moskau «mit zunehmendem politischem, wirtschaftlichem und militärischem Widerstand konfrontiert» sieht. Die russischen Hypothekenzinsen würden rasant steigen und das russische Militär sich «in einer schweren Krise» befinden.
Deshalb habe Putin erkannt, dass er den Krieg beenden müsse. Einer der beteiligten US-Beamten habe ihm gesagt, Putin habe Ende des Sommers erkannt, dass er «nicht mehr allein handeln kann. (…) Er braucht Geld und muss das, was er bereits erreicht hat», in der Ukraine konsolidieren.
Hersh zufolge gibt es «sechs wesentliche Elemente der vorläufigen Einigung», denen nach Angaben seiner Gesprächspartner «Russland im Wesentlichen zugestimmt hat», und die «wahrscheinlich nicht wesentlich geändert werden».
-* «Laut einem noch nicht unterzeichneten Vertragsentwurf umfassen diese:
- 1. Die Ukraine darf eine stehende Armee von 800.000 Soldaten aufbauen und unterhalten, was weit über dem ursprünglichen Vorschlag Russlands liegt. Der vorherige Vorschlag sah eine stehende ukrainische Armee von 600.000 Soldaten vor.
- 2. Die Einhaltung des Abkommens durch Russland wird von Europäern vor Ort überwacht und durch amerikanische Satellitenaufklärung unterstützt.
- 3. Russland wird keine Truppen innerhalb von 150 Meilen Entfernung zur Grenze der Ukraine stationieren.
- 4. Russland hat zugestimmt, dass die Ukraine bis 2027 Präsidentschaftswahlen abhalten kann, falls Selenskyj einen Gegenkandidaten hat.
- 5. Russland besteht außerdem darauf, dass das gesamte Gebiet des Donbass, der östlichsten Region der Ukraine, die größtenteils unter russischer Kontrolle steht, faktisch an Russland abgetreten wird. Eine derzeit diskutierte Lösung würde das Konzept der Oberhoheit beinhalten: eine Beziehung, in der ein mächtiger Staat die Vorherrschaft über einen schwächeren Staat hat und dessen Außenpolitik und Verteidigung steuert, ihm aber interne Selbstverwaltung gewährt.
- 6. Das Abkommen ermöglicht der Ukraine den Beitritt zur Europäischen Union bereits im Januar 2027, ein lang angestrebtes wirtschaftliches Ziel von Selenskyj. Russland lehnt dies zwar weiterhin öffentlich ab, aber die Zusage Washingtons und der Europäischen Union, die Ukraine nicht in die NATO aufzunehmen, wird Putin die EU-Mitgliedschaft der Ukraine akzeptabel machen.»
Es gebe «noch viel zu klären», aber der Kiewer Machthaber Wolodymyr Selenskyj, «der erneut mit Korruptionsvorwürfen konfrontiert ist», habe bereits seine Bereitschaft angekündigt, die Bemühungen um eine NATO-Mitgliedschaft einzustellen. Das sei «ein wichtiges Thema im Vorfeld der Invasion von 2022», schreibt Hersh, der anscheinend nicht weiß, dass das eine der Hauptursachen des zum Krieg ausgeweiteten Konfliktes um die Ukraine ist.
«Die Zukunft der Gespräche liegt in Putins Händen», meint der US-Journalist und verweist auf die zunehmenden russischen Raketen- und Drohnenangriffe auf militärische Ziele in der Ukraine. Auch dabei geht er nicht auf die ukrainischen Drohnenangriffe auf Ziele in Russland ein.
Er zitiert einen US-Beamten, der meint, Putin sei sich bewusst, dass er mit der Fortsetzung der Offensive in der Ukraine auf Kosten schwerer Verluste an Menschen und Material «wenig zu gewinnen hat». Die Fortsetzung des Krieges werde das Kräfteverhältnis nicht verändern.
Der russische Präsident stehe unter dem Druck seines Militärs und einer Öffentlichkeit in Russland, die von den anhaltenden Kosten erschüttert ist, den Krieg zu beenden. Einige der ranghöchsten russischen Generäle seien «zwar weiterhin loyal gegenüber Putin, wollen aber dringend, dass sich die erschöpfte russische Armee zurückzieht».
Putin halte sich über Wasser, indem er Geld von russischen Banken leihe, die der Bevölkerung keine Kredite gewähren dürfen. Der US-Regierungsmitarbeiter habe erklärt:
«Der große Durchbruch scheint Putins Bereitschaft zu sein, einzuräumen, dass ein tieferer Vorstoß in das Kernland der Ukraine die Kosten und die Unsicherheit hinsichtlich der langfristigen Unterstützung durch die Armee und die Bevölkerung nicht wert ist. (…) [Daher ist] eine Einigung näher denn je.»
Beide Seiten hätten endlich erkannt, dass eine Trennung die einzige Lösung ist, weshalb es zur «umstrittensten Scheidung dieses Jahrhunderts» komme. Emotionen würden die Logik in diesem Prozess dominieren, so der US-Beamte, der den Konflikt mit einer privaten Scheidung verglich. Es entstünden Fragen wie «Was passiert mit den Einwohnern und ihrem Vermögen? Wer behält die natürlichen Ressourcen? Dann kommen die trivialen Fragen (…) Wie soll man das Gebiet nennen? Ostukraine oder Westrussland?»
Hershs Gesprächspartner erklärte laut dem Journalisten:
«Wir bleiben standhaft. Die Ukrainer müssen frei sein und dürfen keine Vasallen sein, was Putins Grundlage für seine Behauptung ist, dass der Kampf die Mühe wert war.»
US-Präsident Trump wolle verzweifelt ein «Weihnachtsgeschenk des Friedens für die Welt», während Russlands Präsident Putin eine Rechtfertigung für das russische Volk für das Jahr 2026 suche. «Das Beste, was wir jedoch erreichen können, ist lediglich eine Vereinbarung, sich zu einigen, und keine Unterschrift», so der US-Beamte laut Hersh.
Unterdessen weisen alle Anzeichen darauf hin, dass die westlichen Verbündeten der Ukraine keinen Frieden und stattdessen mehr Krieg wollen. Darauf macht unter anderem das außenpolitische Onlineportal german-foreign-policy.com aufmerksam:
«Auf einen Einsatz europäischer Militärs hatten sich die Staats- und Regierungschefs von zehn europäischen Staaten am Montag geeinigt – in klarer Kenntnis der Tatsache, dass Russland, militärisch auf dem Weg zum Sieg, dies nicht akzeptiert und angekündigt hat, Soldaten aus NATO-Staaten in der Ukraine als Angriffsziel zu behandeln. Auch der deutsche Plan, die bereits seit vier Jahren laufende enge Kooperation der deutschen und der ukrainischen Rüstungsindustrie mächtig auszubauen, läuft zentralen russischen Forderungen zuwider und ist geeignet, einen Friedensschluss in der Ukraine weiter zu verzögern.»
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Quelle:
Seymour Hersh: A COMPLICATED SETTLEMENT FOR UKRAINE? (Abo-Schranke) – 18. Dezember 2025
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