Gewalt in der Schule – ein fatales Versagen unserer Gesellschaft!

Ausschnitt aus einem Gemälde von Pieter Bruegel der Ältere (Abbildung gemeinfrei)

Psychologische Anmerkungen zu einem verborgenen und tolerierten Gewaltproblem

Von Rudolf Hänsel (nrhz)

Am 18. Dezember befasste sich die ARD-Sendung „Report Mainz“ auch mit dem Thema: „Kinder brutal: die zunehmende Gewalt von Minderjährigen überfordert Schulen.“ Noch vor der Sendung überschlugen sich die Pressemeldungen über den „Tatort Schule“: Berichtet wurde von einer „beunruhigenden Statistik“ sowie von einem „dramatischen Anstieg“ und einem „neuen Ausmaß schwerer und gefährlicher Körperverletzungen“ unter Schulkindern. Doch geschehen oder verändern wird sich auch dieses Mal erfahrungsgemäß nichts. Die Gewalt in der Schule ist eine verborgene und tolerierte Gewalt. Und das, obwohl aggressive Gewohnheiten nach wissenschaftlichen Erkenntnissen in früher Kindheit gelernt werden, gegenüber Änderungsversuchen in friedliches Verhalten resistent sind und sich langfristig zu schwerem antisozialen Verhalten im Erwachsenenalter entwickeln können. Wie lange wird sich unsere Gesellschaft dieses fatale Versagen im Umgang mit unserer Jugend noch leisten, und was ist eventuell noch zu tun?

„Anstieg von schweren und gefährlichen Körperverletzungen am Tatort Schule“

In der Presseinformation der ARD vom 18.12.2018 heißt es unter der Überschrift „Gewalttaten von Kindern nehmen zu. Anstieg von schweren und gefährlichen Körperverletzungen am Tatort Schule“: „Mainz. Die Zahl der schweren und gefährlichen Körperverletzungen am Tatort Schule ist seit 2015 deutlich gestiegen. Das hat eine Umfrage des ARD-Politikmagazins REPORT MAINZ (heute, 21.45 Uhr) unter allen Landeskriminalämtern ergeben. In einigen Bundesländern haben sich die Zahlen von 2015 bis 2017 um mehr als die Hälfte erhöht. Zudem erklärten Schulleiter und Lehrer gegenüber REPORT MAINZ, eine Zunahme der Brutalität unter Kindern aller gesellschaftlicher Schichten zu beobachten. Die Polizeiliche Kriminalstatistik ergänzt dieses Bild: Der zufolge hat die Zahl der tatverdächtigen Kinder unter 14 Jahren bei Körperverletzungen zugenommen: 2017 sollen sie fast 16.000 Körperverletzungen begangen haben. Das sind rund 13 Prozent mehr als noch zwei Jahre zuvor.“ (1)

Gewalt in der Schule: Die verborgene, tolerierte Gewalt

Der renommierte Kriminologe und Psychologe Professor H. J. Schneider bezeichnete die Gewalt in der Schule als verborgene und tolerierte Gewalt: „Das Kernproblem der Gewalt in der Schule ist das Problem des Tyrannisierens (Bullying) von Schülern oder Schülerinnen durch Schüler oder Schülerinnen. Auf dieser Viktimisierung durch Gleichaltrige (Peer Viktimization), bei der es sich um ein verstecktes, verborgenes Opferwerden durch Gewalt, um einen ‚stillen Alptraum’ vieler Kinder handelt, beruht auch die Gewalt von Schülern und Schülerinnen gegen Lehrer und Lehrerinnen. Denn es sind dieselben aggressiven Kinder und Jugendlichen, die ihre Geschwister, ihre Eltern, ihre Mitschüler und ihre Lehrer angreifen.“ (2)

Und er schreibt weiter: „Die Täter tarnen ihr aggressives Verhalten, indem sie für das Tyrannisieren (auch Drangsalieren, Mobben, R.H.) unbeaufsichtigte, verborgene Tatorte wählen. Wenn sie gleichwohl entdeckt werden, geben sie ihr Benehmen als ‚Spaßkloppe’, als harmlosen ‚Streich’ aus. (…) Das Wesen des Tyrannisierens liegt indessen gerade in der Unausgewogenheit der Stärke-Beziehungen und im Machtmissbrauch. Auf dem kindlichen und jugendlichen Opfer lastet ein enormer gesellschaftlicher Druck, seine Viktimisierung nicht aufzudecken. (…) Das Opfer verneint seine Viktimisierung. (…) Die meisten Lehrer bemerken das Tyrannisieren nicht oder wollen es nicht wahrnehmen. Sie unternehmen wenig, um ihm Einhalt zu gebieten. Meist schauen sie weg, um sich Schwierigkeiten und Belastungen zu ersparen.“ (3)





Wissenschaftliche Erkenntnisse zu Ursachen und Auswirkungen von Gewalt

Zu den Ursachen der Gewaltphänomene und deren Auswirkungen liegen seit Jahrzehnten gesicherte wissenschaftliche Erkenntnisse vor. Forscher fanden unter anderem heraus, dass der Grad des aggressiven Verhaltens eines Achtjährigen bereits den Aggressivitätsgrad des später Neunzehnjährigen vorhersehen lässt. Aggressives Verhalten bleibt also über viele Jahre konstant. Besonders gefährdet seien Kinder, die sich minderwertig fühlen und den Erwartungen von Eltern und Lehrern nicht entsprechen. Diese sind prädestiniert für aggressives Verhalten. (4)

Zu den Schäden der Gewalt in der Schule schreibt der bereits zitierte Kriminologe und Psychologe Schneider: „Durch das Tyrannisieren entsteht eine Gewalt-Atmosphäre in der Schule: die Schüler können nicht mehr lernen; die Lehrer können nicht lehren. Durch eine relativ kleine Gruppe von Tätern wird der gesamte Lehr-Lern-Prozess empfindlich gestört (Sinken des Leistungsniveaus!). Furcht vor Gewalt breitet sich unter Schülerinnen und Schülern aus. Ein Klima der Angst und der Demoralisation greift um sich. Es bildet sich eine Negativ-Spirale: Furcht verursacht Verfremdung; Verfremdung verursacht Gewalt; Gewalt verursacht Furcht. Zur Besänftigung der Furcht werden Waffen mit in die Schule genommen, was das Gewalt-Klima wiederum anheizt.“ (5)

Alle Mitglieder der Schulgemeinschaft leiden laut Schneider unter der Gewalt: Die Opfer entwickeln Schulangst und psychosomatische Beschwerden, die Täter schwänzen die Schule häufig und erbringen schlechte Leistungen, die Lehrer fühlen sich eingeschüchtert und emotional erschöpft und die „unbeteiligten“ Schüler lernen das Nicht-Eingreifen bei Gewaltverhalten (den Bystander-Effekt).

Fatales Versagen unserer Gesellschaft

Warum bringen wir in unserem Land nicht den Willen auf, die ausufernde Gewalt einzudämmen, wo wir doch das nötige Wissen besitzen? Wir weichen immer wieder vor der Gewalt zurück und ermutigen damit die Gewalttäter – anstatt ein entschiedenes Stoppzeichen gegen jede Form der Gewalt zu setzen. Warum führen wir keine breite gesellschaftliche Werte-Diskussion? Sie müsste geführt werden ohne Tabuisierung und Abstempelung anderer Meinungen und sich an den einschlägigen internationalen Forschungsergebnissen orientieren.

Oder wollen wir dieses Problem in Wahrheit nicht lösen, weil die herrschenden Akteure in der Politik eine aggressive Jugend für zukünftige politische Entwicklungen im In- und Ausland gut gebrauchen können? Die psychologische Kriegsführung läuft ja bereits auf Hochtouren!

Ende März dieses Jahres schrieb ich dem deutschen Bundespräsidenten Dr. Frank-Walter Steinmeier einen Offenen Brief mit dem Titel „J’accuse…!“ und bat ihn aus Sorge um das Wohl unserer Jugend um Unterstützung, weil die Gewalt in unserem Land epidemische Ausmaße annehme. (6) Doch weder von ihm, noch von den circa einhundert anderen Adressaten, denen ich meinen Brandbrief weiterleitete, erhielt ich eine Antwort.

Was ist (noch) zu tun?

Es gäbe Lösungsmöglichkeiten wie zum Beispiel erprobte, erfolgreiche Präventionsprogramme für die Gewalt in Schulen. Als Anfang der 1980er-Jahre drei Schüler-Selbstmorde als Folge schwerer Gewalttätigkeiten durch Gleichaltrige die norwegische Öffentlichkeit aufschreckten, führte der Psychologe Dan Olweus im Auftrag des norwegischen Erziehungsministeriums im ganzen Land eine Anti-Tyrannisierungs-Kampagne durch („Antibullying Campaign“). An der Umsetzung dieser Maßnahmen auf der Schul-, Klassen- und der individuellen Ebene wurden alle Lehrkräfte, Eltern und Schüler aktiv beteiligt. (7)

Diese Maßnahmen führten in Norwegen zu einer Verringerung der unmittelbaren und auch der mittelbaren Gewaltausübung – und zwar in der Schule, in den jeweiligen Familien und auch in der Umgebung der Schule. Im Laufe von zwei Jahren ging nicht nur das Tyrannisieren um 50 Prozent zurück; auch Diebstähle, Vandalismus, Schlägereien und das Schuleschwänzen verminderten sich – und die Zufriedenheit der Schülerinnen und Schüler mit dem Schulleben nahm zu.

Also, wann wachen wir auf? Die Not der Lehrerinnen und Lehrer ist inzwischen so groß, dass sie für ihre Schulen Sicherheitsdienste einstellen und sich in Brandbriefen Hilfe suchend an die Öffentlichkeit wenden. Doch sie werden in der Regel im Stich gelassen. Wenn es uns nicht gelingt, diese Gewalt zu stoppen, wird sie sich weiter ausbreiten und nur noch schwer einzudämmen sein. Oder müssen Eltern und Pädagogen erst auf die Straße beziehungsweise auf die Barrikaden gehen und zum Schulboykott aufrufen, damit sich in unserem Land im Umgang mit unserer Jugend endlich etwas ändert?


Fussnoten:

(1) https://www.swr.de/-/id=23060930/property=download/nid…/pmkindergewalt.pdf
(2) Schneider, H. J. (2001). Kriminologie für das 21. Jahrhundert. Münster-Hamburg-London, S. 234f.
(3) A.a.O., S. 236
(4) Lefkowitz, M. M. (1977). Growing Up to be Violent. A Longitudinal Study of the Development of Aggression. New York, Oxford, Toronto, Sydney, Frankfurt, Paris
(5) Schneider, H. J. (2001). Kriminologie für das 21. Jahrhundert. Münster-Hamburg-London, S. 249
(6) NRhZ Nr. 651 vom 21.03.2018
(7) Olweus, D. (1999, 2. Aufl.). Gewalt in der Schule. Bern, Göttingen, Toronto, Seattle

Dr. Rudolf Hänsel ist Erziehungswissenschaftler und Diplom-Psychologe

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3 Kommentare

  1. " Warum bringen wir in unserem Land nicht den Willen auf, die ausufernde Gewalt einzudämmen, wo wir doch das nötige Wissen besitzen? Wir weichen immer wieder vor der Gewalt zurück und ermutigen damit die Gewalttäter – anstatt ein entschiedenes Stoppzeichen gegen jede Form der Gewalt zu setzen. Warum führen wir keine breite gesellschaftliche Werte-Diskussion? Sie müsste geführt werden ohne Tabuisierung und Abstempelung anderer Meinungen und sich an den einschlägigen internationalen Forschungsergebnissen orientieren. "

    Es geht nicht um internationale Weisheiten, es geht um gesunden Menschenverstand!

     

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