
von Egon W. Kreutzer
PaD 17 /2026 – Hier auch als PDF verfügbar: Pad172026 EU Energiestrategie
Zu meinen sehr frühen Kindheitserinnerungen gehört mein Teller. Es war ein emaillierter Blechteller, bemalt mit einem holländischen Windmüller und seiner Windmühle. Den Teller leer zu essen, hieß, dieses Bild vollständig sehen zu können.
Viel später erst habe ich darüber nachgedacht, warum die Windmühlen vorzugsweise in Küstennähe zu finden waren, während im Landesinneren stattdessen Wassermühlen zur Energiegewinnung genutzt wurden. Im küstennahen Flachland gab es halt kein ausreichendes Gefälle mehr, um Wassermühlen sinnvoll zu betreiben, während im Landesinneren der Wind weit weniger stetig und stark wehte als an den Küsten.
Was mir beim Auslöffeln meines Kindertellers auf meinem Kindersitz auch nicht eingefallen ist, sondern erst viel später, war die Frage, warum die vielen, wunderschönen Wind- und Wassermühlen, die es einst gegeben haben muss, ganz überwiegend dem Verfall preisgegeben wurden, und allenfalls noch als eine Art Freilicht-Museums-Exponat erhalten geblieben sind.
Da wusste ich halt noch nichts von der „Ersten industriellen Revolution“, von den Dampfmaschinen, die über Transmissionsriemen Dutzende von Maschinen mit einer Kraft angetrieben haben, die weder den Wind-, noch den Wassermüllern jemals zur Verfügung gestanden hatte. Als ich dann mit acht oder neun Jahren zu Weihnachten eine Dampfmaschine bekommen habe, mit einem richtigen Kessel, beheizt mit Esbit, und die dann ein Schöpfrad, eine Säge, ein Hammerwerk, und weitere mechanische „Maschinen“ angetrieben hat, solange Feuer unter dem Kessel war, war mir auch nicht klar, dass die Zeit der Dampfmaschinen schon fast vorüber war. Es gab nur noch die Dampflokomotiven, die am kleinen Bahnhof zu bewundern waren, und ein sonderbares Gerät, bedient von vier oder fünf Männern in schwarzen Anzügen, das manchmal in der Straße vor einem Haus oder in einem Hof auftauchte und unter Rattern und Fauchen Brennholz sägte und spaltete.
Ich habe damals auch „Die Reise um die Welt in 80 Tagen“ gelesen und darin von dem Dampfschiff, dem die Kohlen ausgegangen waren, weshalb Mr. Phileas Fogg alles, was an dem Schiff aus Holz war, verfeuern ließ, um den Zielhafen doch noch zu erreichen.
Alles Kindheitserinnerungen. Man neigt leicht dazu, dies als „die gute alte Zeit“ zu verklären. Doch da waren auch die zwanzig oder dreißig Männer, die mit Pickeln und Schaufeln mit nackten, sonnenverbrannten, schweißglänzenden Oberkörpern, heute undenkbare Mengen an Bier konsumierend, im Straßenbau tätig waren. Knochenarbeit, deren Wochenleistung heute ein Baggerführer in seiner klimatisierten Kabine an einem Tag erledigt. Die Energie liefert Dieselöl. Etwa 10 Kilowattstunden pro Liter. Entspricht in etwa der Energie, die 10 Mann an einem Arbeitstag abliefern.
So gut war die alte Zeit also doch nicht. Bedenkt man außerdem, welchen Zuwachs an Mobilität wir mit dem Automobil gewonnen haben, betrachtet man die veränderte Arbeitswelt in den Fabriken, den gewachsenen Wohlstand in der Breite der Gesellschaft, dann findet sich dafür nur eine einzige Erklärung: Die preiswerte Verfügbarkeit von Energie an praktisch jedem Ort der modernen Welt.
So ziemlich jeder Fortschritt, der in den letzten 200 Jahren gemacht wurde, ist direkt auf die ausreichende Verfügbarkeit preiswerter Energie zurückzuführen.
Nun lese ich verwundert von den jüngsten Plänen der EU.
In meinem Kopf setzt sich das ungefähr so zusammen:
- Die EU ist von fossilen Energieträgern abhängig. Das war nie ein Problem, bis wir diese Abhängigkeit durch unsere Politik gegenüber Russland sichtbar gemacht haben.
- Mit dem Krieg der USA gegen den Iran, den wir mindestens tolerieren, teilweise aber auch begrüßen, hat sich diese Abhängigkeit verschärft, was sich auch in deutlich gestiegenen Preisen für Öl und Gas bemerkbar macht.
- Wir werden daher die Besteuerung von Öl und Gas noch einmal erhöhen, damit diese Energieträger, mit denen wir EU-weit 2/3 unseres Energiebedarfs decken, noch teurer werden.
- Strom aus Erneuerbaren und aus Kernkraft werden wir hingegen weniger besteuern und damit billiger machen.
- Kernenergie und Erneuerbare sollen ausgebaut werden, um von Energieimporten unabhängig zu werden.
- Letztendlich soll Energie nur noch in Form von Strom angeboten und verbraucht werden – in der Industrie, im Verkehr und im Gebäudesektor.
- Damit dies auch gelingt, wird die EU die vollständige Kontrolle über die Energieversorgung in den Mitgliedsstaaten übernehmen.
Das klingt doch, so für sich betrachtet, erst einmal recht gut.
Wir haben halt unterschiedliche Energieformen zur Auswahl, und wenn wir von der einen abhängig sind, verlegen wir uns halt auf eine andere. Ist doch nur vernünftig. Und wenn die Wirtschaft und die Privatleute aus irgendwelchen, vielleicht sogar guten Gründen, da nicht mitgehen wollen, dann machen wir halt Benzin, Öl und Gas teuer und den Strom billiger, und dann klappt das schon, ganz nach dem Prinzip, das in der EU als Marktwirtschaft bezeichnet wird und sich bewährt hat.
In meinem Kopf geht das aber nicht auf.
Es sträubt sich alles in mir dagegen, ausgerechnet Strom, die wertvollste, vielleicht sogar edelste Form verfübarer Energie, auch da zu verwenden, wo weniger veredelte Energieformen auch eingesetzt werden können. Warum also soll eine Wohnung mit Strom beheizt, ein Auto mit Strom betrieben werden, wenn das mit Erdgas oder Öl-Derivaten genauso möglich ist? Von elektrischen Panzern und elektrischen Baumaschinen gar nicht erst zu reden.
Natürlich wäre die Umstellung auf Strom längst nicht so schlimm, wenn der Strom denn in den erforderlichen Quantitäten vorhanden wäre. Soweit ich weiß, ist er das aber nicht. Gemessen am Primärenergiebedarf macht Strom in Deutschland nur etwa 20 Prozent aus, wobei die Hälfte davon immer noch durch das Verbrennen fossiler Energieträger erzeugt wird. Das wiederum aber nur in der summarischen Betrachtung. Zum jeweiligen Zeitpunkt betrachtet, kann der Strom auch zu 90 Prozent aus fossilen Energieträgern gewonnen werden, wenn nämlich im Zustand der so genannten Dunkelflaute das eintritt, was schon vor Jahrunderten die holländischen Windmüller zur Verzweiflung brachte. Null Energie aus Wind und Sonne verfügbar. Ein Zustand der sich auch durch die Vermehrung der installierten Windmühlen nicht verändern lässt.
Zum jeweiligen Zeitpunkt betrachtet, könnte der Strom – gemessen am Bedarf – auch zu mehr als 100 Prozent aus Wind und Sonne kommen. Dumm nur, dass aus Gründen der Netzstabilität und der Frequenzhaltung immer konventionelle Kraftwerke am Netz bleiben müssen, noch dümmer, dass dann Windmühlen und Solarparks abgeschaltet werden müssen, am dümmsten, dass sich längst nicht alle abschalten lassen, so dass am Ende Geld dafür bezahlt werden muss, dass der in Deutschland erzeugte Strom vom Ausland abgenommen wird.
Die schwankende Einspeisung der Erneuerbaren ist aber gar nicht das Hauptproblem, auch wenn es für sich betrachtet schon ausreichen würde, den ganzen schönen Plan in einem grandiosen Blackout zerplatzen zu lassen.
Das Hauptproblem im EU-Mitgliedsstaat Deutschland besteht darin, dass der Strom aus Erneuerbaren immer noch nur rund 10 Prozent des Energiebedarfs decken kann. Dieser Strom ist keineswegs billiger als der Strom aus Kohle- oder Gaskraftwerken, unter anderem deshalb, weil für jedes Megawatt installierter Leistung annähernd ein weiteres Megawatt installierter Leistung in Form von konventionellen Kraftwerken vorgehalten werden muss, um die Schwankungen aus Wind und Sonne auszugleichen. Doppelte Investition für einfachen Output – und dies bis weit in die Netzinfrastruktur hinein, das kann nur teuer sein.
Den Strom billiger machen zu wollen, in dem die Steuerlast auf den Strom gesenkt wird, wäre für die Verbraucher natürlich eine feine Sache. Gar keine Frage. Aber vom Verzicht auf Steuereinnahmen entsteht nun mal kein Strom.
Im Gegenteil, wenn die Lenkungswirkung der höheren Besteuerung fossiler Energiequellen und der niedrigeren Besteuerung von Strom – unabhängig davon, ob er nun von Windmühlen oder Gaskraftwerken erzeugt wurde – Wirkung zeigen sollte, kann sich dies nur darin auswirken, dass häufiger Strommangelsituationen auftreten und die Gaskraftwerke noch häufiger einspringen müssen, um den Spitzenbedarf abzudecken.
Es ist nicht vorstellbar, dass – beim aktuellen Zustand unserer Stromerzeugungskapazitäten – die Nutzung fossiler Energieträger durch Strompreissenkungen nennenswert reduziert werden kann.
Von daher ist es sehr wohl vorstellbar, dass die weitere Verteuerung fossiler Energieträger zur weiteren Abwanderung der Industrie führen wird, weil eine wettbewerbsfähige Produktion in Deutschland und der EU nicht mehr möglich ist. Ganz ohne Nahost-Krieg ist die Abwanderungsbewegung der energieintensiven Industrie doch bereits flott in Gang gekommen. Da drauf die Verteuerung beim Rohöl, und da drauf höhere Steuern – Freunde, das wird keine Himmelsleiter, die geradewegs in Paradies führt.
Um den Kreis zu schließen:
Schon in meiner frühen Jugend ist mir klar geworden, dass immer dann, wenn ich etwas nicht verstanden habe, die Ursache zu 99% darin lag, dass derjenige, der es mir zu erklären versuchte, alles absichtlich kompliziert und unvollständig schilderte, um sich wichtig zu machen, oder dass er schlicht außer ein paar angelesenen, aber unverstandenen Sätzen selbst keine Ahnung hatte. In vielen Fällen habe ich mir diese Erkenntnis dadurch erarbeitet, dass ich die Thematik systematisch selbst analysiert und dabei die Fehler in der Erklärung gefunden habe. Wenn mir das nicht gelungen ist, was ich durchaus nicht als Schande betrachtet habe, habe ich mich an jemanden gewandt, von dem ich angenommen habe, dass er es besser weiß und besser erklären kann.
Die Energiepolitik der EU bleibt mir unverständlich.
Die Erzählung stimmt nicht mit der Realität überein.
Alte weiße Männer, wie Fritz Vahrenholt, Hans Werner Sinn, Thomas Ganteför und viele andere wundern sich ebenfalls darüber.
Bleibt die Frage zu beantworten: Wer spinnt?
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Ich finde es ganz nett, wenn jemand seine persönlichen Erfahrungen und Empfindungen auch in einem Artikel einbringt. Man kann ja nicht davon ausgehen, daß außer Dieter, der qua Amt die Artikel wegen des Verfassungsscnmutzes lesen muß, noch irgend ein anderer sich für individuelle Artikel interessiert, die bei mir häufig mit Bibeltexten gespickt sind, was sicher viele ätzend finden. Also schreibe ich eigentlich nur für Dieter.
„Die Energiepolitik der EU bleibt mir unverständlich.
Die Erzählung stimmt nicht mit der Realität überein.
Alte weiße Männer, wie Fritz Vahrenholt, Hans Werner Sinn, Thomas Ganteför und viele andere wundern sich ebenfalls darüber.
Bleibt die Frage zu beantworten: Wer spinnt?“
Das fragen sich viele Menschen und schrecken vor der Ekenntnis zurück, daß wir Politiker haben, die wegen globaler Vorstellungen und Ziele uns einfach als Kollateralschaden externer Entscheider vor die Hunde gehen lassen. Dasselbe Empfinden hatte ich auch beim Zuhören von Horst Lüning, Unter[nehmer?]Blog, der ab ca. Minute 20 beweist, daß unsere Politik uns „verbrannte Erde“ aussetzt, wie man üblicherweise nur den Feind bekämpft, aber auch nach einer Stunde in den letzten Minuten glasklar beweist, in welchen Schlamassel unsere Regierung uns hineingetrieben hat, und daß wir aus diesem auch kaum herauskommen werden.
Die Masse unserer Mitbürger schläft den Schlaf der Gerechten, aber denjenigen, die unglücklicherweise den Drang haben in die Zukunft zu sehen, graut es!
Herr Lüning erinnert an Thorsten Polleit, daß Staaten agressiv sind, und unser sogar immer tyrannischer wird, wobei jeder weiß, daß seine Stimme in einer Wahlbox allergeringste Aussichten auf irgendwelche Wünsche von ihm erfüllen wird.
Wir bekommen derzeit eine immere größere Dosis von Unfreiheit verpaßt, um uns wie domestizierte Tiere an immer größere Unfreiheit zu gewöhnen. Man überlege den Druck, der den Staat immer mehr steigert, seien es die Elektroautos, das Heizungsgesetz, die CO2-Emissionen, der Kampf gegen die Holzöfen, die Erschwerungen sich mit Edelmetallen vor einem kriminellen Staat zu schützen, das Einzäunungsverbot, um Selbtversorgung zu verhindern, das Bargeldverbot zur Einführung einer digitalen Währung, die Wehrpflicht mit der klaren Absicht sich Rußland, einer Atommacht, mit dem größten konventionellen Heer Europas entgegen zu stellen bzw. anzugreifen und sich dabei verbluten zu lassen usw.
Dabei hat der Staat sowohl bei der Rente als auch Krankenversicherung komplett versagt; denn er wußte die Apokalypse schon seit Jahrzehnten, hat aber in der Masse eine trügerische Hoffnung arglistig genährt. Niemand sollte als abhängig Beschäftigter mehr arbeiten, sondern sollte sich selbständig machen; denn er bezahlt 14,6 % seines Bruttolohns für die Krankenkasse und 18,6 % für die Rente, also 33,2 % für eine Basisrente, die immer mehr hinausgezögert wird, und eine Krankenkasse, die immer mehr eingeschränkt wird, so daß er immer mehr dazu übergehen muß, den Ärzten private Vergütung anzubieten, um noch eine Wurzelbehandlung usw. zu bekommen. Früher mußten Rentner gar keine Krankenkassenbeiträge bezahlen und die vom Augenarzt verschriebene Brille war umsonst. Es kann also nur noch schlimmer werden, so daß abhängig beschäftigt zu sein absoluter Quatsch ist! Abhängig zu arbeiten ist wie ein Schaf, das sein ganzes Leben lang Milch und Wolle gibt,aber zuletzt dann doch noch geschlachtet wird!
https://www.friedenskultur-leben.de/index.php/aktuelles-und-meinungen/meinungen/3849-prof-dr-thorsten-polleit-staat-und-krieg