Es brodelt nicht nur in der Ukraine

Teile und Herrsche: Das ist das Erfolgsrezept der westlichen Wertegemeinschaft

Ein Kommentar von Hermann Ploppa (apolut)

Wir leben tatsächlich in einer extrem vernetzten Welt. Beim Wettergeschehen sagt man ja in der Chaostheorie, dass der Flügelschlag eines Schmetterlings in Tokyo in letzter Konsequenz einen Orkan in Westeuropa auslösen kann. In der Weltpolitik ist es nicht anders. Wobei wir besser gleich von Geopolitik sprechen können. Geopolitik heißt in die Realität übersetzt: wo befinden sich wertvolle Schätze, und wie kann man diese Schätze den rechtmäßigen Besitzern wegnehmen? Oder wie kann man genau diesen Diebstahl verhindern? So befanden sich die Ölvorräte der Arabischen Halbinsel bis vor kurzem im Griff der westlichen Wertegemeinschaft. Um diese Ausbeutung abzusichern, gab und gibt es in der Region blutige Kriege, damit der Bodenreichtum möglichst nicht den Leuten zugutekommt, die auf diese Schätze ihre Füße stellen.

Geopolitik spielt natürlich auch eine entscheidende Rolle beim Ukraine-Krieg. Die westliche Wertegemeinschaft hat schon seit über einhundert Jahren ein begehrliches Auge auf die eurasische Kontinentalplatte geworfen. Der englische Geopolitiker Halford Mackinder stellte bereits 1904 strategische Überlegungen an, wie man dieses von ihm so genannte „Herzland“ (Heartland) für die Briten erobern kann. Dazu seien die Briten als Seemacht alleine nicht in der Lage. Dazu bräuchte man Kontinentalstaaten als Subunternehmer, die Russland unterwerfen. Zunächst dachten die Briten dabei an die Franzosen. Später dann wurde Deutschland unter Hitler vor den Karren gespannt. Mit den allseits bekannten Folgen. Nun leben in Eurasien sehr eigensinnige und ungeheuer gut aufgestellte Völkerschaften wie die Russen und die Chinesen, die man kaum mal eben so einfach niederwerfen kann wie dereinst Saddam Hussein im Irak. Nun hat sich die NATO seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion bis auf wenige hundert Kilometer an Moskau herangepirscht. Und deshalb wagt Putin das Vabanque-Spiel, mit militärischen Mitteln die NATO-Grenze gewaltsam wieder um einige hundert Kilometer nach Westen zurückzuschieben.

Zunächst bestand die Strategie Russlands darin, zum einen die russischsprachige Osthälfte der Ukraine unter ihre Kontrolle zu bekommen. Und zum anderen durch einen schnellen Vormarsch auf die ukrainische Hauptstadt Kiew die Zentralregierung zu entmachten und sodann mit einer neu zu installierenden ukrainischen Zentralregierung eine friedliche Koexistenz führen zu können. Es ging also darum, die faschistische Junta, die im Fortgang des Maidan-Putsches die Macht bis heute an sich gerissen hat, zu entfernen. Doch die Offensive auf Kiew scheiterte auf der ganzen Linie. Das Nazi-Regime in Kiew erwies sich als besser verankert und vernetzt als angenommen. Zudem hatten die ukrainischen Verbände aus den Fehlern vergangener Zeiten gelernt und waren taktisch erheblich besser aufgestellt als noch 2014 bei der Krim-Krise. Unter schwersten Verlusten zogen sich die Russen aus dem Großraum Kiew zurück, wobei eben auch die durch das Massaker bekannte Vorstadt Butscha geräumt wurde.

Jetzt sind fast alle aktiven russischen Verbände östlich des Dnjepr-Flusses versammelt, um die russisch geprägten Regionen einzuhegen. Im Schwarzen Meer wurde das Flaggschiff der dortigen russischen Kriegsflotte „Moskau“ versenkt. Wesentlich zur erfolgreichen Versenkung haben Aufklärungssysteme der NATO in Rumänien und Bulgarien beigetragen. Um es deutlich und unmissverständlich zu sagen: die NATO führt bereits jetzt direkt Krieg gegen Russland. Jetzt stellen zudem Schweden und Finnland im Sommer einen Antrag auf Aufnahme in die NATO. Damit wird die russische Militäroperation zum Anlass genommen, die schon seit Jahrzehnten existierende enge Kooperation der beiden skandinavischen Staaten mit dem westlichen Militärbündnis auch ganz ungeniert öffentlich zu machen.

Die Türkei hat wiederum eine sehr lange Küste am Schwarzen Meer. Wenn der Ukraine-Krieg immer noch mehr Staaten in seinen Todesstrudel reinreißt, könnte das auch die Türkei massiv gefährden. Die türkische Regierung unternimmt alles, um diesen Brandherd möglichst rasch zu löschen. Präsident Erdogan lud die Regierungen der Ukraine und Russlands zu Friedensverhandlungen ein, die immerhin schon den russischen Rückzug aus Kiew zur Folge hatten. Zudem sperrt die Türkei den Bosporus. Also den engen Zugang vom Mittelmeer zum Schwarzen Meer für Kriegsschiffe aller Kombattanten, also für NATO und Russland. Dazu ist die Türkei gemäß dem Vertrag von Montreux von 1936 ermächtigt. Zum anderen gestattet die Türkei der russischen Luftwaffe nicht länger, die Türkei auf dem Weg nach Syrien zu überfliegen. Die Russen ziehen jetzt Militärkräfte aus Syrien über Irak und Iran ab, um sie im Ukraine-Krieg einzusetzen. Apropos Irak: während die westliche Wertegemeinschaft Purzelbäume schlägt in ihrer künstlichen Aufregung über den völkerrechtswidrigen Überfall Russlands auf die Ukraine, hat die Türkei mal eben in aller Stille völkerrechtswidrig den Norden des Iraks überfallen. Mit Bombern, Panzern und Killerdrohnen gehen die türkischen Streitkräfte gegen die kurdischen Freischärler der PKK vor. Diesmal: peinliches Schweigen der westlichen Wertegemeinschaft.

Ein noch viel peinlicheres Schweigen zum Völkermord im Jemen. Dieser Stellvertreterkrieg der westlichen Wertegemeinschaft gegen die iranische Koalition des Widerstands treibt die unbeteiligte Zivilgesellschaft des Jemen in den blanken Hungertod. Dieser Krieg ist auch schon in der Phase der Desorganisation. Es gibt unzählige Warlords, die ihren Profit ziehen aus dem Terror. Ein Kriegsziel wird gar nicht mehr klar definiert. Für die Weltmächte ist nur wichtig, dass der Golf von Aden für Schiffe der eigenen Fraktion passierbar bleibt. Deshalb wird gerade ein neuer Bürgerkrieg auf der anderen Seite der Meerenge von Aden angebahnt. Äthiopien und Eritrea steuern auf einen neuen Krieg zu, der der westlichen Wertegemeinschaft nicht ganz unwillkommen zu sein scheint.

Weiter östlich hätte es vor kurzem beinahe einen engen Schulterschluss zwischen Pakistan und Indien gegeben. Ein Albtraum für den Westen. Aus der einstigen britischen Kronkolonie Hindustan wurden nach der Entlassung in die Unabhängigkeit zwei antagonistische Gegner geschmiedet. Hass wurde zwischen Moslems und Hindus geschürt, um nach religiösen „Säuberungen“ die verfeindeten Staaten Pakistan und Indien zu schaffen. Teile und herrsche. Und nun erklärte Indiens Regierungschef Modi, dass er sich den Sanktionen gegen Russland nicht anschließen werde. Ihm schloss sich dann auch noch der pakistanische Regierungschef Imran Khan an. Khan lobte Modi ausdrücklich für seine Absage an Akte des westlichen Wirtschaftskriegs gegen Russland. Auch Pakistan, traditionell eher mit den USA und China verbandelt, näherte sich Russland an. Kaum hatte nun Khan in Moskau einen Kooperationsvertrag mit Putin über den Bau einer Erdgaspipeline abgeschlossen, da stieg plötzlich eine Partei aus Khans Regierungskoalition aus. Khan verlor ein Misstrauensvotum im pakistanischen Parlament und war entmachtet. Ähnlich wie früher bei Hugo Chavez in Venezuela strömten jetzt Millionen von einfachen Pakistanern in die Städte, um gegen den Putsch zu protestieren.

Am östlichen Südrand des indischen Subkontinents liegt der Inselstaat Sri Lanka. Hier toben gerade soziale Unruhen von größter Heftigkeit. Lebensmittel, Strom und Benzin sind kaum noch verfügbar. Und wenn, dann zu einem völlig überhöhten Preis. Elektrizität gibt es nur stundenweise. Die Hauptschuld an dem Elend tragen in diesem Falle ausnahmsweise nicht Weltbank, IWF oder private Bankenkonsortien. Verantwortlich für das Massenelend ist Regierungschef Mahinda Rajapaksa und sein raffgieriger und korrupter Familienclan, der alle Schlüsselministerien von Verwandten leiten lässt. Zur Korruption gesellt sich extreme Unfähigkeit Mahinda Rajapaksa war von 2005 bis 2015 Präsident Sri Lankas. In dieser Zeit beendete er den Bürgerkrieg, indem er die tamilische Minderheit brutal mit schwerer Artillerie unterwarf. Die westliche Wertegemeinschaft sah mit hochgezogenen Augenbrauen, wie sich Sri Lanka der Volksrepublik China annäherte und ein Containerhafen an China verpfändet wurde, weil Sri Lanka seine Kredite an China nicht bedienen konnte. Sri Lanka ist in der chinesischen Strategie der Seidenstraße fest eingeplant. Wir werden sehen, wie die westliche Wertegemeinschaft auf die Unruhen auf Sri Lanka reagieren wird. Die USA haben bereits ihre „tiefe Besorgnis“ über die Entwicklung in der Inselrepublik kundgetan. Wir werden sehen, ob sich dort womöglich ein Regime Change mit nachfolgender Hinwendung zu den USA ereignen wird.

China und Indien befinden sich wiederum in einer äußerst ambivalenten Beziehung. Einerseits gab es schon öfter kriegerische Auseinandersetzungen zwischen beiden geopolitischen Elefanten. Andererseits ziehen sie über Koalitionen wie BRICS oder auch im Auftreten gegen den Westen oft an ein und demselben Strang. In den kleinen Anrainer-Staaten Nepal, Myanmar, Kambodscha und Sri Lanka ringen China und Indien jedoch durch politische Stellvertreterparteien um die Vorherrschaft. Die Volksrepublik China und der chinesische Inselstaat Taiwan wiederum sind sich seit dem Ende des Bürgerkriegs nach dem Zweiten Weltkrieg offiziell spinnefeind. Festland-China sagt, Taiwan sei nur eine abtrünnige Provinz der Volksrepublik China. Doch bei allem verbalen Säbelrasseln bleibt die nüchterne Tatsache bestehen, dass seit der kapitalistischen Wende in der kommunistischen Volksrepublik die reichen Oligarchen von Festlandchina und Taiwan finanziell so eng miteinander verbandelt sind wie siamesische Zwillinge. Taiwanesische Kapitalisten haben derart viel Geld in Festlandchina investiert, sodass eine kriegerische Auseinandersetzung zwischen Taiwan und der Volksrepublik in erster Linie Taiwan von Grund auf ruinieren würde. Dabei würde allerdings auch die Wirtschaft der Volksrepublik Federn lassen. An einem Krieg zwischen der Volksrepublik China und Taiwan kann nur die westliche Wertegemeinschaft ein vitales Interesse haben, nach dem Motto: teile und herrsche! Teile und herrsche; das ist das zentrale Motiv aller Interventionen der westlichen Wertegemeinschaft: Indien gegen Pakistan; Taiwan gegen die Volksrepublik China; Äthiopien gegen Eritrea und Somalia; Serbien gegen Kroatien. Und eben vor allem: Ukraine gegen Russland. Diese Spaltungstaktik, die so wunderbar seit über einhundertfünfzig Jahre die Mehrheit der Menschheitsfamilie in Elend und nicht enden wollender Demütigung hält, ist der Schlüssel. Hier müssen wir ansetzen. Diese perfide Taktik zu entlarven und dagegen anzugehen – das ist der Schlüssel zum Erfolg.

Dieser Beitrag stellt eine erweiterte Version eines Artikels in der Wochenzeitung Demokratischer Widerstand Ausgabe 88 dar.

+++

Wir danken dem Autor für das Recht zur Veröffentlichung des Beitrags.

(Visited 281 times, 1 visits today)
Es brodelt nicht nur in der Ukraine
4 Stimmen, 5.00 durchschnittliche Bewertung (99% Ergebnis)

Hinterlasse jetzt einen Kommentar

Kommentar hinterlassen

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.


*