Die USA unter Donald Trump scheinen auf eine «dritte Niederlage» zuzusteuern, die ihren Ursprung in seinem Versuch hat, die Aufmerksamkeit von seinen beiden vorherigen Niederlagen abzulenken. Das sagt der französische Anthropologe und Historiker Emmanuel Todd in einem Interview.
Quelle: transition-news
Der US-amerikanisch-israelische Krieg gegen den Iran folgt aus Sicht des französischen Historikers und Anthropologen Emmanuel Todd auf zwei große Niederlagen, die die USA bereits erlitten haben. Das hat er in einem kürzlich veröffentlichten Interview mit der japanischen Zeitung The Asahi Shimbun erklärt.
Die erste Niederlage ist seiner Meinung nach «die faktische Niederlage der Vereinigten Staaten gegen Russland in der Ukraine». Die USA hätten sich mit ihrer schrumpfenden Produktionsbasis als unfähig erwiesen, die Ukraine mit ausreichend Waffen und Munition zu versorgen. Das habe die Tatsache offengelegt, dass das US-amerikanische Industriesystem keinen großen Krieg durchstehen kann.
«Die zweite Niederlage, die sich danach abzeichnete, ist noch bedeutender: die Niederlage gegen China. US-Präsident Donald Trump drohte China mit Zöllen, doch als die Chinesen den Vereinigten Staaten ihrerseits mit einem Embargo für Seltene Erden drohten, musste er sehr schnell zurückrudern.»
Alles, was Trump jetzt tut, sieht Todd als Ablenkung, «um uns – und sich selbst – diese großen Niederlagen vergessen zu lassen». Der Angriff Israels und der Vereinigten Staaten auf den Iran habe auf die gleiche Weise wie der gegen Venezuela zuvor begonnen. Da der Iran jedoch nicht zusammenbrach, sei die Lage außer Kontrolle geraten, was sich als «dritte große Niederlage für die USA» herausstellen könne.
Der französische Historiker, der 1976 den Untergang der Sowjetunion vorhersagte, sieht die eigentliche Ursache des Iran-Krieges im Zerfall der US-amerikanischen Gesellschaft und derem Zustand der «Null-Religion». Die moralische und spirituelle Disziplin sowie die Werte, die einst die Gesellschaft zusammengehalten hätten, seien verloren gegangen.
In dieser Dekadenz und Leere breite sich «Nihilismus» aus, bei dem man scheinbar einfach nur Freude an der Zerstörung und am Töten selbst hat. Das macht Todd auch für Israel aus.
«Wenn sich ein iranischer Führer nicht den Absichten der USA anpasst, wird er beseitigt. Die Führer eines anderen Landes nacheinander zu beseitigen – das darf niemals zugelassen werden. Das ist nicht die Welt der vernünftigen modernen Politik; es ist das Ergebnis von Wahnsinn. Die Franzosen, die Japaner, die Chinesen, alle Menschen auf der Welt müssen sich einig sein. Das ist Hitlers Art.»
Gefragt, ob das nicht eine harte Formulierung sei, verwies der Historiker darauf, dass er ein Franzose mit jüdischem Hintergrund ist. Deshalb kritisiere er den Wahnsinn und die Rücksichtslosigkeit der USA stärker als alles andere.
Die USA und Israel würden keinen «Krieg» führen, der eigentlich ein Kampf zwischen Armeen sein solle. Es handele sich dagegen um ein «Attentat», wenn Einzelpersonen ins Visier genommen und getötet werden. Die führende Rolle in der US-Außenpolitik scheine sich nicht auf das Außenministerium oder das Pentagon, sondern auf die CIA verlagert zu haben.
Bei den USA handele es nicht mehr um die traditionelle «Republik», die aus dem Kongress, dem Präsidenten und dem Obersten Gerichtshof besteht. Sie hätten sich stattdessen in ein «Imperium» aus dem Präsidenten, dem Pentagon und der CIA verwandelt. Der Kongress und der Oberste Gerichtshof würden nichts weiter als beratende Gremien sein.
«In einer US-Außenpolitik, die auf gezielte Tötungen von Einzelpersonen setzt, ist die CIA zur wichtigsten Institution geworden. Dies ist ein Beweis dafür, dass die Vereinigten Staaten als Nation zu einem ‹nihilistischen Mordstaat› verkommen sind.»
In dem Interview geht Todd auch auf die Frage nach der Rolle Japans unter der neuen Premierministerin Samae Takaichi ein. Dieser empfiehlt er, statt einer neuen Feindschaft zu China das Verhältnis zu den USA kritisch zu prüfen. Er halte die Vorstellung, dass «Feindseligkeit gegenüber China gleichbedeutend mit japanischem Nationalismus ist», für seltsam.
Aus der Perspektive eines «echten» Nationalismus sei es «nur natürlich, für die Souveränität und Unabhängigkeit der eigenen Nation zu kämpfen und die ausländischen Stützpunkte im eigenen Land zurückzugewinnen». Es liege niemals im Interesse Japans, auf die US-amerikanische Strategie des «Teile und herrsche» hereinzufallen und sich auf Washingtons Geheiß hin auf einen Konflikt mit China einzulassen.
Todd sieht es als «gefährlich» an, die Realität mit Nostalgie für die Vergangenheit zu verschleiern. Es sei gefährlich, eine positive Bewertung vergangener historischer Fakten in die moderne Realpolitik einzubringen, sagt er mit Blick auf die japanische Position zum Konflikt um Taiwan, einer ehemaligen japanischen Kolonie.
Die Zeit, in der Taiwan eine japanische Kolonie war, endete vor 80 Jahren, und die Illusion zu hegen, dass «ein schlechtes Verhältnis zu China Nationalismus ist», ist genau genommen imaginärer Nationalismus. Zu den globalen Entwicklungen stellt er fest:
«Was derzeit geschieht, beschränkt sich nicht darauf, dass die Vereinigten Staaten möglicherweise ihre dritte Niederlage erleben. Es könnte der Zusammenbruch eines riesigen Imperiums an sich sein. Die Ideale und Strukturen, die uns vertraut waren und die die Welt lange Zeit gestützt haben, brechen mit lautem Krachen zusammen.»
Japan empfiehlt er, «die eigenen Merkmale genau zu betrachten, sich stillschweigend von den Vereinigten Staaten zu distanzieren und das Verständnis sowie die Beziehungen zu asiatischen Ländern, einschließlich China, friedlich zu vertiefen». Wenn Japan in der kommenden «Ära großer Turbulenzen» einen solchen Weg einschlage, «werden viele Länder, darunter China und Russland, Japans Existenz in einer sich multipolarisierenden Welt akzeptieren». Diesen Ratschlag von Todd können sich auch die Regierungen europäischer Länder zu Herzen nehmen.
Emmanuel Todd wurde 1951 geboren. Durch seine Analyse der Gesellschaft auf der Grundlage des Familiensystems, der Alphabetisierungsrate und demografischer Veränderungen sagte er den Zusammenbruch der Sowjetunion, den Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union und den Aufstieg Trumps in den Vereinigten Staaten voraus. Zu seinen zahlreichen Werken gehört «Der Niedergang des Westens». Er ist außerdem Mitautor des in Japan erschienenen Buches https://publications.asahi.com/product/25870.html «2030: Die kommende Welt».
Quelle:
The Asahi Shimbun: Emmanuel Todd: ‘Madness’ under Trump pushing U.S. to third major defeat – 25. April 2026
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