Die Muslimbruderschaft als Mörder

von Thierry Meyssan (voltairenet)

Wir setzen die Veröffentlichung des Buches von Thierry Meyssan „Sous nos yeux“ fort. In diesem Teil beschreibt er die Gründung einer ägyptischen Geheimgesellschaft, der Muslimbruderschaft, dann ihre Neugründung durch die britischen Geheimdienste nach dem Zweiten Weltkrieg und schließlich die Benutzung dieser Gruppe durch den MI6, um politische Morde in dieser ehemaligen Kronkolonie durchzuführen.

Dieser Artikel ist ein Auszug aus dem Buch Sous nos yeux.
Siehe hier die Inhaltsangabe.

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Hasan al-Banna, der Gründer der Muslimbruderschaft. Über seine Familie ist wenig bekannt, außer dass sie Uhrmacher waren – ein Beruf, der in Ägypten den Juden vorbehalten war.

Der „arabische Frühling“,
wie ihn die Muslimbrüder erlebten

1951 schufen die angelsächsischen Geheimdienste aus der Organisation gleichen Namens einen politischen Geheimbund: die Muslimbrüder. Sie benutzten sie zunächst zur Ermordung von Persönlichkeiten, die sich ihnen widersetzten, dann ab 1979 als Söldner gegen die Sowjets. Zu Beginn der 1990er Jahre wurden sie in die Nato eingegliedert und in den 2010er Jahren versuchte man sie in den arabischen Ländern an die Macht zu bringen. Die Muslimbruderschaft und der Sufi-Orden der Naqschbandi wurden in Höhe von mindestens 80 Milliarden Dollar jährlich von der saudischen Herrscherfamilie finanziert, was eine der weltweit bedeutendsten Armeen aus ihnen machte. Die Gesamtheit der dschihadistischen Führer einschließlich der von Daesch gehört zu diesem militärischen Apparat.

1 – Die ägyptische Muslimbruderschaft

Vier Weltreiche verschwinden im Laufe des Ersten Weltkriegs, das Deutsche Reich, das Österreichisch-Ungarische Reich, das zaristische Heilige Russland und die osmanische „Hohe Pforte“. Die Sieger lassen jegliches Maß außer Acht und zwingen den Besiegten ihre Bedingungen auf. So legt in Europa der Versailler Vertrag inakzeptable Auflagen für Deutschland fest, dem er die alleinige Schuld an dem Konflikt gibt. Im Orient läuft die Zerstückelung des Osmanischen Kalifats schief: Auf der Konferenz von San Remo (1920) wird in Übereinstimmung mit dem geheimen Sykes-Picot-Abkommen (1916) Großbritannien ermächtigt, die jüdische Heimstätte Palästina zu gründen, während Frankreich Syrien (damals unter Einschluss des heutigen Libanon) kolonisieren darf. Jedoch lehnt sich in dem, was vom Osmanischen Reich übrig geblieben ist, Mustafa Kemal gleichzeitig gegen den Sultan auf, der den Krieg verloren hat, wie auch gegen die Westmächte, die sein Land in ihre Gewalt bringen. Auf der Konferenz von Sèvres (1920) wird das Kalifat in kleine Stückchen zerschnitten, um alle Arten von neuen Staaten zu schaffen, darunter auch Kurdistan. Die türkisch-mongolische Bevölkerung von Thrakien und von Anatolien erhebt sich und bringt Kemal an die Macht. Schließlich werden auf der Konferenz von Lausanne (1923) die gegenwärtigen Grenzen gezogen, man verzichtet auf Kurdistan und organisiert riesige Umsiedlungen der Bevölkerung, die mehr als eine halbe Million Tote zur Folge haben.

Aber so wie Adolf Hitler in Deutschland das Los seines Landes bestreiten wird, erhebt sich im Nahen Osten ein Mann gegen die Neuaufteilung seiner Region. Ein ägyptischer Lehrer begründet eine Bewegung zur Wiedererrichtung des Kalifats, das von den Westmächten besiegt wurde. Dieser Mann ist Hasan al-Banna und diese Organisation ist die Muslimbruderschaft (1928).

Ein Kalif ist im Prinzip der Nachfolger des Propheten, dem alle Gehorsam schulden – ein in der Tat sehr begehrter Titel. Mehrere große Geschlechterfolgen von Kalifen folgten aufeinander, die Umayyaden, die Abbasiden, die Fatimiden und die Osmanen. Der nächste Kalif sollte derjenige sein, der sich den Titel aneignete, in diesem Fall der „Oberste Führer“ der Bruderschaft, der sich gern als Meister der moslemischen Welt sehen würde.

Der Geheimbund breitet sich sehr schnell aus. Er hat vor, aus dem Inneren des Systems zu arbeiten, um die islamischen Institutionen wieder herzustellen. Die neu Eintretenden müssen dem Gründer auf den Koran und mit einem Säbel oder Revolver die Treue schwören. Das Ziel der Bruderschaft ist ausschließlich ein politisches, auch wenn sie es in religiöse Begriffe fasst. Niemals werden Hasan al-Banna oder seine Nachfolger vom Islam als einer Religion sprechen oder eine moslemische Spiritualität zur Sprache bringen. Für sie ist der Islam einzig und allein ein Dogma, eine Ergebung an Gott und die Ausübung von Macht. Offensichtlich nehmen die Ägypter, die die Bruderschaft unterstützen, sie nicht so wahr. Sie folgen ihr, weil sie vorgibt, Gott zu folgen.

Für Hasan al-Banna misst sich die Rechtmäßigkeit einer Regierung nicht an ihrem repräsentativen Charakter, wie man ihn bei den westlichen Regierungen bewertet, sondern an ihrer Fähigkeit zur Verteidigung der „islamischen Lebensweise“, und zwar der des osmanischen Ägyptens im 19. Jahrhundert. Niemals werden die Muslimbrüder in Betracht ziehen, dass der Islam eine Geschichte hat und dass die moslemischen Lebensweisen den Regionen und den Zeiträumen entsprechend beträchtlich variieren. Sie werden auch nie berücksichtigen, dass der Prophet die Beduinengesellschaft, in der er lebte, revolutioniert hat und dass die im Koran beschriebene Lebensweise nur eine bestimmte Etappe für diese Menschen ist. Für sie entsprechen die Strafvorschriften des Koran – die Scharia – also nicht einer gegebenen Situation, sondern setzen unabänderliche Gesetze fest, auf die sich die Macht stützen kann.

Die Tatsache, dass die moslemische Lebensweise häufig durch das Schwert verbreitet wurde, rechtfertigt für die Bruderschaft den Einsatz von Gewalt. Niemals werden die Muslimbrüder zugestehen, dass der Islam sich auch durch das Beispiel ausbreiten konnte. Das hindert al-Banna und seine Mitbrüder nicht daran, sich auf Wahlen zu präsentieren – und zu verlieren. Wenn sie die politischen Parteien verurteilen, so nicht aus Opposition gegen das Mehrparteiensystem, sondern weil sie durch Trennung der Religion von der Politik in die Korruption abrutschen würden.

Die Doktrin der Muslimbrüder ist die Ideologie des „politischen Islam“, in Frankreich sagt man des „Islamismus“, ein Wort, das Furore machen wird.

1936 schreibt Hasan al-Banna an den Ministerpräsidenten Mustafa el-Nahhas Pascha. Er fordert:
- „eine Reform der Gesetzgebung und den Zusammenschluss aller Gerichte unter der Scharia,
- die Rekrutierung innerhalb der Streitkräfte zur Schaffung eines Freiwilligendienstes unter dem Banner des Dschihad;
- den Anschluss der moslemischen Länder und die Vorbereitung der Wiederherstellung des Kalifats durch Umsetzung der vom Islam geforderten Einheit.“

Im Zweiten Weltkrieg erklärt sich die Muslimbruderschaft für neutral. In Wahrheit verwandelt sie sich in einen Nachrichtendienst des Deutschen Reiches. Aber ab dem Eintritt der Vereinigten Staaten in den Krieg, als das Waffenglück umzukippen scheint, spielt sie ein doppeltes Spiel, lässt sich durch die Briten finanzieren und liefert ihnen dafür Informationen über ihren ersten Arbeitgeber. Dadurch zeigt die Bruderschaft ihre völlige Prinzipienlosigkeit und ihren reinen politischen Opportunismus.

Am 24. Februar 1945 versuchen die Muslimbrüder ihr Glück und ermorden mitten in der Parlamentssitzung den ägyptischen Ministerpräsidenten. Daraufhin eskaliert die Gewalt: Repressionen gegen die Muslimbruderschaft und eine Serie politischer Morde bis hin zum Mord an dem neuen Ministerpräsidenten am 28. Dezember 1948 sowie als Vergeltung an Hasan al-Banna selbst am 12. Februar 1949. Kurze Zeit später verurteilt ein unter Kriegsrecht eingesetztes Gericht den Großteil der Muslimbrüder zu einer Haftstrafe und löst ihre Vereinigung auf.

In ihrem Inneren war dieser Geheimbund nichts anderes als eine Mörderbande, die für sich die Macht erobern wollte, indem sie ihre Habsucht hinter dem Koran versteckte. Hier hätte ihre Geschichte enden sollen. Doch das war nicht der Fall.

2 – Die von den Angelsachsen neu konzipierte Bruderschaft
und der separate Frieden mit Israel

Die Fähigkeit der Bruderschaft, Menschen zu mobilisieren und in Mörder zu verwandeln, musste die Neugier der Großmächte wecken.

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Trotz seines Abstreitens war Sayyid Qutb Freimaurer. Er publizierte einen Artikel mit dem Titel „Warum ich Freimaurer geworden bin“, der am 23. April 1943 in der Zeitschrift al-Taj al-Masri (die „Krone von Ägypten“) erschien.

Zweieinhalb Jahre nach der Auflösung bilden die Angelsachsen eine neue Organisation und benutzen erneut den Namen „Muslimbruderschaft“. Unter Ausnutzung der Inhaftierung der historischen Führungskräfte wird der frühere Richter Hasan al-Hudaibi zu ihrem Obersten Führer gewählt. Im Gegensatz zu einer häufig geäußerten Ansicht gibt es keine historische Kontinuität zwischen der alten und der neuen Bruderschaft. Es stellt sich heraus, dass eine Einheit des alten Geheimbundes, der „Geheime Apparat“, von Hasan al-Banna damit beauftragt worden war, die Attentate zu verüben, deren Urheberschaft er abstritt. Diese Organisation innerhalb der Organisation war so geheim, dass sie von der Auflösung der Bruderschaft nicht tangiert wurde und sich seither ihren Nachfolgern zur Verfügung stellt. Der Oberste Führer beschließt, sie nicht anzuerkennen, und erklärt, er wolle seine Ziele nur mit friedlichen Mitteln erreichen. Es ist schwierig herauszufinden, was genau sich in jenem Moment abspielte zwischen den Angelsachsen, die die alte Geheimgesellschaft neu gründen wollten, und dem Obersten Führer, der glaubte, nur sein Publikum unter den Massen zurückzugewinnen. Jedenfalls bestand der Geheime Apparat fort, während die Autorität des Führers zugunsten anderer Führungskräfte der Bruderschaft schwand, wodurch ein regelrechter interner Krieg begann. Die CIA setzte den Theoretiker des Dschihad, den Freimaurer Sayyid Qutb [1] als Leitung ein, den der Oberste Führer verdammte, ehe er ein Abkommen mit dem MI6 schloss.

Es ist nicht möglich, die internen Unterstellungsverhältnisse aller Beteiligten genau anzugeben, weil einerseits jeder ausländische Zweig autonom ist und andererseits die geheimen Einheiten innerhalb der Organisation nicht notwendigerweise dem Obersten Führer oder dem lokalen Führer unterstehen, sondern unter Umständen unmittelbar der CIA oder dem MI6.

In der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg versuchen die Briten, die Welt so zu einzuteilen, dass sie außer Reichweite der Sowjets bleibt. Im September 1946 bringt Winston Churchill in Zürich die Idee der Vereinigten Staaten von Europa in Umlauf. Nach demselben Prinzip führt er die Arabische Liga ein. In beiden Fällen geht es darum, die regionale Einheit unter Ausschluss der Sowjetunion auszubauen. Seit Beginn des Kalten Krieges gründen die Vereinigten Staaten von Amerika ihrerseits Vereine mit dem Auftrag, diese Bewegung zu ihren Gunsten zu begleiten, das American Committee on United Europe und die American Friends of the Middle East [2]. In der arabischen Welt organisiert die CIA zwei Staatsstreiche, zunächst zugunsten von General Hosni Zaim in Damaskus (März 1949), dann mit den Freien Offizieren in Kairo (Juli 1952). Es geht darum, die Nationalisten zu unterstützen, da sie als Feinde der Kommunisten gelten. In dieser Geisteshaltung bringt Washington den SS-Obersturmbannführer Otto Skorzeny nach Ägypten und den Nazi-General Fazlollah Zahedi in den Iran, beide in Begleitung von Hunderten ehemaliger Gestapo-Funktionäre, um den antikommunistischen Kampf zu leiten. Unglücklicherweise formt Skorzeny die ägyptische Polizei in einer Tradition von Gewalt. 1963 wird er sich für die CIA und den Mossad gegen Nasser entscheiden. Zahedi seinerseits wird die SAVAK gründen, die grausamste politische Polizei jener Jahre.





Während Hasan al-Banna das Ziel festgelegt hatte – durch Manipulation der Religion die Macht zu ergreifen –, definierte Qutb den Weg: den Dschihad. Wenn die Anhänger erst einmal die Überlegenheit des Koran akzeptiert haben, dann kann man sie benutzen, um sie in einer Armee zu organisieren und in den Kampf zu schicken. Qutb entwickelt eine manichäische Theorie zur Unterscheidung von Islamischem und „Finsterem“. Der CIA und dem MI6 erlaubt diese Indoktrination, die Anhänger zur Beherrschung der arabischen nationalistischen Regierungen zu benutzen und ferner zur Destabilisierung der moslemischen Regionen der Sowjetunion. Die Bruderschaft wird ein unerschöpfliches Reservoir von Terroristen unter dem Motto „Allah ist unser Ziel. Der Prophet ist unser Führer. Der Koran ist unser Gesetz. Der Dschihad ist unser Weg und das Märtyrertum unser Verlangen“.

Das Denken von Qutb ist rational, aber nicht vernünftig. Er entfaltet eine unveränderliche Rhetorik von Allah – Prophet – Koran – Dschihad – Märtyrertum, die zu keinem Zeitpunkt die Möglichkeit zur Diskussion lässt. Er stellt die Überlegenheit seiner Logik über die menschliche Vernunft.

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Empfang einer Delegation der Geheimgesellschaft durch Präsident Eisenhower im Weißen Haus (23. September 1953)

Empfang einer Delegation der Geheimgesellschaft durch Präsident Eisenhower im Weißen Haus (23. September 1953)

Die CIA veranstaltet ein Kolloquium an der Universität von Princeton zu dem Thema „Die Situation der Moslems in der Sowjetunion“. Das ist die Gelegenheit, in den Vereinigten Staaten eine Delegation der Muslimbrüder unter der Leitung eines der Chefs ihres bewaffneten Arms, Said Ramadan, zu empfangen. Der mit der Überwachung beauftragte CIA-Offizier notiert, dass Ramadan kein religiöser Extremist sei, sondern eher ein Faschist – eine Möglichkeit, den ausschließlich politischen Charakter der Muslimbrüder hervorzuheben. Das Kolloquium schließt am 23. September 1953 mit einem Empfang im Weißen Haus durch Präsident Eisenhower. Das Bündnis zwischen Washington und dem Dschihadismus ist geschlossen.

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(Von links nach rechts) Hasan al-Banna verheiratete seine Tochter mit Said Ramadan, wodurch Ramadan sein Nachfolger wurde. Das Paar hatte die Söhne Hani (Direktor des Islamischen Zentrums in Genf) und Tariq Ramadan (der ordentlicher Professor am Lehrstuhl für Zeitgenössische Islamstudien der Universität Oxford wurde).

Die Bruderschaft, die von der CIA zum Kampf gegen den Kommunismus geschaffen worden war, wurde zunächst benutzt, um die Nationalisten zu unterstützen. Zu jener Zeit wurde die Agentur im Nahen Osten durch Antizionisten aus den Mittelschichten vertreten. Sie wurden aber rasch verdrängt durch Spitzenbeamte angelsächsischer und puritanischer Herkunft, die aus den großen Universitäten kamen und Israel wohlgesinnt waren. Washington trat in Konflikt mit den Nationalisten und die CIA wendete die Bruderschaft gegen sie.

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Said Ramadan und Abdul Ala Maududi moderierten eine wöchentliche Sendung auf Radio Pakistan, einem Sender, der vom britischen MI6 errichtet war.

Said Ramadan hatte während des kurzen Krieges gegen Israel 1948 einige Kämpfer befehligt, dann Sayyid Abul Ala Maududi geholfen, in Pakistan die paramilitärische Organisation der Jamaat-i-Islami zu gründen. Damals ging es darum, eine islamische Identität für die indischen Moslems zu schaffen, damit sie einen neuen Staat, Pakistan, bildeten. Die Jamaat-i-Islami arbeitete übrigens später die pakistanische Verfassung aus. Ramadan heiratet die Tochter von Hasan al-Banna und wird Chef des bewaffneten Zweigs der neuen „Muslimbruderschaft“.

Obgleich sich in Ägypten die Muslimbrüder am Putsch der Freien Offiziere von General Mohammad Nagib beteiligt hatten – Sayyid Qutb war ihr Verbindungsmann –, werden sie beauftragt, einen ihrer Führer, Gamal Abdel Nasser, zu beseitigen, der in Konflikt mit Nagib geraten ist. Am 26. Oktober 1954 scheitern sie nicht nur, sondern Nasser übernimmt die Macht, unterdrückt die Bruderschaft und stellt Nagib unter Hausarrest. Sayyid Qutb wird einige Jahre später gehängt.

Nach dem Verbot in Ägypten setzen sich die Muslimbrüder in die wahhabitischen Staaten (Saudi-Arabien, Katar und das Emirat Schardscha) sowie nach Europa ab (Deutschland, Frankreich und Großbritannien, dann die neutrale Schweiz). Jedesmal werden sie wie westliche Agenten empfangen, die gegen das im Entstehen begriffene Bündnis zwischen den arabischen Nationalisten und der Sowjetunion kämpfen. Said Ramadan erhält einen jordanischen Diplomatenpass und lässt sich 1958 in Genf nieder, von wo aus er die Destabilisierung des Kaukasus und Zentralasiens (gleichzeitig Pakistan-Afghanistan und das sowjetische Ferghanatal) leitet. Er übernimmt die Kontrolle über den Ausschuss für den Bau einer Moschee in München, was ihm erlaubt, fast alle Moslems im westlichen Europa zu überwachen. Mit Hilfe des American Committee for the Liberation of the Peoples of Russia (AmComLib), das heißt der CIA, verfügt er über Radio Liberty /Radio Free Europe, einen direkt vom US-amerikanischen Kongress finanzierten Sender, um das Gedankengut der Bruderschaft zu verbreiten [3].

Nach der Suezkanal-Krise und der spektakulären Wende Nassers zur sowjetischen Seite entscheidet Washington, die Muslimbruderschaft uneingeschränkt gegen die arabischen Nationalisten zu unterstützen. Miles Copeland, ein hoher CIA-Kader, wird – vergeblich – beauftragt, in der Bruderschaft eine Persönlichkeit auszuwählen, die in der arabischen Welt eine ähnliche Rolle spielen könnte wie Pastor Billy Graham für die Vereinigten Staaten. Erst in den 1980er Jahren wird mit dem Ägypter Yusuf al-Qaradâwî ein Prediger dieses Formats gefunden.

1961 stellt die Bruderschaft eine Verbindung zu einem anderen Geheimbund, dem Orden der Naqschbandi her. Dabei handelt es sich um eine Art moslemischer Freimaurerei, die Sufi-Initiation und Politik vermischt. Einer ihrer indischen Theoretiker, Abu al-Hasan Ali al-Nadwi, veröffentlicht einen Artikel in der Zeitschrift der Muslimbruderschaft. Der Orden ist alt und in vielen Ländern präsent. Im Irak ist der Großmeister kein anderer als der spätere Vizepräsident Izzat Ibrahim al-Duri. 1982 wird er den Putsch der Muslimbrüder in Syrien unterstützen, dann die „Kampagne zur Rückkehr zum Glauben“, die von Präsident Saddam Hussein organisiert wird, um seinem Land nach der Einrichtung einer Flugverbotszone durch die Westmächte wieder eine Identität zu geben. In der Türkei wird der Orden eine vielschichtigere Rolle spielen. Zu seinen Funktionären zählen sowohl Fethullah Güllen (Gründer der Hizmet-Bewegung) wie auch Präsident Turgut Özal (1989–93) und Ministerpräsident Necmettin Erbakan (1996–97), der Gründer der Gerechtigkeitspartei (1961) und der Millî Görüş (1969). In Afghanistan war der ehemalige Präsident Sibghatullah Mujaddidi (1992) der Großmeister. In Russland hatte der Orden im 19. Jahrhundert mit Unterstützung durch das Osmanische Reich die Krim, Usbekistan, Tschetschenien und Dagestan gegen den Zar aufgewiegelt. Bis zum Fall der UdSSR wird man nichts von diesem Zweig hören, gleiches gilt für das chinesische Xinjiang. Die Nähe der Muslimbrüder und der Naqschbandi ist sehr selten untersucht worden in Anbetracht der prinzipiellen Opposition der Islamisten gegen Mystik und den Sufi-Orden im Allgemeinen.

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Der saudische Sitz der Islamischen Weltliga. 2015 war ihr Budget höher als das des saudischen Verteidigungsministeriums. Als größter Waffenkäufer weltweit erwirbt Saudi-Arabien die Waffen, die von der Liga an die Organisationen der Muslimbruderschaft und der Naqschbandi verteilt werden.

1962 ermutigt die CIA Saudi-Arabien, die Islamische Weltliga zu gründen und für die Bruderschaft wie auch den Orden die Kosten für den Kampf gegen Nationalisten und Kommunisten zu übernehmen [4]. Diese Organisation wird anfangs von Aramco (Arabian-American Oil Company) finanziert. Zu den etwa zwanzig Gründungsmitgliedern werden drei islamische Theoretiker gezählt, die wir schon erwähnt haben: der Ägypter Said Ramadan, der Pakistaner Sayyid Abul Ala Maududi und der Inder Abu al-Hasan Ali al-Nadwi.

De facto wird Arabien, das aufgrund des Erdölhandels plötzlich über enorme Liquidität verfügt, weltweit zum Schutzherrn der Muslimbruderschaft. Vor Ort überträgt die Monarchie ihr das schulische und universitäre Bildungssystem in einem Land, wo fast niemand lesen und schreiben kann. Die Muslimbrüder müssen sich ihren Hausherren anpassen. In der Tat hindert sie ihr Treueeid auf den König daran, Treue zum Obersten Führer zu predigen. Jedenfalls organisieren sie sich um Mohamed Qutb, den Bruder von Sayyid, in zwei Strömungen: auf der einen Seite die saudischen Muslimbrüder, auf der anderen die „Sourouristen“. Letztere, die Saudi-Araber sind, probieren eine Synthese zwischen der politischen Ideologie der Bruderschaft und der wahhabistischen Theologie aus. Diese Sekte, zu der die königliche Familie gehört, vertritt eine Islam-Interpretation, die aus dem beduinischen Denken stammend ikonoklastisch und antihistorisch ist. Bis Riad über Petrodollars verfügte, verdammte sie die traditionellen moslemischen Schulen, von denen sie im Gegenzug als ketzerisch betrachtet wurde.

In Wahrheit haben die Politik der Muslimbrüder und die wahhabitische Religion nichts gemein, aber sie lassen sich miteinander vereinbaren. Abgesehen davon kann der Pakt, der die Familie der Saud an die wahhabitischen Prediger bindet, mit der Bruderschaft nicht Bestand haben: Die Vorstellung einer Monarchie nach göttlichem Recht kollidiert mit dem Machthunger der Muslimbrüder. Es gilt als vereinbart, dass die Saud die Muslimbrüder überall auf der Welt unter der Bedingung unterstützen, dass sie sich in Arabien nicht in die Politik einmischen.

Die Unterstützung der saudischen Wahhabiten für die Muslimbruderschaft erzeugt eine zusätzliche Rivalität in Arabien und den beiden anderen wahhabitischen Staaten, Katar und dem Emirat Schardscha.

Von 1962 bis 1970 nehmen die Muslimbrüder am Bürgerkrieg in Nordjemen teil und versuchen, an der Seite Saudi-Arabiens und Großbritanniens gegen die arabischen Nationalisten, Ägypten und die UdSSR die Monarchie wieder herzustellen – ein Konflikt, der ahnen lässt, was ein halbes Jahrhundert lang folgen wird.

1970 gelingt es Gamal Abdel Nasser, ein Abkommen zwischen den palästinensischen Gruppierungen und König Hussein von Jordanien zu treffen, dass den „Schwarzen September“ beendet. Am Abend des Gipfeltreffens der Arabischen Liga, die das Abkommen billigt, stirbt er, offiziell an einem Herzinfarkt, sehr viel wahrscheinlicher ermordet. Nasser hatte drei Vizepräsidenten, einen linken – ungewöhnlich populär –, einen aus der Mitte – sehr bekannt – und auf Wunsch der Vereinigten Staaten und Saudi-Arabiens einen konservativen: Anwar as-Sadat. Unter Druck gesetzt erklärt der Vizepräsident der Linken sich als unwürdig für das Amt. Der zentristische Vizepräsident zieht es vor, aus der Politik auszuscheiden. Sadat wird als Kandidat der Nasserianer bestimmt. Dasselbe Drama zeigt sich in vielen Ländern: Der Präsident wählt unter seinen Rivalen einen Vizepräsidenten aus, um die Wählerbasis zu vergrößern, aber wenn er stirbt, ersetzt ihn dieser und löscht sein Vermächtnis aus.

Sadat, der während des Zweiten Weltkriegs dem Deutschen Reich gedient hatte und seine große Bewunderung für den Führer bekennt, ist ein ultrakonservativer Angehöriger der Streitkräfte, der als Verbindungsmann zwischen der Bruderschaft und den Freien Offizieren Sayyid Qutb als Alter Ego diente. Vom Zeitpunkt seiner Machtübernahme an befreit er die Muslimbrüder, die von Nasser inhaftiert wurden. Der „gläubige Präsident“ ist der Bündnispartner der Bruderschaft für die Islamisierung der Gesellschaft (die „Berichtigungs-Revolution“), aber ihr Konkurrent, wenn es darum geht, politischen Nutzen daraus zu ziehen. Dieses mehrdeutige Verhältnis wird durch die Schaffung von drei bewaffneten Gruppen illustriert, die nicht Abspaltungen der Bruderschaft sind, sondern außenstehende Einheiten, die ihr gehorchen: die Partei der islamischen Befreiung, der Islamische Dschihad (von Scheich Omar Abdel Rahman) und Exkommunikation und Immigration (der „Takfir“). Alle bekunden, die Vorschriften von Sayyid Qutb anzuwenden. Bewaffnet durch die Geheimdienste führt der Islamische Dschihad Angriffe gegen christliche Kopten aus. Weit davon entfernt, die Lage zu beruhigen, wirft der „gläubige Präsident“ den Kopten Aufruhr vor und inhaftiert ihren Papst und acht ihrer Bischöfe. Schließlich greift Sadat in die Leitung der Muslimbruderschaft ein, bezieht Stellung für den Islamischen Dschihad und gegen den Obersten Führer und lässt diesen verhaften [5].

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Als ehemaliger Verbindungsmann für Sayyid Qutb zwischen den „Freien Offizieren“ und der Bruderschaft sollte der „gläubige Präsident“ Anwar al-Sadat durch das ägyptische Parlament zum „Sechsten Kalifen“ ernannt werden. Hier der Bewunderer von Adolf Hitler in der Knesset an der Seite seiner Partner Golda Meir und Schimon Peres.

Auf Anweisung des US-Außenministers Henry Kissinger überzeugt er Syrien davon, sich Ägypten anzuschließen, um Israel anzugreifen und die Rechte der Palästinenser wieder herzustellen. Am 6. Oktober 1973 nehmen die beiden Armeen den hebräischen Staat während des Jom-Kippur-Festes in die Zange. Die ägyptische Armee überquert den Suezkanal, während die syrische Armee von den Golanhöhen aus angreift. Allerdings entfaltet Sadat seinen Flugabwehrschirm nur partiell und stoppt seine Armee 15 Kilometer östlich des Kanals, während die Israelis sich auf die Syrer stürzen, die in der Falle sitzen und Verschwörung schreien. Erst nachdem die israelischen Reservisten mobilisiert sind und die syrische Armee eingekreist ist, befiehlt Sadat seinen Streitkräften den Weitermarsch und dann, ihn zu stoppen, um eine Waffenruhe zu verhandeln. Die Sowjets, die durch den Tod Nassers schon einen Verbündeten verloren haben, beobachten den ägyptischen Verrat, drohen den Vereinigten Staaten und fordern den sofortigen Stillstand der Kämpfe.

Vier Jahre später begibt sich Präsident Sadat – gemäß dem Plan der CIA – nach Jerusalem und beschließt, einen separaten Frieden mit Israel zum Nachteil der Palästinenser zu unterschreiben. Das Bündnis zwischen der Muslimbruderschaft und Israel ist von nun an besiegelt. Alle arabischen Völker verhöhnen diesen Verrat, Ägypten wird aus der Arabischen Liga ausgeschlossen und deren Sitz wird nach Tunis verlegt.

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Der Verantwortliche für den „Geheimen Apparat“ der Muslimbruderschaft, Aiman al-Zawahiri (gegenwärtig Chef von al-Qaida), organisiert die Ermordung von Präsident Sadat (6. Oktober 1981).

1981 beschließt Washington, ein neues Kapitel aufzuschlagen. Der Islamische Dschihad bekommt den Auftrag, Sadat zu liquidieren, der jetzt nutzlos ist. Er wird bei einer Militärparade ermordet, während das Parlament sich anschickte, ihn zum „Sechsten Kalifen“ zu ernennen. Auf der Staatstribüne werden sieben Personen getötet und 28 verletzt, aber Vizepräsident Mubarak, der neben dem Präsidenten sitzt, entkommt. Er war der einzige auf der Staatstribüne, der zum richtigen Zeitpunkt eine kugelsichere Weste trug. Er wird der Nachfolger des „gläubigen Präsidenten“ und die Arabische Liga kann nach Kairo zurückkehren.

(Fortsetzung folgt …)

Thierry Meyssan

[1] „Sayyid Qutb war Freimaurer“, Übersetzung Horst Frohlich, Voltaire Netzwerk, 29. Mai 2018.

[2] America’s Great Game: The CIA’s Secret Arabists and the Shaping of the Modern Middle East, Hugh Wilford, Basic Books (2013).

[3] A Mosque in Munich: Nazis, the CIA, and the Rise of the Muslim Brotherhood in the West, Ian Johnson, Houghton Mifflin Harcourt (2010). Deutsche Version: Die vierte Moschee: Nazis, CIA und der islamische Fundamentalismus, Ian Johnson, Klett-Cotta (2011)

[4] Dr. Saoud et Mr. Djihad. La diplomatie religieuse de l’Arabie saoudite, Pierre Conesa, préface d’Hubert Védrine, Robert Laffont (2016). English version: The Saudi Terror Machine: The Truth About Radical Islam and Saudi Arabia Revealed, Skyhorse (2018).

[5] Histoire secrète des Frères musulmans, Chérif Amir, préface d’Alain Chouet, Ellipses (2015).

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