Die EU und Europa – ein Gegensatz

Zum Jahreswechsel finden sich in den Medien in zunehmendem Maße Überlegungen zum Zustand Europas, und dergleichen semi-philosophische Anflüge zieren sowohl den Autor als das Blatt sowie auch den Leser. Also werden Produkte dieser Art gern genommen, wenn sie auch meist nicht weiterhelfen. Das hat ganz handfeste Gründe.

Der erste Irrtum, der mit großem Vergnügen kolportiert wird, ist derjenige, Europa mit der EU gleichzusetzen. Die beiden sind nicht miteinander identisch, im Gegenteil In der Beziehung dieser beiden Phänomene überwiegen sogar die Widersprüche, keinesfalls die Gemeinsamkeiten.

Zu diesen gehört in hohem Maße eine geographische Übereinstimmung, aber damit hat es sich schon. Denn diese kann nicht über den Grund-Dissens hinwegtäuschen: Europa stellt eine geistesgeschichtlich-kulturelle Einheit dar, die EU hat nur eine politische Größenordnung. Das heißt konkret: Europa besteht schon längst, seit Jahrhunderten, während an der EU immer noch dilettantisch gebastelt wird. Europa nämlich besteht aus seinen großen geistigen Traditionen, die unabhängig von politischen Vorgaben entstanden sind und gewirkt haben. Genauso wie Deutschland als Kulturnation schon geblüht hat, als es noch in 1700 Kleinstaaten geteilt war. Die EU besteht aus Bürokratie und Zentralismus, und zu beidem ist nicht viel Geist notwendig.

Europa hat durch seine geistigen Traditionen mehr in die Welt gewirkt, als durch die kurze Zeit seines Kolonialismus, der wiederum der politischen Kategorie angehört. Allerdings wird stets mit Nachdruck der Gedanke ins Feld geführt, Europa müsse als politische Einheit auftreten, um in der Welt gehört zu werden. Das ist eine Folge davon, daß sich die EU von den europäischen Wurzeln, dem eigenen kulturellen Herkommen, mehr und mehr entfernt.  Geist soll durch Machtpolitik ersetzt werden. Was dabei herauskommt, ist nichts gutes. Zudem ist das mit der einen EU-Stimme ebenso ein Irrtum. Nie war die EU so große und so eng verflochten wie heute, und nie hat sie in der Welt eine so geringe Rolle gespielt.

Nicht zuletzt die nachlassende Wirkkraft des Christentums jedenfalls in der Politik und damit in der EU gehört zur Abkehr von den eigenen Wurzeln. Wenn immer mehr Menschen auftreten, die vor einer Islamisierung warnen – und das gibt es schon viel länger als die derzeitige hysterische Diskussion – so kann das nur geschehen, weil abendländische geistige Positionen geschleift werden und sich die frei werdenden Räume anderweitigen Ideen öffnen.

Gänzlich von der europäischen Historie abgewendet hat sich die EU dadurch, daß sie sich zum Baustein der US-amerikanischen Welt-Hegemonie hat machen lassen. Brüssel ist der europäische Brückenkopf des Weißen Hauses, und Berlin ist zwei Befehlshabern gefügig – Brüssel und Washington. Wer wollte aus einem derartigen Gefüge eine mitreißende Idee ableiten? Wer kann so blind sein, sich über eine wachsende Müdigkeit der Bürger gegenüber Brüssel und der Politik im allgemeinen zu wundern? Und das wird sich nicht ändern, bis nicht der Wahn von Weltmacht zusammengebrochen ist.

Florian Stumfall

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