Deutschland in Europa II/III

von Michael Obergfell (fortunanetz)

Aus der Zusammenfassung des ersten Artikels „Deutschland in Europa I/III“ wird sichtbar, dass Deutschland als Großmacht in Europa sehr spät zustande kam, nämlich genau genommen erst 1871. Andere Großmächte wie Frankreich, Großbritannien, Spanien, Schweden und Russland hatten sich viel früher herausgebildet.

Zwar waren alle diese Großmächte Königreiche, doch deren Kern gruppierte sich um eine nationale Identität. Es gab ein Staatsvolk, das in Einigkeit in einem Staat lebte. Nur bei Deutschland war dies bis 1871 nicht der Fall.


Neben der territorialen Größe des „Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation“, sowie einem noch weit darüber hinaus gehenden Siedlungsgebiet der Deutschen bis nach Rumänien und ins Baltikum war auch der pure Unwille der europäischen Großmächte, eine deutsche Einheit zu unterstützen, der wohl größte Faktor, der die Deutsche Einheit verhinderte.

Der habsburgische Herrscher Kaiser Karl V. träumte noch davon, ein europäischer Herrscher zu sein! Doch ein einiges Europa unter der Führung Habsburgs war in Europa nicht erwünscht. Kaiser Ferdinand II. von Habsburg hatte zwar schon keine Macht mehr in Spanien (wie noch Karl V.), aber er träumte immer noch davon, die deutschen Kleinstaaten zu unterwerfen und damit ein wirklicher Deutscher Kaiser zu sein. Das europäische Projekt Karls V. scheiterte am Widerstand von Frankreich und Großbritannien, das deutsche Projekt Kaiser Ferdinands II. scheiterte an der Reformation und an der militärischen Intervention Frankreichs, Dänemarks und Schwedens, die sich als ausländische Mächte auf die Seite der protestantischen deutschen Fürstentümer stellten.

Es war also noch nie so, dass die Deutsche Einheit von den europäischen Nachbarn gewollt oder gefördert wurde, sie wurde vielmehr gefürchtet und immer wieder sabotiert bis hin zu einer aktiven militärischen Verhinderung dieser Einheit. Dass darüber hinaus eine europäische Einheit hoch problematisch ist, zeigt die europäische Geschichte am Schicksal der Deutschen ebenso wie an den zwei Weltkriegen, die dieser Kontinent erlitten hat.

II.I Bismarcks kunstvolle Bündnispolitik

Mit der Reichseinigung 1871 kam es erstmalig in der 1000-jährigen Geschichte der Deutschen zu einer staatlichen Einheit unter der Führung einer Macht, wobei die Lösung Bismarcks, geprägt von großem politischen Pragmatismus, immer noch eine Kleindeutsche Lösung war und bis heute die einzig akzeptierte Lösung in den Köpfen der Europäer war und ist.

Bismarck hatte schon mit der Reichseinigung im Blick, dass NIEMAND einen deutschen Nationalstaat in Europa wollte, weil dies das alte Machtgefüge, wie es sich seit hunderten von Jahren etabliert hatte, völlig umkrempeln würde. Nicht umsonst sprach Benjamin Disraeli, Zeitgenosse von Bismarck und britischer Premierminister davon, dass die „deutsche Revolution“ – damit war die Reichseinigung von 1871 gemeint gewesen – ein größeres Ereignis gewesen sei als die französische Revolution. In dieser Äußerung spiegelt sich das klare Bewusstsein darüber wider, dass die Reichseinigung die alte europäische Ordnung grundlegend verändert hatte. So jedenfalls sahen es die Briten. In der Mitte des Kontinents entstand eine Macht, die mehrere Jahrhunderte von vielen europäischen Staaten erfolgreich verhindert worden war.

Frankreich war aufgrund des verlorenen Krieges von 1870/71 und des Verlustes von Elsass-Lothringen ohnehin die europäische Großmacht, auf deren Kosten die Reichseinigung vonstatten ging. Frankreich blieb bis nach dem Zweiten Weltkrieg aufgrund dieser Tatsache erklärter Gegner Deutschlands.

Bismarck war klug genug, sich von Anfang an bescheiden zu präsentieren, um in der ohnehin angespannten Lage auf dem europäischen Kontinent nicht noch mehr Konflikte zu schüren. Sofort erklärte er, dass Deutschland keine weiteren Gebietsgewinne mehr anstrebte. Damit signalisierte er allen Staaten, dass von Deutschland kein Krieg gegen andere europäische Großmächte ausgehen würde. Weiterhin erklärte Bismarck den Verzicht Deutschlands auf „Weltpolitik“. Es sollte also keine Interessen auf anderen Kontinenten haben, sondern lediglich ein Europa Politik mit den unmittelbaren Nachbarn treiben. Bismarck präsentierte seine Regierung nach außen hin als „ehrlicher Makler“ im europäischen Konzert, eine Politik die lange Zeit gelang.

Grundkonstante von Bismarcks Politik war, dass sich Deutschland niemals in eine Situation begeben sollte, in der das Reich zwischen die Fronten geraten würde. Das konnte er nur erreichen, indem er nicht nur ehrlicher Makler war, sondern auch die Zusammenarbeit zwischen den Staaten anstrebte, um durch die Ausnutzung von Widersprüchen zwischen den Mächten ein begehrter Partner zu bleiben. Geschickt nutzte er die Rivalität von Russland und Großbritannien, die beide das osmanische Reich und Indien als ihre Einfluss-Sphären ansahen. Deutschland ging zeitweilig ein Bündnis mit Russland und Österreich-Ungarn ein und vermied somit die Umkreisung Deutschlands in Europa.

Beständig waren solche Bündnisse nicht. Bei der Aufteilung des Balkan z. B. sah sich Russland als Führungsmacht der Slawen zurück gesetzt und stieg aus dem Bündnis mit Deutschland aus. Die nachfolgende Bündniskonstellation von Deutschland mit Österreich-Ungarn und Italien deutete eine Einkreisung an, der Bismarck schnell wieder zu entkommen suchte, indem er 1881 mit dem Dreikaiserbund Russland wieder in ein Bündnis brachte.

Wir sehen, Bismarck kämpfte letztlich andauernd darum, ein Bündnis mit Russland zu bekommen, um eine Situation zu vermeiden, in der Deutschland praktisch an allen Fronten würde kämpfen müssen. Wie schwer es für Deutschland war, eine solche einigermaßen komfortable Lage im Konzert der europäischen Staaten zu erreichen und dann auch zu halten, zeigen die andauernd wechselnden Bündnisse, die Bismarck eingehen musste. Ständig war die ersehnte Position Deutschlands, in der wenigstens an einer Seite des Reiches zeitweilig KEINE Bedrohung war, gefährdet. Deshalb sprechen viele Historiker vom damaligen Deutschland auch von einer „nervösen Großmacht“.

Wir halten fest: Die Deutsche Einheit wurde mehrere Jahrhunderte von den anderen europäischen Großmächten zum Teil auch aktiv verhindert und als diese 1870/71 dann doch, gegen den Willen der Anderen, zustande kam, war sie ständig durch Anfeindungen aller Art gefährdet. Natürlich wurde das nie in der Weise formuliert, dass eine oder mehrere Großmächte dies offen sagten. Das Ganze präsentierte sich lediglich als Konfliktsituation zwischen Staaten, die Interessen haben.

II.II Zwei Fronten: Wilhelminisches Kaiserreich, Weimarer Republik und Drittes Reich

Nach dem Rücktritt Otto von Bismarcks übernahm der junge Kaiser Wilhelm II. das Ruder in der deutschen Politik – und insbesondere auch in der Außenpolitik. Kaiser Wilhelm II. hat das Reich nicht gegründet, er hat es ererbt. Und er hat schon in jungen Jahren erlebt, wie dynamisch und aufstrebend das Deutsche Kaiserreich war. Das Land entwickelte wichtige Industrien wie die Stahlindustrie, den Eisenbahnbau, die Chemieindustrie und die Elektroindustrie in atemberaubendem Tempo. Seine wirtschaftliche Stärke war enorm und schien immer noch stürmisch zu wachsen. Das Deutsche Kaiserreich war ein ökonomischer Riese, aber politisch den anderen Großmächten wie z. B. Frankreich und Großbritannien nicht gleich gestellt.

„Zufälligerweise“ ist das auch dasselbe Muster heute: Deutschland ist ein politischer Zwerg und ein ökonomischer Riese… wie man z. B. auch an der aktuellen Lage in Europa deutlich sehen kann… Es wird sichtbar, wie wenig sich die letzten Hundert Jahre seit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs verändert hat.

Wilhelm II. argumentierte und dachte sehr stark aus einer Position, für Deutschland etwas tun zu wollen. Alles was er tat, sollte dem noch jungen Reich zugute kommen. Und so forderte er nicht nur recht plakativ für das Kaiserreich „einen Platz an der Sonne“, er leitete konkrete Schritte ein, um die Defizite, die Deutschland noch gegenüber den anderen Großmächten hatte, aufzuholen.

Am deutlichsten sah man den Unterschied zwischen Deutschland, Frankreich, Großbritannien und Russland an den Kolonien. Großbritannien hatte ein Viertel der Erde unter seiner Kontrolle – dabei zentrale und wichtige Regionen wie z. B. den Suez-Kanal sowie die Meerenge von Gibraltar. Es versuchte auch Zugriff auf den Bosporus – die Meerenge zwischen dem Mittelmeer und dem Schwarzen Meer – zu erhalten. Großbritannien hatte ein weltumspannendes Netz von Kolonien, das nicht nur den halben afrikanischen Kontinent, sondern auch so große Länder wie Indien, Australien und Kanada umfasste. Frankreich hatte riesige Besitzungen in Afrika und Indochina. Und Russland war im Besitz riesiger Länder in Nord- und Zentralasien. Selbst das winzig kleine Portugal hatte größere Kolonien als das wirtschaftlich um ein Vielfaches stärkere Kaiserreich Deutschland.

Folgerichtig versuchte Wilhelm II. diesen Makel auszugleichen und tat dies, indem er eine deutsche Flotte aufbaute, um überhaupt eine Infrastruktur zu haben, mit der er die wenigen deutschen Kolonien ausbauen konnte, die vor allem durch Kauf in den Besitz des Kaiserreiches gekommen waren.

Im Endeffekt stieß der Kaiser auf diese Weise Frankreich und England vor den Kopf. Das wilhelminische Kaiserreich verbündete sich zudem mit Österreich-Ungarn und indem es sich gegen die Interessen Russlands auf dem Balkan stellte, machte es sich dieses Land ebenfalls zum Gegner. Und um am Ende die Politik der Selbsteinkreisung vollständig zu machen, ging es ein Bündnis mit dem Osmanischen Reich ein, so als wollte es damit sowohl gegen Russland als auch Großbritannien opponieren, weil diese beiden Großmächte das osmanische Reich gerne jeweils für sich erobern wollten.

Das Kaiserreich Deutschland brachte mit einer ausgeprägten Machtpolitik praktisch alle anderen europäischen Großmächte gegen sich in Stellung und ließ eine Einkreisung, bzw. einen Zweifrontenkrieg zu – ein kardinaler Fehler, der Otto von Bismarck nicht unterlaufen wäre.

Nachdem sich das Deutsche Kaiserreich mit einer Politik der Stärke, die es selbst als eine Politik der Emanzipation als Großmacht verstand, ins Abseits gestellt hatte, schnappte die von den anderen Großmächten insgeheim ersehnte oder befürchtete Falle zu. Die deutsche Führung glaubte, sie könne einen Zweifrontenkrieg durchstehen und daraus siegreich hervor gehen. Wie sich zeigte hatte Deutschland damals die Rechnung ohne die USA gemacht, die als Macht im Hintergrund entscheidend dazu beigetragen hatte, dass Großbritannien und Frankreich siegreich waren.

Hier zeigt sich schon eine weitere Blaupause der Weltpolitik, denn eine Großmacht Europa, egal unter welcher Führung, wollten die USA auf jeden Fall verhindern. Sie haben sozusagen proaktiv ein geeintes Europa unter deutscher Führung verhindert – und damit überhaupt ein geeintes Europa unter jeder Führung verhindert. Das ist eine feste Konstante der US-Politik schon damals gewesen.

Dass das Deutsche Kaiserreich den Ersten Weltkrieg verlor lag daran, dass deren Führung nicht verstand, dass ein Krieg meistens schon verloren ist, bevor er beginnt – dies vor allem dann, wenn man sich in eine Position der Isolation manövriert hat. Und deshalb hatten am Ende die Briten und US-Amerikaner einen lästigen Konkurrenten los und Frankreich bekam seine Rache für 1870. Russland lag am Boden und hatte einen Bürgerkrieg zu bestehen, der nach dem Ende des Ersten Weltkrieges noch Jahre dauerte und Österreich-Ungarn wurde zerschlagen um zu verhindern, dass sich das besiegte Deutschland noch einmal mit einer Großmacht auf dem Balkan verbünden konnte. Das Osmanische Reich ging unter und wurde nach langen Kämpfen zu einem türkischen Nationalstaat, der keine Großmacht mehr war.

Und an alledem… war angeblich Deutschland alleine schuld! Die Alleinschuld-These dürfte heute angesichts der historischen Forschung widerlegt sein. Aber zum damaligen Zeitpunkt sorgte vor allem Frankreich dafür, dass diese Alleinschuld-These in den sogenannten Versailler Vertrag kam, sehr zum Unmut selbst der Briten und US-Amerikaner. Das war eben Frankreichs Rache!

Der Sieg-Frieden von Versailles verhinderte in Europa eine rationale Debatte darüber, wie sich Europa denn zukünftig aufstellen könnte um zu einer Einheit zu kommen, die eine Deutschland zustehende nationale Einheit berücksichtigt, ohne dass die anderen Großmächte dagegen opponieren. Im Grunde vertuschte der Hass, den der Versailler Vertrag in Deutschland auslöste, die eigentliche Problematik, die schon seit vielen Jahrhunderten eine europäische Ordnung fast unmöglich machte. Die europäische Politik suchte keine konstruktive Lösung, sondern versuchte mit einer Schwächung Deutschlands durch eine erzwungene Demilitarisierung, exorbitant hohe Reparationszahlungen und eine teilweise Besetzung des Landes zu den Verhältnissen vor 1871 zurück zu kehren!

Jedes Land der Welt hat ein Recht auf die Selbstbestimmung seines Volkes, ein Argument das in den Kolonialkämpfen zur Geltung kam, ein Argument, das der Dalai Lama im Munde führt, ein Argument das Gandhi auf der Zunge hatte und ein Argument das die Polen nach dem Zweiten Weltkrieg umtrieb und auch ein Argument, das ein Land wie Israel auf seinen Lippen hat… Das Selbstbestimmungsrecht der Völker ist ein fast unumstößliches Theorem das weltweit konsensfähig ist. Nur eben die Deutschen sollten sich nicht selbst bestimmen können. Und nach den Worten des Versailler Vertrages war das Land daran auch noch allein schuld!

Bei Licht betrachtet war der Siegfrieden von Versailles aber nicht nur ein verlorener Krieg für Deutschland, es war auch ein verlorener Krieg für Europa. Die Europäischen Mächte hielten zwar Deutschland nieder, verbauten sich damit aber auch gründlich den Erhalt der eigenen Machtpositionen. Während die USA und das frühere Russland als Sowjetunion zu Supermächten aufstiegen, sanken Frankreich und Großbritannien immer mehr zu zweitklassigen Großmächten herab, die nur noch eine Zeit lang das große Wort auf der internationalen Bühne schwingen konnten. Großbritannien und Frankreich verloren an Wirtschaftskraft, erholten sich lange nicht von den Folgen des Weltkrieges und verloren zudem immer den Einfluss auf ihre Kolonien. Europa als Gemeinschaft war aufgrund des Hasses nach dem Ersten Weltkrieges weiter denn je von einem einigen – und eigentlich dringend benötigten – gemeinsamen Haus Europa entfernt. Der Hass von Versailles verhinderte auch jeden konstruktiven Ansatz, die Lage des Kontinents im Sinne aller zu verbessern.

In dieser Situation mit einem geschwächten Deutschland in der Mitte und einer gänzlichen Unfähigkeit der europäischen Großmächte, eine gemeinsame europäische Politik auch nur ansatzweise zu denken, stieß Hitler. Hitler ist nur verständlich wenn man die Umstände der Zeit kennt. Die Rache der Franzosen und der anderen Verbündeten seit dem Ersten Weltkrieg schuf ein zutiefst gedemütigtes Land, das noch keine 100 Jahre zuvor seine Einheit nach einer gut 1000-jährigen Geschichte gefunden hatte. Die Menschen in Deutschland tobten gegen die Realität an: Viele wollten ihren Kaiser wieder haben – obgleich er das Land mit einer nachweislich falschen Politik in den Ruin getrieben hatte. Andere konnten nicht verwinden, dass Deutschland den Krieg verloren hatte und versuchten die Schuld in der Dolchstoßlegende der Linken anzuhängen mit dem Argument: Wenn wir nicht aufgegeben hätten, hätten wir doch noch gewonnen! Die enormen Reparationszahlungen brachten dem Land viele wirtschaftlich schwere Jahre. Politiker, die sich darum bemühten, die Zahlungen die aus dem ungerechten Frieden abgeleitet wurden, pünktlich abzuliefern, wurden als „Erfüllungspolitiker“ gebrandmarkt. Kurzum: Überall loderte der Hass und das war die Eintrittskarte von Hitler in den Reichstag – mit den bekannten Folgen.

Hitler hatte den Ersten Weltkrieg miterlebt und sein größter Wunsch war es, den verlorenen Krieg durch einen weiteren Krieg ungeschehen zu machen. Das ist die typische Reaktion von Menschen, die z. B. den Untergang ihres Landes oder eines politischen Systems miterleben müssen. Die wünschen sich nichts sehnlicher, als das ungeschehen zu machen und zum alten Zustand irgendwie zurück kehren zu können. Und in dieser Blindheit machen sie dann den Fehler, andere Optionen für eine zukünftige konstruktive Lösung gar nicht erst zu sehen. Und selbst dann, wenn eine gute Option für eine neue Zukunft kommt, wird diese nicht erkannt oder nicht genutzt. Hitler wiederholte auf merkwürdige Weise das Desaster des Ersten Weltkriegs, indem er wieder mit einer Politik der Stärke sein Land in die Isolation trieb und dann in einem Zweifrontenkrieg eine unmögliche Aufgabe vorfand. Dennoch glaubte er, dass er es schaffen könnte, so als ob er seiner Elterngeneration zeigen wollte: „Seht her, ich mache das was ihr nicht geschafft habt!“ Und wieder machte er den Fehler, die Rolle der USA entweder nicht zu sehen, oder nicht sehen zu wollen. Die versorgten nämlich Großbritannien, Frankreich und auch die damalige Sowjetunion mit Waffen, die entscheidend für den Sieg gegen Hitlerdeutschland waren. Sie wiederholten exakt das, was sie schon im Ersten Weltkrieg taten: Nachdem die Niederlage Hitlerdeutschlands absehbar war, traten sie wieder selbst in Europa in den Krieg ein – um eine Siegermacht sein zu können….

Während am Ende des Ersten Weltkrieges nur eine Schwächung der Kraft und Souveränität Deutschlands das Ergebnis der europäischen Politik war, schritt man am Ende des Zweiten Weltkrieges mit der Teilung Deutschlands zum Zustand vor 1871! Es ging darum, die nationale Selbstbestimmung und einen deutschen Staat in der Mitte Europas zu beenden – und genau deshalb gab es nach 1949 wieder zwei deutsche Staaten anstatt nur des einen. Und das tolle daran: Wieder war Deutschland alleine Schuld! Wie sich doch die Muster wiederholten…

Das heißt jetzt nicht, Hitlerdeutschland sei ein reines Opfer gewesen. Es ist jedoch erstaunlich zu sehen, wie die Alleinschuld am Ersten Weltkrieg zur Alleinschuld am Zweiten Weltkrieg wurde. Eine Argumentation die wiederum nur dann vollständig SO durchzuhalten wäre, wenn Deutschland auch am Ersten Weltkrieg alleine Schuld war. Dem ist aber nicht so, wie man heute sieht. Vielleicht schaffen wir Europäer es ja eines Tages, zu einer konstruktiven Debatte über eine europäische Einheit zu kommen, anstatt am allgemeinen Versagen allein Deutschland die Schuld zu geben. Derzeit, und das sieht man ja an den aktuellen Vorgängen, ist eine solche Diskussion nicht vorhanden und auch gar nicht möglich.

In der Summe kann man in Bezug auf die Geschichte der Deutschen Einheit folgendes festhalten:

Die Politik Bismarcks zielte darauf ab, dass Deutschland ein ehrlicher Makler zwischen ALLEN Großmächten sein sollte und sich durch eine flexible Bündnispolitik davor schützt, in Europa eingekreist zu werden.

Das wilhelminische Kaiserreich und das Deutschland Hitlers versuchten es beide mit einer Politik der Stärke. Zweimal versuchten es die deutschen Eliten, sich gegen ALLE Parteien durchzusetzen, anstatt sich mit ALLEN zu arrangieren. Das führte jedes Mal zu einem Zweifrontenkrieg, den Deutschland auch jedes Mal verlor. Mit dieser Politik zerstörte es seine Einheit und führte einen Zustand herbei, der vor 1871 tausend Jahre lang bestanden hatte: Deutschland verlor seine Einheit und seine nationale Souveränität.

Nun hatte man wieder das alte Modell. In der Mitte Europas gab es keine Macht mehr und die anderen Großmächte versuchten die jetzt „leere“ politische Sphäre jeweils zu ihren Gunsten zu nutzen, bzw. darüber zu wachen, dass keine andere Großmacht diesen „leeren Raum“ für sich alleine beanspruchen konnte. Das war der Zustand, den Europa 1000 Jahre so kannte und das ist der Zustand am Ende des Zweiten Weltkrieges wieder gewesen.

Welche Rolle diese Konstruktion für Deutschland in Europa gegenwärtig spielt, soll in Teil III entwickelt werden.

 

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