Der Preis des Friedens: Was den Krieg in der Ukraine und gegen den Iran wirklich am Laufen hält

Bild: Bankenvirtel in Frankfurt lt. Wikipedia

von Jochen Mitschka (tkp)

Warum ist es so schwierig, einen Frieden in der Ukraine zu finden, der auf einem Kompromiss baisert. Warum kann Donald Trump den Angriffskrieg gegen den Iran nicht einfach beenden. Ist es nur das „Ego“ oder der „Imperialismus„, oder vielleicht doch der „Kampf gegen das Böse“? Die Antwort könnte überraschen.

Die übliche Erzählung kennt zwei Lager: Auf der einen Seite kämpft man „für Freiheit und Demokratie“, auf der anderen Seite stehen Kriegslust und Imperialismus. Diese moralische Erzählung verdeckt jedoch einen nüchternen Befund: Ein wesentlicher Grund, warum weder der Krieg in der Ukraine noch der gegen den Iran endet, liegt in der Finanzarchitektur, die um beide Konflikte herum aufgebaut wurde. Ein Ende ohne „Sieg“ würde ganz besonders im Westen Bilanzen aufreißen, die politisch kaum zu erklären wären. Die Wirtschaft könnte zusammenbrechen.

Wenn Politiker Geldpolitik als Geisel nehmen

Der Westen hat der Ukraine seit 2022 Kredite und Zuschüsse in dreistelliger Milliardenhöhe zugesagt – allein die EU spricht von mehr als 177 Milliarden Euro an militärischer, wirtschaftlicher und politischer Unterstützung, wie das Institut Jacques Delors dokumentiert. Offiziell handelt es sich um Rückzahlungsverpflichtungen. Damit die Rechnung aufgeht, wurde die Konstruktion eines sogenannten „Reparationskredits“ ersonnen: Die Ukraine soll ihre Schulden erst dann bedienen, müssen, wenn Russland Reparationen zahlt – finanziert aus russischem Zentralbankvermögen, das in Europa eingefroren liegt, größtenteils bei der belgischen Wertpapierverwahrstelle Euroclear.

Aber das ist nur ein Teil der Kosten, die sich um den Ukrainekrieg drehen. Da sind große Investitionen von globalen Anlegern in Liegenschaften und Förderrechten, da sind „Unterstützungen“ in hunderten von Milliardenhöhe, die in unterschiedlichsten Budgets versteckt sind, und darauf hoffen, eines Tages abgedeckt zu werden. Ein „Verlieren“ des Ukrainekrieges, oder ein „Kompromiss“ würde eine dramatische Folge von buchhalterischen Abschreibungen verursachen.

Nur eine offizielle Zahl aber ist schon gewaltig

Die Zahl, um die es geht, ist gewaltig: rund 210 Milliarden Euro an russischen Vermögenswerten liegen weltweit eingefroren, wie das Europäische Parlament im Dezember 2025 festhielt. Die EU-Kommission wollte davon bis zu 210 Milliarden Euro als zinslosen „Reparationskredit“ an Kiew durchreichen. Doch Belgien, das die Hauptlast des rechtlichen Risikos trüge, weigerte sich, allein für mögliche russische Klagen und Vergeltungsmaßnahmen zu haften – eine Blockade, die das Centre for European Reform ausführlich beschreibt. Am 19. Dezember 2025 einigten sich die EU-Staats- und Regierungschefs schließlich auf einen anderen Weg: einen zinslosen Kredit von rund 105 Milliarden US-Dollar, finanziert über die Kapitalmärkte – nicht über die eingefrorenen russischen Gelder, wie NPR berichtete. Der Internationale Währungsfonds bezifferte die Finanzierungslücke Kyjiws für 2026/27 auf rund 137 Milliarden Euro; ohne neue Mittel wäre die Ukraine im Frühjahr 2026 zahlungsunfähig gewesen.

Das eigentliche Problem bleibt damit ungelöst, es wurde nur verschoben: Die 210 Milliarden Euro an russischem Vermögen liegen weiter eingefroren, können völkerrechtlich nicht einfach konfisziert werden – und funktionieren de facto als politisches Pfand für ein Kriegsende, bei dem Russland zahlt. Jeder Friedensschluss ohne russische Reparationszahlungen würde die Logik hinter Milliarden an bereits vergebenen Krediten offenlegen: Es gibt keinen realistischen Mechanismus, wie diese Schulden sonst je bedient werden könnten.

Die Bankenkrise in Erwartung, sowohl wegen Ukrainekrieg als auch Irankrieg

Ein strukturell ähnliches Muster zeigt sich beim Krieg gegen den Iran. Die direkten US-Militärkosten der seit Februar 2026 laufenden Operation werden vom CSIS auf 34 bis 42 Milliarden Dollar geschätzt, Israels direkte Verluste auf bis zu 20 Milliarden Dollar. Das Al Habtoor Research Centre modelliert einen israelischen makroökonomischen Schock von 135 Milliarden Dollar bis 2030 – getragen jedoch größtenteils von Drittstaaten: Die durch die zeitweise Sperrung der Strasse von Hormus verursachten Verluste für ölimportierende „Zuschauerstaaten“ summieren sich laut derselben Studie auf 1,41 Billionen Dollar.

Das Institute for Economics and Peace berechnet, dass eine erfolgreiche diplomatische Beendigung des Kriegs der Weltwirtschaft mehr als 2,2 Billionen Dollar jährlich einbringen(!) würde – ein Betrag, der die direkten Kriegskosten der beteiligten Militärmächte um ein Vielfaches übersteigt. Trotzdem hielt der im Juni 2026 unterzeichnete Waffenstillstand nicht: Anfang Juli kam es laut CSMonitor erneut zu gegenseitigen Angriffen zwischen den USA und dem Iran.

Das Ausfallsrisiko: Wenn Zentralbanken die Lücke füllen müssten

Was in der Debatte meist ausgespart bleibt, ist das Szenario einer tatsächlichen ukrainischen Niederlage oder eines formellen Zahlungsausfalls Kiews. Ein solcher Ausfall bliebe nicht auf die ukrainische Bilanz beschränkt: Schon in der ersten Kriegswoche 2022 verloren europäische Banken laut Debitos innerhalb weniger Tage mehr als ein Viertel ihres Börsenwerts, weil Anleger die Kreditrisiken in ihren Portfolios neu einpreisten. Eine aktuelle BIZ-Studie zeigt laut Banking.Vision, dass das wahrgenommene geopolitische Risiko im Euroraum seit Kriegsbeginn dauerhaft erhöht ist – mit direkten Folgen für die Kreditportfolios, Treasury-Bestände und Zinspositionen europäischer Banken.

Für den Fall, dass sich diese Risiken materialisieren – etwa durch einen ukrainischen Zahlungsausfall, der Banken mit großen Forderungsbeständen oder Garantieverpflichtungen in Schieflage bringt –, kennt die Geldpolitik ein eingespieltes Muster: die Zentralbank als „Lender of Last Resort“. 2008 und zuletzt bei den Zusammenbrüchen von Silicon Valley Bank und Credit Suisse 2023 reagierten Fed, EZB und andere Notenbanken auf drohende Bankenpleiten mit Notfall-Liquidität und ausgeweiteten Bilanzen, um eine Kettenreaktion zu verhindern, wie die Berliner Zeitung rekapitulierte.

Technisch bedeutet das: Die Zentralbank kauft notleidende Papiere auf oder stellt frisches Zentralbankgeld bereit – umgangssprachlich „Gelddrucken“ –, um Bankenpleiten, Kreditklemmen und die damit verbundene Arbeitslosigkeit abzuwenden.

Der Haken an diesem Mechanismus ist ebenso gut dokumentiert: Weitet die Zentralbankgeldmenge sich schneller aus als die reale Wirtschaftsleistung, entsteht laut Wirtschaftsdienst zwangsläufig Inflationsdruck – die Notenbank kann diesen zwar „sterilisieren“, solange sie glaubwürdig und handlungsfähig bleibt. Genau diese Bedingung wäre jedoch nicht mehr gegeben, wenn die Bankenrettung mit einem realwirtschaftlichen Einbruch – sinkender Produktion, Importausfällen, steigender Arbeitslosigkeit – zusammenfällt. Und derzeit wird ja z.B. in Deutschland nur durch Aufrüstung der realwirtschaftliche Einbruch kaschiert, und das auf Kreditbasis!

Für dieses Extremszenario, in dem Geldmengenausweitung auf schrumpfende reale Leistungsfähigkeit trifft, ist der Begriff Hyperinflation reserviert: eine galoppierende Geldentwertung, bei der laut Zendepotimmer weniger im Land funktioniert, kaum noch etwas produziert und importiert werden kann“. Ob ein ukrainischer Zusammenbruch tatsächlich in dieses Extremszenario mündete oder „nur“ in eine gewöhnliche, schmerzhafte Inflationswelle, hängt von Faktoren ab, die heute niemand seriös beziffern kann – sicher ist jedoch, dass die Frage, wer für einen ukrainischen Ausfall am Ende bezahlt, in Wahrheit nie ganz vom Tisch ist. Sie wird bei einer Niederlage lediglich von der Fiskal- auf die Geldpolitik verlagert.

Was man fragen sollte

  • Wenn eine Verhandlungslösung der Weltwirtschaft nachweislich Billionen einbringen würde – warum kommt sie nicht zustande?
  • Wer trägt die Kosten der Fortsetzung, und wer die Kosten eines Friedens?
  • Die eingefrorenen russischen Vermögenswerte erzeugten laut Centre for European Reform selbst 2025 noch 3,9 Milliarden Euro an Zinserträgen für Euroclear – ein Ertrag, der bei einer Freigabe der Gelder an Russland entfiele. Welche Rolle spielen Verwahrstellen, Risikoversicherer und die Rüstungsindustrie beider Konflikte, deren Auftragsbücher an die Kriegsdauer gekoppelt sind, bei der politischen Beharrungskraft dieser Kriege?
  • Und welche Stimme haben jene ölimportierenden Staaten des globalen Südens, die laut Habtoor-Studie die größte Rechnung des Iran-Kriegs tragen, in den Entscheidungen über dessen Fortsetzung?

Was westliche Medien gerne übersehen

Der blinde Fleck der üblichen Berichterstattung ist nicht, dass Sicherheitsinteressen oder militärische Kalküle keine Rolle spielten – das tun sie zweifellos. Der blinde Fleck ist, dass eine einmal aufgebaute Finanzarchitektur aus Krediten, eingefrorenen Vermögenswerten und Reparationsversprechen einen eigenen, vom militärischen Frontverlauf unabhängigen Fortsetzungsdruck erzeugt. Ein Kriegsende ohne „Sieg“ müsste zwangsläufig offenlegen, wer für die bereits verbuchten hunderte Milliarden aufkommt – und diese Rechnung will in Brüssel, Washington und anderswo derzeit niemand präsentieren. Und so agieren insbesondere die politischen Führer der westlichen Welt wie Drogenabhängige, die immer höhere Dosen brauchen, um eine Wirkung zu erzielen, bis es zum plötzlichen Kollaps kommt.

Die größten Verlierer dieser Konstellation sitzen dabei nicht am Verhandlungstisch: ölimportierende und ärmere Staaten, die laut IEP-Zahlen einen überproportionalen Anteil der weltwirtschaftlichen Kriegskosten tragen, ohne selbst Kriegspartei zu sein. Aber extrem gefährdet sind auch jene Gesellschaften, die ihre eigene Landwirtschaft zugunsten einer internationalen Arbeitsteilung und Zentralisierung der nationalen Einheiten umgebaut haben. Denn während man mit dem Bauern als Nachbarn noch Deals ohne Geld machen konnte, brechen in einer solchen Finanzkrise die Nahrungsmittelproduktionen möglicherweise zusammen.

(Visited 96 times, 1 visits today)

Entdecke mehr von Krisenfrei

Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.

Hinterlasse jetzt einen Kommentar

Kommentar hinterlassen

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.


*