Der Krieg der USA und Israels gegen den Iran hat andere Gründe als die offiziell angegebenen. Das sagt der französische Historiker Emmanuel Todd. Er hält einen «spektakulären Fehlschlag der USA» für möglich.
Quelle: transition-news
Der französische Demograph und Historiker Emmanuel Todd meint, der Krieg gegen den Iran gehe als «der letzte große Krieg des Westens gegen den Rest der Welt» in die Geschichte ein. Das sagte er kürzlich in einem Gespräch mit Diane Lagrange vom französischen Mediennetzwerk Fréquence Populaire.
Aus seiner Sicht zeigt der aktuelle Krieg, dass die USA «von Niederlage zu Niederlage» eilen. Die erste Niederlage sei militärisch und industriell die gegen Russland in der Ukraine. Noch bedeutender sei die wirtschaftliche und globale Niederlage gegen China. Trump sei mit seinem versuchten Handelskrieg gegen Peking auf eine Mauer geprallt und gescheitert.
Der Krieg gegen den Iran gehöre zu den Ablenkungen von diesen Niederlagen und Schwächen, neben dem Theater um Grönland und dem Überfall auf Venezuela. Der «Sieg» über das lateinamerikanische Land und die Entführung von dessen Präsident Nicolás Maduro habe zu einer Selbsttäuschung über die eigene Stärke geführt.
Die USA würden versuchen, ihr Imperium und dessen militärisch-wirtschaftliches Prestige «mit allen Mitteln» zu verteidigen. Hinzu komme, in Verbindung mit der Niederlage des Westens und mit dem religiösen, ideologischen und wirtschaftlichen Verfall der Vereinigten Staaten, «ein inneres Bedürfnis nach Gewalt, nach Zerstörung von Dingen, von Menschen, von der Realität, eine Vorliebe für den Krieg und eine reine Freude an der Gewalt».
Ein Beispiel dafür sei US-Kriegsminister Pete Hegseth, der «völlig überdreht» und «gewalttätig» auftrete. In seinen Aussagen wie denen, gegen den Iran «keine Gnade» zu gewähren, zeige sich eine «Kultur des Mordens». Todd verwies in dem Zusammenhang sowie mit Blick auf Trumps wirr wirkenden Aussagen auf eine «Dimension, die man berücksichtigen muss»:
«Das sind Idioten. Das heißt, Trump ist sehr überrascht, dass die Iraner nicht beeindruckt sind und sich angesichts der Ankunft von zwei Flugzeugträgern usw. nicht einschüchtern lassen. Ich denke, sie sind berauscht von dem, was sie für Erfolge hielten.»
Es gebe für die USA eine «katastrophale Situation»: Der Präsident befinde sich in «einer Phase des beschleunigten geistigen Verfalls». Sein psychischer Zustand könne sich verschlechtern, so Todd. Aus seiner Sicht sind «75 Prozent der Menschen um Trump herum aus dem einen oder anderen Grund Nieten. Das sind Nieten in Geographie, weil sie direkt im Wahn sind, oder einfach, weil sie dumm sind.»
Zu den Ausnahmen gehöre Vizepräsident James D. Vance, der sich aus dem aktuellen Geschehen öffentlich heraushalte. Der französische Historiker rechnet mit beschleunigten Veränderungen in den USA und damit, dass es in zwei Wochen «Gewissheit über das Ende des amerikanischen Imperiums» gebe.
Todd hatte für Aufsehen gesorgt, als er 1977 mit dem Buch «La chute finale» (deutsch: «Vor dem Sturz – Das Ende der Sowjetherrschaft») das Ende der Sowjetunion vorhersagte, das er vor allem mit der demographischen Entwicklung begründete. 2003 hatte er dann einen «Nachruf» auf die «Weltmacht USA» veröffentlicht, bevor er 2024 den «Niedergang des Westens» beschrieb und begründete.
Er machte in dem Gespräch mit Lagrange einen «Aufstieg des Irrationalen im gesamten Westen» aus. Dazu gehöre auch der neue religiöse Fundamentalismus mit Predigern, die mit Trump beten, und Anweisungen an US-Soldaten, der Krieg führe zur Wiederkehr von Jesus. Zudem beeindruckt ihn, dass die angeblich demokratische und auf Gewaltenteilung beruhende Gesellschaft der USA diese Probleme nicht in den Griff bekommt. Die Militärmaschine laufe endlos weiter und es gebe keinerlei ernsthaften Widerstand.
Wahres Ziel der USA
Todd hält es für möglich, dass sich der Krieg gegen den Iran als «spektakulärer US-amerikanischer Fehlschlag» entpuppen könnte. Zugleich habe sich damit gezeigt, «dass ein Land nicht sicher ist, solange es keine Atombombe besitzt. Wenn es also überlebt, wird es die Atombombe bekommen.» Er sei am meisten von der «unglaublichen Unterschätzung der Iraner» durch den Westen beeindruckt. Das sei eine Folge der Kriegspropaganda, die wie eine «Selbstvergiftung» wirke.
Der französische Historiker und Demograph machte auf etwas aufmerksam, das im Westen unbeachtet blieb: Der Iran sei unter dem «sogenannten Mullah-Regime» dabei gewesen, sich zu einer großen wissenschaftlichen und technischen Macht zu entwickeln. Die Entwicklung der wissenschaftlichen Ausbildung, der Masse an Wissenschaftlern und Ingenieuren habe das Potenzial für eine «sehr große regionale Macht». Für Todd handelt sich um den «wahren Grund» für den Krieg gegen den Iran.
«Die Wahrheit war, dass es darum ging, das Entstehen einer regionalen Macht zu verhindern, die jedoch unglaublich unterschätzt wurde.»
Das Ziel der der USA sei kein Regimewechsel und nicht die Einführung der Demokratie:
«Es ging darum, einen Bürgerkrieg im Iran auszulösen.»
Das sei das Einzige, was den Aufstieg des Iran zu einer großen regionalen staatlichen und sozialen Einheit aufhalten könnte. Die Israelis seien dabei nur Handlanger der US-Amerikaner, betonte Todd.
Israel sei nur eine «kriminelle Schachfigur» und verhalte sich wie ein «tollwütiger Hund», der auf Befehl seines Herren angreife. Für die israelische Politik in der Region empfinde er Verachtung, sagte der Historiker mit jüdischen Wurzeln.
In dem Gespräch warnte er vor der weiteren Entwicklung und machte auf eine tatsächliche nukleare Bedrohung in der Welt aufmerksam – «und das ist die israelische Atomwaffe, aber nicht aus rationalen Gründen». Das bedeute, «dass wir in eine Zeit eintreten, in der wir Dinge sehen werden, von denen wir nie gedacht hätten, dass wir sie sehen könnten».
Angesichts all der «Elemente des Wahnsinns, die im Verhalten vieler Israelis auftauchen», sei ein Einsatz von Atomwaffen durch Israel vorstellbar, aber nicht für irgendein Ziel, sondern «aus einer quasi-selbstmörderischen Perspektive». Aufgrund der Art und Weise des Angriffs auf den Iran, während noch verhandelt wurde, sieht Todd eine Welt heraufziehen, die er als «proto-hitlerisch» bezeichnet. Von außen betrachtet wirke der Krieg gegen den Iran als «der Krieg eines Westens, der alle seine Werte verloren hat, seine Werte der Anständigkeit, der Menschlichkeit, der Achtung des Völkerrechts.»
«Die Wahrheit über den Wendepunkt der Weltgeschichte ist, dass die westliche Welt, die den Planeten einige Jahrhunderte lang beherrscht hat, dabei ist, dieses im Hinblick auf die sehr lange Dauer der Geschichte sehr vorübergehende Privileg zu verlieren, aber dass der Westen wirklich kein guter Verlierer ist. Das heißt, es mangelt ihm wirklich an Anstand im Niedergang.»
Todd wiederholte seine Aussage aus einem Interview mit der Schweizer Wochenzeitung Die Weltwoche:
«Erst nach der Niederlage Amerikas wird es auf der Welt Frieden geben.»
Er fügte hinzu, dass die Trump-Administration der Welt gerade vor Augen führe, «dass Amerika tatsächlich Krieg bedeutet, Chaos bedeutet, es ist das weltweite Chaos, und dass nun ganz Eurasien ein Interesse daran hat, die Vereinigten Staaten zu vertreiben». Es komme ein Punkt, «an dem die Infragestellung der Vereinigten Staaten nicht mehr regional, sondern global sein wird. Aber sie haben es wirklich vermasselt, um so weit zu kommen.»
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