Der globale Süden bringt ein neues, bahnbrechendes Zahlungssystem hervor

Die Eurasische Wirtschaftsunion stellt das westliche Geldsystem in Frage und führt den Globalen Süden zu einem neuen gemeinsamen Zahlungssystem, welches den US-Dollar umgeht.

Von Pepe Escobar (free21)

Dieser Artikel wurde zuerst am 30.11.2022 auf thecradle.co unter der URL <https://thecradle.co/Article/Columns/18975> veröffentlicht, Lizenz: © Pepe Escobar, The Cradle

Sitzung des Obersten Eurasischen Wirtschaftsrates, am 19.12.2012 (Foto: Presse- und Informationsbüro des Präsidenten (Russland), Wikimedia Commons, CC-BY-3.0, CC-BY-4.0)

Die Eurasische Wirtschaftsunion (EAEU) beschleunigt die Entwicklung eines gemeinsamen Zahlungssystems, das seit fast einem Jahr unter der Leitung von Sergei Glasjew [1], Minister der EAEU für Integration und Makroökonomie, intensiv mit den Chinesen diskutiert wird.Über ihre Regulierungsbehörde – die Eurasische Wirtschaftskommission (EEC) – hat die EAEU den BRICS-Staaten (Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika), die sich bereits auf dem Weg zu BRICS+ [2] befinden, einen sehr ernsthaften Vorschlag unterbreitet: eine Art G20 des globalen Südens.

Das System wird eine einzige Zahlungskarte umfassen – in direkter Konkurrenz zu Visa und Mastercard – und die bereits bestehende russische MIR, die chinesische UnionPay, die indische RuPay, die brasilianische Elo, sowie andere miteinander verschmelzen.

Dies stellt eine direkte Herausforderung für das westlich konzipierte (und durchgesetzte) Währungssystem dar. Und das, nachdem die BRICS-Mitglieder ihren bilateralen Handel bereits in lokalen Währungen abwickeln und den US-Dollar umgehen.

An dieser EAEU-BRICS-Union wurde lange gefeilt – und nun wird ein weiterer geoökonomischer Zusammenschluss mit den Mitgliedsstaaten der Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit (SOZ) vorbereitet.

Die EAEU wurde 2015 als Zollunion von Russland, Kasachstan und Weißrussland gegründet und ein Jahr später durch Armenien und Kirgistan ergänzt. Vietnam ist bereits ein Freihandelspartner der EAEU, und auch das kürzlich aufgenommene SOZ-Mitglied Iran ist dabei, ein Abkommen zu schließen.

Die EAEU soll den freien Verkehr von Waren, Dienstleistungen, Kapital und Arbeitnehmern zwischen den Mitgliedsländern verwirklichen. Die Ukraine wäre Mitglied der EAEU gewesen, wenn es 2014 nicht zu dem von der Regierung Barack Obama gesteuerten Maidan-Putsch gekommen wäre.

Wladimir Kowaljow, Berater des Vorsitzenden der EEC, brachte es gegenüber der russischen Zeitung Iswestija auf den Punkt. Im Mittelpunkt steht die Schaffung eines gemeinsamen Finanzmarktes, wobei die Entwicklung eines gemeinsamen „Börsenraums“ Priorität hat: „Wir haben erhebliche Fortschritte gemacht, und jetzt konzentriert sich die Arbeit auf Bereiche wie Banken, Versicherungen und den Aktienmarkt.“

In Kürze wird eine neue Regulierungsbehörde für das vorgeschlagene gemeinsame EEU-BRICS-Finanzsystem eingerichtet.

Inzwischen haben sich Handel und wirtschaftliche Zusammenarbeit zwischen der EAEU und den BRICS-Staaten allein in der ersten Hälfte des Jahres 2022 um das 1,5-fache erhöht.

Der Anteil der BRICS-Staaten am gesamten Außenhandelsumsatz der EAEU habe 30 Prozent erreicht, erklärte Kowaljow auf dem Internationalen BRICS-Wirtschaftsforum am vergangenen Montag in Moskau:

„Es ist ratsam, die Potenziale der makrofinanziellen Entwicklungsinstitutionen der BRICS und der EAEU, insbesondere der BRICS New Development Bank, der Asiatischen Infrastruktur-Investitionsbank (AIIB), sowie der nationalen Entwicklungsinstitutionen zu kombinieren. Dies wird es ermöglichen, einen Synergieeffekt zu erzielen und synchrone Investitionen in nachhaltige Infrastruktur, innovative Produktion und erneuerbare Energiequellen zu gewährleisten.“

Hier zeigt sich einmal mehr die fortschreitende Konvergenz nicht nur der BRICS und der EAEU, sondern auch der Finanzinstitutionen, die stark in Projekte im Rahmen der von China geführten Neuen Seidenstraße oder auch „Belt and Road Initiative“ (BRI) involviert sind.

Kinderarbeit auf dem Müllberg (Foto: H.E.L.G.O. e.V., flickr.com, CC BY-NC-SA 2.0)

Das Zeitalter der Plünderung stoppen

Als ob all dies nicht schon bahnbrechend genug wäre, erhöht der russische Präsident Wladimir Putin den Einsatz, indem er ein neues internationales Zahlungssystem auf Basis von Blockchain und digitalen Währungen fordert.

Das Projekt für ein solches System wurde kürzlich auf dem 1. Eurasischen Wirtschaftsforum in Bischkek vorgestellt.

Auf dem Forum verabschiedete die EAEU den Entwurf eines Abkommens über die grenzüberschreitende Platzierung und den Umlauf von Wertpapieren in den Mitgliedstaaten, sowie geänderte technische Vorschriften.

Der nächste große Schritt ist die Aufstellung der Tagesordnung einer entscheidenden Sitzung des Obersten Eurasischen Wirtschaftsrates am 14. Dezember in Moskau. Putin wird dabei sein – persönlich. Und es gibt nichts, was er lieber tun würde, als eine bahnbrechende Ankündigung zu machen.

All diese Schritte gewinnen noch mehr an Bedeutung, wenn sie mit dem schnell wachsenden, ineinander greifenden Handel zwischen Russland, China, Indien und dem Iran in Verbindung gebracht werden: von Russlands Bestreben, neue Pipelines zu bauen, die seinen chinesischen Markt bedienen, bis hin zu den Gesprächen zwischen Russland, Kasachstan und Usbekistan über eine Gas-Union sowohl für die inländische Versorgung, als auch für Exporte, insbesondere für den Hauptkunden China.

Langsam aber sicher zeichnet sich das große Bild einer unwiederbringlich zersplitterten Welt mit einem dualen Handels-/Zirkulationssystem ab: Das eine wird sich um die Überreste des Dollarsystems drehen, das andere wird auf der Grundlage der Vereinigung von BRICS, EAEU und SOZ aufgebaut.

Um die jüngste pathetische Metapher eines geschmacklosen Eurokraten-Chefs zu zitieren: Der „Dschungel“ bricht mit aller Macht aus dem „Garten“ heraus. Möge der Bruch andauern, da ein neues internationales Zahlungssystem – und dann eine neue Währung – darauf abzielen wird, das westlich zentrierte Zeitalter der Plünderung endgültig zu beenden.

Quellen:

[1] The Cradle Magazin, Pepe Escobar „Exclusive: Russia’s Sergey Glazyev introduces the new global financial system“ („Exklusiv: Der Russe Sergey Glazyev stellt das neue globale Finanzsystem vor“), am 14.4.2022: <https://thecradle.co/Article/Interviews/9135>
[2] The Cradle Magazin, Pepe Escobar „Goodbye G20, hello BRICS+“ („Auf Wiedersehen G20, hallo BRICS+“), am 17.11.2022: <https://thecradle.co/Article/Columns/18477>

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2 Kommentare

  1. Also prinzipiell ein zentralbanken- und FIAT-„Geld“ gestütztes System wie im „Wertewesten“, nur eben als konkurrierendes Modell – so äußerte es auch der CEO der 2014 [Maidan-Putsch, vorausgegangen war die Weigerung des durch diesen gestürzten Janukowitsch, die UA mit der „€U“ zu assoziieren] mutmaßlich als Alernative der weit älteren ADB („Asian Development Bank“, an der z.B. auch die U.S.A. Anteile halten) durch die Initiative Chinas zur Förderung seiner OBOR („One Belt, One Road“, d.h. der „Neuen Seidenstraße“) begründeten „New Development Bank“ mit Sitz in Shanghai, Kamath. Alter Wein in neuen Schläuchen, nur eben dedollarisiert – was allerdings die Entschlossenheit des „Wertewestens“, diese [Konkurrenz-]Bank und das mit dieser entstehende Konkurrenzsystem zu „Weltbank“, „IMF“ und letztlich dem „FED“, US$, GBP, Yen und „€“ auch durch Krieg zu vernichten, da für den Fall des Erfolges des chinesischen Konkurrenzmodells das hybrische Projekt der „westlichen regelbasierten Weltordnung“ [Gloablisierung a la U.S.A./“Israel“) zusammenzubrechen droht, ins Absolute steigern wird. Insofern ist wohl eben kein Zufall, daß der Krieg gerade im „Bindeglied“ Ukraine seinen Anfang nahm.
    Wie schon die Causa Strauß-Kahn bzw. der für diese ursächliche Lybien-Krieg des „Westens“ (und später die „Revanche“ der frz.Justiz gegen Sarkozy) zeigte, könnte jedenfalls vermutet werden, daß die internationale Hochfinanz in zwei rivalisierende Gruppen zerfallen ist, die sich gegenseitig über ihre „Hilfsvölker“ bis auf das Messer bekämpfen.
    Man schlägt den (noch) den russischen Hund, will aber das chinesischen Herrchen treffen.

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