Das Pfeifen der Wirtschaftsweisen im Walde

Das Pfeifen der Wirtschaftsweisen im Waldevon Egon W. Kreutzer

Haben die Damen und Herren Makroökonomen den Schuss wirklich nicht gehört, oder handelt es sich beim jüngsten Gutachen um die tröstlichen Worte des Palliativmediziners am Bett des Patienten?

Nun, die Senkung der Wachstumsprognose von 1.3 auf 0,6 Prozent und der Hinweis, dass wir uns auf ein anhaltendes Nullwachstum vorbereiten sollten, mag für so manchen Fantasten bereits ein harter Eingriff in seine übergrüne Traumwelt sein.

Doch der Rettungsanker, an dem die Wirtschaftsweisen immer noch hängen, ist die Mär, es handle sich lediglich um einen Ölpreis-Schock.

Nicht, dass es die massiven Preissteigerungen bei Öl und Gas nicht gäbe. Aber das Problem liegt tiefer. Es sind nicht nur die Preise, die in Bewegung geraten sind.

Öl und Gas sind nicht mehr in den benötigten Mengen verfügbar, und daran wird sich auch mit dem Ende des Krieges, wie immer es aussehen mag, nichts ändern.

Es ist eben nicht mehr nur das Nadelöhr der Straße von Hormus, das bis zu 20 Prozent der weltweiten Handelsströme mit Öl und Gas unterbrochen hat.

Die schon jetzt aufgrund der Blockade fehlenden Mengen sind auf Grund der massiven Zerstörungen an den Förderanlagen, Gasifizierungsanlagen und Raffinierien auf Jahre hinaus nicht mehr verfügbar, auch wenn die Straße von Hormus wieder offen sein sollte.

Der Preisanstieg alleine wäre ein kleines Problem, im Vergleich zur tatsächlich eingetretenen Lage.

Außerdem sind es Öl und Gas nicht alleine. Bei der Verarbeitung dieser Energieträger fallen Rohstoffe an, die man als Laie nicht sofort damit in Verbindung bringt, von deren Einsatzzwecken man unter Umständen noch nicht einmal etwas ahnt.

Helium, zum Beispiel. Helium ist unverzichtbar im Herstellungsprozess von Hochleistungs-Chips, wie sie von der KI und vielen militärischen Anwendungen benötigt werden. Aber auch moderne bildgebende Diagnostikgeräte, wie die etwa 50.000 weltweit im Einsatz befindlichen MRT-Anlagen können ohne Kühlung mit erheblichen Mengen von Helium nicht betrieben werden. Wo Dichtigkeitsprüfungen unerlässlich sind, ist Helium nicht wegzudenken.

30 Prozent des weltweit erzeugten Heliums kamen aus Katar, als „Abfallprodukt“ der LNG-Herstellung. Die Anlagen sind demoliert. Alleine die Herstellung der benötigten Anlagenkomponenten dauert Jahre.

Harnstoff. Grundlage für Stickstoffdünger, kommt ebenfalls aus Erdgas, Die Produktion liegt am Boden. Es ist mit erheblichen Ernteausfällen zu rechnen, die wiederum zu Knappheiten bei Nahrungsmitteln führen. Die Zahl der Hungernden wird weltweit ansteigen. Das ist keine Vermutung, das ist heute schon sicher.

Schwefel. Schwefel, als Basis für Schwefelsäure, die benötigt wird, um zum Beispiel Kupfer und Kobalt gewinnen zu können, gehört auch zu den Nebenprodukten. E-Mobilität, Windräder, Kabeltrassen verschlingen Unmengen an Kupfer, das auf Jahre hinaus nicht in den erforderlichen Mengen zur Verfügung stehen wird. Bei Kobalt für die Batterien sieht es nicht anders aus.

Weiter will ich in der Aufzählung gar nicht gehen. Dass eine der größten Aluminiumhütten der Welt zerstört ist, wollen Sie vermutlich schon gar nicht mehr wissen.

Tja, und dann sind da halt auch noch  Öl und Gas selbst. Ich schätze, dass es etwa vier Jahre dauern wird, sollte der Krieg morgen zu Ende gehen, bis die benötigten Mengen auf dem Weltmarkt wieder zur Verfügung stehen.

Bitte machen Sie sich klar: Wir sprechen nicht von 20% Verlust aus dem Nahen Osten. Wir sprechen von 20% Verlust der weltweiten Kapazitäten, einschließlich USA und Russland. Zu Russland noch eines. Selbst wenn Russland den Westen wieder beliefern wollte, es wäre nicht im früheren Umfang möglich. Nicht nur, weil sich Russland inzwischen verstärkt asiatischen Abnehmern zugewendet hat, auch, weil es der Ukraine gelungen ist, ungefähr 40 % der russischen Verladekapazität in den Häfen am Schwarzen Meer und in der Ostsee zu zerstören.

Deutschland braucht Gas. Die Gasspeicher wurden in dieser Heizsaison tiefer geleert als je zuvor. LNG ist teuer. Die ersten Gastanker, die ursprünglich in Richtung Europa unterwegs waren, haben ihr Ziel bereits geändert und steuern asiatische Häfen an. Man hat uns schlicht überboten.

Deutschland braucht Gas aber auch zur Stromerzeugung. Wenn Wind und Sonne nicht liefern, müssen Gaskraftwerke einspringen. Da laufen wir sehenden Auges auf die nächste Krise zu, die sich einmal in weiter steigenden Strompreisen ausdrücken wird, andererseits aber als gigantische Versorgungslücke spätestens im Herbst zu besichtigen sein wird. Rationierungen werden kaum zu verhindern sein.

Erst wenn Sie sich vollständig klar gemacht haben, dass dieser fundamentale Mangel mit Geld und auch mit noch so vielen Sondermögen nicht zu beheben ist, wissen Sie, dass es nicht der Preisschock ist, der uns quält. Der Mangel wird Lieferketten zerreißen, er wird vielerorts Produktion unmöglich oder unwirtschaftlich machen. Das ganze so stabil erscheinende System der Güter- und Warenströme erweist sich als äußerst fragil und wird selbst an scheinbar nicht betroffenen Stellen von Einbrüchen erschüttert werden.

Der Preisschock selbst, der kommt nur noch oben drauf. Der Preis entscheidet lediglich noch über die Verteilung des Mangels, und auch da sieht es für Europa und speziell Deutschland nicht rosig aus. Schließlich müssten wir exportieren können, um Importe bezahlen zu können. Diese Chance haben wir mit der Deindustrialisierung schon ein Stück weit verspielt. Jetzt kommt die Frage hinzu, wer auf der Welt überhaupt noch so gut über die Krise kommt, dass er sich den Einkauf in Deutschland noch leisten kann. Fraglos werden weitere Abnehmer wegbrechen.

In der jüngsten Ausgabe meines Dossiers „EWK – Zur Lage“ vom 30.03. 2026 habe ich die Kerndaten der weltweiten Wirtschaftskrise nach gründlicher Analyse der aktuellen Situation so eingeschätzt:

Die Delle in der Weltwirtschaft

Unter den hier getroffenen Annahmen

• wird die Weltwirtschaftsleistung 2026 um etwa 1,5 bis 2 Prozent, 2027 um 2 bis 2,5 Prozent sinken und sich ab 2028 wieder zu erholen beginnen.
• Die Inflation wird, je nach wirtschaftlichen Vorerkrankungen der Währungsräume, unterschiedlich stark ansteigen, im Mittel um etwa 4 Prozentpunkte.
• Konzerngewinne werden – inflationsbereinigt – deutlich sinken.
• Ein allgemeiner Rückgang der Aktienkurse wird mit erheblichen Umschichtungen einhergehen, wobei Energieaktien ebenso gewinnen, wie die von Unternehmen mit weitgehender Energieunabhängigkeit.
• Inflation und negative Konjunkturerwartungen bei erhöhtem Liquiditätsbedarf werden, weitgehend unabhängig von den Zinsentscheidungen der Zentralbanken, über die nächsten 24 Monate einen deutlichen Anstieg der Marktzinsen nach sich ziehen.

Insofern kann ich jetzt nur noch allen raten:

Ziehen Sie sich warm an. Es kommen lausige Zeiten.

 

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