Das Land der Seen, Sümpfe und der SS 20

Es gibt sie noch, die weitgehend unbekannten Teile der Welt. Eines davon ist Karelien. Schon der Landeanflug eröffnet bei wolkenlosem Himmel den Blick auf eine atemberaubend Landschaft: Der herrliche Onega-See, der Alexander Puschkin so beeindruckt haben soll, dass er dem Helden seines berühmten Versepos` den Namen Eugen Onegin gab, hat zahllose kleinere Begleiter.
(Beitragsbild pixabay)

Vera Lengsfeld schreibt anschaulich über ihre Reise nach Karelien…
Zwischen den Seen liegen ausgedehnte Birkenwälder, die gerade dabei sind, sich frisches Grün zuzulegen. Eine Wohltat für die Augen.

Unser Ziel ist Petrosawodsk, eine Stadt, die von Peter dem Großen gegründet wurde und als erste seinen Namen trug. Sawod ist das russische Wort für Werk, die Stadt war also Teil des Plans, Russland zu industrialisieren. Wegen der reichen Eisenvorkommen der Gegend wurden hier vor allem Waffen hergestellt. Eine wesentliche Rolle wurde dabei den Verbannten zugewiesen, die in diese entlegene Region in Russlands Weiten geschickt wurden. Im letzten Jahrhundert wurden die Solowezki-Inseln das Modell des sowjetischen Lagersystems. Das Lager Solowki war Russlands erstes großes Häftlingslager. Als Alexander Solschenizyn den Begriff Archipel Gulag prägte, dachte er auch an den Archipel Solowki.

Im vergangenen Jahrhundert war der Stadt Petrosawodsk eine wechselvolle Geschichte beschieden. Im zweiten Weltkrieg war sie vier Jahre lang von den Finnen besetzt. Das war besonders pikant, weil Stalin geplant hatte, Petrosawodsk zur Hauptstadt der Karelo-Finnischen Sowjetrepublik zu machen. Dass sich Finnland im so genannten Winterkrieg erfolgreich dagegen wehrte, Teil der Sowjetunion zu werden, durchkreuzte diese Absicht. Durch die Nähe zur finnischen Grenze war dieses Gebiet immer stark militärisch genutzt. Hier wurden viele der Waffen stationiert, von denen die Sowjetunion nach Einschätzung ihrer Generalität mehr besaß, als die USA und die anderen westlichen Staaten zusammen. Auch etliche der Sowjetischen Atomraketen SS 20 waren hier eingebunkert. Die starke Militärpräsenz ist bis heute sichtbar. An den Zivilteil des Flughafens grenzt unmittelbar ein militärischer. Als wir das Flugzeug verlassen, startet gerade ein Kampfjet.

Von Flughafen kann kaum die Rede sein. Es ist eine Piste, ein kleines Gebäude, in dem das Check In stattfindet. Das Gepäck wird direkt vom Flugzeug zum Vorplatz gebracht, wo die Passagiere unter freiem Himmel warten müssen.

Die Autoflotille ist inzwischen auch hier ganz modern, allerdings müssen die Wagen viel aushalten. Die Straßen sind löchrig, teils muss man auf Sandwege ausweichen. Es gibt kaum Verkehrsschilder, gefahren wird, wie jeder denkt, dass er am schnellsten voran kommt. Unser Fahrer sieht sehr jung aus, als hätte er seine Fahrerlaubnis schon mit 15 gemacht. Bei manchen seiner kühnen Manöver muss ich vorsichtshalber die Augen schließen und beten. Aber es geht alles gut. Irgendwann taucht ein Schild auf, das den Weg nach St. Petersburg anzeigt, das knapp 500 km entfernt ist. Dann erscheint die Aufschrift „Murmansk“. Ich bin überzeugt, dass es sich um eine kleine Siedlung gleichen Namens in der Nähe handelt. Das nächste Schild klärt mich auf: Murmansk 945 km. Hier gelten andere Maßstäbe.

Petrosawodsk soll eine der schönsten russischen Städte sein, ein Eindruck, der sich bestätigt, wenn man sich das Stadtbild imaginiert, nachdem alle Bauten restauriert und Straßen und Gehwege in Ordnung gebracht worden sind. Natürlich muss man sich die Vorstädte wegdenken, aber das ist bei allen russischen Städten der Fall.

Ein besonderer Blickfang ist der in den 50er Jahren im stalinschen Prunkstil gebaute Bahnhof. Für die Arbeiter und Bauern sollte es Paläste geben. Das wurde nicht auf die Wohnungen bezogen, sondern auf die öffentlichen Bauten. Der Wartesaal mit seinen prächtigen Kandelabern und den goldenen Ziergittern bietet ein fürstliches Ambiente. Den Gefangenen, die in Viehwaggons diesen Bahnhof passiert haben, ist diese Pracht verborgen geblieben.


Man muß nicht sterbenskrank sein, um die Zeit, die einem bleibt, auf erfüllte Weise auszukosten und zu genießen. Gerade in dieser Zeit.

Leben bis zuletzt

Amend, Lars

Ein Buch über die Angst vor dem Sterben, das mit jeder Seite Mut macht – für mehr Lebensqualität am Lebensende „Wir können nichts mehr für Sie tun“ – diesen Satz, vor dem sich so viele fürchten, gibt es bei dem Palliativmediziner Sven Gottschling nicht.
Sterbenskranken Menschen die verbleibenden Tage, Wochen und Monate und manchmal auch Jahre mit bestmöglicher Lebensqualität zu füllen und den Angehörigen eine anhaltende Erinnerung an das gute Ende eines geliebten Menschen zu bereiten, sieht er als eine der größten Herausforderungen unserer Zeit. Wie das ganz praktisch möglich ist, welche Mythen über das Sterben es dabei aufzuklären gilt, wie wir uns selbst darauf vorbereiten und als Angehörige damit umgehen können, beschreibt der Palliativmediziner in einer für medizinische Laien verständlichen Sprache. – Was hilft wirklich gegen
Beschwerden am Lebensende wie Schmerzen, Übelkeit, Luftnot und Erschöpfung? – Wo ist der richtige Ort zum Sterben: Zuhause, unterstützt durch einen ambulanten Hospizdienst, im Krankenhaus, im Hospiz, auf der Palliativstation? – Wie begegnet man der Sprachlosigkeit – als Betroffener, als Angehöriger, gegenüber Kindern? – Wo bekomme ich Hilfe und die beste Unterstützung für meine ganz individuellen Bedürfnisse?Anhand der Geschichte zweier jungen Frauen zeigt Prof. Dr. med. Sven Gottschling in einem Bonuskapitel, wie man dem Tod selbst in düsteren Augenblicken das Bedrohliche nehmen kann. Denn Gottschling ist sich sicher: Es kann immer geholfen werden. Man muss ich nur die Mühe machen, genau hinzusehen, um eine humane Sterbebegleitung und damit ein Leben bis zuletzt zu ermöglichen.


Die Universität, die uns eingeladen hat, strahlt noch viel sowjetisches Flair aus. Es fällt aber sofort auf, wie gepflegt alles ist. Keine Spur von Wohlstandsverwahrlosung, wie sie in unseren Bildungsstätten Einzug gehalten hat. Die Studenten sind sehr gut gekleidet und sorgfältig frisiert. Den großen Einkommensunterschied zu Deutschland sieht man den jungen Leuten nicht an. Wahrscheinlich haben sie aber statt 20 Teilen nur ein bis zwei im Schrank hängen.

Wir haben noch eine halbe Stunde Zeit, ehe unsere erste Veranstaltung beginnt. Wir gehen in eine kleines Café auf der anderen Straßenseite, das wie eine Hommage an die Zarenzeit wirkt, mit Stofftapeten und antiken Möbeln. Das Angebot ist klein, aber sehr verlockend. Wir haben keine Zeit, Kuchen zu ordern, können aber einen ausgezeichneten Kaffee genießen.

Auf dem Rückweg sehe ich mir ein Großplakat näher an, das mir schon aufgefallen war. Ein Rotarmist lächelt den Betrachter an, aber der Text droht: „Hundert Jahre Große Sozialistische Oktoberrevolution – wir kommen wieder“. Es ist das Plakat der örtlichen Kommunisten. Mehrheitlich wird die angebliche Revolution als Staatsstreich gegen die demokratische Regierung Kerenski betrachtet. Darin sind die Russen uns voraus. (hier weiter)

Das Land der Seen, Sümpfe und der SS 20
1 Stimme, 5.00 durchschnittliche Bewertung (98% Ergebnis)

Hinterlasse jetzt einen Kommentar

Kommentar hinterlassen

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.


Ich akzeptiere

*