Das Kreuz mit dem Kreuz

Wer kann diese Stadt noch regieren? Es geht um das Kreuz auf Deutschlands berühmtestem Bauvorhaben. Auf seiner etwa 70 Meter hohen Kuppel soll das wieder zu errichtende Berliner Stadtschloss demnächst ein Kreuz erhalten. In Berlin wird darüber hitzig diskutiert – ein satirisches Beispiel:

Ob das Kreuz noch eine Chance hat, erfahren die Gäste einer Debatte, zu der das „Institut zur Förderung der Partizipationsgesellschaft“ (Fantasie-Titel) geladen hat. Eigentlich wollte man über die kritische Reflektion öffentlicher Diskurse zu Migration und Integration debattieren, ist jedoch über das stadtschlössige Kreuz über Kreuz geraten.
Professor Dr. phil. Ulrike Veilchen-Moser zieht energisch das Mikrofon an  sich: Wenn dieses neue Schloss für die gesamte Weltgemeinschaft ein Museum ganz neuen Typs werden soll, dann ist die bloße Rekonstruktion seines geschichtlichen Ursprungs zu kurz gedacht. Wie etwa soll in diesem öffentlichen Gebäude ein offener Dialog der Kulturen möglich werden, wenn oben auf der Kuppel ein Kreuz die Richtung vorgibt?
Einwurf aus dem Auditorium: So´n Kreuz grenzt andere Kulturen niemals aus.
Dipl. Pol. Ahmed Salman-Roseboom: Ich schlage vor, wir fokussieren die Debatte auf die konzeptionelle, empirisch-methodologische Grundfrage. Durch unsere interdisziplinären Forschungsergebnisse können wir belegen, daß in der Berliner Öffentlichkeit niemand etwas gegen eine Fahnenstange auf der Engel-Laterne einzuwenden hat, Hauptsache sie weht europäisch, deutsch, katholisch, evangelisch, hindu- oder buddhistisch oder einfach regenbogenbunt.

Einwurf aus dem Auditorium: Dann setzt doch gleich ´nen vergoldeten Halbmond auf die Kuppel! Geld spenden die Saudis.
Professor Dr. phil. Ulrike Veilchen-Moser: Jetzt kommen Sie mir bloß noch mit: „Das Kreuz steht für uns als frohe Botschaft des christlichen Glaubens“.
Dipl. Pol. Ahmed Salman-Roseboom: Oder als Ausdruck der besonderen Achtung des Kaisers vor Gott als Weltenlenker.
Stimme aus dem Auditorium: An diese Haltung gerade heute zu erinnern, wäre für Berlin nicht verkehrt.
Professor Dr. phil. Ulrike Veilchen-Moser: Sie kennen die Berliner Zivilgesellschaft nicht. Jenseits aller Unterschiede gilt für fast 4 Millionen Berlinerinnen und Berliner das, was der Große Friedrich den Menschen dieser Stadt eingebläut hat – ob hier geboren oder zugewandert, Kiezbewohner oder Halal-Esser, religiös oder atheistisch: „Jeder soll nach seiner Facon selig werden“. Jenseits aller Unterschiede gehört diese Toleranz zu unserer Überzeugung.
Eine andere Stimme aus dem Auditorium: Zur originalgetreu wieder hergestellen Außenfassade gehört das originalgetreue Kreuz auf der Kuppel.
Dipl. Pol. Ahmed Salman-Roseboom: So kommen wir hier nicht weiter. Unser Bestreben ist die neue Qualität in der Zusammenarbeit von Politik, Verwaltung und Zivilgesellschaft. Diese Mitwirkungskultur lebt vom gleichberechtigten, unabhängigen Austausch von Argumenten – gleich unter welchen Hierarchien und Mehrheiten. Wir müssen gemeinsam Lösungen für ein Problem vorbereiten und so die später zu treffenden Entscheidung erleichtern.
Nur so funktioniert die in jeder Hinsicht notwendige Gleichberechtigung zwischen Entscheidern und Bürgern. Einzig diese Form der Gleichberechtigung führt zu einer besseren Akzeptanz von Großvorhaben, was das Stadtschloss nun einmal ist – nein, mehr als das: ein Weltvorhaben.
Im Saal wird es unruhig. Erste Zuhörer verlassen den Raum.
Dipl. Pol. Ahmed Salman-Roseboom: Es mag Menschen geben, die diese Form der Gleichberechtigung ablehnen. Was wir aber erreichen müssen, ist, ebenso wie die Bürger müssen auch die Entscheider auf der politischen und administrativen Ebene persönlich, verbindlich und vollzählig mitwirken. Dabei gehört es ohne Ausnahme zur Mitwirkungskultur, genau festzulegen, und zwar gemeinsam, wer in Politik und Verwaltung – sowie gegebenenfalls auf privater Seite – die zuständigen Entscheider sind.
Da nicht jeder Bürger an dem Verfahren mit den Entscheidern teilnehmen kann, gehört es zu jeder qualitativen, mit aller Sorgfalt zu erörternden  Entscheidung, ein Gremium zu bilden aus Bürgern mit genügend Erfahrung, Kompetenz und Betroffenheit, um den Prozess nicht zu erschweren. Für die Seite der Entscheider gilt das in gleicher Weise.
Inzwischen hat sich der Saal bis auf wenige Menschen geleert.
Ein Mann ist ans Podium getreten, seine Stimme klingt sehr erregt: Det ist doch allet Blech. Det historische Schloss von de Preußenkönige hat nu mal een Kreuz uff de Kuppel jehabt!
Professor Dr. phil. Ulrike Veilchen-Moser: Das stellt in diesem Raum doch niemand in Frage. Aber wenn wir ernst nehmen, was wir mit Integration, Inklusion und Diversity wollen, dürfen wir die gängigen Abgrenzungen nicht durch äußere Symbole zusätzlich verfestigen. Halten wir uns bitte vor Augen, wie Migranten unsere Mehrheitsgesellschaft wahrnehmen. Fragen wir danach: Was erleben Betroffene als diskriminierend und wie können wir verhindern, daß sich Diskriminierung in der Bundesrepublik verstetigt? Fragen wir uns bitte täglich: Wie kann man verhindern, daß durch äußere  Symbole, die Umsetzung interkultureller Öffnungen behindert wird?
Auch der letzte Zuhörer hat den Saal verlassen.
Dipl. Pol. Ahmed Salman-Roseboom versteht offenbar die Welt nicht mehr (kopfschüttelnd):
Das ist nicht mehr mein Land!
Professor Dr. phil. Ulrike Veilchen-Moser: Wo leben wir hier eigentlich?
In der hintersten Saalecke hat es tatsächlich noch ein Zuhörer ausgehalten. Er ruft :
Is det hier Schilda oder wat?!
(foto: pixabay)


Die Abstiegsgesellschaft

Nachtwey, Oliver
Die Möglichkeit des sozialen Aufstiegs war eines der zentralen Versprechen der „alten“ BRD – und tatsächlich wurde es meistens eingelöst: Aus dem Käfer wurde ein Audi, aus Facharbeiterkindern Akademiker. Mittlerweile ist der gesellschaftliche Fahrstuhl stecken geblieben: Uniabschlüsse bedeuten nicht mehr automatisch Status und Sicherheit, Arbeitnehmer bekommen immer weniger ab vom großen Kuchen. Oliver Nachtwey analysiert die Ursachen dieses Bruchs und befasst sich mit dem Konfliktpotenzial, das dadurch entsteht: Selbst wenn Deutschland bislang relativ glimpflich durch die Krise gekommen sein mag, könnten auch hierzulande bald soziale Auseinandersetzungen auf uns zukommen, die heute bereits die Gesellschaften Südeuropas erschüttern.

 

Die Gegen-Demokratie

Rosanvallon, Pierre

Die Demokratie ist immer schon als Versprechen und Problem zugleich in Erscheinung getreten. Rosanvallon beschreibt die Dynamik gesellschaftlicher Machtaneignung und Praktiken des Misstrauens in ihrer Widersprüchlichkeit. Obgleich das demokratische Ideal uneingeschränkt bejaht wird, stehen die Systeme, die sich auf das Ideal berufen, immer heftiger in der Kritik. Doch diese Differenz ist nicht so
neu, wie sie scheint: Historisch betrachtet ist die Demokratie immer schon als Versprechen und Problem zugleich in Erscheinung getreten. Denn der Grundsatz, Regierungen durch den Wählerwillen zu legitimieren, ging stets mit Misstrauensbekundungen der Bürger gegenüber den etablierten Mächten einher. Die Gegen-Demokratie ist nicht das Gegenteil von Demokratie, sie ist Bestandteil der parlamentarisch-repräsentativen Demokratie, somit permanenter Ausdruck von Misstrauen gegenüber den gewählten Institutionen. Gleichzeitig ist sie aber auch Ausdruck des politischen Engagements der Bürger_innen jenseits der Wahlurnen. Der Begriff Gegen-Demokratie hebt das Widersprüchliche des Misstrauens hervor, das einerseits die Wachsamkeit der Bürger_innen fördert und auf diese Weise dazu beiträgt, die staatlichen Instanzen für gesellschaftliche Forderungen empfänglicher zu machen, das andererseits aber auch destruktive Formen von Ablehnung und Verleumdung begünstigen kann. Das heißt: Die Gegen-Demokratie bestätigt nicht nur, sie kann auch widersprechen. Rosanvallon entfaltet die verschiedenen Aspekte von Gegen-Demokratie und schreibt ihre Geschichte. Nicht zuletzt plädiert er dafür, die ständige Rede von der Politikverdrossenheit zu überdenken. Denn es ist eher von einem Wandel als von einem Niedergang des bürgerschaftlichen Engagements zu sprechen. Verändert haben sich lediglich das Repertoire, die Träger und die Ziele des politischen Ausdrucks. Die Bürger_innen haben inzwischen viele Alternativen zum Wahlzettel, um ihre Sorgen und Beschwerden zu artikulieren. Die politische Form der Gegen-Demokratie sollte im Rahmen der Politikverdrossenheit nicht unterschätzt, sondern aktiv genutzt werden.

Das Kreuz mit dem Kreuz
2 Stimmen, 5.00 durchschnittliche Bewertung (98% Ergebnis)

Hinterlasse jetzt einen Kommentar

Kommentar hinterlassen

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.


*


* Die Checkbox für die Zustimmung zur Speicherung ist nach DSGVO zwingend.

Ich akzeptiere