Das grosse Wegwerfen bei Aldi

Janosch Fischer (infosperber)

Aldi betont sein Engagement gegen Food Waste. Ein Augenschein in seine Mülltonnen zeigt, dass es sich dabei primär um PR handelt.

Red. Grossverteiler verkünden gerne, wie sorgsam sie mit den vielen Lebensmitteln umgehen, deren Verkaufsdatum abgelaufen ist. Janosch Fischer, der über foodsharing.de das Abholen und Verteilen von überschüssigen Lebensmitteln organisiert, hat bei Aldi-Filialen die Probe aufs Exempel gemacht.

Pfingstsonntag in der Früh. Es dämmert bereits, die Vögel sind mitten in ihrem Morgenkonzert. Tatort: Aldi-Filiale Gals, Kanton Bern. Ich stelle mein Velo samt Anhänger am Rande des verlassenen Parkplatzes ab und ziehe die Handschuhe an. Es muss schnell gehen. Mit Rucksack und den blauen Ikea-Taschen gehe ich zu den drei Containern, die an die Wand gestellt sind und öffne sie.

Was ich vermute, aber nicht hoffe: Bis zum Rand sind sie gefüllt mit frischem Obst und Gemüse, das unachtsam reingeworfen wurde. Ich bin nicht wählerisch und packe ein, was meine Hände greifen. Die Tonnen sind zur Hälfte mit Mangos aus Brasilien, peruanischen Bio-Avocados, Aprikosen, Pfirsichen und Peperoni aus Spanien gefüllt. Hinzu kommen frische Karoten, Fenchel, Kohlrabi, Birnen usw.

Bei jedem vorbeifahrenden Auto steigt die Anspannung, handelt es sich bei dieser Aktion doch um eine unerlaubte Handlung. Es dauert, bis alle Taschen gefüllt sind. Etwa 10 Prozent der weggeworfenen Lebensmittel konnte ich retten. Nach zehn Tagen Kellerlagerung ist die Mehrheit der geretteten Produkte noch immer in einwandfreiem Zustand. Die Filiale hätte also genügend Zeit gehabt, die Produkte weiterzugeben.

Beschwichtigungsstrategie

Meine Abfall-Stichprobe bei Aldi macht die gut klingenden PR-Angaben des Konzerns unglaubwürdig. Dieser ist Partner bei der Initiative «Save Food, Fight Waste», deren Name eigentlich Programm sein sollte:

«Produkte kurz vor Ablauf des Mindesthaltbarkeitsdatums werden mit einem Rabatt von bis zu 50 Prozent an unsere Kundinnen und Kunden abgegeben … Lebensmittel, welche kurz vor Ablauf des Mindesthaltbarkeitsdatums sind, oder die in Form oder Verpackung (nicht in der Qualität) Mängel aufweisen, werden grösstenteils karitativen Organisationen und Vereinen wie ‹Schweizer Tafel›, ‹Tischlein deck dich›, ‹RestEssBar› und ‹Caritas Markt› zur Verfügung gestellt … Nur Waren, die nicht mehr einwandfrei sind, werden in Containern entsorgt..»

Das tönt gut. Doch bei den paar Filialen, die ich selber kenne, landen regelmässig grössere Mengen an einwandfreien Nahrungsmitteln in den Mülltonnen. Oftmals tragen die Produkte auch keine der runden, roten ‹50%›-Rabattkleber auf sich. Sie landen also ohne Preisreduktion in der Tonne. Eigentlich könnten sich alle Konsumentinnen und Konsumenten selbst ein Bild machen und einen Blick in die Abfallcontainer von Aldi werfen, sofern diese nicht abgeschlossen sind, was leider oft der Fall ist. Die Behauptung von Aldi, die Lebensmittel würden zuerst vergünstigt, dann an karitative Organisationen weitergegeben und nur «in Ausnahmefällen entsorgt», erweist sich in vielen Fällen als hohles Versprechen.

Auf diesen konkreten Vorwurf geht Aldi in seiner Stellungnahme nicht ein. Eine Preisreduktion auf Produkte vor Ablauf des letzten Verkaufdatums hänge eben von «Warengruppe und Restbestand» ab. Weiter behauptet Aldi, was in den Containern lande, sei «nicht mehr als einwandfrei einzustufen». Das deckt sich nicht mit meinen Erfahrungen. Die geretteten Lebensmittel waren teils noch mehrere Wochen geniessbar, nachdem sie bei Aldi im Müll gelandet waren.

Auf die Frage, warum überschüssige Ware nicht vergünstigt an die Mitarbeitenden abgegeben würde, wie etwa bei Migros und Coop, gibt der Konzern ebenfalls keine Antwort.

«Kontakte zu regionalen Abnehmern

Einen Teil des unverkauften Überschusses gibt Aldi weiter. Nach Auskunft des Konzerns pflegen 96 Prozent der Filialen «Kontakte zu regionalen Abnehmern von überschüssigen Lebensmitteln». Wer sich nicht tiefer mit der Materie befasst, stellt sich unter «regionalen Abnehmern» karitative Organisationen wie ‹Caritas› oder die ‹Schweizer Tafel› vor. Konkrete Angaben über diese Abnehmer macht Aldi erst auf Nachfrage. Von den insgesamt 214 Filialen geben 150 ihre Überschüsse oder ein Teil davon an Landwirte weiter, 130 an Tafeln. Zahlreiche Filialen würden auf beide Formen der Weiterverwertung setzen. Wieviel tatsächlich noch auf dem Teller landet, bleibt unklar. Nach Angaben des Bundesamts für Umwelt (Bafu) wird – in Bezug auf sämtliche Lebensmittelüberschüsse – nur «ein kleiner Teil noch geniessbarer Lebensmittel […] gespendet».

Hochwertige Nahrung wird zu Biogas und Dünger

Im Rahmen meiner Tätigkeit bei der Plattform foodsharing.de, die das Abholen und Verteilen von überschüssigen Lebensmitteln organisiert, stand ich zusammen mit dem Verein «Madame Frigo» in Verhandlung mit einer Aldi-Filiale in Bern, um deren überschüssige Ware künftig abzuholen und sie in Berns öffentlichen Kühlschränken – ja, das gibt’s tatsächlich – zu verteilen. Doch die Filialleitung entschied sich, ihre ganzen Überschüsse lieber an einen Landwirt abzugeben, damit dieser daraus Dünger, Tierfutter oder Biogas machen kann.

Diese Praxis deckt sich mit den Zahlen des Bafu: 84 Prozent der unverkauften Lebensmittel im Detailhandel werden zu Dünger oder Biogas umgewandelt. Das Verwenden von in Plastik verpackten Produkten zum Herstellen von Biogas zeichnet sich durch einen schlechten Wirkungsgrad aus. Weitere 8 Prozent der Lebensmittelabfälle landen im Futtertrog. Auch Zoos erhalten unverkauften Frischprodukte. Der Betreiber eines Zoos verpflichte sich beispielsweise, sämtliche Überschüsse einer Aldi-Filiale abzunehmen. Einen kleinen Teil kann er davon seinen Tieren verfüttern. Der Rest verrottet auf dem Kompost. Weitergeben darf er nichts, so will es der Vertrag. Drei Prozent der Abfälle werden in Kehrichtverbrennungsanlagen verbrannt. Es verbleiben lediglich fünf Prozent, die an karitative Organisationen gespendet werden.





«Lebensmittel retten mit Kunden»

Aldi hängt sich ein Nachhaltigkeitsmäntelchen um und setzt nach eigenen Angaben «ein klares Zeichen, dass wir als Unternehmen den Kampf gegen die Lebensmittelverschwendung unterstützen». Gemeint ist eine digitale PR-Broschüre und Webseite, in der eine «Food Ninja» im Namen von Aldi Tipps und Tricks zur Vermeidung von Abfällen in der Küche gibt. Gleich zu Beginn wird die Leserin in grossen Lettern belehrt, dass jeder Schweizer pro Jahr Lebensmittel im Wert von über 600 Franken in den Haushaltsmüll wirft.

Bei diesem PR-Auftritt dabei sind auch Lidl, die IG-Detailhandel Schweiz, Ikea, die sv-group sowie die Gastronomiegruppe ZFV und Nestlé. Aber auch der Schweizer Bauernverband, IP-Suisse und Bio-Suisse.

Die Strategie dahinter ist offensichtlich. Beim Thema Food Waste sollen nicht der Detailhandel oder die Produzenten, sondern die Konsumenten im Fokus stehen. «Food Ninja» gibt zwar zu: «Wir alle verursachen Food Waste» und führt auf, wo, und wieso und wie viel in der Lieferkette verloren geht.

Die Verluste beim Detailhandel werden unter anderem damit begründet, dass Produkte das Haltbarkeitsdatum überschritten oder nicht mehr schön aussähen. Wieso auch qualitativ einwandfreies Nahrungsmittel in der Tonne landen, wie ich es in meinen Stichproben immer wieder feststellen musste, bleibt unklar.

«Food Ninja» verweist auch darauf hin, dass die Umweltschäden zunehmen, je später in der Lieferkette Lebensmittel verloren gehen. Dies aufgrund zunehmender Emissionen durch Transport und Verpackung. Deshalb sei das Vermeiden von Food Waste am Ende dieser Kette, «also z. B. in der Gastronomie oder in Haushalten […] aus Umweltperspektive besonders wichtig». Der Detailhandel bleibt hier unerwähnt, obwohl auf dieser Stufe die Hauptemissionen durch Produktion, Verpackung und Transport bereits stattgefunden haben und eine Vermeidung von Food Waste daher genauso wichtig wäre.

Die im Haushalt entstehenden Nahrungsmittelverluste werden – zu Recht – damit erklärt, dass oft «zu viel eingekauft» werde. Dass dafür wiederum der Detailhandel mitverantwortlich ist, indem er mit seinen Sonderangeboten den Angebotseinkauf anstelle eines gebrauchsorientierten Einkaufs fördert und dadurch die Konsumenten dazu verleitet, zu viel einzukaufen, verschweigt «Food Ninja».

Hersteller und Detailhandel versuchen damit, die Verantwortung primär auf die Endverbraucher abzuwälzen. «Lebensmittel retten mit Kunden» wird das genannt.

Auf keinen Fall aber sollen die Kunden Lebensmittel aus den Mülltonnen von Aldi herausfischen. Dort warnt Aldi bei den Containern auf Plakaten:

«Das Entnehmen/Ablagern von Abfällen aus/in den Containern ist STRENGSTENS untersagt! Jede Zuwiderhandlung wird polizeilich verzeigt. Das Areal ist videoüberwacht. Einfach Aldi.»

Eigentlich würde die Angabe genügen, dass Aldi für diese entsorgten Lebensmittel keinerlei Haftung übernimmt. Denn es gilt, was die Staatsanwaltschaft Basel auf Anfrage von Greenpeace erklärte: «Wenn jemand Lebensmittel in einen Müllcontainer schmeisst, die ausschliesslich der Vernichtung zugeführt werden sollen, dann kann jedermann darüber verfügen. Es ist nicht ein Geschenk an die Kehrichtabfuhr oder so ähnlich. Der Besitzer der Lebensmittel ist mit einer Vernichtung einverstanden. Somit gibt er den Gewahrsam auf, und es wird kein neuer Gewahrsam begründet.»

Food Waste Gemäss Bundesamt für Umwelt (Bafu) geht in der Schweiz ein Drittel der produzierten Nahrung verloren. Das sind jährlich 2‘564‘500 Tonnen: Davon 9 Prozent in der Landwirtschaft, 37 Prozent während der Verarbeitung, 4 Prozent beim Detailhandel, 11 Prozent in der Gastronomie und 39 Prozent im Haushalt.

Beim Brot und Frischgemüse geht im Verlauf der gesamten Lieferkette über die Hälfte verloren, bei Rindfleisch ein Drittel, bei Schweinefleisch ein Viertel. Vermeidbare Lebensmittelverluste führen laut Bafu zu einer Umweltbelastung, die so gross ist wie die «Hälfte der Umweltbelastung des motorisierten Individualverkehrs der Schweiz». Bei der Verschwendung tierischer Produkte ist zu bemerken, dass deren Herstellung mit besonders hohem ökologischem Verschleiss und Tierleiden einhergeht. Besonders problematisch ist die Menge an weggeworfenen exotischen Früchten, die von Übersee teils mit dem Flugzeug transportiert werden.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Janosch Fischer setzt sich in seiner Freizeit über die Plattform foodsharing.de gegen Food Waste ein. Er hat kürzlich das Studium der Politik und Geschichte an der Universität Bern abgeschlossen.

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Eine Verschwendung ohne Ende. Diese Konsumgesellschaft ist nur noch krank. Wen wundert’s bei diesem kranken Politsystem. Die riesigen Fleischtheken in den Supermärkten sprechen Bände. Ich frage mich jedesmal, wer das alles verzehren soll. Überall, wohin man sieht: Überproduktion, Überproduktion …

Wie blöd muss man sein, über 39 Prozent der gekauften Nahrungsmittel in die Tonne zu werfen?  Das hätten sich meine Eltern vor 60 Jahrn niemals erlauben können. Und heute? Einfach nur noch widerlich, dieser Konsumrausch.

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