Coronavirus: Diese Kurve ist irreführend. Das BAG kneift.

Urs P. Gasche (infosperber)

Fast täglich publizieren Fernsehen und Zeitungen neue Fallzahlen. Doch der Vergleich mit früheren Zahlen ist statistisch unhaltbar.

Diese Grafik verbreitete die SRF-Tagesschau aktualisiert an mehreren Tagen. © srf

Diese Grafik, welche die Tagesschau des Schweizer Fernsehens fast täglich zeigt, sowie Grafiken und Tabellen in grossen Zeitungen vermitteln den falschen Eindruck, dass die Ansteckungen mit dem Coronavirus auch nach der Ausrufung des Notrechts am 16. März weiter stark ansteigen. Das Verbot von Menschenansammlungen und das Gebot des «Physical Distancing» (soziale Nähe ist weiterhin nötig!) scheinen keine Wirkung zu zeigen.

Doch diese Grafik stützt sich auf eine Unstatistik und vergleicht Äpfel mit Birnen. Auf diese krass irreführenden Statistiken über die Ausbreitung des neuen Coronavirus Sars-CoV-2 hatte Infosperber bereits am 17. März («Was man über das Coronavirus wissen muss») und dann wieder am 19. März («Die NZZ verbreitet weiterhin Unstatistiken») und am 25. März («Covid-19 überfordert die Medien») hingewiesen. In der Realität haben sich seit dem 16. März mit Sicherheit viel weniger Leute angesteckt, als diese Grafiken glauben machen. Aus folgenden zwei Gründen hat sich dies in den täglich veröffentlichten Fallzahlen noch nicht ausgewirkt:

  • Es werden ständig mehr Tests gemacht, zuerst wenige hundert, jetzt über 10’000. Allein schon aus diesem Grund werden immer mehr Fälle in der Statistik ausgewiesen.

 

  • Vom Tag einer Ansteckung bis zum Eingang in die Statistik der bestätigten Fälle dauert es rund zehn Tage. Praktisch alle heute bekanntgegebenen «neuen» Fälle haben sich also bereits vor dem Erlass der Notmassnahmen angesteckt.

 

Dagegen ist die Statistik der Todesfälle zuverlässiger, doch der Todeszeitpunkt liegt eine bis vier Wochen nach der Ansteckung. Deshalb wird die Zahl der täglich gemeldeten Todesfälle noch eine bis drei Wochen lang zunehmen. Die Hälfte der in der Schweiz Verstorbenen ist über 82 Jahre alt.

Es ist zu berücksichtigen, dass die betagten Patientinnen und Patienten mit schweren Lungenproblemen, schwerer Diabetes und Herzkrankheiten heute auf Sars-CoV-2 (Virus) getestet werden. Statistisch starben sie dann nicht an den Haupterkrankungen, sondern an Covid-19 (durch das Virus verursachte Krankheit). Es gibt international keine einheitlichen Kriterien, nach denen Todesfälle dem Coronavirus zugeschrieben werden.

Wenn es andererseits um die Zahl der jährlichen Todesfälle infolge Influenza(Grippe)-Viren geht, wird diese nur aufgrund einer erhöhten Gesamtsterblichkeit geschätzt. Getestet wurden die wenigsten.

Die drastischen Massnahmen sind vorläufig nötig

Das drastische Regime der individuellen Isolierung, die etliche Regierungen beschlossen haben, bremst die Ausbreitung des Sars-CoV-2 enorm. Dagegen hätte eine weitere exponentielle Ausbreitung des Virus dazu geführt, dass die relativ wenigen nicht besetzten Intensivbetten in Spitälern bei weitem nicht ausreichen würden, um an Corvid-19 schwer Erkrankten in einem kurzen Zeitraum zu behandeln. Bei den schwer Erkrankten handelt es sich grossmehrheitlich um betagte und gesundheitlich schon zuvor stark geschwächte Personen. Behandlungs- und Pflegekrisen wie in Norditalien müssen unbedingt vermieden werden.

Eigentlich müsste das Militär aushelfen können, wenn ein solcher ziviler Notstand eintritt. Doch wie jetzt klar wird, rechnet das Militär in seinen Konfliktszenarienl nur mit wenigen Notfallpatienten, die es zu versorgen gibt.

Das Militär ist nicht vorbereitet

Bis im Sommer sollen zwar bis zu 8000 Angehörige der Schweizer Armee die zivilen Behörden unterstützen. Doch eine entscheidende Hilfe kann sie nicht anbieten. Weder verfügt die Armee über Spitäler, die für Intensivbehandlungen ausgerüstet sind, noch über genügend Vorräte an Beatmungsgeräten oder Schutzmasken.
Bei der Vorbereitung eines Krieges haben Kampfpanzer und Kampfflugzeuge den Vorrang.
Andere Armeen sind besser vorbereitet. Beispielsweise stellt jetzt die US-Kriegsflotte vor Los Angeles das Spitalschiff USNS Mercy sowie vor New York die USNS Comfort mit 1000 Betten zur Verfügung (Bild links).

Das Bundesamt für Gesundheit sagt, es verstehe die Frage nicht

Bei der oben abgebildeten Grafik stützte sich die SRF-Tagesschau auf die Zahlen vom Bundesamt für Gesundheit BAG. Offensichtlich kommuniziert das BAG die täglichen neuen Fallzahlen nicht klar genug. Sonst kämen Redaktionen nicht auf die Idee, die Entwicklung mit solchen Kurven- oder Säulengrafiken (wie unten) darzustellen.

Aus diesem Grund hat Infosperber dem BAG folgende Frage gestellt:

Müsste bei der Bekanntgabe der täglich neuen Zahlen darauf hingewiesen werden, dass die neuen Zahlen nicht mit denjenigen vor einer und vor zwei Wochen verglichen werden können?

Die überraschende Antwort der BAG-Sprecherin:

«Die Frage verstehen wir nicht. Wieso sollen die Zahlen nicht vergleichbar sein?»

Infosperber versuchte, dem BAG die Frage zu erläutern:

Wenn es beispielsweise bei anfänglich 2000 Tests 100 Positive gibt und später bei 7000 Tests 300, kann die erhöhte Zahl der positiv Getesteten allein auf das grössere getestete Sample zurückzuführen sein. Nur bei jeweils gleich vielen Tests kann man die Zahl der Neuerkrankten mit der früheren Zahl vergleichen und die Zu- oder Abnahme bestimmen.

Das BAG reagierte nicht mehr.

Um es noch extremer auszudrücken: Wenn nur 100 Patienten mit deutlichen Symptomen getestet werden, können höchstens 100 Infizierte in der Statistik erfasst werden. Wenn später 10’000 solcher Patienten getestet werden, leuchtet es ein, dass viel mehr Fälle positiv getestet werden. Tatsächlich konnten Anfang März nur wenige Hundert Personen getestet werden, weil es zu wenige Testgeräte gab. Bald konnten 2000 getestet werden, am 24. März nach Angaben des BAG 7000 und unterdessen 10’000.

Um die aktuellen mit den früheren Fallzahlen in etwa vergleichen zu können, hätte das BAG stets angeben müssen, wie viele Prozent der Getesteten als infiziert bestätigt wurden. Die allenfalls steigende oder jetzt fallende Prozentzahl hätte die Entwicklung einigermassen korrekt wiedergegeben.

Allerdings auch dann nur, wenn immer nur Patientinnen und Patienten getestet werden, welche bereits ähnlich deutliche Symptome aufweisen. Doch in der Statistik des BAG und der Kantone fehlen Angaben über die Schwere der Symptome der Getesteten.

Kurz: Die publizierten statistischen Angaben sind für eine seriöse Auswertung und Einschätzung der Epidemie zu lückenhaft. Das dient möglicherweise der Strategie der Regierung, nicht zu früh Entwarnung zu geben mit dem Ziel, eine frühzeitige Lockerung der heutigen Regeln – auf dem Papier oder in der Praxis – zu verhindern. Diese Strategie mag nachvollziehbar sein. Aber Aufgabe der Medien ist es, korrekt zu informieren auch dann, wenn die Informationen allenfalls einer behördlichen Strategie zuwider laufen.

Selbst bei den erfassten Todesfällen fehlen nötige Angaben über die Art und Schwere der Erkrankungen, an denen die Verstorbenen bereits litten, und zur Dauer der Intensivbehandlungen. Entweder fordert das BAG diese Angaben von den Kantonen nicht ein oder hält sie unter Verschluss.

Solche Informationslücken sowie vorgegebene Grafiken des BAG führen dazu, dass grosse Medien ihrerseits unseriöse grafische Darstellungen in Form der Kurve oben oder der Säulen unten verbreiten. Diese Grafiken vergleichen positiv getestete Infektionsfälle von heute mit denen seit Anfang März. Sie suggerieren den Zuschauern und Leserinnen, dass sich Sars-CoV-2 zur Zeit immer noch mit grosser Geschwindigkeit weiter verbreitet. Dazu meinte das BAG:

    • «

Ja, davon ist leider auszugehen

Für diese Grafik geben der Tages-Anzeiger und andere Tamedia-Zeitungen als Quelle die Kantone und das BAG an. Die hohen Säulen rechts sind mit den niedrigen links nicht vergleichbar. Deshalb ist diese Darstellung grob irreführend.

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Infosperber vom 26. März 2020:
Eine gute Nachricht: Corona-Dunkelziffer ist wohl viel höher

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Infosperber-DOSSIER:
Coronavirus: Information statt Panik

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Coronavirus: Diese Kurve ist irreführend. Das BAG kneift.
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6 Kommentare

  1. Vor ca. 35 Jahren wurden im Gesundheitssystem ca. 40 Milliarden DM ausgegeben.

    Heute sind es ca. 300 Milliarden Euro (sprich 600 Milliarden DM). Das sagt doch Alles und jeder sollte sich einmal Gedanken über die angebliche "Gesundheit" machen!

  2. Was mich beunruhigt ist die Statistik und wie man zu deren Ergebnissen kommt. Wie glaubhaft sind die Tests. Wie sauber sind die Abnahmespateln oder Tupfer.? Kann sich in diese nicht Unerwünschtes hineinschmuggeln?????? Muß man jetzt ohne Symptome das für Stichproben machen lassen? Mich gruselts. Sicher kann die Statistik auch andere Wege gehen. 

    •  Die Qualitätsmedien brachte das gleiche Bild als es um die überlasteten Krankenstationen in Bergamo und NY ging … wie peinlich aber auch …

       Wozu also werden massenhaft Krankenbetten freigehalten, da es, wegen Corona, derer gar nicht bedarf? Wozu Reservisten der BW einziehen? ABM Maßnahme?

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