«Chinas Sozialkredit-System kommt schleichend auch bei uns»

Urs P. Gasche  (infosperber)

Die Überwachung sei in China offizielle Politik. Bei uns würde sie unbemerkt eingeführt und schlafwandelnd akzeptiert.

Das sagt Professor Gerd Gigerenzer in seinem neuen Buch «Klick»* mit dem Untertitel «Wie wir in einer digitalen Welt die Kontrolle behalten und die richtigen Entscheidungen treffen.» Das Gottlieb Duttweiler Institut bezeichnete Gigerenzer als einen der hundert einflussreichsten Denker der Welt.

Gerd Gigerenzer zeigt das Problem anschaulich: Man solle sich einmal vorstellen, die Post würde keine Tarife mehr erheben, sondern die Briefe gratis befördern. Im Gegenzug würde die Post, um Geld zu verdienen, alle Briefe offen oder insgeheim lesen und die Inhalte an interessierte Dritte verkaufen.

Was für die Post nicht in Frage komme, sei auch bei den Plattformen der Social Media zu unterbinden, erklärt Gigerenzer.

Denn wenn wir weiterhin zuschauen, wie Konzerne und Regierungen unsere persönlichen Daten, Vorlieben und Tätigkeiten erfassen und auswerten, könnten wir unsere persönlichen Freiheiten bald an den Nagel hängen. Was China «zum Wohle aller» offiziell und transparent tue, entwickle sich bei uns schleichend, warnt Gerd Gigerenzer.

Den einzigen Ausweg sieht er darin, dass wir Online-Informationen nicht mehr mit unseren Daten erkaufen, sondern mit Geld. Die Entschädigung könnte ein Betrag pro Monat sein oder einer, der nach dem benutzten Datenvolumen abgestuft ist. Dann allerdings müssten Google, Facebook und andere Social Media für das Speichern persönlicher Daten bestraft werden.

Gigerenzers sieht in seinem Vorschlag zudem den Vorteil, dass die Social Media nicht mehr den Werbetreibenden zudienen müssen wie heute, sondern den Nutzern. Auf die Angebote würde sich dies entscheidend auswirken.

Ein Punktesystem erfasst nicht mehr nur die Kreditwürdigkeit, sondern das ganze soziale Verhalten

An «Kreditwürdigkeitspunkte» («Kredit-Scores») haben wir uns gewöhnt. Banken, Telefongesellschaften und Arbeitgeber entscheiden aufgrund einer Bonitätsprüfung, ob jemand einen Kredit, einen Telefonvertrag, eine Anstellung oder einen Mietvertrag erhält. Gigerenzer: «Wenn Sie bei einem Online-Shop etwas bestellen, merken Sie vermutlich gar nicht, dass Ihr Kredit-Score abgefragt wird, noch während Sie den Kauf mit einigen Klicks abschliessen.» Das Ergebnis kann beispielsweise dazu führen, dass einige Zahlungsoptionen nicht angeboten werden.

Deutlich weiter gehen Punktesysteme zum sozialen Verhalten. Die sogenannten «Sozialkredit-Scores» sammeln alle persönlichen Daten, die erhältlich sind. Zum gesamten digitalen Fussabdruck gehören besuchte Webseiten, Online-Einkäufe und Ferienbuchungen oder politische Äusserungen in Social Media. In China kann Strafpunkte kassieren, wer bei Rot über die Strasse geht, zu schnell fährt oder seine Eltern nie besucht. Punkte gewinnen kann, wer nicht zu viel Zeit mit Videospielen verbringt oder Fremdsprachen lernt oder mit Freunden und Freundinnen verkehrt, die ihrerseits eine hohe Punktezahl haben.

Neben der öffentlichen Blossstellung gebe es auch Anreize und Strafen, schreibt Gigerenzer. Personen mit vielen Punkten erhielten Privilegien wie günstigere Kredite oder kostenlose Gesundheitschecks. Eine niedrige Punktezahl erschwere den Zugang zu Flugzeugen oder Hochgeschwindigkeitszügen. In einer Online-Erhebung hätten 94 Prozent der befragten Chinesen angegeben, sie hätten ihr Verhalten geändert, um Punkte für ihre «Sozialkredit-Scores» zu sammeln.

Verschiedene Staaten in Asien, Südamerika und Afrika seien daran, dem Beispiel Chinas zu folgen, namentlich Thailand, Myanmar, Vietnam, Venezuela und Tansania.

Regierungen würden sich mit dem Argument rechtfertigen, dass solche Systeme die Bürgerinnen und Bürger vor egoistischen Trittbrettfahrern, Straftätern und Terroristen schützen.

Westliche Unternehmen verwenden die gleiche Technologie wie China

Der weltweit tätige US-Konzern Acxiom beispielsweise betreibt mit vielen Tochtergesellschaften «kundenorientiertes Marketing» und ist spezialisiert in Adresshandel, Soziodemografie, Kaufkraft, Verbrauchertypologien und Branchen-Scores. Zu den Kunden gehören Kreditkartenfirmen, Autokonzerne oder Warenhäuser. Auf Wikipedia ist zu erfahren: «Im Zuge des Facebook-Datenskandals rund um Cambridge Analytica gab Facebook bekannt, die Zusammenarbeit mit Acxiom aufzukündigen. Der Börsenwert von Acxiom gab daraufhin im März 2018 um über 30 Prozent nach.» Das zeigt, wie viel diese personenbezogenen Daten wert sind.

Unternehmen wie Acxiom würden die gleiche Technologie verwenden, die Chinas Sozialkredit-System möglich macht, schreibt Gigerenzer: «Doch sie sammeln die Daten so verstohlen wie möglich, während China wenigstens kein Geheimnis daraus macht. Ob offen oder versteckt, Tech-Unternehmen und staatliche Organisationen bauen gemeinsam an einer Welt der totalen Überwachung.»

Gigerenzer sieht nur einen Ausweg: «Bürger, Gesetzgeber und Gerichte greifen ein, um dem Scoring der Bevölkerung Einhalt zu gebieten.»

Das «Privatsphären-Paradox»

Wir seien zwar entrüstet, wenn wir vom Sozialpunktesystem in anderen Ländern hören. «Doch die gleichen Leute sind oft bereit», schreibt Gigerenzer, «ihre persönlichen Daten ohne Wimpernzucken allen möglichen Wirtschaftsunternehmen zu überlassen: was sie kaufen, wo und mit wem sie ihre Tage verbringen, welche Webseiten sie besuchen, ob sie ihre Rechnungen rechtzeitig bezahlen und wann und zu welchem Zweck sie einen Arzt aufsuchen».

Diesen Widerspruch nennt Gigerenzer das «Privatsphären-Paradox»: Dieselbe Person, die behauptet, sich um die Privatsphäre zu sorgen, sei nicht bereit, einen Cent für sie zu zahlen. Stattdessen würden sie ihre privaten Daten auf Social Media und anderen Plattformen preisgeben, ohne einen Gedanken daran zu verschwenden. In einer repräsentativen Umfrage hätten 75 Prozent von 3200 befragten Deutschen erklärt, sie seien nicht bereit, auch nur einen Cent zu zahlen, damit die Social Media wie Facebook, WhatsApp, Instagram und all die anderen damit aufhören, persönliche Daten zu sammeln und weiterzugeben. Als Begründung werde oft angegeben «Ich habe nichts zu verbergen».

Warum sie sich denn überhaupt um die Privatsphäre sorgten, fragt Gigerenzer. Wären sie denn etwa bereit, ihr Smartphone einem Wildfremden auf der Strasse zu überlassen, damit dieser dessen Inhalte, einschliesslich der Fotos und Videos herunterladen könnte? Das sei im Grunde genau das, was Google, Facebook und andere tun würden, ohne uns zu fragen.

Gigerenzer erinnert daran, dass die preisgegebenen Daten von grossem Interesse sein können für Unternehmen, Krankenversicherer, politische Parteien, Privatdetektive, Arbeitgeber und viele andere. Er erwähnt ein Beispiel: Mit Hilfe von Apps würde Facebook Daten sammeln über Herzfrequenz und Eisprung, oder versuche aus Posts zu schliessen, ob sich jüngere Leute gestresst, abgelehnt, überfordert, ängstlich, nutzlos oder als Versager fühlen. Facebook wolle damit seinen Werbekunden ermöglichen, die Nutzer mit gezielten Anzeigen im richtigen Augenblick zu beeinflussen.

«Überwachungskapitalismus»

Das neue Geschäftsmodell, für Dienstleistungen mit persönlichen Daten zu zahlen, nennt Gigerenzer einen «Überwachungskapitalismus», der von Google perfektioniert wurde und von Facebook und anderen nachgeahmt werde.

Die neue smarte Welt käme auch ohne dieses neue Geschäftsmodell aus. Es sei nur von Menschen erfunden worden, um Profit zu machen. Symbol des eingeführten Überwachungskapitalismus seien die «Cookies». Nicht ohne Grund habe der US-Kongress im Jahr 2001 über ein Gesetz beraten, das Cookies regulieren sollte. Doch nach 9/11 seien alle Datenschutzbedenken den Sicherheitsbedürfnissen geopfert worden: «Plötzlich entwickelten Regierungen grosses Interesse an der digitalen Überwachungstechnologie. Der bis heute gültige «Patriot Act» habe die Bürgerrechte eingeschränkt: «Das Programm ‹Total Information Awareness› (Totale Informationskenntnis) und nachfolgende Programme erlaubten es den US-Internetunternehmen, die Daten ihrer Nutzer mit wenigen Einschränkungen zu sammeln, und verpflichtete sie im Gegenzug, die Daten auf Verlangen an die Regierung weiterzuleiten.»

Die Angst vor Terrorismus habe zu einer nie dagewesenen Zusammenarbeit zwischen Google und den US-Geheimdiensten geführt, vor allem der NSA.

Wenn man im Westen von staatlicher Überwachung höre, denke man automatisch an China: «Doch in den USA kommen rund 15 Videoüberwachungskameras auf 100 Einwohner. Das sind sogar etwas mehr als in China und rund doppelt so viele wie in europäischen Ländern», schreibt Gigerenzer. Als bekannt wurde, dass die NSA heimlich Telefongespräche von Millionen Amerikanern – nebst ihren persönlichen Daten von Facebook, Google und anderen Hightech-Firmen – gesammelt hatte, habe die Regierung dies mit dem Schutz vor Terroristen begründet.

Es gebe jedoch keinen Beweis dafür, dass die Massenüberwachung tatsächlich mehr Terrorangriffe vereitelte als die traditionelle Terrorabwehr in der Zeit davor.

Die direkten Anweisungen von Regierungen an Tech-Unternehmen würden vor der Öffentlichkeit geheim gehalten. In Grossbritannien beispielsweise habe der britische Geheimdienst «Government Communications Headquarter» GCHQ unter dem Namen «KARMA» ein ähnliches Programm zur Massenüberwachung entwickelt, das sämtliche Online-Aktivitäten der Bürger erfasst – Instant Messaging, E-Mails, Skype-Anrufe, Telefongespräche, Besuche auf Pornoseiten, Social Media, Chat-Foren und so fort. GCHQ habe auch Computernetze europäischer Unternehmen und des weltgrössten SIM-Karten-Herstellers Gemalto gehackt, indem er heimlich die Entschlüsselungscodes stahl, welche die Privatsphäre der Mobilfunkkommunikation schützen.

Edward Snowden habe vergeblich enthüllt, dass die US-Regierung heimlich mit Apple, Facebook, Google, Microsoft und anderen Internet-Unternehmen nationale und globale Überwachungsprogramme betreibt.

Gigerenzer zitiert den früheren CEO von Google, Erich Schmidt: «Wenn es etwas gibt, von dem Sie wünschen, dass niemand es weiss, sollten Sie es lieber gar nicht erst tun.» Dieser Ratschlag hätte auch von Chinas Regierung oder von anderen autoritären Regimes kommen können.

Professor Gerd Gigerenzer

Der 1947 geborene Gerd Gigerenzer ist einer der bekanntesten Psychologen. Nach Lehrtätigkeiten in Konstanz, Salzburg und Chicago ist er heute Direktor am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin. Folgende mehrfach ausgezeichneten Sachbücher wurden in 21 Sprachen übersetzt. Bücher auf englisch hier.
«Das Einmaleins der Skepsis» (CHF 15.10Euro 12.00);
«Bauchentscheidungen: Die Intelligenz des Unbewussten» (CHF 18.90; Euro 10.00);
«Risiko: Wie man die richtigen Entscheidungen trifft» (CHF 17.20Euro 14.00

«Abhilfe bringt nur ein radikaler Schnitt»

Die Entwicklung zu einem totalen Übewachungsstaat könne nur mit einem «radikalen Schnitt» verhindert werden, glaubt Gigerenzer: «Das Geschäftsmodell der Überwachung kann nur beendet werden, wenn die Tech-Unternehmen eine Gebühr für ihre Dienste erheben. Das wäre der Schlüssel, um die Privatsphäre zu retten und einer Zukunft mit kommerzieller Überwachung zu entgehen, die leicht in eine staatliche Überwachung abgleiten könnte.»

Die Möglichkeit, Cookies abzulehnen reiche bei weitem nicht aus, weil viele Unternehmen eine Ablehnung bewusst zur zeitraubenden Prozedur machen würden, um die Nutzer zu nerven.

Social-Media-Unternehmen müssten vom jetzigen Geschäftsmodell Abschied nehmen und für ihre Dienste Geld verlangen. Im Gegenzug müssten die Social-Media-Plattformen verpflichtet werden, überprüfbar zu gewährleisten, dass deren Nutzung nicht nachverfolgt wird. Um dies zu erreichen, bedürfe es «einer strengen Gesetzgebung, die den Überwachungskapitalismus zügelt», sowie die Bereitschaft der Nutzer, eine kleine Gebühr zu zahlen. Zwei Dollar pro Monat könnten die Werbeeinnahmen von Facebook ersetzen, rechnet Gigerenzer in einer Überschlagsrechnung aus.

Allerdings, so Gigerenzer, müssten Parlamente und Regierungen bereit sein, sich den Lobbyisten der Social-Media-Unternehmen und ihren Kunden zu widersetzen und gegen die Datenschutzpraktiken und Geschäftsmodelle der Internetbranche entschlossen vorgehen.

Schliesslich warnt Gerd Gigerenzer vor dem gegenwärtigen Schlafwandeln: «In die Überwachung schlafwandeln bedeutet, dass wir uns mit offenen Augen aus Freiheit und Privatsphäre entfernen und beim Aufwachen nicht fassen können, wie wir dorthin gelangt sind.»

Cover Klick.C.Bertelsmann
Buch-Cover © C.Bertelsmann

*Gerd Gigerenzer: «Klick»

Verlag C. Bertelsmann, 2021, CHF 27.90, Euro 24.00.
Aus dem Buchumschlag: «Sollten wir einer Person vertrauen, die wir nur durch Online-Dating kennengelernt haben? Sollen wir einem geheimen Algorithmus vertrauen, der ausrechnet, wer für eine Stelle, ein Darlehen oder Sozialhilfe in Frage kommt? Wie viele Fünf-Sterne-Beurteilungen eines Produktes, für das wir uns interessieren, sind echt, und wie viele sind gekauft?
Können wir Social-Media-Plattformen trauen, wenn es deren Geschäftsmodell ist, unsere Aufmerksamkeit und Zeit für Werbekunden zu verkaufen? Und was ist mit Staaten? Nach den Ergebnissen eines Forschungsteams an der University of Oxford haben rund siebzig Staaten weltweit auf Social Media spezialisierte Desinformationsteams entwickelt, um Lügen zu verbreiten und Wahrheiten zu verschleiern. Sollen wir uns angesichts dessen damit begnügen, achselzuckend durch den Newsfeed zu scrollen, um einen weiteren Schub Dopamin zu bekommen?
Wir können unsere Augen schliessen, als selige Konsumenten weiterleben und einfach auf das Beste hoffen.
Die Alternative ist, digital kompetente Bürger zu werden. Wenn Häuser, Fabriken und Städte smart werden, warum dann nicht auch die Menschen?»

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